10. April 2022 | St. Nicolaus Alsterdorf

Wiederöffnung der Kirche St. Nicolaus Alsterdorf

10. April 2022 von Kirsten Fehrs

Sonntag Palmarum, Predigt zu Johannes 12,12-19

Liebe Festgemeinde,

aufgeweckte, feierliche Stimmung liegt in der Morgenluft. So viele sind gekommen. Ihr, liebe Sonntagsgemeinde, Ihr, Mitarbeitende der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, der Vorstand und der Architekt, lieber Herr Loitzenbauer, viele besondere Ehrengäste, liebe Senatorin Dr. Leonhard. Es ist ein Fest! Alle wollen wir dabei sein, wenn es gilt, wieder einzuziehen in diese wunderbar hell gewordene St. Nicolaus-Kirche! Mit Blumen, Kerzen, Bibel staunen wir dem warmen Licht des Auferstehungskreuzes entgegen. Alles hier strahlt ein einziges Willkommen aus. Und man empfindet tatsächlich hautnah dieses lebenswichtige Wunder, dass Gott zu ausnahmslos jedem Menschen auf der Welt sagt: Du gehörst zu mir. Du bist mein Augenstern. Gesegnet. Geliebt. Wunderschön. Wow!

Diese Kirche in ihrem neuen Kleid: was für ein Wunder der Verwandlung. Bedenkt nur, wie dunkel die Apsis vorher war – verdunkelt von dem menschenverachtenden Altarbild, das alles andere war als ein Willkommen. Im Gegenteil, wir haben es eben in der Schulderklärung beschrieben. In diesem Bild von 1938 verdichtet sich der Verrat an allem, was Christus heilig war. Pflegerinnen, Ärzte, Christenmenschen haben die Würde ausgerechnet der Leidenden und Bedrückten, der Kleinen und Gehandicapten mit Füßen getreten. „Lebensunwert“ sei ihr Leben, sagten sie. Ein dunkler Ort also, direkt hinter dieser Kirche, wo die Deportationen stattfanden; ein dunkler Ort auch in dieser Kirche mit diesem Bildnis der Verachtung.

Doch dann! Es war vor einem Jahr am Gründonnerstag, ausgerechnet an diesem Tag, an dem für die Weinenden schon das Grün aus den Zweigen bricht. Als also mit aufwendigster, beeindruckender Logistik die ganze Mauer samt Altarbild Millimeter für Millimeter herausgeschoben, ja quasi aus den Angeln gehoben wurde, nur mit menschlicher Kraft und einer hölzernen Winde. Und als dann seit 1938 das erste Mal wieder Licht in diese Kirche hereinfiel, nur ein Lichtspalt zunächst, das war Ostern! Einige von euch waren dabei, unvergesslich doch dieser Moment, an dem die Welt hier drin eine andere wurde! Durch dieses Licht, das wie ein Riss durch die böse Geschichte all die Schuld, das Leid und die Vernichtung sichtbar gemacht, ans Licht gebracht hat. Aber zugleich auch ein Riss, mit dem sich das Licht der Ostern, die stete Hoffnung auf einen neuen Anfang nun ungehindert Bahn bricht.

Translozierung, nicht Translucierung, was auch gepasst hätte, nennt sich das. Also ein Ortswechsel für die Mauer der Ausgrenzung. Sie wird zum Lernort. Darin liegt der tiefe Sinn, wenn wir nun neu im Licht des Kreuzes auf jenes Altarbild schauen da draußen, und zwar von hinten, vor Augen all die Namen der Opfer, deren Leid niemals vergessen sein wird. Und so ziehen wir heute nicht nur in eine restaurierte St. Nicolaus-Kirche ein, sondern in eine von Grund auf verwandelte. In ein helles Haus Gottes. So liegt es Ihnen, lieber Herr Loitzenbauer am Herzen, der Sie tatsächlich mit Herz und Seele dieses Projekt zu Ihrem gemacht haben, einfach großartig! Ein helles Haus, das Gott und die Menschen sich teilen. Ein Haus, all inclusive, das ohne irgendeine Barriere jedem Menschen Gastfreundschaft entgegenbringt. Hosianna!

Es gibt allen Grund, seht ihr? Nicht umsonst liegt aufgeweckte, feierliche Stimmung in der Luft. Hunderte sind gekommen, um zu sehen, wie er die Welt verwandelt. Gleich soll dieser Jesus einziehen. Mit Kerzen, Blumen, strahlend, herrschaftlich auf einem Pferd mit silbernen Steigbügeln, so stellen sie sich das vor, da an den Straßen Jerusalems. Deshalb haben sie Palmzweige in der Hand; es ist der Gruß für Könige. Denn dieser Jesus, so raunen sie sich zu, soll Schwerkranke geheilt haben, ja, sogar Tote auferweckt. Und mit Sündern hat er das Brot geteilt und den Stummen zugehört und sich überhaupt so menschlich gezeigt wie keiner zuvor, der muss der Messias sein, Gott selbst! Aufgeregt laufen sie ihm entgegen und singen laut: „Hosianna! Herr, hilf!“ Auf ihn setzen sie all ihre Hoffnung. Auf ihn hat die Welt so lang gewartet, dass er sie aus den Angeln hebe und die Herrschenden erzittern …

Und dann kommst du, Jesus. Ärmlich gekleidet, auf einem Esel ziehst du ein. Ein König mit staubigen Füßen. Du schaust in die Menge, lächelst. Lässt dich berühren. Nichts sonst. Keine großen Reden oder Predigten. Du bist ein König der besonderen Art. Total heruntergekommen. Zu uns auf den Boden der Tatsachen. Und während ich dir so zuschaue, über die Zeiten hinweg, wird mir klar, wie wenig dir nach Triumph ist und Siegespose.

Kein Held. Nein, du bist, der du bist. Ein Mensch, in dem Gott wahr wird. Wahrer Mensch und wahrer Gott. In dir all seine göttliche Liebe, seine Nähe, sein Erbarmen. Ach, wie sie das jetzt brauchen, da in Jerusalem. Das Land ist erschüttert von Gewalt. Menschen werden erniedrigt. Geschlagen. Angezählt. Gib Sicherheit und Frieden, endlich, rufen sie laut. Hosianna! Herr, hilf!!

Hosianna, das ist auch der Ruf unserer Tage. Der grauenvolle Krieg in der Ukraine geht uns doch allen an die Herzhaut, liebe Geschwister! Herzzerreißend, all die Menschen zu sehen, die in den Ruinen abgeriegelter Städte zu überleben versuchen. Sie, die heimatlos auf Bahnhöfen ankommen, an Orten, an denen sie nie sein wollten. Ich denke an Menschen, die Angehörige verloren haben, denen dieser sinnlose, verbrecherische Krieg das Liebste genommen hat. Ob sie dieser einziehende, sanftmütige Jesus erreicht mit seinem Trost? Ob sie sich an diesem Bild vom Kreuz und Licht festhalten und glauben können, dass ihre Liebsten, die so erbarmungslos aus dem Leben gerissen wurden, wenigstens jetzt gut und liebevoll aufgehoben sind?

Der ganze Schmerz, die Ohnmacht, auch die Wut und Verzweiflung sind, davon bin ich überzeugt, in unseren religiösen Bildern aufgehoben, besonders auch von dem des Kreuzes und der Auferstehung. Es sagt: Der Tod ist nicht das Letzte. Der Diktator hat nicht das letzte Wort. Dein Licht vergeht niemals. Du behältst deinen Platz im Leben. Ganz nah bei Christus, dem Mitleidenden.

Die ganze Friedenssehnsucht, die wir in diesen Tagen spüren, liebe Geschwister, sie hat doch so gesehen auch etwas Hoffnungstrotziges? Mir jedenfalls macht es Hoffnung, wenn Menschen sich aufbäumen und auch in Russland dem Diktator die Stirn bieten. Was für ein Mut. Mir macht es Hoffnung, wenn unsere jungen Menschen unbeirrt vom Frieden reden, ja, ihn aktiv stiften und jeglicher Gewalt entgegentreten. Gerade jetzt. All die machen mir Hoffnung, deren Gastfreundschaft gegenüber den Geflüchteten aus allen Kriegsgebieten Durchhaltekraft beweist.Und ja, Gott stehe unseren Politiker:innen bei, die jetzt schwierigste Entscheidungen treffen müssen und in Gewissensnöten sind, was dabei die allerschlimmste und die weniger schlimme Alternative darstellt. Denn gleich was wir tun oder lassen, ob mit Waffen oder ohne, wir werden schuldig werden.

Was mir also Hoffnung gibt, Barmherziger, sind nicht die großen Entwürfe über dich dort oben in der Höhe. Sondern es sind hier unten die, die sich mit Ehrlichkeit der Situation stellen. Die bereit sind, die Welt zu verändern, weil sie an eine bessere Welt glauben. Trotz allem! Die auf die Liebe setzen, um den Hass zu überwinden. So wie du es gezeigt hast, damals, als du eingezogen bist nach Jerusalem – und mit dir die unerhörte Idee, dass der eigentliche Triumph in zärtlicher Liebe liegt. Liebe, die Hohes und Tiefes in unserem Leben umfängt. Liebe, die auch Hingabe heißt und die dich darin zum wirklichen Herren der Welt gemacht hat.

So ziehst du ein in unser Herz, mit deiner ganzen entwaffnenden Kraft. Und du sagst: Schaut auch auf euch, auf die Menschen um euch herum. Wer Krieg verhindern will, muss Frieden suchen. Zusehen, dass nicht Mauern der Feindschaft und Ausgrenzung stehen bleiben oder aufgerichtet werden. Zwischen Arm und Reich, Krank und Gesund, Kindern und Alten, Geflüchteten erster und zweiter Klasse, zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Und so schaue ich mit großer Dankbarkeit auf diesen Ort, auf all die Mitarbeitenden, ehren- wie hauptamtlich, in der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, in der ihr so viel Segen wirkt. Hier wird alles getan, um gegen die Hoffnungslosigkeit Taten des Mutes und der Liebe zu setzen und dem scheinbar Unmöglichen mit den Möglichkeiten Gottes entgegenzutreten. Hosianna!

In Jerusalem damals, wir wissen es, ist die Stimmung irgendwann gekippt. Wenige Tage nach dem jubelnden Hosianna schreien die selben Menschen: „Kreuzige ihn!“ Welch unheimliche Wendung der Massen! Nichts löst offenbar mehr Bestürzung aus als beharrliche Demut und unbeirrbare Liebe.

Der Sonntag Palmarum bleibt ein spannungsvoller Tag – mit aufgeweckter Freude und Hoffnung sehen wir zugleich der Dornkrone entgegen. Und so erfasst dieser Tag all das Widersprüchliche im Leben, gerade jetzt in dieser Zeit. Ermutigend deshalb das Kreuz mit diesem ganz warmen und besonderen Licht dieser neuen Kirche. Es weist über den Tag hinaus und sagt: Zieht weiter, liebe Geschwister, gesegnet, geliebt, getragen! Zieht ein in diese Welt und singt von eurer Hoffnung, die in euch ist, trotz allem.Denn wo Menschen sich verbünden,den Hass überwindenund neu beginnen, ganz neu,da berühren sich Himmel und Erde,dass Frieden werde unter uns.
Amen.

Datum
10.04.2022
Quelle
Kommunikationswerk der Nordkirche
Von
Kirsten Fehrs
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