Güstrow

15. September 2012 - Impulstag Ehrenamt „lebendig+kräftig. Wir schaffen Gemeindebilder, die Engagement unterstützen“

15. September 2012 von Andreas von Maltzahn

Ansprache in der Morgenandacht zu Acta (Apostelgeschichte) 2, 42-47

Schwestern und Brüder,

„lebendig + kräftig“ – so wünschen wir uns unsere Kirchgemeinden. Was heißt das im Einzelnen? Welche Bilder von ‚Gemeinde‘ tragen wir im Herzen, im Kopf und – mindestens so wichtig – in unserem Unbewussten? Das Neue Testament und auch der Schatz unserer Lieder kennt ja eine reiche Vielfalt solcher Bilder.

Ein starkes Bild von Gemeinde hat Lukas in der Apostelgeschichte gezeichnet, wir haben eben den Abschnitt gehört. Was für ein Traum von Gemeinde:

ergriffen von Gottes Geist leben die ersten Christinnen und Christen in Jerusalem ein ungewöhnliches Leben: ohne Privatbesitz: Eigentum wird verkauft und  nach Bedürftigkeit geteilt;

einmütig suchen sie täglich die Gemeinschaft der Glaubensgeschwister;

das Abendmahl, das Brotbrechen ist nicht liturgische Besonderheit, die man sich an besonderen Feiertagen gönnt – es scheint, als lebten sie Tag für Tag aus diesem Sakrament;

und überhaupt das Essen – das ist viel mehr als bloße Nahrungsaufnahme: sie genießen das Miteinander, besuchen sich zu den Mahlzeiten reihum in den Häusern;

ihre Neugier auf Gott ist ungebrochen: das Leben Jesu, die Erzählungen seiner Jüngerinnen und Jünger – das ist Thema ihrer Gespräche;

Eine Unterscheidung von Haupt- und Ehrenamt gibt es noch nicht. Das Priestertum aller Glaubenden wird offenbar gelebt.

All das ist so voller Ausstrahlung, dass die Gemeinde wächst, sich vital zeigt und in ihrer Lebensfreude andere ansteckt.

Ein Traum von Gemeinde! Oder vielleicht auch ein Albtraum?

Es kann einen auch herunterziehen, wenn man dieses Ideal von Gemeinde mit der Realität unserer Kirchgemeinden vergleicht: wie mühsam ist es manchmal, Leute für etwas zu begeistern; wie schwer manchmal auch, etwas auf den Weg zu bringen, wovon die Hauptamtlichen nicht so überzeugt sind.

Historisch gesehen ist fraglich, wie lange der Enthusiasmus die Jerusalemer Gemeinde getragen und ihr gemeinsames Leben in solch idealer Weise bestimmt hat. Schon in der Apostelgeschichte selbst wird von Konflikten in dieser Gemeinde gesprochen.

Wäre wirklich alles so erstrebenswert, wie es auf den ersten Blick erscheint? Ich weiß von mir: Bei aller Sehnsucht nach Gemeinschaft – ein bisschen Privatsphäre brauche ich schon, dass ich mich auch einmal zurückziehen kann und zur Ruhe kommen.

Überfordern wir uns nicht mit Idealbildern von Gemeinde! Nehmen wir die Wahrheitsmomente dieser Bilder wahr, aber auch die Grenzen, die in ihnen liegen! Vielleicht ergänzen sich die verschiedenen Bilder ja in guter Weise.

Unsere Kirchengemeinden verstehen sich zumeist als Ortsgemeinden, so wie auch die Gemeinde in Jerusalem Gemeinde an einem bestimmten Ort war. Es ist gut, wenn die Ortsgemeinde sich nicht nur zufällig lokal versteht, sondern sich als Programm auf die Fahnen geschrieben hat: ‚Wir sind für die Menschen dieses Ortes bzw. unserer Dörfer da. Für sie tragen wir Verantwortung – dass Notleidenden geholfen wird, dass die Menschen von der Liebe Gottes, wie sie in Jesus Christus Mensch geworden ist, erfahren.‘ Es geht also nicht nur um die Kerngemeinde der Hochverbundenen, auch nicht allein um die übrigen Gemeindeglieder, sondern um alle Menschen dieses Bereichs. Sie alle sind unsere ‚Zielgruppe‘. Andererseits liegt im Bild der Ortsgemeinde auch wichtige Entlastung: Sie muss nicht „die ganze Welt retten“, sondern hat ihre Aufgaben vor Ort.

Vor Ort, nah bei den Menschen zu sein, die einem zu Nächsten werden – das ist eine große Stärke dieses Gemeindebilds. Problematisch wird es jedoch, wenn die Ortsgemeinde zur ‚Festungs‘-Gemeinde verkommt. „Eine feste Burg ist unser Gott“, aber bitte nicht unsere Kirchgemeinden! Ja, Gemeinschaft lebt von Zusammenhalt, aber sie bleibt nur dann lebendig, wenn sie offen ist für neue Impulse und neue Menschen. Ich erlebe oft, dass Gemeinden sich wünschen, dass Leute von außen dazukommen, aber sie grenzen mögliche Interessenten aus durch ihr Verhalten. Müssen Menschen erst werden wie wir, damit wir sie von Herzen in unseren Gemeinden aufnehmen?

Das gute Bild der Ortsgemeinde steht in einer zweiten Gefahr: Man könnte meinen, Gemeindeaufbau sei eine statische Angelegenheit. Nicht nur wegen der Gebäude – Pfarrhaus, Kirchen, vielleicht Kita oder Schule –, die viel Energie und Aufmerksamkeit beanspruchen; auch im übertragenden Sinn ist es einseitig, wenn man Gemeinde als zu bauendes „Haus“ versteht. Selbst wenn eine Gemeinde einladend sein will, kann sie unbewusst von dem Denken gefangen sein: ‚Wir bauen hier ein schönes Haus mit vielen Wohnungen. Und unsere schönen Flyer und Gemeindebriefe zeigen doch, wie gut man es sich hier sein lassen kann. Nun kommt doch endlich!‘ Aber es kommen herzlich wenige. Es ist wieder die alte Komm-Struktur: Man wartet darauf, dass die Leute kommen.    

Die hebräische Bibel, das Alte Testament setzt einen wichtigen ergänzenden Akzent mit dem Bild des wandernden Gottesvolkes: Die Gemeinde, das Volk Gottes ist unterwegs wie damals auf der Wanderung durch die Wüste – sich ganz auf die Führung Gottes verlassend. Kein festes Gebäude trennt die Leute von der Realität der Welt. Die dünne Haut der Zelte, in denen sie übernachten, ist wie eine Membran zu dem, was Menschen bewegt, was sie umtreibt, wofür ihre Herzen schlagen, was sie in Verzweiflung stürzt. Das spüren als Gemeinde! Sich einlassen auf diese Menschen, mit ihnen gehen, mit ihnen leben – darauf kommt es an! Die Gemeinde als wanderndes Gottesvolk weiß: Wir haben hier keine bleibende Statt. Darum können Kirchen und Immobilien nicht Selbstzweck sein, sondern nur Geh-Hilfen – Mittel, die uns helfen, aufzubrechen und unterwegs zu sein zu unserem Schöpfer und zu den Menschen, an die er uns weist. Das Bild des wandernden Gottesvolkes erinnert uns daran, dass wir als Kirche Bewegung sein sollen.

Bei einem anderen Gemeindebild ist vielen gar nicht so bewusst, wie stark sie innerlich von ihm bestimmt sind – Gemeinde als Familie. Menschen sehnen sich nach Vertrautheit. Manchmal suchen sie auch Familienersatz. Es ist gar nichts dagegen einzuwenden, wenn sie bei uns Geborgenheit und Gemeinschaft finden. Aber in Familien gibt es Rollen: „Vater, Mutter und Kind“ haben wir als Kinder gern gespielt – aber in der Gemeinde? Der Pastor als Vater? Seine Frau die Mutter, der Rest die Kinder? Wie schwer haben solche Bilder es Pastorinnen gemacht, die beim besten Willen keinen Vater abgeben konnten! Und Ehrenamtliche fanden sich in der Rolle der unmündigen Kinder wieder.

Da sollten wir es doch lieber mit dem bekannten Bild vom Leib und den Gliedern halten: Jedes Organ, jedes Glied am Leib ist unverzichtbar.  In ihrer Verschiedenheit werden sie alle gebraucht – mit je eigener Aufgabe. Der Leib Christi braucht uns alle – Haupt- wie Ehrenamtliche mit unseren je eigenen Gaben. Das Wesen unserer Bezogenheit aber liegt nicht im Gedanken des Teams, in dem jeder seine unverzichtbare Aufgabe hat – so könnte man auch das Miteinander einer Fußballmannschaft beschreiben. Das Wesen unseres Miteinanders liegt in der Bezogenheit auf Christus. Ihn soll es verkörpern. Den lebendigen, auferstandenen Christus soll unser Wirken als Gemeinde erfahrbar machen für die Menschen, mit denen wir leben. Große Worte, ich weiß. Ein großer Anspruch? Vielleicht. Aber vor allem eine große Verheißung: Wo wir uns anstecken lassen von seinem Geist, wo wir uns in Dienst nehmen lassen für die Arbeit in der Liebe – da ist seine Kraft in uns Schwachen mächtig, lebendig und kräftig.

Amen.

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