Wir sind gekommen, um zu bleiben

02. Februar 2021 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

Grußwort von Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt beim #HanseBarcamp „Digitale Kirche - how are you?“ am 30. Januar 2021.

Liebe Teilnehmende am Barcamp,

how are you, digitale Kirche?

Ich vermute mal: nicht schlecht. Vielleicht sogar ziemlich gut. Jedenfalls auf den ersten Blick. Haben die Monate der Corona-Pandemie doch - und das ist mittlerweile eine Binsenweisheit - einen wirklich großen Schub ins Digitale mit sich gebracht. Wenn ich an mein erstes Grußwort hier beim Hansebarcamp vor zwei Jahren denke und an die Entwicklung, die dazwischen liegt, dann frage ich mich: Wie viel Kraft und Zeit hätten die in der digitalen Kirche Engagierten wohl ohne die Folgen der Corona Pandemie in Gremien und Synoden usw. aufwenden müssen, um den Stand heute zu erreichen?

Denn in der Pandemie haben das großartige großartiges Engagement so vieler von Ihnen, von Euch, viele Experimente, neue und alte Formate wiederum viele andere davon überzeugt, was alles geht. Und mehr als vorher spürt man, um es mit einem alten Songtitel von Herbert Grönemeyer zu sagen: „Es wird Zeit, das sich was dreht“ - und genau diese Zeit haben viele von Ihnen genutzt! Danke dafür - herzlichen Dank!

Mir ist deutlich, dass Digitalisierung von der Leitungsebene einer Organisation unterstützt und gewollt werden muss, damit sie vorankommt. Und ich freue mich, dass ich seit meinem Dienstbeginn als Landesbischöfin hier so deutlich unterstützen und fördern kann, mit vielen von ihnen vernetzt bin und es immer mehr Menschen auf kirchenleitender Ebene gibt, die hier deutlich vorangehen möchten und das auch bereits tun.

How are you, digitale Kirche?

Ich vermute mal: nicht ganz so gut, wie man meinen könnte. Jedenfalls dann nicht, wenn man auch den Blick hinter die Kulissen wagt. Und dabei hört und sieht, dass viele dringend nötige Digitalisierungsprojekte in unserem Land zu langsam vorangehen, dass die dafür nötigen Ressourcen auch in unserer Kirche ausgebaut werden müssen und wie nötig wir in unserer (Nord-)Kirche eine Digitalstrategie brauchen. Wir sind dabei, ja, aber wir können - und ich denke: wir müssen - da noch besser werden. Ich sehe deshalb auch, dass manche Engagierten in der digitalen Kirche mit Sorge oder auch etwas müde abwinken und ich bitte Sie herzlich: lassen Sie sich nicht entmutigen, weil die Wegstrecke eben doch auch immer länger ist als man es sich wünscht. 

Lassen Sie sich auch nicht von Kommentaren entmutigen, die lauten: „Wir bleiben analog und ziehen uns nicht ins Digitale zurück“. Solche Kommentare zeugen nur davon, wie wenig noch immer von einigen verstanden wird, was Digitalität wirklich bedeutet, was eine Kultur der Digitalität ausmacht und wie sehr analoges und digitales Handeln und Arbeiten schon jetzt und zukünftig noch mehr miteinander im Wechselspiel stehen.

Mit einer Kultur der Digitalität ist ja nicht nur die Nutzung von Internet, Smartphones, Emails, Social Media, ist nicht nur die Frage nach Algorithmen und Datenschutz gemeint. Sondern es geht mit diesem Begriff um die Folgen „eines weitreichenden, unumkehrbar gesellschaftlichen Wandels, dessen Anfänge teilweise bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen.“[1] Es geht dabei um neue Möglichkeiten, vor allem „der Verknüpfung der unterschiedlichsten menschlichen und nicht-menschlichen Akteure.“[2]

Im Hintergrund dieser Entwicklung stehen langfristige gesellschaftliche Veränderungsprozesse, die die technischen Möglichkeiten, um die es uns heute morgen geht, erst hervorgebracht haben. Denn hätten die Möglichkeiten, die digitale Technologien bieten, keinen so hohen praktischen Nutzen für unser Alltagsleben, wären diese Technologien auch nicht so erfolgreich geworden. Durch die insbesondere seit dem 19. Jahrhundert fortschreitende Globalisierung sind Kontakt, Information, Wissensaustausch, Kommunikation, Verknüpfung über weite Strecken hinweg immer wichtiger geworden — und ebenso der Wunsch und die Notwendigkeit, dass all das immer schneller geschieht. Die Entwicklung neuer Technologien, die diese Anforderungen unterstützen, war da nur folgerichtig.

Parallel dazu haben die Emanzipationsbewegungen seit den 1960er Jahren eine Liberalisierung der westlichen Gesellschaften und damit einen gesellschaftlichen Wandel angestoßen, „der es mehr Personen als früher erlaubt, zumindest die Forderung zu stellen, selbstbewusst, das heißt nach ihren eigenen Maßstäben und Wertvorstellungen am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.“[3] An der Entwicklung der neuen sozialen Bewegungen, beispielsweise der LGBT-Bewegung kann man paradigmatisch sehen, wie sich Identitätsmodelle in den westlichen Gesellschaften immer mehr individualisieren, ausdifferenzieren, vervielfältigen, dabei in sich flexibel wandeln und zugleich verflüssigen. Dabei beanspruchen alle sozialen Bewegungen und Identitätsmodelle, öffentlich wahrnehmbar zu sein und soziale und politische Bedeutung zu haben.

Immer mehr Menschen wollen (und sollen) also in aller Vielfalt der Lebensmodelle, der religiösen Einstellungen und politischen Meinungen, in der Öffentlichkeit sprechen, mit ihren Themen im öffentlichen Diskurs vorkommen und Aufmerksamkeit finden. Dadurch erweitern sich auch die Themen, die von anderen als wichtig und legitim anerkannt und berücksichtigt werden.

Auch für dieses Anliegen stellen die digitalen Formen der Kommunikation und dabei insbesondere die sozialen Medien geeignete technische Möglichkeiten bereit. Und um all dem noch eine geografische Komponente hinzuzufügen — digitale Kommunikation ermöglicht auch denjenigen die Beteiligung und Teilhabe an Diskursen und Meinungsbildungsprozessen, die diese zuvor, einfach, weil sie zu weit entfernt von den Zentren der Entscheidung und der Macht lebten, gar nicht oder nur kaum beeinflussen konnten. Mit Hilfe digitaler Kommunikation ist es möglich, sich auch von der sog. Peripherie aus zu informieren und an Meinungsbildungsprozessen zu partizipieren oder hohe Aufmerksamkeit zu finden. Und — es wird mittlerweile auch erwartet und eingefordert. Eine aus meiner Sicht auch für unsere Kirche, ihre Formen von Partizipation uns Gemeinschaft wichtige Funktion.

Digitale Kirche - how are you?

Vielleicht kann man es so beschreiben: ganz gut und kann gerne auch noch besser werden.

Deshalb werden wir uns jetzt, nachdem die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung für unsere Kirche deutlicher gesehen und unterstützt werden, zukünftig mehr Qualitätsfragen zu widmen haben: Was ist unser Qualitätsanspruch? Wie wollen wir wo und für wen mit welchen Inhalten präsent sein? Und vor allem: Wie treten wir in dialogische, multilaterale Kommunikation? Denn das ist es doch, was unseren Auftrag als Kirche ausmacht: das Evangelium zu kommunizieren. es ins Gespräch zu bringen.

Mit anderen gemeinsam auf die Suche zu gehen, welche, um es mit dem Philosophen Jürgen Habermas zu sagen, welche unabgegoltenen Potentiale von Religion und Glaube für das Zusammenleben von Menschen heute bereit halten und wie diese in den gesellschaftlichen Diskurs über unser Zusammenleben eingetragen werden können.

Das bedeutet auch - eigentlich auch das nichts Neues aber dennoch anscheinend immer wieder neu - von einer Absenderorientierung zu einer Nachfrageorientierung zu kommen. Wir müssen konsequent von den Nutzerbedürfnissen, den Fragen und Resonanzen der Menschen ausgehen und religiöse und theologische Themen kommunizieren. Wenn Vertreter*innen von Kirche sich im World Wide Web dann nicht nur in ihren eigenen Foren und Bubbeln tummeln, sondern sich aus dem Glauben heraus in aktuelle Diskurse einbringen und sich profiliert mit Menschen im „ganz normalen“ Alltag austauschen, ist das ein wichtiger Beitrag dazu, die Botschaft der freien Gnade Gottes an alle Welt auszurichten und das Evangelium in Wort und Tat zu kommunizieren.

Und damit geht es auch darum, wie, wo und für wen wir als Kirche gegenwärtig und zukünftig präsent, wahrnehmbar und hilfreich da sein können. Den Diskurs dazu, das Experimentieren dazu möchte ich anstoßen, mit vorantreiben und ich möchte Sie alle dazu ermutigen, auf diese Weise die nächste Phase der digitalen Kirche zu starten.

Digitale Kirche, how are you?

Vielleicht ziemlich gut, vielleicht nicht ganz gut, wie man meinen könnte. Ich will die Frage heute morgen noch etwas ändern und frage: Digitale Kirche, where are you? Und dann lautet die Antwort: Hier, präsent, anwesend, sichtbar, da. Und: Wir sind gekommen, um zu bleiben.

Dazu, dass Sie dabei beflügelt von Gottes Geist sind, dass die Mühe sich lohnt, dass Sie Atem schöpfen können - dazu segne Sie alle in Ihrem Tun und Lassen der dreieinige und barmherzige Gott. Und nun freue ich mich auf die Keynote von Patrick Weinhold - und sage gleich mal: die neue Tagesschau-App finde ich schon mal großartig!

[1] Stalder, 11.

[2] Stalder, 18.

[3] Stalder, 40.

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