18. Juni 2015 - Kohren-Sahlis

18. Juni 2015 - Vortrag auf der 3. Land-Kirchen-Konferenz der EKD

23. Juni 2015 von Dr. Andreas von Maltzahn

Vortrag unter dem Titel „Vom Himmel zur Welt kommen – ekklesiologische Leitbilder für eine veränderte Präsenz in ländlichen Räumen“

Vergreist‘, ‚Vermaist‘ – und doch kein hoffnungsloser Fall. Aspekte des

Wandels in ländlichen Räumen

 

1.  Renaissance ländlicher Räume?

Große Umbrüche prägen die ländlichen Räume: Der demografische Wandel ist mit Händen zu greifen. Nicht weniger tiefgreifend vollziehen sich die Veränderungen in der Landwirtschaft. Jan Rübel in einem Artikel über Landgrabbing:

„Die Süßgräser lohnen sich. Seit Deutschland sich der Energiewende verschrieben hat, wandern sie zunehmend in Biogasanlagen; speichert der Mais doch so gut die Sonnenenergie. Getreide, Kartoffeln oder Rüben weichen ihm, der Tank schlägt den Teller, die Margen der in Strom umgewandelten Gase jene der  Nahrungsmittelproduktion.  Brandenburg  vermaist.  Auch  Grünland schwindet dahin. Manche nennen dies die Renaissance der ländlichen Räume in Deutschland. Nur findet sie ohne Menschen statt.“1

In der Tat: Die Produktivität der landwirtschaftlichen Betriebe in M-V liege bei 140%  des  deutschen  Durchschnitts,  betrage  wahrscheinlich  mehr  als  das Doppelte im Vergleich zu Bayern und Rheinland-Pfalz. Doch der Erfolg auf den globalen Märkten hat nicht zu einer entsprechenden sozialen Entwicklung geführt.2 Der Erfolg geht weitgehend an der einheimischen Bevölkerung vorbei. Die Verarbeitung der Ernten erfolgt kaum noch regional. Damit wandert ein erheblicher Teil der Wertschöpfung aus ländlichen Räumen aus.

So erfreulich die Wertsteigerung kirchlicher Ländereien auch sein mag – wir werden uns als Kirche also nicht allein zu den Folgen des demografischen Wandels zu verhalten haben, sondern auch zu diesem dramatischen Umbruch in der Landwirtschaft.

2.  Von Raumpionieren, Neulandgewinnern und der Kunst des Bleibens

Außerparlamentarische Diskurse und Initiativen

Die Zukunft ländlicher Räume erfreut sich erstaunlicher Aufmerksamkeit. Die Robert-Bosch-Stiftung hat ein Förderprogramm „Neulandgewinner. Zukunft erfinden vor Ort“ ausgeschrieben. Kreative Menschen oder Institutionen werden gesucht, die ihr Umfeld, ihre Nachbarschaft selbst gestalten wollen.3

Gefördert von der Herbert-Quandt-Stiftung hat Wolf Schmidt eine kulturelle Landesstrategie für M-V entworfen unter dem Titel „Die Kunst des Bleibens“.4 Er sieht M-V als „Garten der Metropolen“, der „wohlhabende Menschen mit Natur- und Kultursehnsüchten in den Nordosten“ locken könne.

Auch das Bundesministerium des Innern hat die ländlichen Räume entdeckt und die  Evangelischen  Akademien  mit  einem  Modellprojekt  „Vitalisierung ländlicher Räume durch intergenerative Zusammenarbeit“ beauftragt.

Mindestens  so  spannend  wie  solche  Projekte  sind  Diskurse  zur  Zukunft ländlicher Räume. So hinterfragt z.B. Philipp Oswalt das klassische Raumplanungs-Konzept  der  ‚Zentralen  Orte‘  und  spricht  sich  für  regionale

‚Clouds‘ aus.5 Angesichts von Schrumpfungsprozessen sei das Festhalten am Status quo „keine Option, da mit geringer werdender Bevölkerungsdichte die Kosten staatlicher Daseinsvorsorge steigen, bis sie nicht mehr zu finanzieren sind. Doch das Weniger-werden kann auch nicht als bloße Reduktion des Vorhandenen  verstanden  werden.  Das  Weniger-werden  erfordert  vielmehr Erneuerung und Modernisierung. Weniger ist anders.“6  

Was ein anderes Denken bedeuten könnte, macht Oswalt am Beispiel der Freiwilligen Feuerwehr deutlich. Sie sei das Beispiel schlechthin für das erfolgreiche Ineinandergreifen von zivilgesellschaftlichem und staatlichem Engagement bei der Daseinsvorsorge: Die Arbeitsleistungen werden von Freiwilligen erbracht. Die technische Ausstattung dagegen komme von den Kommunen. Das sorge nicht nur für Brandschutz, sondern auch für soziale Orte und Netzwerke. Dieses Prinzip der Freiwilligen Feuerwehr ist nach Oswalt auch übertragbar auf Kultur, Bildung, Mobilität, Gesundheitswesen, technische Versorgung.

Jürgen Aring nimmt diesen Gedanken auf und fordert, die Gesellschaft solle statt  eines  Rückbaus  ohne  Perspektive  offensiv  auf  dem  Lande  sogenannte ‚Selbstverantwortungsräume‘ einrichten.7   Hier könnten ‚Raumpioniere‘ – frei von sonst herrschenden juristischen Zwängen – kreativ Alternativen entwickeln, müssten aber auch das damit einhergehende Risiko tragen.

Ein ungewöhnlicher Gedanke, der mich nach kirchlichen Erprobungsregionen fragen lässt – in der Hoffnung, dass Gemeindeglieder angesichts größerer Spielräume  selbständigen  Handelns  sich  intensiver  beteiligen  und Verantwortung für die Entwicklung ihrer Gemeinde wahrnehmen.

Bürgerschaftliches Engagement hat erstaunliche Initiativen freigesetzt – denken wir z. B. an die mehr als 60 Bioenergiedörfer in M-V, die sich miteinander vernetzt  auf  den  Weg  gemacht  haben,  ihren  Energiebedarf  aus selbstproduzierter,  nachhaltiger  Energie  zu  decken.  Und  die  Wertschöpfung bleibt vor Ort!8  Oder: ‚Alte von morgen pflegen Alte von heute‘ – eine Bürgerinitiative  aus  Stendal9,  die  mit   vielen   Ehrenamtlichen   u.  a.  eine Tagesstätte für Demenzkranke betreibt und inzwischen entsprechende Außenstellen im Umland einrichtet. Kurzum: Es regt und bewegt sich etwas in Sachen „ländliche Räume“!

3.  Land     gewinnen     –     kirchliche      Suchbewegungen     zwischen

Vergeblichkeit und Erneuerung

Für uns als Kirche liegt eine große Herausforderung in der „Ausdünnung der Strukturen und Formen bei weitgehender Beibehaltung der Inhalte und Anforderungen“10: Mitarbeitende – haupt- wie ehrenamtliche – haben vielfach das Gefühl, die Zukunft von Kirche hänge von ihrem Einsatz ab. Kirche soll die Kontinuität des Lebens verbürgen trotz allen Wandels. In größer gewordenen Gemeinden sollen die klassischen Aufgaben nicht vernachlässigt, neue Chancen ergriffen  werden.  Arbeitsverdichtung  und  Überlastungsreaktionen  sind  die Folge. Mancherorts ist es eine Not mit dem Schatz unserer vielen Kirchen. Etliche Friedhöfe arbeiten nicht nur defizitär, sondern rauben auch Energie, die in der Kommunikation des Evangeliums besser eingesetzt wäre. Teilweise werden Gottesdienste ‚gefeiert‘, die alles andere als eine Quelle der Kraft und der Hoffnung sind.

Andererseits: Die bisherigen Land-Kirchen-Konferenzen und Fachtagungen haben gezeigt, wieviel in Bewegung gekommen ist in der kirchlichen Arbeit auf dem Lande: Verschiedene Gemeindemodelle werden erprobt – von der Zentrenbildung über Regionalisierung bis hin zu einer veränderten Präsenz in Zeit und Raum. Zentrale Rollen werden neu gedacht – z. B. in Haus- oder anderen Kleinstgemeinden, die weithin ohne Pastor/in auskommen sollen, oder die den Pastor, die Pastorin als Wanderprediger/in sehen. Neue Ehrenämter werden reflektiert wie ein neuer Diakonat der Gemeinde oder gar schon praktiziert wie die Gemeindekuratoren, die als Gesicht der Gemeinde vor Ort Verantwortung übernehmen.  

Was kann uns leiten in dieser Suchbewegung? Was kann uns helfen, Strukturen und Formen kirchlichen Lebens in ländlichen Räumen zu entwickeln, die der Kommunikation des Evangeliums dienlich sind?    

Vom Himmel zur Welt kommen – ekklesiologische Leitbilder für eine veränderte Präsenz in ländlichen Räumen   

1.  Im Himmel wirklich – ein biblisches Leitbild  

Ich bin überzeugt: Es ist nicht nur notwendig, neue Perspektiven für die kirchliche Arbeit in ländlichen Räumen zu entwickeln; es liegt darin auch ein Potential  fälliger  Erneuerung  –  nämlich  grundsätzlich  und  für  unsere  Zeit danach zu fragen, was die Kirche ihrem Wesen nach ist und sein soll. Das heißt, konsequent von ihrem Auftrag und von den Menschen her zu denken und erst von hier aus Dienste, Strukturen und Gemeindeformen sowie den Einsatz von Ressourcen zu bestimmen.  

In den vergangenen Jahren ist mir dafür ein Abschnitt aus dem Epheserbrief immer wichtiger geworden. Er hat mir geholfen, darauf zu vertrauen, dass wir die Kirche nicht garantieren oder gar retten müssen. Denn da wird deutlich: Die Kirche ist Wirklichkeit – im ‚Himmel‘. Und es kommt einzig darauf an, dass sie zur ‚Welt‘ kommt. Dieser Bestimmung von Kirche –„aus dem Himmel zur Welt zu kommen“ – möchte ich mit Ihnen einen Moment lang nachdenken.  

Der Epheser-Brief sagt über die Gemeinde:  

Ihr seid nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen

und Gottes Hausgenossen“ (2,19)

Das wird oft individualisiert gehört, aber hier geht es um Gemeinde, um Kirche, sanctorum communio. Entgegen aller Angestrengtheit, die meint, Kirche retten zu müssen, wird uns hier bedeutet: Die ecclesia ist wirklich – im Himmel. Gott erbaut sie. Sie wächst in Christus. Das, was da wächst und gebaut wird, will zur Welt kommen, zur Spur des Himmels werden auf der Erde. Wir – Mitbürger der Heiligen –  sind dazu berufen, eine Spur der Zuneigung Gottes in diese Welt zu zeichnen. Wir – Hausgenossen Gottes – sind gerufen, seine Gerechtigkeit, seine Barmherzigkeit, seine Wirklichkeit, die niemanden ausgrenzt, unter uns Gestalt werden zu lassen. Aber im Zusammenhang:

„Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat,

auch uns, die wir tot waren in den Sünden,

mit Christus lebendig gemacht –

aus Gnade seid ihr selig geworden –;

und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.

Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.

Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“ ( Eph 2, 4-10)  

Für mich ist dies die Anwendung der Rechtfertigungslehre auf Gemeinde und Kirche: In der Perspektive des Epheser-Briefes ist nicht der Einzelne, sondern die Gemeinde der Getauften dem kosmischen Christus einverleibt: In corpore, als Gemeinde, als Gottes Werk sind wir eine neue Kreatur. Gemeinde ist ein Geschöpf purer Gnade. Das ist ihr himmlisches Wesen – und dieses Wesen soll sich erweisen auf der Erde. 

Als ich zum ersten Mal in diese Richtung dachte, spürte ich, wie sich bei mir innerer Widerstand regte: Ist das nicht Augenwischerei, die vor den manchmal ziemlich  kläglichen  Realitäten  die  Augen  verschließt?  Wie  soll  ich  meine eigenen Vergeblichkeitserfahrungen als Dorfpastor mit dieser himmlischen Perspektive zusammenbringen: Gottesdienste, die ausfielen, weil keiner kam – wenn es zehn in meinem Hauptdorf waren, war es schon ein Festtag – und keine durchgreifende Änderung nach 8 Jahren Dienst!?  

Im Nachhinein denke ich: Bei allem, was ich damals probiert habe – es war in Teilen der Versuch, Gemeinde zu ‚machen‘. Ich habe es nicht ausgehalten, dass die sichtbare Kirche der unsichtbaren so wenig entspricht.  

Oder ist das vielleicht eher eine Frage des Bilder-Machens? Möglicherweise ist die himmelsgeborene Kirche weniger glorios, als gedacht: Vielleicht trägt sie eher die dürftigen Züge des Gekreuzigten, dieser ‚Knechtsgestalt‘, dieses unter die Menschen Geratenen, von ihnen Abgelehnten. So gehört es schlicht zu unserer Nachfolge, diesen Weg mitzugehen – durch Wüstenzeiten hindurch, diesen Weg Jesu, der immer wieder mit Unverständnis und Desinteresse gepflastert war.

Gleichzeitig gab es da im Dorf auch echte Perlen: ostpreußische Flüchtlinge, die ihren Glauben beeindruckend bewahrt hatten in schlimmstem Leid, meinen Küster – ehrenamtlich natürlich – der seine Arbeitslosigkeit dazu nutzte, so ziemlich jeden Touristen von seinem Rad zu nötigen, um ihm unsere schlichte Dorfkirche zu zeigen, oder die neuen Erfahrungen von communio sanctorum in der Region beim Kreuzweg: jede Woche eine Andacht in einer anderen Kirche, wo nicht gepredigt wurde, sondern ein symbolisches Element in Besinnung und Stille führte – und auf einmal machten Leute sich auf weite Wege, wo sie sonntags nicht den kurzen Weg in den Gottesdienst des Nachbardorfes fanden…  

Es entlastet uns, wenn wir uns nicht alles persönlich zuschreiben, was an Gemeinde lebt und wird – weder im Misslingen noch in dem, was glückt. Die reformatorische Unterscheidung von Person und Werk gilt auch für uns in unserem Beruf! Es tut uns gut, zu verinnerlichen: Kirche, Gemeinde – das ist eine Gabe Gottes: Sie will ersehnt, erbeten, erwartet sein; aber sie kann nicht ‚gemacht‘ werden: „Aus Gnade sei ihr selig geworden…. –  nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“(V.8) 

Das will gesehen und geglaubt sein: Kirche ist aus Gnade gezeugt, im Himmel geboren und lebendig, und: Sie soll zur Welt kommen, der Schwerkraft der Liebe nachgeben, eine Spur des Himmels auf der Erde werden. Auf diesem Hintergrund können wir nahezu ‚tiefenentspannt‘ der Frage nach gemeindlichen Lebens-und Arbeitsformen in ländlichen Räumen nachgehen.   

2. Zur Welt kommen – theologische Orientierungen  

Drei  Orientierungen  sind  aus  meiner  Sicht  auch  für  das  Kirche-Sein  in ländlichen Räumen grundlegend – die Bindung an unseren Auftrag; (2.) die Sendung zu den Armen; (3.) die Freude an der Vielfalt der Gaben.  

Zum ersten: In These 6 der Barmer Theologischen Erklärung heißt es:  

„Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an Christi  Statt und  also  im  Dienst  seines  eigenen  Wortes  und  Werkes  durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.“

Hier finden sich die vielzitierten notae ecclesiae, wie sie uns aus CA VII als Wahrzeichen christlicher Kirche vertraut sind. Die Formulierung von Barmen wehrt jedoch dem Missverständnis, ‚Hauptsache Gottesdienst – alles andere ist zweitrangig!‘. Barmen erinnert: Es geht um Dienst – also darum, als Kirche Bewegung zu sein. Es geht um Dienst an Christi Statt – um Dienst gemäß seiner Intention, ausgerichtet an seinem Wirken, seiner Verkündigung.11 Die Botschaft ist auszurichten an alles Volk – nicht nur an die Mitglieder des ‚Vereins‘. Eine missionarische  Grundorientierung  ist  damit  gesetzt.  „Kirche  mit  Hoffnung. Leitlinien künftiger kirchlicher Arbeit in Ostdeutschland“ aus dem Jahr 1998“ folgerte entsprechend:

„Kirche ist ohne Mission nicht zu denken. Sie würde sonst ihren Auftrag verfehlen, die ihren Dienst begründet.“12  

Wohlgemerkt: Es geht mir nicht um ‚missionarische Gemeinde‘ als Spezialform bestimmter Kirchgemeinden neben anders gearteten, sondern um die missionarische Grundorientierung aller Gemeindeformen.  

Zum zweiten: Ich bin mit Ernst Käsemann überzeugt, dass „neben rechter Lehre und Verwaltung der Sakramente als drittes Kriterium die sichtbare Präsenz der Armen in Gemeinde und Gottesdienst nicht zu entbehren“13 ist. Denn die ersten Adressaten des Evangeliums vom Reich Gottes sind in der Bibel die Armen.14  

Die vielbeklagte Milieuverengung vieler Gemeinden ist nur ein Symptom des Mangels an dieser Stelle, dieser großen Wunde am Leib Christi. Die Frage, ob und wie wir mit den Armen leben, ist entscheidend für unser Kirche-Sein. Es ist unaufgebbar,  dass  Gemeinde  –  in  welcher  Gestalt  auch  immer  –  auch  ein

„Sammelplatz  der  Verwundeten  und  Verwundbaren  ist  –  und  willig  sein

sollte“15, wie Ernst Lange meinte.  

Zum  dritten:  Ein  gleichermaßen  unverzichtbares  Kriterium  evangelischen Kirche-Seins liegt darin, „dass Menschen … Raum und … Rückhalt finden, ihr existenzielles Engagement im Rahmen des Priestertums aller Getauften aktiv und  konkret,  verbindlich  und  frei  im  gemeindlichen  Leben  zur  Geltung  zu  

bringen. Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder‘ (Röm

8,14). Und: ‚In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller‘ (1 Kor

12,7).“16  

3. Kirche mit Anderen sein – ein offenes Leitbild auch für ländliche

Räume  

Bei der missionarischen Grundorientierung von Gemeinde gleich welcher Form geht es nicht um bloße Mitgliedergewinnung oder die Vermittlung einer Botschaft, die wir schon hätten. Es geht vielmehr darum, selber das Evangelium zu verstehen – und in der Folge um ein evangeliumsgemäßes Selbstverständnis als Kirche. Heinrich Rathke, einer meiner Vorgänger, hatte 1971 vor der Bundessynode der evangelischen Kirchen in der DDR ausgehend von Dietrich Bonhoeffer das Leitbild einer ‚Kirche für Andere‘ formuliert. Dabei leitete ihn die Überzeugung:  

„Nur im Hingehen zu den Anderen (Mission) erhält die Gemeinde sich selbst das Evangelium. … Nur im Anreden der Anderen begreift die Gemeinde das Evangelium. So erst erweist sich, ob unser Wort verstanden wird und befreit oder ob wir Steine statt Brot austeilen. Es geht nicht nur darum, dass wir christliche Wahrheiten in der Sprache von heute ausdrücken und weitergeben und mit modernen Übersetzungen und Stilmitteln in der Kirche operieren. Wo das Wort des ‚Menschen für andere‘ mich drängt, wirklich auf den anderen einzugehen, könnte es geschehen, dass erst dann beiden aufgeht, wie dieser Jesus unser Leben prägt (Mt 18, 20; Lk 24,31).17

Eine so verstandene ‚Kirche für Andere‘ ist notwendig Lern-Gemeinschaft bzw. lernende Organisation; auch Gemeinden müssen sich lern- und veränderungsbereit zeigen! Und zugleich ist ‚Kirche für Andere‘ Dienst- und Kommunikations-Gemeinschaft.  In  Mecklenburg  haben  wir  in  den  letzten Jahren versucht, diesen Ansatz weiter zu entwickeln zu einer ‚Kirche mit Anderen‘. Diese Formulierung versucht, ‚die Anderen‘ als Subjekte ernst- und wahrzunehmen – und sie nicht als Objekte kirchlicher Bemühungen misszuverstehen. M. E. sind die Potentiale dieses Leitbildes noch nicht voll erschlossen.

Im Epheserbrief ist zu lesen, wie sich die Gemeinde aus Judenchristen für die ‚Heiden‘ geöffnet hat. Eine Ur-Form von ‚Kirche mit Anderen‘ – gestiftet durch den Christus! Natürlich, ‚die Anderen von heute‘ gehören nicht der Kirche an, sind oft nicht einmal getauft. Aber wenn es richtig ist, dass sich uns erst „im Hingehen zu den Anderen“, im Dialog mit ihnen das Evangelium für unsere Zeit voll erschließt, dann stiftet dies Gemeinschaft –  Gemeinschaft in und durch Christus. Eine Gemeinschaft des Dialogs und der praktischen Interaktion! Gewiss, unser Kirchenmitgliedschaftsrecht hat Mühe, diese Gemeinschaft als ‚Kirche‘ zu begreifen. Aber wir erleben es glücklicherweise, dass die Wirklichkeit  längst  weiter ist:  Menschen  anderer Weltanschauung  beteiligen sich   an   gemeindlichen   und   diakonischen   Aktivitäten.   Menschen   ohne Konfession erhalten unsere Kirchgebäude. Von daher ist es endlich an der Zeit, nicht so sehr in Kategorien von Mitgliedschaft zu denken, sondern von Beteiligung  und  von Weggemeinschaft!  Drei  Dimensionen  dieser  offenen ‚Kirche mit Anderen‘ will ich andeuten.

Mit Anderen im Dialog

Uns selbst tut es gut, mit den Wachen und Suchenden unserer Zeit im Gespräch zu sein – nicht als „die Bringer Beethovens“, wie Reiner Kunze es einmal im Blick auf die Ideologen formuliert hat, sondern als Menschen, die ebenfalls nach Gerechtigkeit, nach Sinn, nach Gott fragen. Es ist spannend, im Kirchbauförderverein  mit  Konfessionslosen  oder  einem  Buddhisten  zu ergründen, was das Innere der Kirche für uns ausmacht. Es beeindruckt mich, wenn ein ehemaliger NVA-Offizier einen Verein für einen Krankenhausneubau in Tansania gründet und christliche Mitstreiter sucht und findet – und mit der Zeit geht es um viel mehr als nur um ein karitatives Projekt.  In diesem Dialog haben wir die Chance, das Evangelium für unsere Zeit zu verstehen. Zugleich haben wir guten Grund, der Kraft des Evangeliums zu trauen: Bei einer Umfrage auf dem Gebiet der Nordkirche wurde deutlich, dass immerhin knapp 50% der Konfessionslosen  an  der  Kirche  schätzen,  „dass  man  (in  der  Kirche)  nicht perfekt sein muss, um angenommen zu werden.“18 Kernaussagen unseres Glaubens erreichen also offenbar auch diese Menschen. In diesem Sinne gilt auch im Dialog – keine Scheu vor dem Glaubensthema!

In der Interaktion mit Anderen

Auch grundsätzlich bin ich davon überzeugt: Es hilft Kirchengemeinden, wenn sie sich dem Dienst am Gemeinwesen widmen. Das Potential ist enorm – im Kleinen wie im Großen. Bürgermeister bieten uns an, Jugendclubs zu übernehmen. Wir sind eingeladen, die ‚neue Dorfmitte‘ mit zu gestalten. Es ist auch ein Dienst an der Allgemeinheit, wenn wir schmerzliche Prozesse des gesellschaftlichen Strukturwandels begleiten und nach dem suchen, was neu leben will und soll, wenn wir dafür eintreten, dass die Renaissance ländlicher Räume nicht an den Menschen vorbeigeht. All dies ist eine gesellschaftsdiakonische Aufgabe in ländlichen Räumen, in der wir Kirche für Andere und mit Anderen sein können.

Die Ausrichtung gemeindlicher Arbeit an den Bedarfen und Herausforderungen des Gemeinwesens hilft uns, unsere Binnenorientierung zu überwinden und neue Partner zu gewinnen. Inhaltlich und personal sind wir damit wieder näher bei den Leuten.

‚Gemeinden der Nähe‘ ermöglichen  

All dies verlangt nach strukturellem Ausdruck. Es hat seine Zeit gehabt, Gemeinden allein von Kirchtürmen und Pfarrstellen her zu denken und zuzuschneiden. Ich bin dafür, dass parochiale System zu transformieren: Wir brauchen eine Flexibilisierung der Gemeindeformen, um orts- bzw. regionalspezifische Lösungen zu ermöglichen. Dabei ist die zunehmende Bedeutung von Nachbarschaft und Nahbereich zu berücksichtigen. In Mecklenburg denken wir daher darüber nach, ‚Erprobungsräume‘ einzurichten.  

Folgende Ziele sind damit verbunden: Die Bedeutung des Nahbereichs soll sich widerspiegeln in entsprechenden Gemeindeformen. Menschen können sich mit ihrer Gemeinde identifizieren und übernehmen für sie Verantwortung – ob sie Mitglieder der Kirche sind oder nicht. Das Evangelium wird verkündigt. Die Sakramente werden gereicht. Die Armen sind sichtbarer Teil der Gemeinde. Das Gemeindeleben nimmt die Interessen der Bürgergemeinde(n) auf. Der ‚Dienst der  Nähe‘  gewinnt  Gestalt  in  gemeindlichen  Aktivitäten  und  denen  der verfassten Diakonie. Pastorinnen und Pastoren kommen stärker zu Aufgaben, die ihrer Profession entsprechen.  

Wie kann diese Idee Wirklichkeit werden? Ein einfacher Ansatz liegt darin, schon bestehende  ‚Ortsausschüsse‘ in  die  Lage  zu  versetzen,  die genannten Ziele weitgehend zu verwirklichen. Dazu müssen die Ortsausschüsse entsprechende Budgets und Kompetenzen übertragen bekommen. Sachkundige Bürger können unabhängig von Kirchenzugehörigkeit mitarbeiten.

Am weitesten geht der Gedanke, in Erprobungsregionen neue ‚Gemeinden der Nähe‘ zuzuschneiden. Entscheidende Neuerung wäre: Die Größe solcher Gemeinden richtet sich nicht mehr nach Gemeindegliederzahlen, Mitarbeiterstellen oder Gebäuden, sondern danach, dass sich eine pastorenunabhängige Gemeindeleitung findet, die die Kompetenzen hat, die o.g. Ziele verantwortlich umzusetzen. Spezielle Ausbildungen für verschiedene Verantwortungsbereiche werden geschaffen (Leitung, Finanzen, Bauen, Gemeinwesenarbeit und Gemeindeaufbau, Andachten und Bibelgespräch).  

Findet sich ein Team, das diese Kompetenzen in sich vereinigt, beschließt die Kirchenkreissynode über das Gebiet der neuen ‚Gemeinde der Nähe‘. Diese könnte   Kirchengemeinde   mit   allen   Rechten   und   Pflichten   sein.   Unter Umständen könnte es jedoch zielführender sein, solche ‚Gemeinden der Nähe‘ gerade nicht mit dem Körperschaftsstatus öffentlichen Rechts und dem dazugehörigen Aufwand zu verbinden. Solche ‚Gemeinden der Nähe‘ ohne Körperschaftsstaus hätten unter dem Dach der regulären Kirchengemeinde die Chance, flexibler auf die Erfordernisse des Nahbereichs zu reagieren. Hier sind wir noch mitten im Nachdenken. Die Hoffnung ist jedoch in jedem Fall, dass dadurch Pastoren bzw. Pastorinnen freier sind für pastorale Aufgaben und die Begleitung und Fortbildung Ehrenamtlicher in mehreren solcher Gemeinden.  

Bezugsgröße  für  die  Erprobung  solcher  ‚Gemeinden  der  Nähe‘  mit  neuem Zuschnitt des Gemeindegebiets können sein:

-   eine Kirchenregion, in der sich alle Kirchengemeinderäte beschlussmäßig auf eine solche Erprobung einlassen wollen,

-   ein Kirchengemeindeverband – er hätte zudem die Chance, Mitarbeitende auf         der          Verbandsebene              anzusiedeln     und     mit     ihnen     neue

Aufgabenzuschnitte zu vereinbaren,

-   eine große Kirchengemeinde bzw. ein großer Pfarrsprengel, die wieder auf kleinere gemeindliche Einheiten zugehen wollen.

Mit diesem Ansatz sind allerlei Probleme und Fragen verbunden: Werden sich solche Ehrenamtlichen gewinnen lassen? Allerdings: Im Bistum Poitiers hatte man anfangs auch daran gezweifelt. Inzwischen gibt es mehr als dreihundert solcher Gemeinden.19 Dies könnte damit zusammenhängen, dass sich möglicherweise andere Menschen finden, wenn ihnen nicht nur Arbeit, sondern echte Leitungsaufgaben übertragen werden.

Eine weitere Frage ist: Was geschieht mit eventuell ‚übrig‘ bleibenden Gebieten, in denen niemand Verantwortung im beschriebenen Sinne übernehmen will? Ich finde, spätestens an diesem Punkt sollten wir den Mut haben, kirchlicherseits zwischen Gebieten verschiedener Ordnung zu unterscheiden: Zum einen meine ich ‚Gemeindeaufbau-Gebiete‘. Sie wären dadurch qualifiziert, dass es in ihnen eine  Gemeindeleitung  und   Gemeindeaufbau  gibt.  Zum  anderen  gäbe  es ‚Seelsorge- und Kasual-Gebiete‘, die – auf Zeit – dazu erklärt und entsprechend betreut werden. Hier wissen Christenmenschen zwar, an welche/n Pastor/in sie sich wenden können für Taufe, Konfirmation, Beerdigung sowie auch seelsorgerliche  Begleitung.  Für  Gottesdienste  und  Veranstaltungen  gibt  es jedoch keine Zuständigkeit des/r Pastors/in mehr.

Diese Unterscheidung zwischen zwei Arten von Räumen kirchlichen Lebens und Handelns klingt hart. Aber vielfach ist dies schon jetzt in weiten ländlichen Bereichen (uneingestandene) Realität. Wenn wir zu einem offenen, realistischen Umgang mit Gebieten unterschiedlicher Ordnung kämen, würde dies Mitarbeitende und Kirchenälteste von der lähmenden Erwartung entlasten, flächendeckend Gemeindeaufbau betreiben zu sollen. Wir haben damit auch Räume, in denen wir vielleicht deutlicher als anderswo wahrnehmen können, ob und in welcher Weise Gott am Wirken ist. Werden wir neue Erfahrungen mit Jesu Gleichnis von der selbstwachsenden Saat machen? Manchmal denke ich: Es kann doch kein Zufall sein, dass Jesus seine Jünger in die Ernte schickt – und wir setzen zuerst und vor allem auf Gemeindeaufbau, also auf Aussaat und Pflanzung… Das Prinzip flächendeckender Parochien würde nicht aufgegeben, aber in den Gemeinden und Regionen, in denen eine solche Unterscheidung getroffen würde, änderte sich das Arbeiten in der Fläche.

Ich breche hier ab: Orientierung an Auftrag und Verheißung, missionarische Grundausrichtung, Dialog und Interaktion mit Anderen, Ermächtigung von Gemeindegliedern,  Gemeinwohlorientierung,  Wiedergewinnung  des Nahbereichs – all das bildet einen Rahmen, der Raum eröffnet für die jeweilige Ausgestaltung vor Ort. Zugleich werden Schwerpunkte gesetzt. Auf sie können wir uns konzentrieren und so versuchen, uns zu begrenzen. Das wird uns helfen, anders in der Fläche präsent zu sein – als ‚Kirche mit Anderen‘.
Es wird uns helfen, als Gemeinde Jesu Christi ‚zur Welt zu kommen‘.

Fußnoten

1 Jan Rübel, Geld sucht Land, in: Zeitzeichen, 15.Jg., Januar 2014, S. 50

2 Vgl. Andreas Willisch, In Gesellschaft des Umbruchs, in:  Kerstin Faber, Philipp Oswalt (Hg.), Raumpioniere in ländlichen Regionen. Neue Wege der Daseinsvorsorge, 2013, S. 63

3 Vgl.

www.bosch-stiftung.de/content/language1/html/41318.asp
Datum
23.06.2015
Quelle
Pressestelle der Nordkirche
Von
Dr. Andreas von Maltzahn
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