Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg

26. September 2012 - Vortag: „Womit habe ich das verdient?“

26. September 2012 von Andreas von Maltzahn

Über Rechtfertigungsglauben und seelische Gesundheit

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Über Rechtfertigungsglauben und seelische Gesundheit möchte ich heute zu Ihnen sprechen.  Ein theologisches Thema – und zugleich ein anthropologisches, denn es geht darin um Fragen, die jeden Menschen betreffen.

So beginne ich denn auch mit einer alltäglichen Frage, um Horizont und  Tiefendimension unseres Themas ansatzweise auszuleuchten. Dann erst werde ich der Frage nachgehen, was der Glaube, insbesondere der Rechtfertigungs-Glaube, für die seelische Gesundheit, konkret: für ein Leben bedeutet, das mit sich in Übereinstimmung, mit sich im Frieden ist.

Horizont und Tiefendimension der Sache

Diese Frage kennen Sie alle: Womit habe ich das verdient? Sie ist uns vertraut an Krankenbetten, aus Trauersituationen, möglicherweise aus Familie und Verwandtschaft. Vielleicht haben wir uns selbst schon einmal – verzweifelt oder empört – gefragt:  Womit habe ich das verdient?

Implizit wird  damit nach Gerechtigkeit gefragt. Angesichts von Ereignissen, die als Schicksals-Schläge empfunden werden, angesichts von schier ausweglosen Lebenslagen, angesichts beruflichen Scheiterns fragen Menschen nach der Gerechtigkeit des Lebens. Womit habe ich das verdient? Sie fragen das, als sei es ausgemacht, dass es eine Gerechtigkeit gebe, die einem zuteile, was einem zusteht.

Man kann diesen allgemein-menschlichen Glauben auch in religiöser Sprache ausdrücken. Womit habe ich das verdient, Gott?  Das ist dann die Frage nach der Gerechtigkeit, für die Gott einstehen soll. Und letztlich wird von ihm dann auch eine Antwort auf diese Frage erwartet.

In all diesem Fragen, säkular oder religiös, wird ein Zusammenhang von Tun und Ergehen vorausgesetzt: Bestimmte Taten ziehen entsprechende Folgen nach sich. Um es vereinfacht zu sagen: ‚Wenn ich ein gutes, verantwortliches Leben führe, wird es mir entsprechend gut ergehen. Verhalte ich mich rücksichtslos und egoistisch, werde ich auch Schlechtes in meinem Leben ernten. Ich bekomme, was ich verdient habe. Ich verdiene, was ich erleben werde. Ich verdiene mir mein Leben.‘

Die Religionen Indiens haben diesen Grundgedanken in ihrem karma-Glauben verankert: Das Verhalten eines Menschen verursacht entsprechendes karma, das sich ansammelt. Manchmal bekommt der Betreffende die Folgen seines Tuns erst im nächsten Leben zu spüren, um sein karma dort abzutragen. Aber in jedem Fall, wann auch immer: Das Tun bestimmt das Ergehen. Man hat die Folgen seines eigenen Verhaltens zu tragen. Man hat es verdient.

Dieser Zusammenhang von Tun und Ergehen ist in allen Kulturen der Welt beheimatet. Ich finde das einigermaßen überraschend, denn die Erfahrungen, die Menschen tatsächlich machen, entsprechen dem vielfach ja gerade nicht.  Schon in der hebräischen Bibel, dem Alten Testament wird diese Erfahrung problematisiert: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Kindern sind die Zähne stumpf geworden.“(Jer 31,29)  Nicht die Betreffenden selbst, sondern andere müssen die Folgen tragen.  Die Entsprechung von Tun und Ergehen ist empirisch oft genug gerade nicht zu erkennen: Trotz eines vorbildlichen, gesundheitsbewussten Lebenswandels erkranken Menschen unheilbar. Ist es blinder Zufall? Oder ein Schicksals-Schlag – wer oder was auch immer da zugeschlagen hat? Oder ist es Fügung? Fügung Gottes – und wenn ja, warum? Nicht nur die Frage nach der Gerechtigkeit, sondern darin zugleich die nach dem Sinn des Geschehens stellt sich hier existentiell. 

So bleibt es überraschend, dass in unterschiedlichsten Kulturen trotz vielfach gegensätzlicher Erfahrungen an der Grundannahme festgehalten wird, in jeglicher Lebens- und Weltordnung walte das Grundgesetz zuverlässiger Entsprechung von Tun und Ergehen. Woher kommt diese ‚Unbelehrbarkeit‘, diese Hartnäckigkeit, auch gegen das Faktische an diesem Glauben, an dieser Grundannahme festzuhalten?

Ich vermute: Der Grund dafür liegt in der Angst, die Ordnung menschlichen Lebens im Ganzen könnte versinken in Chaos und Anomie, wenn das Tun nicht ein entsprechendes Ergehen nach sich zöge. Wenn es die Zuverlässigkeit der Entsprechung von Tun und Ergehen nicht gäbe, sei letztlich auf nichts mehr Verlass. Wir stünden vor einem Abgrund, „der nicht einmal einen Boden hat, auf dem das Fallen zerschellt“[1](Ernst Bloch). Dann scheint es doch näher zu liegen, man versucht enttäuschende Erfahrungen irgendwie auf anderer Ebene, in anderen Zusammenhängen zu bewältigen: Folgen Lohn oder Strafe nicht auf dem Fuße, dann eben später – in einer anderen Generation oder im Jenseits. Ich werde nie vergessen, wie ich als junger Pastor eine Frau besuchte, die jahrelang gelähmt auf Pflege angewiesen war. Als ich sie fragte, wie sie ihr Leid bewältige, antwortete sie mir mit einem Lächeln: „Habe ich von Gott so viel Gutes in meinem Leben empfangen, werde ich ihn doch jetzt, wo er mich prüft, nicht aufgeben.“ Im ersten Moment erschrak ich: Wie konnte diese Frau glauben, Gott schicke ihr dieses Leid?! Und sei es als Prüfung! Dann verstand ich: Für sie war es wichtig, ihr Leid nicht als Schlag eines blinden Schicksals zu deuten, sondern es von Gott her zu verstehen, es aus seiner Hand zu nehmen. Damit war für sie wenigstens eine Spur von Sinn in dem, was ihr widerfuhr.

Ich erinnere ein anderes Gespräch an einem Krankenbett mit einem schwer kranken Mann, der nicht an Gott glaubte. Unerbittlich forschte er in seinem Leben nach einem Fehlverhalten, nach einer Schuld, die ihm sein jetziges Los verständlich machen könnten. Es war mit Händen zu greifen: Wenn er in dieser Hinsicht etwas Einleuchtendes gefunden hätte, wäre es ihm leichter gefallen, seine Krankheit anzunehmen.

Die Grundannahme also, dass einem bestimmten Tun ein entsprechendes Ergehen folge, ist unbewusst tief verankert. Obwohl manche Erfahrungen offenkundig dagegen sprechen, halten Menschen daran fest: Man verdient, was man erlebt.

Diese Überzeugung gilt bestimmt nicht nur für die Verarbeitung krisenhafter Erfahrungen. Anders gewandet, kommt sie als Sprichwort daher: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Richtig daran ist, dass das Gelingen unseres Lebens auch von uns abhängt. Aber wehe, dieser Spruch wäre wahr! Er enthält ja nicht nur ein Versprechen; er enthält eine furchtbare Drohung: Was immer dir widerfährt, zum Guten oder Bösen – du hast es dir selbst zuzuschreiben. Du bist selbst ‚schuld‘. Du hast es ‚verdient‘. Du bist dazu verurteilt, aus deinem Leben etwas zu ‚machen‘, als wären die wesentlichen Dinge des Lebens nicht allesamt Geschenk.

Was in alledem umgeht und nicht nur in Krisenerfahrungen aufbricht, ist die Frage, aus der keiner ‚aussteigen’ kann: Wie kann ich bestehen?

-         Wie kann ich bestehen in den Krisen des persönlichen Lebens?

 

-         Wie kann ich bestehen im Beruf? Damit meine ich nicht nur die Anforderungen des Tages, denen Ärztinnen und Ärzte, aber auch Pflegende in wachsender Arbeitsverdichtung gerecht zu werden versuchen. Mit Sorge lese ich als medizinischer Laie, dass es in Ihren Berufen eine wachsende Unzufriedenheit gibt, wenn man Prof. Unschuld, dem Direktor des Horst-Görtz-Stiftungsinstituts an der Charité-Universitätsmedizin zu Berlin, glauben darf: „Entscheidender für die weit verbreitete Unzufriedenheit ist … nicht in erster Linie das Einkommen; das lässt sich bei vielen durch den Idealismus, mit dem sie den Arzt- oder Ärztinnenberuf ergriffen haben, kompensieren. Viel schmerzhafter ist der stetige schleichende Verlust an beruflicher Selbstbestimmung. Jahrhundertelang haben Ärzte die drei Grundfragen: Wer schafft das Grundlagenwissen ärztlicher Tätigkeit? Wer sagt, wann das ärztliche Wissen zur Anwendung gelangt?, und Wer bestimmt, wie die ärztliche Tätigkeit entlohnt werden soll? mit ‚wir!‘ beantwortet. – Das ist nun in vielen Bereichen Vergangenheit. Die Abhängigkeit von nichtärztlichen Instanzen wächst kontinuierlich. Die Industrie schafft anwendungsfähiges Wissen – und hat nicht unbedingt den einzelnen Kranken im Blick. Die Krankenhausinvestoren und die Krankenkassen bestimmen, wann und welches ärztliche Wissen zur Anwendung gelangt und wie es entlohnt wird – und denken vorrangig an die eigene Rendite. … Es ist freilich Ausdruck einer langfristigen Tendenz, die dem Umbau des Gesundheitswesens insgesamt zugrunde liegt. … Gesundheit ist zur Ware geworden.“[2] Wie also bestehen in diesem Beruf, unter diesen Verhältnissen?

-         Wie kann ich bestehen angesichts der Herausforderung, ein unverwechselbares, originäres Leben zu führen?

Wie kann ich bestehen? Anders gefragt: Was rechtfertigt mein Leben? Franz Kafka beschreibt in seinem Roman  Der Prozess das Quälende dieser Fragen: Der Hauptfigur, ‚K.‘ „ist an seinem 30. Geburtstag vom Gericht aufgetragen worden, eine Eingabe zu machen, in der er alle wesentlichen Momente seines Lebens aufzählen und also rechtfertigen sollte. Und je mehr er jetzt zu seiner Rechtfertigung tun will, desto ungerechtfertigter kommt er sich vor. Das führt zum Entzug der Lebenserlaubnis, das führt zu der von ihm selbst veranstalteten Selbst-Hinrichtung.“[3]

Womit habe ich das verdient? Wie kann ich bestehen? Was rechtfertigt mein Leben? Im zweiten Teil meines Vortrags geht es nun darum, was der christliche Glaube dazu zu sagen hat – und mit welcher Tragweite für die Gesundheit (nicht nur) der Seele.

Glaube und Gott – zur Vermeidung von Missverständnissen ein literarischer Seitenblick

Was ist eigentlich ‚Glaube‘? Wen oder was soll man sich unter ‚Gott‘ vorstellen? Ich erlaube mir einen literarischen Seitenblick. In seinem Roman „Tschik“ erzählt Wolfgang Herrndorf die Geschichte eines pubertierenden Jungen in dessen Sprache. In seiner 6.Klasse wird dieser Junge nur „Psycho“ genannt, was mit einem Aufsatz zu tun hat. Eine „Reizwortgeschichte“ war zu schreiben. Vier Worte waren vom Lehrer vorgegeben, darunter das Wort ‚Gott‘. Der Junge erzählt:

„Die Hauptschwierigkeit war natürlich Gott. Bei uns gab es nur Ethik, und in der Klasse waren sechzehn Atheisten inklusive mir, und auch die, die Protestanten waren, die haben nicht wirklich an Gott geglaubt. Glaube ich. Jedenfalls nicht so, wie Leute daran glauben, die wirklich an Gott glauben, die keiner Ameise was zuleide tun können oder sich riesig freuen, wenn einer stirbt, weil er dann in den Himmel kommt. Oder die mit einem Flugzeug ins World Trade Center krachen. Die glauben wirklich an Gott. Und deshalb war dieser Aufsatz ziemlich schwierig.“[4]

In seinem Aufsatz erzählt Psycho dann von seiner Mutter. Ab und zu muss sie auf die „Beautyfarm“. So nennt sie selbst die Entzugsklinik, in der sie ihren Alkoholismus therapieren lässt. Psycho erzählt aus dem Alltag der Klinik, was ihm sonderbar erscheint:

„Zehn erwachsene Menschen sitzen im Kreis und werfen ein Wollknäuel rum. Hinterher war der ganze Raum voll Wolle, aber das war gar nicht der Sinn der Sache, auch wenn man das jetzt erst mal denken könnte. Der Sinn war, dass ein Gesprächsgeflecht entsteht. Woran man schon erkennen kann, dass meine Mutter nicht die Verrückteste in dieser Anstalt war. Da müssen noch deutlich Verrücktere gewesen sein.

Und wenn jetzt einer glaubt, das Wollknäuel wäre nicht zu  toppen, dann hat er vom Pappkarton noch nichts gehört. Jeder in der Klinik hatte nämlich auch einen Pappkarton in seinem Zimmer. Der hing knapp unter der Decke, mit der Öffnung nach oben, und in diesen Karton musste man immer Zettel reinwerfen wie in einen Basketballkorb. Zettel, auf die man vorher seine Sehnsüchte, Wünsche, Vorsätze, Gebete oder was geschrieben hatte. Immer wenn meine Mutter Wünsche hatte oder Vorsätze oder wenn sie sich Vorwürfe machte, dann hat sie das aufgeschrieben und den Zettel zusammengefaltet und dann praktisch Dirk Nowitzki: Dunking. Und das Irre daran war, dass nie jemand diese Zettel gelesen hat. Das war nicht der Sinn der Sache. Der Sinn der Sache war, dass man das einmal aufschreibt und dass es dann da ist und dass man sehen kann: Da hängen meine Wünsche und Sehnsüchte und der ganze Kack in diesem Pappkarton da oben. Und weil diese Kartons so wichtig waren, musste man denen auch einen Namen geben. Der wurde mit Filzstift auf den Karton drauf geschrieben, und dann hatte praktisch jeder Alki einen Karton auf seinem Zimmer hängen, der «Gott» hieß und wo seine Sehnsüchte drin waren. Weil, die meisten haben ihren Karton «Gott» genannt. Das war der Vorschlag vom Therapeuten gewesen, dass man den Gott nennen könnte. Man durfte ihn aber nennen, wie man wollte. Eine ältere Frau hat ihn auch «Osiris» genannt und jemand anders «Großer Geist».

Der Karton meiner Mutter hieß «Karl-Heinz», und da ist dann der Therapeut zu ihr gekommen und hat sie gelöchert. Zuerst wollte er wissen, ob das ihr Vater war. «Wer?», hat meine Mutter gefragt, und der Therapeut hat auf den Karton gezeigt. Meine Mutter hat den Kopf geschüttelt. Und da hat der Therapeut gefragt, wer das dann sein soll, dieser Karl-Heinz, und meine Mutter hat gesagt: «Die Pappschachtel da.» Und dann wollte der Therapeut wissen, wie denn der Vater von meiner Mutter geheißen hätte. «Gottlieb», hat meine Mutter da geantwortet, und der Therapeut hat «Aha!», gesagt, und dieses «Aha» soll so geklungen haben, als hätte der Therapeut jetzt wahnsinnig Bescheid gewusst. Gottlieb - aha!Meine Mutter wusste aber nicht, worüber der Therapeut Bescheid gewusst hat, und er hat es ihr auch nicht gesagt.“[5]

Meine Damen und Herren, Ludwig Feuerbach und andere Religionskritiker hätten ihre helle Freude an dieser Beschreibung: Gott als Produkt menschlicher Projektionen! Jedoch, die Frage nach Gott ist denn doch nicht erledigt! In seinem Essay „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ schreibt Martin Walser angesichts einer Fernseh-Talkrunde:

„Zu dem Atheisten fiel mir ein: Er hat keine Ahnung. Wenn es Gott hundertmal nicht gibt, dieser Atheist hat keine Ahnung. Beweisen könnte ich das nicht. Aber dass es nicht genügt zu sagen, Gott gebe es nicht, ahne ich. Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung. Einer Ahnung allerdings bedarf es.“[6]

Wofür ist Gott wichtig – so wichtig, dass man ihn vermissen müsste, wenn es ihn nicht gäbe?

Philosophen wie Friedrich Nietzsche waren zutiefst erschrocken, als sie meinten, sich die Welt ohne Gott denken zu müssen. Die Leere und Sinnlosigkeit des Universums ohne Gott war für sie verstörend und konnte nur in der Hoffnung auf den ‚Übermenschen‘ halbwegs ertragen werden. Entsprechend lässt Büchner in seinem Lenz-Fragment den irren Dichter entsetzt ausrufen: Hören Sie denn nichts? Hören Sie denn nicht die entsetzliche Stimme, die um den ganzen Horizont schreit, und die man gewöhnlich Stille heißt?“[7]Mit dieser Erfahrung hat es der Glaube zu tun. Es geht darin nicht um das Vermögen, sich vor den Zumutungen des Lebens, vor Zweifel, Angst und Ungewissheit in die gute Stube des Für-wahr-Gehaltenen und Wunschgemäßen zu flüchten. Gerade nicht! Unser Glaube ist der Halt, der uns ins Ungewisse –  und im Ungewissen – hält. „Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!“, sagt einer in der Bibel zu Jesus.  Glauben im biblischen Sinn ist gewagt, ist Vertrauen. Vertrauen in den Daseinsgrund, der tiefer liegt und verlässlicher ist als der Boden, auf dem unser Leben sich verläuft. – Dazu des Weiteren jetzt.

Rechtfertigungsglauben und seelische Gesundheit

Womit habe ich das verdient? Wie kann ich bestehen? Was rechtfertigt mein Leben? Mit diesen Fragen ist die Rechtfertigungsnot des Menschen angesprochen. Ob in Krisensituationen, ob im beruflichen Stress wie in dem Druck, seines Glückes Schmied sein zu müssen – die ganze Last liegt auf denen, die glauben, allein aus eigenem Vermögen bestehen zu müssen. Im Glauben jedoch, im Vertrauen zu Gott, liegt befreiende Kraft.

In einer Studie über den Einfluss von Spiritualität auf Gesundheit und Arbeitsklima hat der Arbeitspsychologe Tim Hagemann (FH der Diakonie Bielefeld, die Studie wurde dort am 18.06.2012 vorgestellt) knapp 1000 Mitarbeiter, vornehmlich in konfessionell gebundenen Einrichtungen, befragt. Er kam zu dem Schluss, dass „Glaube und Spiritualität … einen positiven Einfluss auf die Gesundheit [hätten]…Mitarbeiter, die Bewältigungsstrategien aus religiösen Überzeugungen einsetzten, fühlten sich weniger stark beansprucht …. Einrichtungen sollten ihre Mitarbeitenden ermuntern und es ermöglichen, religiöse Glaubensvorstellungen und Spiritualität zu leben.“[8]

Dieser positive Einfluss von Glauben und Spiritualität auf  Leben und Arbeiten von Menschen ist keine neue Erkenntnis. Nicht umsonst ist auch aus der Palliativ-Medizin spiritual care nicht mehr wegzudenken und gehört auch in Ihrem Krankenhaus zu den Qualitätsmerkmalen für eine Zertifizierung. Jesus hat Menschen, die in der Begegnung mit ihm gesund geworden waren, gesagt: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Und damit gemeint ist nicht ‚Rechtgläubigkeit’ im Sinne der Festlegung auf ein Gerüst zeitneutral gültiger Lehre. Es geht nicht um das Für-wahr-halten bestimmter Glaubenssätze, sondern um ein Glauben im Sinne von Zutrauen bzw. Vertrauen.

Deutlich wird das in einer Szene, in der eine Frau aus dem Volk der Kanaanäer, also eine Frau anderer Konfession, Jesus um Heilung ihrer kranken Tochter bittet. Jesus geht zunächst nicht auf das Flehen der Frau ein. Sie lässt sich aber nicht zurückweisen, bis Jesus sich erweichen lässt: „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst.“ (Mt 15,28) Das Vertrauen der Frau – das Vertrauen zu Jesus als dem Menschen, durch den Gott wirkt, war entscheidend – nicht entscheidend war, was sie im Sinne einer bestimmten Konfession für wahr hielt. Welche Kraft aber hat solches ‚Vertrauen‘ für die Bewältigung heutiger Herausforderungen – etwa für das, was Psychologen als zunehmende „Entgrenzung“ beschreiben?

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat ein Aktionsbündnis für seelische Gesundheit auf den Weg gebracht, unter anderem auch, um dem Phänomen der ‚Entgrenzung’ entgegenzuwirken. Auf der Web-Seite des BMG heißt es dazu: 

„Erhöhte Eigenverantwortung und die steigende Komplexität der Berufsanforderungen führen dazu, dass die Grenzen zwischen Job und Privatleben verschwimmen. Der Druck nimmt zu, die Selbstbestimmung über das eigene Leben nimmt ab.“[9]Und weiter heißt es: „Produktivität, Mobilität, Flexibilität: Die Bedingungen, unter denen Berufstätige heute ihrer Arbeit nachgehen, erfordern eine hohe Anpassungsfähigkeit. Neue Technologien stellen Beschäftigte in immer kürzerer Zeit vor neue Herausforderungen und den Anspruch, ständig verfügbar und erreichbar zu sein. Aus Angst, dabei nicht mithalten zu können, stellen viele ihre Arbeit uneingeschränkt in den Lebensmittelpunkt.“[10]

Dass die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben immer weniger greifbar sind und die Abgrenzungsaufgabe immer mehr Kraft kostet, hat auch eine Befragung von Pastorinnen und Pastoren Norddeutschlands gezeigt. Auch unter ihnen ist die Gefahr groß, dass sie ganz und gar ihre Arbeit in den Mittelpunkt stellen und von daher ihr Leben zu bestätigen suchen. Ich vermute, dass dies unter Medizinern und in pflegerischen Berufen ähnlich ist.

Allerdings, angesichts der Arbeitsverdichtung, aber auch mancher Ohnmachtserfahrungen im Beruf ist es ein höchst problematischer Versuch, durch noch intensivere Arbeit vor sich selbst und anderen bestehen zu wollen. Rechtfertigung des eigenen Lebens  durch Arbeit – dieser Weg führt eher in die Überforderung als zu innerem Frieden. Menschen, die so leben, gleichen einer Kerze, die von beiden Seiten brennt. 

Was kann Rechtfertigungsglauben angesichts solcher ‚Entgrenzung‘ bewirken?

Nach meiner Überzeugung Entscheidendes: Das Zentrum des christlichen Rechtfertigungsglaubens liegt nämlich in der Unterscheidung von Person und Werk – also gerade in der Unterscheidung dessen, was im Phänomen der ‚Entgrenzung‘ zusammenzufallen droht! Die Bibel, von Anfang bis Ende, handelt davon: In Gottes Augen entscheidet kein Tun, kein Werk, nicht einmal das Lebens-Werk über den Wert eines Menschen. Seine Würde, der Sinn insgesamt seines Lebens ist leistungsunabhängig. Auch die moralische Qualität eines Lebens rechtfertigt nicht noch verwirft die Person. Das heißt keineswegs, dass es gleichgültig wäre, wie Menschen leben und arbeiten. Entscheidend ist aber, in welcher Freiheit und kraft welchen Mutes sie leben und arbeiten können. Der Mensch als Person empfängt sein Lebensrecht aus der Beziehung zu Gott und muss es sich, kann es sich nicht durch Arbeit oder vorbildlichen Lebenswandel verdienen.

Als junger Pastor war es für mich eine entscheidende Lernstrecke in der Supervision, die theologische Unterscheidung von Person und Werk auf mich zu beziehen, zu begreifen, dass Erfahrungen des Scheiterns in meiner Arbeit von mir als Person zu unterscheiden sind. Denn auch Scheiternde verlieren nicht ihren Wert, ihre Würde in der Perspektive Gottes. Die vertrauende Beziehung zu Gott lässt Menschen bestehen – vor sich selbst, vor den Ansprüchen des Lebens, vor Gott. Im Brief an die Christengemeinde in Rom heißt es:

„Nach reiflicher Überlegung kommen wir zu dem Schluss, dass Menschen auf Grund von Vertrauen gerecht gesprochen werden – ohne dass schon alles geschafft wurde, was die Tora fordert.“  (Röm 3,28, zitiert nach der Bibel in gerechter Sprache)

Wie kann ich bestehen? Durch mein Vertrauen zu Gott. Dabei ist wichtig festzuhalten, dass auch dieses Vertrauen nicht von mir ‚aufzubringen’, mir selbst ‚abzuringen’ ist. Es geht um eine Haltung der Offenheit, der Empfänglichkeit für Gott, der „Ahnung“, von der Walser sagt, dass es ihrer allerdings bedarf: Ich bin grundsätzlich bejaht – wer ich auch bin, wie ich auch dran bin.

Zwei Zugänge zu diesem zentralen Gedanken des Evangeliums möchte ich abschließend noch etwas deutlicher herausstellen – zum einen mit der Frage, worin unser Mensch-Sein gründet,  überhaupt seinen Grund hat, zum anderen mit der Frage, was eigentlich aus den Folgen menschlichen Tuns wird.  

Vorhin hatte ich gesagt: Die ganze Last, die gesamte Rechtfertigungsnot liegt auf der jeweiligen Person, solange sie glaubt, allein aus eigenem Vermögen bestehen zu müssen. Der christliche Glaube weiß Menschen jedoch in anderer Weise gegründet: Nicht in sich selbst den tragenden Grund finden zu müssen, sondern im Bejaht-Werden durch Gott, dem Urgrund allen Lebens, gründen zu können – das ist die eine, alles tragende Verheißung christlichen Glaubens. Für die seelische Gesundheit, aber auch für die Entwicklung einer Identität, die mit sich und der Welt im Frieden ist, kann kaum überschätzt werden, wie wichtig es ist, diesen Lebensgrund außerhalb seiner selbst zu haben. Sich von Gott im ganzen Leben bejaht zu wissen, sich der Treue Gottes anvertrauen zu können, gleichsam in ihm verwurzelt zu sein, ist eine Quelle der Kraft – und eines Muts, der gerechtfertigt ist. Das Grundsymbol dieses Bejaht-Seins von Gott ist im christlichen Leben die Taufe.

Wie aber steht es mit den Folgen unseres Tuns?

Sie sind keineswegs gleichgültig – leiden Menschen doch gerade auch unter Erfahrungen von Scheitern und Schuld. Wir können und sollen diesen Folgen unseres Verhaltens nicht ausweichen. Wir tragen Verantwortung dafür. Und doch haben Scheitern und Schuld ihre alles vernichtende Kraft verloren, weil sie die Beziehung zu Gott nicht zerstören. Die Hingabe Jesu ist der Grund, das zu glauben. Vor der vorbehaltlosen Zuneigung Gottes, wie sie in der Lebens-Hingabe Jesu sich zeigt, verblasst alles, was uns von Gott trennen könnte – auch Schuld und Versagen, auch dass wir Menschen uns immer wieder von Gott abwenden und versuchen, aus uns selbst heraus zu leben. Das zentrale Symbol dafür ist das Kreuz.

Zugleich zeigt sich eben darin: Das Leiden der Unschuldigen wiegt schwer in der Waagschale Gottes. Auch der christliche Glaube hält an der Hoffnung auf Gerechtigkeit fest – der Hoffnung auf Gott, der den Opfern Gerechtigkeit verschaffen und ihre Wunden heilen will. Das schließt für uns Menschen die Aufgabe ein, nach unseren Kräften zu tun, was der Gerechtigkeit dient.

Womit habe ich das verdient? Rechtfertigungsglaube antwortet: „Gar nicht hast Du es verdient – weder dein Ungemach noch die Liebe Gottes. Halte Dich an das Ja Gottes. Das allein setzt Dich ins Recht. Sinn findest Du in der Beziehung zu ihm.“   

Wie kann ich bestehen? Rechtfertigungsglaube antwortet: „Nicht durch Arbeit, sondern durch Vertrauen – Vertrauen zu Gott, dem Urgrund allen Lebens. Es kommt nicht auf Rechtgläubigkeit an, nicht darauf, bestimmte Sätze über Gott für wahr zu halten. Um Deine Offenheit für Gott geht es. Wo Du Dich ihm fern fühlst, sehne Dich nach ihm. Und wo Du meinst, es gäbe keinen Gott, lass ihn Dir immerhin fehlen.“

[1] Ernst Bloch. Das Prinzip Hoffnung, 1959, S. 351                            

[2] PAUL U. UNSCHULD, Das Ende der klassischen Medizin, in: Rotary Magazin  11/2009, 67-69.

[3] Martin Walser, Über Rechtfertigung, eine Versuchung, 2012, S. 11

[4] Wolfgang Herrndorf, Tschick, S. 22

[5] A. a. o., S. 28

[6] Martin Walser, a. a. O., S. 33

[7] Zitiert nach Ernst Bloch, a. a. O. S. 350

[8] epd-Meldung vom 11.06.2012

[9]http://www.bmg.bund.de/praevention/betriebliche-gesundheitsfoerderung/seelische-

   gesundheit/gesundheit-und-wohlbefinden-am-arbeitsplatz.html

[10] ebenda

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