24. Dezember 2017 | Hauptkirche St. Michaelis

Weihnachten kommt Gott uns nah wie nie

24. Dezember 2017 von Kirsten Fehrs

Predigt zur Christvesper 2017, Luk 2,11

Liebe Festgemeinde,

Schauen Sie sich um! Was wäre Weihnachten ohne Engel?! Die Putten dort oben mit Flügeln, aber auch die hier unten mit Schal und Schirm, blonden oder wenigen Locken, dafür sonorem Brummen oder glockenhell im jugendlichen Chorgewand. Engel sind als Himmelsboten oft überraschend irdisch. Und gar nicht immer erkennbar auf den ersten Blick. Ja, manchmal wissen sie es selbst nicht, dass sie geschickt sind, etwas Göttliches, Wunderbares in die Welt zu bringen. Um einen Menschen glücklich zu machen - hier und jetzt. Nichts ist unmöglich, sagen deshalb die Engel. Also: Schauen Sie sich um, liebe Gemeinde! Weihnachten kommt Gott uns nah wie nie.

So zeigte es mir jüngst ein wunderbarer Weihnachtsengel bei einem Adventskonzert in St. Marien Lübeck (ist auch ganz schön dort ). Mit roten Locken, roten Wangen und ihrem „Blech“, wie es so schön heißt; ihre Posaune war ziemlich ungefähr genau so groß wie sie selbst. Faszinierend zuzuschauen, wie sie mit großem Ernst und großen Augen damit beschäftigt war, möglichst wohl tönend Gott zu loben. Und dann geschah noch etwas ganz Anrührendes: Ihre Schwester, offenkundig, Engel Nr.2, schwer begeistert von dem Ganzen und ebenso rotgelockt, fährt mit ihrem Rollstuhl mit schnellen Schwüngen zielstrebig durch den Mittelgang nach vorn, bleibt vor den Jungbläsern stehen und fängt an zu dirigieren. Dieses Kind im Rollstuhl - außerhalb jedes Protokolls, so frech und voller Lebensfreude, dass es manchen die Tränen in die Augen getrieben hat. Der Posaunenwart hat ihr charmant das Dirigat überlassen. Wissend, dass nichts so wichtig ist wie die Würde der Kleinen.

Ich erlebe immer wieder solche Momente, in denen auf fast geheimnisvolle Weise das Christuskind mitten unter uns ist. Das muss - und kann! - man gar nicht erklären. Es sind Momente voller Geistesnähe und Segenskraft. In jeder Hinsicht inklusiv. Weil sie in einem Raum entstehen, in dem alle mitspielen können, wenn Gott den Ton angibt. Momente, die sich nicht planen und (noch nicht einmal von einem Smartphone!) festhalten lassen…

In unserer Weihnachtsgeschichte finde ich genau dies wieder: Es zählt der Jetzt-Moment. Der Augenblick. "Euch ist heute der Heiland geboren", sagt der Engel. Heute! Vergrabt euch nicht im Gestern, sagt er, und denkt nicht an das unsichere Morgen. Und prompt! Die Hirten zögern nicht lange und machen sich sofort auf den Weg. Hin zur Krippe mit dem kleinen Friedefürst. Und man sieht förmlich vor sich, wie die Hirten dann im Stall das Wunder bestaunen und gefangen sind von dem Zauber dieses Augenblicks. – Solche Momente kennen Sie doch sicherlich auch, liebe Gemeinde?! - Ein paar nächtliche Stunden nur dauert das, dann ziehen sie alle wieder ihrer Wege. Aber sie sind verändert für ihr Leben. Verändert durch diesen einen unvergesslichen Moment.

Ich wünschte mir, wir könnten öfter den Augenblick leben. Sind wir doch eine recht nachdenkliche Gesellschaft und fast grüblerisch scheinen wir manchmal im Gestern festzustecken. War nicht früher alles besser? Die Welt friedlicher, die Verhältnisse gerechter, die Kirchen voller (noch voller?!) , die Schüler klüger und der Sommer wärmer? - Dass wir uns richtig verstehen: Erinnerungen, gerade ja jetzt in der Weihnachtszeit, dürfen schon sein! Geben sie doch Halt und Zugehörigkeit. Was wäre ich ohne diese Erinnerungen an Dithmarscher Weihnachten mit gedeckten Tischen, die sich bogen vor Köstlichkeiten, das feierliche Quempassingen in der Kirche, Eltern, die Zeit hatten mit einem zu spielen! All das gehört in mein kleines Weihnachtsparadies, lebendig bis heute. Kein Familienidyll war das bei uns, ehrlich nicht, aber doch unvergessliche Stunden, in denen ich mich geborgen fühlte und zugehörig. Solch Vergangenheit ist kein trockener Sand, in dem ich mich vergrabe, sondern fruchtbares Erdreich, aus dem heraus der Mensch wachsen kann.

Deswegen: Die Vergangenheit achten, ja. Aber nicht in sie hineinflüchten. Genauso wenig wie in die Zukunft, die uns ja auch dauernd umtreibt: Wann endlich bekommen wir eine neue Regierung? Wird der Klimawandel unsere Küsten versinken lassen? Was wird aus dem Christentum? Und wer zahlt später die Renten? Gute Fragen, wichtige Fragen. Aber manchmal machen wir uns damit auch verrückt. Und viel zu oft mischt sich ein ängstlicher und verzagter Ton in die Debatten, der verhindert, dass wir überhaupt den ersten Schritt tun und aufbrechen.

Das aber steht auf dem Programm! Die Gegenwart, das Jetzt. "Euch ist HEUTE der Heiland geboren!" "Und sie sprachen: Lasst uns gehen nach Bethlehem..." Das ist für mich die Botschaft der Weihnachtsgeschichte. Nicht im ängstlichen Grübeln liegt der Trost, sondern im beherzten Tun und Dasein – jetzt! Und dieses Jetzt ist – wie damals an der Krippe - unmittelbar mit dem Nächsten verbunden. Es ereignet sich, wenn ich einen Bettler wirklich ansehe, so wie damals die Hirten Ansehen bekamen. Der Heiland ereignet sich, wenn ein Kind dich verliebt macht mit seiner Zartheit. Wenn wir uns von Fremden den Weg zeigen lassen wie damals von den drei Königen. Er ereignet sich, wenn ein einsamer Mensch in meinem Haus Herberge findet. Es ist – jetzt – die Zeit angekommen, liebe Gemeinde, um dem Erbarmen Gottes auf die Welt zu helfen.

Und ich schaue nach Bethlehem, wo alles begann. Schaue ins heutige Jerusalem und dieses gefährdete, aufgeheizte Israel/Palästina, und sehe die Verzweiflung vieler Menschen dort, die sich sehnen nach dem Friedenslicht und der Hoffnung, die dort einst zur Welt kam. Stattdessen: Ein Landstrich, der geplagt ist von historischen Ansprüchen, gefangen in der Vergangenheit. Der zugleich ängstlich in die Zukunft blickt, statt einfach die Gegenwart des anderen wahrzunehmen – und der Begegnung auch zwischen den Religionen immer wieder eine neue Chance zu geben.

Und ich schaue in unser Land. Auch hier werden die Schatten der Vergangenheit wieder lebendig, in einem Antisemitismus der schlimmsten Art. Vor drei Tagen haben wir Vertreter aller großen Religionsgemeinschaften deshalb die Synagoge besucht, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Um deutlich zu sagen: Wir stehen zusammen gegen Hass, Menschenverachtung und Antisemitismus. Auf die Gegenwart des Nächsten zu blicken, das ist jetzt dran. Und geht weiter. Nicht indem man fragt: Wie viele Flüchtlinge werden wir in diesem Jahr abgeschoben haben? Wo soll das alles hinführen...? Sondern: Wie geht es dem Flüchtling in meiner Nachbarschaft JETZT? Womöglich ohne die Kinder, oder gar ohne Vater und Mutter? Es gehört, liebe Gemeinde, zu der Empathie des Weihnachtsfestes auch diese Botschaft: dass Familie, dass Familiennachzug möglich sein muss! Gerade doch heute an diesem Fest wissen und fühlen wir, dass und wie es die Familie ist, die einen hält und durch Krisen trägt.

Wie geht es jetzt? Es ist der Augenblick, der uns leben lässt und der uns zu mitfühlenden Menschen macht. Heute Morgen habe ich das in eindrücklicher Weise erfahren, als ich im Hospiz war. Für die todkranken Menschen dort wird dieses Weihnachten vermutlich das letzte sein, und alle wissen es. Und klar erinnert man sich an vergangene Feste. Und natürlich, die Zukunft, die so kurze Zeit noch auf dieser Erde, wirft ihren Schatten in die Zimmer. Umso mehr zählt der Jetzt-Moment. Das Streicheln der Hand. Die Heiterkeit auch. Ein genussvolles Essen. Die versöhnlichen Worte zwischen Mutter und Sohn, wo zuvor nur Schweigen war.

Genau in diesen Momenten höre ich den Engel, der sagt. EUCH ist heute der Heiland geboren. Und ich weiß: All die persönlichen Verzweiflungen genauso wie die Schreckensbilder der Welt dürfen und werden es nicht schaffen, die Kraft des Friedefürsten zu brechen! Diese Kraft des kleinen, unbeirrbar liebens-würdigen Gotteskindes. Unser Glaube ist ein offener Glaube, auch in dem Sinne, dass er sich immer wieder neu offenbart. Mit tiefer, verrückter Hoffnung, auch in der dunkelsten Realität. Ganz plötzlich in einem Augenblick.

Und so, liebe Gemeinde, lässt Gott uns nicht los.

Er kommt uns nahe wie selten. Mag sein – durch nur ein Wort. Eine Geste. Einen Traum. Den Engel neben mir. Der uns aufrüttelt und anspornt zum Friedensgebet. Der mir eine Aufgabe zeigt, die Sinn schenkt. Vielleicht ist Gott dir nahe im Kind, das sich in die Arme schmiegt. Oder in der Sterbenden, die friedlich geht, weil sie gern gelebt.

Gott ist jetzt. Mitten unter uns mit dieser alten wunderschönen Geschichte, die erzählt, wie er ein Menschenkind wurde. Ein Glück, dass die Hirten damals sofort losgegangen sind, um das Kind zu kieken, dieses Wunder auf Erden, und dass so diese Geschichte immer weitererzählt wurde, bis heute. Auch von Kindern selbst. Wie z.B. von der fünfjährigen Claudia. Ein Weihnachtsengel mit eigensinnigen Tönen. Mit denen möchte ich schließen, liebe Gemeinde, und Sie in die weihnachtliche Welt schicken. Fröhlich. Also Claudia:

Die Hirten sind von dem Geschrei der Engel aufgewacht und haben einen wahnsinnigen Schrecken gekriegt. Aber der Engel hat gesagt: „Ich hab´s in echt nicht gewollt, dass ihr einen Schrecken kriegt!“ Da hat der Hirte gesagt: „Macht doch nix.“ – „Maria hat ein Kind, ihr sollt´s mal anschauen!“, hat der Engel gesagt.

Dann sind sie ganz schnell zu dem Stall hingegangen und haben an die Tür geklopft, und der Josef hat gesagt: „Herein, wenn´s kein Wolf ist!“ Und die Maria hat geschrien: „Macht doch die Tür nicht so weit auf, zum Donnerwetter, weil doch zu dem Baby zieht!“ Und dann haben sie das Baby angeschaut, und es hat gelacht! Und ein Schaffell zum Drauflegen haben sie gebracht und Milch für das Baby, wenn´s schreit.“ (aus: Uwe Seidel, Fällt ein Stern aus der Bahn, Düsseldorf 1988, S. 99)

Und dann hat es gelacht. Es zählt der Augenblick, der mit seinem Zauber eine ganze Welt verändern kann. Ich wünsche Ihnen von Herzen eine gesegnete Weihnachtszeit, liebe Gemeinde. Erfüllt von echter Freude und dem Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in ihm, Gottes Sohn. Amen

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