Abendmahlsgottesdienst am 6. Sonntag nach Trinitatis
12. Juli 2026
Predigt zu Apostelgeschichte 8, 26-39
Liebe Geschwister aus nah und fern, liebe Domgemeinde,
Hochsommer in Berlin. Viele Berlinerinnen und Berliner sind jetzt mal weg, raus aus der Hitze der Stadt, sind am Meer, in den Bergen, in ihrer Datscha. Das nun wiederum fällt gar nicht weiter auf, weil gleichzeitig so viele Gäste aus aller Welt in diese Stadt strömen. Über 12 Millionen waren´s im vergangenen Jahr. Etwa eine halbe Million davon hat den Berliner Dom besucht. Zu einem Gottesdienst, so wie Sie heute – herzlich willkommen! Oder zum Konzert. Oder zum Sightseeing. Unabhängig, ob sie in der Kirche sind, suchen sie sie dennoch auf. Vielleicht weil sie interessiert sind an der Geschichte. Oder sie suchen die Kühle oder die Schönheit des Erhabenen, suchen die Stille, solch schöne Musik wie eben, gute Worte – und in all dem vielleicht ja auch etwas, das sich nicht so leicht benennen lässt. Die Sehnsucht nach mehr. Nach Ruhe. Endlich runterkommen. Nach einer Inspiration, die dein Leben noch einmal neu ausrichtet. Oder nach einer Kraft, die dich geborgen sein lässt und zugehörig und die in dir zusammenhält, was sonst zu zerreißen droht.
Gewiss war der Kämmerer, der Finanzmanager aus unserem Predigttext auch getrieben von einer tiefen Sehnsucht. Immerhin macht er sich auf eine sehr lange Reise. Von Äthiopien nach Jerusalem, tagelang staubige Wege, brütende Hitze. Der dunkelhäutige Reisende ohne Namen steht in Diensten einer Königin, ist hochgebildet, vermögend, welterfahren. Und wie sich herausstellt: religiös neugierig. Weil auch ihm Entscheidendes fehlt zum ganzen Glück, obwohl er ja eigentlich alles hat. Jedenfalls reist er ins religiöse Zentrum dieser Zeit, nach Jerusalem, um im Tempel zu beten. Für ihn als Eunuchen allerdings ist das gesetzlich verboten. Sie weisen ihn ab. Sein Geld allerdings nicht. Gern verkauft man ihm eine teure Schriftrolle aus Papyros, mit Worten des Propheten Jesaia.
Und da sitzt er nun, auf der Rückreise in der schaukelnden Kutsche, und studiert den Text. Aber weit kommt er nicht. Von wem redet der Prophet da? Von sich selbst? Von jemand anderen? Und wer ist nun das Lamm, das geschlachtet wird? Da taucht am Straßenrand plötzlich einer auf, wie gerufen. Und wirklich, Philippus steht da nicht zufällig. Ein Engel hat ihn geschickt, sich an genau diese Straße zu stellen und auf genau diesen Suchenden zu warten. Manchmal gibt es ja wirklich solche lebenswendenden Begegnungen, unverhofft, der richtige Mensch zur richtigen Zeit mit der richtigen Frage: „Verstehst du auch, was du liest?" Das ist nicht: „Bist du schon in die Kirche eingetreten?“ Nicht: „Glaubst du da alles auch richtig?“ Sondern: „Kann ich dir helfen auf deinem Weg? Kann ich dir helfen zu verstehen, was deinem Leben fehlt, was dein Leben tragen und halten könnte?“ Und dann erklärt Philippus, der Jesusjünger, dem Suchenden, was er seinerseits verstanden hat. Sie kommen angeregt ins Gespräch über die hebräische Bibel und den neuen Glauben an Jesus Christus, der an dieser Welt bisweilen auch verzweifelt ist – an ihrer Erbarmungslosigkeit, ihrer Kälte, ihrer Machtgier, ihrer Gewalt, unter der so viele Menschen leiden. Damals wie heute.
Es berührt mich heute sehr, dass der Autor der Apostelgeschichte diese Szene auf eine einsame, öde Straße nach Gaza gelegt hat. Ausgerechnet. Gaza – da kommen so viele Bilder hoch. Furchtbare Bilder des Terrors, tote, verletzte, trauernde Menschen, zerstörte Häuser, leidende Kinder. Bilder von einem Krieg, der kein Ende findet. In der Folge vergiftete Debatten, gefährdete Bündnisse, ein weltweiter, hasserfüllter Antisemitismus, der auch in diesem Land entsetzlich laut und gewalttätig geworden ist, auch in Berlin. Und gleichzeitig viele Menschen, die sich unverstanden und zum Schweigen gebracht fühlen, wenn sie auf die Not ihrer Verwandtschaft im Libanon, im Westjordanland, in Gaza hinweisen, auch in Berlin. Das alles ist grauenhaft, für alle Betroffenen, auf allen Seiten dieses unsäglichen Konflikts. Und es ist ja wahrlich nicht das einzige Grauen, das uns jeden Tag neu erschüttert sein lässt.
Ausgerechnet – die Bibel wählt diese einsame, lebensfeindliche Straße als symbolischen Ort der Frage nach dem Glauben. Das meint: Der Glaube hat seinen Ort eben nicht (nur) in der Idylle, in der Schönheit der sommerlichen Natur und der stillen Pracht eines Doms. Der Glaube ist gefragt in der staubigen Öde einer gewalttätigen und ungerechten Welt. Wenn die Ratlosigkeit besonders groß ist ebenso wie die Einsamkeit im Meer der großen Fragen, kann es passieren, so unsere Geschichte, dass genau dann einer am Wegesrand steht. Als Beistand in den Wüsten der Welt. Man muss ihn nur in die Lebenskutsche einladen. Denn der Glaube versteht eben nicht nur etwas vom Leiden an und unter dieser Welt, sondern vor allem vom Weg durch all das Leiden hindurch. Hin zu neuem Leben, das friedlich und gerecht für alle sein soll. Das ist unser Zukunftsbild! Dass die Lahmen gehen und die Tauben hören, die Kranken gesund und die Kinder glücklich werden. Wir glauben über die Realitäten hinaus eine österliche Hoffnung, die genau für all das aufsteht. Für mich ist es tägliche Weg-Weisung. Auch um handlungsfähig und lebensfreundlich zu bleiben. Das brauchen wir doch alle miteinander, damit wir nicht irre werden in dieser kämpfenden Welt. Wegweisung, die auch der Kämmerer in diesem Dialog mit Philippus auf seiner spirituellen Suche findet. So, dass den einsamen Reisenden plötzlich ein neues Gefühl ergreift: das Gefühl der Zugehörigkeit.
Denn das ist ja auch eine Sehnsucht, die mit ihm reist. Sie wird übrigens in einer aktuellen EKD-Analyse mit dem besonderen Wort „Gemeinweh“ beschrieben, also Heimweh nach Gemeinschaft. Weil sie allerorten zu zerbrechen droht, in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Politik. Es ist eine Sehnsucht nach Halt und Verlässlichkeit in einer Welt, in der sich viele Menschen verunsichert, überfordert, verletzt, übersehen, an den Rand gedrängt fühlen. Die deshalb so anfällig für die radikalen Positionen unserer Zeit sind. Die großen Angstmacher wissen derzeit leider zu genau, wie man die allgemeine Verunsicherung und Sorge bespielt. Sie benennen den Schmerz – und das können sie gut, denn der Schmerz über alle unidealen Verhältnisse und die schwindende Gemeinschaft ist ja real. Aber was die radikalen Kräfte als Heilung anbieten, vertieft die Wunden nur: angebliche Stärke durch Abgrenzung, Gemeinschaft durch Ausgrenzung, Identität durch Verachtung anderer. Sie erklären die Nächstenliebe zur größten Schwäche des Westens, sie überbieten sich in hämischer Herabwürdigung, und sie tun das mit einer Lautstärke und einer Selbstsicherheit, die wirkt – weil die Erschöpften nach Stärke suchen und diese Menschen Stärke zu verkörpern scheinen. Was sie aber wirklich verkörpern, ist die alte Kunst der Angstmacher: den Hass zu organisieren und ihn als Energie zu verkaufen. Das verfängt, die Wahlprognosen dieser Tage sind beunruhigend.
Das Evangelium hält glasklar dagegen. Und setzt in der Nachfolge Jesu auf ein Miteinander der Menschen, in der jeder, wirklich jede und jeder, als geliebtes Kind Gottes in Würde leben kann. In dieser Klarheit des Evangeliums liegt eine Stärke, die den Äthiopier anzieht. Es ist die Stärke eines Gottes, der selbst in Jesus Christus verachtet, beschimpft, zu Unrecht verurteilt wurde und am Ende elendig gestorben ist. Und deshalb immer auf der Seite derer stehen wird, die in den Augen der Welt schwach sind, die verfolgt und gedemütigt werden, wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihrer Sprache, ihrer Überzeugungen. Er steht auf der Seite derer, die den Frieden lieben und den Nächsten auch, so wie Jesus Christus es vorgelebt hat.
Es ist unsere Stärke, auf die unbedingte Liebe Gottes zu allen Menschen zu vertrauen. Liebe, die stärker ist als der Tod und am Ende stärker auch als all die Grausamkeit, die Menschen einander antun. Was für eine Stärke, das für möglich zu halten! Und sich daran (fest) zu halten. Das orientiert. Entgegen all derer, die den Sturm säen und Lust haben an der Zerstörung. Die Stärke der Liebenden, sie befreit von Angst und Bosheit!
Der Äthiopier entscheidet also schnell: Das hat er gesucht, zu dieser Gemeinschaft im Geiste Jesu Christi, diesem Menschenliebhaber, möchte er gehören – und lässt sich taufen. Ja, was hindert´s auch. Der Anfang ist gemacht, das reicht Gott für ein uneingeschränktes Ja. Du bist mein geliebtes Kind. Dir schenke ich neues Leben. Du gehörst zu mir und dich rufe ich bei deinem Namen.
Der Äthiopier hat einen Weg gefunden, sein Gemeinweh zu heilen. Die Taufe bedeutet Zugehörigkeit schlechthin. Nicht auf Kosten anderer, sondern in einer Gemeinschaft, die auf die Liebe setzt. Und so endet die Geschichte mit einem der schönsten Sätze in der Bibel: Er zog seine Straße fröhlich!
Und ja, genau diese Gemeinweh-Heilung bietet die Kirche. Heute und immerdar. Vielleicht ahnen sie das, die sommers in Kirchen eben nicht nur Kühle suchen. Vielleicht ahnen sie, dass hier etwas lebendig ist, das ihr Leben tragen kann: Segen und Taufe, Rituale, die das Leben wie das Sterben segnen, eine Tradition, die daran festhält, allem Irrsinn zum Trotz, zu danken, zu loben, zu beten, zu klagen, zu singen, das Brot zu teilen und das Wort. Gar nichts Spektakuläres. Aber Bleibendes. Nicht Nostalgie, sondern Konstanz. Aus ihr speist sich die trotzige Hoffnung. Seit Jahrtausenden. Hier ist die Kraftquelle, die allen zur Verfügung steht. Hier darf man einfach dazugehören, ohne erst etwas beweisen zu müssen.
Und deshalb: Zieht fröhlich eure Straße, liebe Geschwister. Beherzt und gestärkt. Nicht der Ohnmacht und der Depression das Feld überlassen. Nein, nehmt das von Gott geschenkte Leben entgegen, in aller Sommerpracht. Und wir wollen Gott bitten, mit Hanns Dieter Hüsch, dass er
„uns einen großen Sommer schenke
Den Familien einen Korb voll Ruhe (…)
Dass er das Geschrei aus der Welt nimmt und Stille verordnet.
Dazu gehört, dass er den Kriegern das Handwerk aus den Händen nimmt
Und denen, die ohne Arbeit sind, die Hoffnungslosigkeit
Und die Mächtigen nicht zu Mafiosi werden lässt
Alle können wir daran mittun (…)
Dass die Welt die Aufregung verliert
Und die Menschen sich länger ansehen können
Um sich zu sagen: Wir lieben euch! (…)
Auf dass unser Herz wieder Luft schnappen kann
Unser Auge aufhört zu zappeln
Und unser Ohr wieder richtig hört und nicht alles vergisst. (…)
Und wir wollen unseren Herrgott abermals bitten
Dieses Ansinnen von uns überall zu segnen
Und weil es sein muss, sofort und immerdar!
Danke und Amen.“ *)
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen
*) Hanns Dieter Hüsch, Segen für Alle Welt, aus: Michael Blum und Hanns Dieter Hüsch, Das kleine Buch zum Segen, Düsseldorf 2010, S. 34 in Auszügen