17. November 2013 – Löwenscher Saal, Rathaus Stralsund

17. November 2013 – Gedenkstunde des Landes Mecklenburg-Vorpommern zum Volkstrauertag

17. November 2013 von Andreas von Maltzahn

Geistliche Besinnung zu Röm 8,20-22

Sehr geehrte Frau Vizepräsidentin Gajek, sehr geehrter Herr Innenminister Caffier, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Badrow, sehr geehrter Herr Brigadegeneral Munzlinger, sehr geehrte Damen und Herren,

 

heute fragt man, ob der Volkstrauertag sich nicht überlebt habe. Manch junger Mensch findet solche Gedenkstunden nicht mehr zeitgemäß. Aber die Welt ist leider bis heute voller Krieg. Und auch unter uns sind die Folgen des größten Krieges aller Zeiten, des 2. Weltkrieges, unübersehbar.

 

So sahen wir sie bei einer ergreifenden Gedenkfeier in Anklam vor einem Monat: 317 leere, rote Stühle. Auf jedem Stuhl ein Name, und eine weiße Rose. Jeder Stuhl stand für einen Menschen, der am 9. Oktober 1943 bei dem ersten Bombenangriff der Amerikaner auf die Stadt Anklam ums Leben kam; für einen Menschen, der in Anklam fehlt, er, seine Kinder und Enkelkinder und alles, was er hätte beitragen können zur Entwicklung und Kultur der Stadt und der ganzen Region. Einen Monat ist es her, dass wir in Anklam dieses Verlustes gedacht haben. Anlass war der 70. Jahrestag dieses ersten Bombenangriffs auf die Stadt.

Wie konnte es dazu kommen, dass eine Kleinstadt im Laufe dieses Krieges viermal bombardiert wurde? Dreimal von den Amerikanern. In Anklam wurden in den Arado-Werken Teile für Flugzeuge hergestellt. Anklam lag also unmittelbar neben einem militärischen Primärziel. Das allein ist schon tragisch. Anklam musste ernten, was Deutschland gesät hatte. Umso bitterer ist es, dass es schließlich die eigene deutsche Luftwaffe war, die am 29. April 1945 die Stadt bombardierte und damit völlig in Schutt und Asche legte, weil die Rote Armee die Stadt genommen hatte. Unser Volk war vom Wahnsinn einer Ideologie des Todes getrieben, die alles mit in die Tiefe riss.

 

Unter den biblischen Lesungen für den heutigen Sonntag ist ein Wort des Apostel Paulus. Er schreibt an die Gemeinde in Rom:

 

„Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.“ (Röm 8,20-22)

 

Ich höre dieses Seufzen. Ich habe es gehört in Anklam, ich habe es gehört in Alt-Tellin, ich habe es gehört auf dem Golm auf Usedom. Ich höre dieses Seufzen.

Heute am Volkstrauertag gedenken wir der Opfer von Krieg und Gewalt, nicht nur in diesem einen, sondern auch in so vielen anderen Kriegen und bewaffneten Konflikten. Und wir müssen feststellen, dass immer noch Krieg und Gewalt an vielen Orten unserer Welt den Alltag bestimmen. Ich höre darum das Seufzen auch in Syrien, Ägypten, Somalia, Lampedusa und Hamburg.

Das Seufzen ist Ausdruck einer tiefen Ambivalenz unserer Welt. Auf der einen Seite ist sie schön, voller Leben, Freude und Kraft. Gott rief alles Leben ins Dasein, so glauben es nicht nur Christen, sondern auch Juden und Muslime. Und das, was Gott geschaffen hat, ist gut. Andererseits spüren wir auch eine Macht in der Schöpfung, die das Leben zerstört, die sich Gott widersetzt. Der Mensch ist fähig, sich gegen Gott und die Gaben des Lebens zu stellen. Und so kommt es immer wieder vor, dass das, was Menschen in die Hand nehmen, misslingt. Wir haben die Fähigkeit aus Gutem Böses werden zu lassen - manchmal trotz allerbester Absicht, manchmal ohne beste Absicht, einfach aus Eigennutz. Und so seufzen wir Menschen. Aber nicht nur wir, auch die ganze Schöpfung mit uns.

Der Volkstrauertag ist ein Tag, an dem wir dem Seufzen Raum geben. Wir halten uns vor Augen, was durch Menschen an Menschen Schlimmes geschehen ist. Wir erinnern uns daran, wie unser Volk verblendet die ganze Welt mit Krieg überzog und wie das Feuer des Krieges mit Gewalt zurückkam. Heute, über 70 Jahre später ist die Generation, die ihre Väter und auch Mütter, ihre Brüder und auch Schwestern durch den Krieg und seine Folgen verloren hat, zu einem großen Teil schon gestorben. Der Schrecken des Krieges sitzt den meisten von uns nicht mehr direkt im Nacken. Wir kennen ihn aus der Geschichte und aus den Nachrichten. Umso wichtiger ist es, dass wir dem Seufzen über das Leid, das Menschen einander zufügen, Raum geben. Das tun wir heute, aber nicht nur heute. Darum ist der Volkstrauertag sinnvoll und notwendig – bis heute und in Zukunft.

Doch allein das Seufzen wäre zu wenig. „Die Schöpfung seufzt. Doch auf Hoffnung hin“, schreibt Paulus. Das gilt auch für diesen Tag. Die Kultur unseres Gedenkens, der Einsatz für Versöhnung zwischen den Völkern, das Pochen auf Gerechtigkeit, alles das ist unverzichtbar. Denn wo dies geschieht, da besteht Hoffnung, dass Gewalt eingedämmt und Frieden möglich wird. Die Arbeit des Volksbundes hat sich dieser doppelten Aufgabe, zwischen Seufzen und Hoffen gewidmet. Dafür bin ich dankbar und deswegen schätze ich diese Arbeit sehr.

 

Doch als Geistlicher möchte ich noch einen Schritt weiter mit Ihnen gehen. Ich will auch von der „herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ reden. Am vergangenen Montag war Martinstag. Am bekanntesten ist die Geschichte, wie Martin als Soldat seinen Mantel mit einem Bettler teilt. Das allein ist schon ein Akt der Freiheit. Doch ich will Ihnen heute eine andere Begebenheit erzählen. Martin war auf dem Weg nach Ungarn zu seiner Mutter. Unterwegs wird er in den Alpen von Räubern gefangen genommen. Doch er bleibt gelassen. Da fragt ihn einer der Räuber: „Warum bist du so ruhig?“ Martin antwortet: „Ich bin Christ. Und ich weiß, Gott ist bei mir, besonders in dieser schwierigen Situation. Deswegen fürchte ich mich nicht. Du aber hast Grund dich zu fürchten, denn du machst dich gerade zum Feind Gottes, weil du mir Unrecht tust.“ Das brachte den Räuber zur Besinnung.

Ich bin davon überzeugt, dass wir Menschen wie Martin brauchen. Die persönliche Beziehung zu Jesus Christus macht Menschen frei, sich dem Bösen nicht zu beugen. Aus so einem Glauben erwächst Widerstandskraft. Sie ist ein Ausdruck der Freiheit der Kinder Gottes. Ich denke an Dietrich Bonhoeffer, oder an James Graf von Moltke, deren politisches Engagement in der Freiheit ihres Glaubens gründete. Dadurch wird die Welt nicht auf das festgelegt, was vor Augen ist. Es ist eine Freiheit, Alternativen zu durchdenken und anzugehen. Veränderung zu Frieden und Gerechtigkeit sind möglich.

Und dennoch: Auch der Glaube seufzt noch, doch auf Hoffnung hin. Er ist gewiss, das nicht Leid und Tod das letzte Wort behalten, sondern Gott. Diese Hoffnung übersteigt unsere Welt. Doch sie verwirklicht sich auch schon bruchstückhaft vor unseren Augen.

 

Ich nehme Sie darum noch einmal mit nach Anklam, vor einem Monat. In der Gedenkveranstaltung der Marienkirche war auch eine Vertreterin unserer Partnerkirche aus den USA. Vor 70 Jahren waren Amerikaner und Deutsche Feinde. Heute sind wir Freunde, trotz der aktuellen Turbulenzen in der Beziehung unserer Länder. Es ist möglich, dass Feinde ihren Streit beilegen und gemeinsam einen Weg des Friedens miteinander gehen. In ihrem Grußwort sagte Vikarin Rosalind Gnatt: „In dem Gedenken an zivile Opfern und das brutale Blutvergießens kommen die unbescholtenen Bürger aus Anklam zusammen, um sich zu erinnern, zu trauern, für Frieden zu beten und mit Hoffnung in die Zukunft zu blicken. … Wir beten mit Ihnen für die Zeit, welche der Prophet Jesaja vorhergesagt hat, wenn Gott zwischen den Nationen richten und viele Völker zurechtweisen wird. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen“ (Jes. 2,4).

In diesem Wort höre ich ebenfalls das Seufzen. Aber ich höre auch die Hoffnung. Das ist die Hoffnung, mit der der Frieden Gottes unsere Welt erfüllen möge, damit nie wieder Krieg und nie wieder ein solch sinnloses Sterben unter uns geschehen möge. Damit diese Einstellung unter uns um sich greift, brauchen wir den Volkstrauertag. Er hat sich nicht überlebt, sondern er hilft uns, die Zukunft zu gewinnen.

Amen.

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