15. Juni 2022 | Dom St. Nikolai, Greifswald

76. Greifswalder Bachwoche - Dem Gerechten muss das Licht, Kantate von Johann Sebastian Bach, BWV 195

15. Juni 2022 von Kirsten Fehrs

Predigt von Bischöfin Kirsten Fehrs zu Genesis 1,1-5.14-19.26-27.31

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Licht geht auf mit dieser Kantate, ja, mit dieser ganzen Greifswalder Bachwoche. Ich bin berührt, bewegt, begeistert. Licht, das man hören kann! Mit dieser wunderbaren Musik von Johann Sebastian Bach, der Stimmen und Instrumente so zum Strahlen bringen kann, dass die tiefsten Winkel der menschlichen Seele davon erreicht und erleuchtet werden.

Licht geht auf, das einst der Schöpfer selbst in die Welt rief mit diesen einfachen und so wirkungsvollen Worten: „Es werde Licht. Und es ward Licht.“ Und ich denke: Das könnten unbedingt die Überschriften über die beiden Teile dieser Hochzeitskantate sein. „Es werde Licht“ über dem ersten Teil, der so hoffnungsvoll und erwartungsfroh den Segen über das Paar herbeisingt. Licht soll aufgehen über ihnen, Wohl und Glück sich mehren, des Segens Kraft gedeihen. Der Anfang rührt von deinen Händen, singt der Chor, und schnell denkt man an eben diese Schöpfungsgeschichte, die ich eingangs las, an den Anfang von allem Licht. „Es werde Licht“ in eurem Leben – das ist der Segenswunsch für dieses Paar, das sich nun auf einen gemeinsamen Weg macht. Es werde Licht – das ist hier nicht nur Gottes Schöpferwort, sondern auch Fürbitte der Menschen, die dem Brautpaar reichsten Segen wünschen.

Es werde also Licht überall dort, wo Menschen sich aufmachen. Es werde Licht, wo Menschen sich verbünden, den Hass überwinden und neu beginnen, ganz neu. Sie erkennen vielleicht den Text dieses neuen geistlichen Liedes aus dem Jahr 1989. Dem Wendejahr, das für Sie in Greifswald und gerade hier im Dom St. Nikolai eine bleibende Bedeutung hat. Denn schon im Sommer 1989 lag‘s ganz deutlich in der Luft – das Licht der Freiheit. Als bei der Wiedereinweihung Hunderte an diesen Ort zusammenströmten, durchaus empört, Erich Honnecker in der ersten Sitzreihe zu wissen. Bei Licht betrachtet ein so kleiner, deutlich gezeichneter Mann, erzählte mir ein Augenzeuge, der hinter ihm saß. Regelrecht winzig aber wurde er, als all die Christen in der Gemeinde anhoben und mit einer Stimme den Choral, nein, nicht sangen, sondern schmetterten: „Großer Gott, wir loben dich, Herr wir preisen deine Stärke!“ Ich liebe das Subversive meines Glaubens.

Die Sehnsucht nach Licht brach sich Bahn, nach Freiheit, nach einem neuen Anfang. Es werde Licht – jede einzelne der unzählbaren Kerzen, die die Demonstrierenden in Händen hielten, sprach von Lebens- und Freiheitswillen. Und von der Sehnsucht nach Zukunft, danach, dass Chaos und Beschattung endlich aufhören mögen. „Ihr Gerechten, freuet euch des Herrn und danket ihm!“ Das lag in der Luft und natürlich denke ich an diese Wendezeit, wenn ich hier bei Ihnen predigen darf – als eine, die vier Wochen nach dem Mauerbau in Schleswig-Holstein geboren wurde. Und die ich bis heute beeindruckt bin von dieser mitreißenden Freude im Herbst 1989.

Wahrlich Anlass für eine Hochzeitskantate, sollten doch Ost und West zusammenwachsen, weil sie zusammengehören, und ist doch gerade auch unsere Nordkirche eine Art Bekenntnis: „So knüpfet denn ein Band, das so viel Wohlsein prophezeihet.“ Das ist bald 33 Jahre her und unsere Nordkirche ist jetzt gerade zehn Jahre alt. Und wie in jeder guten Ehe ist der Schwung des Anfangs ein kleines bisschen behäbiger geworden. Himmel und Erde berühren sich nicht mehr unbedingt täglich, Ost und West mögen nicht immer nur „ihr Glück eins an dem andern finden“, wie der Kantatentext sagt. Aber ganz sicher ist: Wir gehören wirklich zusammen. Und immer häufiger spielen Ost oder West keine Rolle mehr. Ich bin von Herzen froh darüber. Möge dieses Licht uns immer wieder neu aufgehen. Denn auch wenn es inzwischen lange her ist: Das Wunder von 1989 strahlt wie ein helles Licht in unsere Welt hinein. Wer hätte für möglich gehalten, dass ein so tiefer Riss durch ganz Europa überwunden werden kann? Friedlich!

Gerade jetzt ist diese Erinnerung so wichtig. Die Erinnerung, dass eine Vision tatsächlich Wirklichkeit werden kann. Gerade jetzt, wo das Friedenslicht in Europa so verdunkelt ist. Der unfassbare Angriff gegen die Ukraine, diese unerträgliche Verletzung von Völkerrecht und Menschenrecht, dass man sogar weltweiten Hunger riskiert und quasi als Waffe einsetzt. Dieser Krieg stellt unsere Welt auf den Kopf und konfrontiert uns mit so viel Dunkelheit, Verunsicherung und menschlichen Abgründen. Es werde Licht im Osten unseres Kontinents und damit für die Zukunft der ganzen Welt. Das muss unsere inständige Friedensbitte bleiben!

Es werde Licht. Das könnte also wie gesagt die Überschrift für den ersten Teil der Kantate sein. Den viel, viel längeren Teil. Ungefähr 20 Minuten lang wird das Licht herbeigesungen. 20 Minuten Hoffnung, Begehren, Zukunftsverlangen. 20 Minuten, in denen die beiden Hörner schweigen müssen, dieses Pärchen, das – so möchte ich das deuten – das Licht hörbar machen. Das Licht in dem endlich glücklich vermählten Paar. 20 Minuten lang: Es werde Licht. Und dann wird die Kantate so kurz und so knapp wie die Schöpfungsgeschichte: Und es ward Licht. Keine Minute dauert der zweite Teil, der Choral.

20 Minuten Hinsingen zur Liebe, zum Glück, zum Segen. Und nicht einmal eine ganze Minute Erfüllung. Kein ewig währendes Strahlen, kein märchenhafter Schluss. Bachs Kantate entzündet das Licht und überlässt es dem Leben. So wie es mit dem Neuanfang von 1989 war. So wie es mit so vielen Anfängen und Hoffnungen in unserem Leben ist. Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen. Wir brauchen ihn immer wieder, diesen Schöpfungsruf Gottes: Es werde Licht! Und wir werden in dieser verwundeten Welt nicht fertig mit unserer innigen Bitte um Licht, um Frieden, um Heil. Erst recht in dieser so krisenerschöpften Zeit mit Pandemie, Krieg, wirtschaftlicher Unsicherheit und der großen Frage, was der Klimawandel bedeuten wird. Die ganze Sehnsucht der Menschen, gerade auch der jungen Menschen liegt in dieser Bitte: Es werde Licht! Damit für die Zukunft aller Menschen nicht nur „viel Wohlsein prophezeihet“, sondern Wirklichkeit werden möge.

Eine segenssehnsüchtige Hochzeitskantate mit viel Licht. Die Greifswalder Bachwoche sendet damit eine ganz wunderbare Botschaft aus. Und eine biblische noch dazu. Denn wussten Sie, dass die Bibel sich die allerhöchste, endzeitliche Erfüllung aller Hoffnungen als eine Hochzeit vorgestellt hat? Kein Garten wie im ersten Kapitel, kein neuer Himmel und keine neue Erde – das ist für die Bibel alles nur Vorspiel. Das entscheidende, endzeitliche Glück bricht an, wenn Jesus als der Bräutigam kommt und seine Braut, die junge Kirche, heiratet. Ganz am Schluss im letzten Kapitel der Bibel. Sehnsucht pur steht da in den allerletzten Zeilen der Offenbarung. „Ja, ich komme bald“, verspricht Jesus dort. Und voller Heils- und Friedensverlangen antwortet die Gemeinde: „Amen, ja, komm, Herr Jesus!“ Und dann ist Schluss. Oder fängt alles an.

Eine sagenhafte Spannung, die sich nicht mit dem Tonika-Schlussakkord auflöst. Hoffnung, die nicht aufhört, heißt das, die nach vorne treibt, die lebendig hält. So stellt die frühe christliche Gemeinde sich das Leben vor. Und so hat Johann Sebastian Bach es in leuchtende Töne gefasst. Nun danket all und bringet Ehr – mit Hörnern, die endlich vereint strahlen dürfen.

Und dann – ja, dann geht es in den Alltag zurück. In Ihren und meinen. Mit wundervoller Musik im Herzen und der unzerstörbaren Zuversicht, dass das Licht immer wieder über die Dunkelheit siegen wird. Unserem großen Gott sei Dank. Amen.

Datum
15.06.2022
Quelle
Kommunikationswerk der Nordkirche
Von
Kirsten Fehrs
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