Sonntag, 21. Juni 2026 | Lübecker Stadion Lohmühle

Abschlussgottesdienst Kirchenmusikfest 2026

22. Juni 2026 von Kirsten Fehrs

Predigt zu Koll 3, 12-17

Liebe Musikfestgemeinde, liebe Geschwister,

wenn Ihr das von hier aus sehen könntet, ein wunderbarer Anblick! Ich freue mich von Herzen, Euch und Sie alle hier im Lohmühlenstadion zu sehen – und zu hören. Mit sensationeller, himmlischer Musik, ein Gemeinschaftserlebnis mit Hochgenuss. Was für ein großartiges Projekt ist das denn, hier alle in einem Stadion zusammenzubringen und zusammen klingen zu lassen, Posaunen und Piano, E-Gitarre, Saxophon und Schlagzeug und Geigen, alles da. Alle da! Und wie! Mir ist es ein großes Bedürfnis, all denen, die sich für dieses Musikfest vor, auf und hinter der Bühne mit so viel Herzblut engagiert haben, von Herzen Danke zu sagen. Danke an Euch alle hier, die Ihr Euch nach Lübeck aufgemacht habt. Und danke an all die Organisatoren und Mitdenkerinnen, die Ihr seit Monaten diese Tage geplant habt, mit reichlich kleinem Budget und eminent großer Leidenschaft.

Großartig auch, dass so viele aus den Gemeinden Lübecks gekommen sind, um den Abschluss des ersten Kirchenmusikfestes der Nordkirche zu feiern. Moin liebes Lübeck, liebe Gastgeberin, die du an so vielen Orten die Holstentore, Kirchen und Herzen geöffnet hast!

Ein so wichtiges Zeichen ist diese Gemeinschaft der Verschiedenen, jetzt und hier. Ein klares Zeichen des Friedens und der Verbundenheit in unserem Land, das mancherorts zutiefst zerrissen ist. Wir merken es doch alle, ob in der Familie, bei der Arbeit, in der Politik: Verschiedene Stimmen und Meinungen werden nur noch schwer ausgehalten. Da ist der Hitzegrad schnell erreicht. Die Geduld ist dünnhäutig geworden und die Zündschnüre sehr kurz.

Viele Menschen, so sagt es eine Analyse der evangelischen Kirche, leiden inzwischen unter heftigem Gemeinweh – also Heimweh nach Gemeinschaft, eben weil sie verloren zu gehen droht. Und deshalb sehnen sich so viele nach einem Gesellschaftskonzert, das die vielen Stimmen in dieser Welt orchestriert und zusammenhält, so dass der einfühlsame, gute Ton wieder Einzug hält. Was ja wichtig ist in unserer Gesellschaft der Smartphonisten, Individualisten und Einsamen.

Musik ist genau solch eine Sprache, die verbindet, weil sie klug ist und das Herz versteht. Und: Musik kann nicht lügen. Sie ist wahrhaftig und kraftvoll und deshalb so tröstlich. Musik kann ausdrücken, was uns bewegt, und bewegt in uns, was wir nicht zu sagen vermögen. Sie ist Herzenssprache. Meint auch der Autor des Kolosserbriefes, wenn er sagt: „Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.“

Alles andere also als schmückendes Beiwerk ist die Musik. Sie ist selbst eine Sprache des Glaubens. Eine Sprache, die die Seele in ihrer Tiefe erreicht, man weiß gar nicht so genau, wie. Genau das erleben wir ja gerade, drei Tage schon: Musik, ja Blech blasen und Singen lässt einen buchstäblich aufatmen. Musik ist der Notenschlüssel zu unserer Seele. Dass sie ihre Türen öffnet für die Freude. Denn Freude zu geben, inmitten all der Zerwürfnisse und Verstörungen dieser Welt, dazu hat die Musik studiert. Sie tröstet in friedloser Unruhe. Trauert mit den Heimatlosen und Geflüchteten. Sie fügt das Zerbrechliche, ja sie hält uns in einem Klang zusammen, auch mit all unseren persönlichen Brüchen im Leben. In all dem singt sie von der Liebe in Zeiten des Hasses und ihr Ostinato hört gar nicht wieder auf damit. Denn, so Luthers berühmter Satz, der nicht fehlen darf: „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Fröhlichen traurig, die Verzagten herzhaft zu machen, die Hoffärtigen zur Demut zu reizen, die hitzige Liebe zu stillen, den Neid und den Hass zu mindern.“ Worte für unsere Zeit 2026 mit all ihrem Irrsinn, mit ihren Despoten, Kriegen, Klimanöten und Kakophonien …

Nicht umsonst, dass mir das wunderbare Märchen von Richard Volkmann von Leander über „Die himmlische Musik“ von 1870 in diesen Tagen nicht aus dem Kopf geht. Und das beginnt so: In alter Zeit war vom Himmel eine wunderschöne Musik zu hören. „Gott selbst hatte dazu die Noten aufgeschrieben, und tausend Engel führten sie mit Geigen, Pauken und Trompeten auf. Wenn sie zu ertönen begann, wurde es ganz still auf der Erde. Der Wind hörte auf zu rauschen, und die Wasser im Meer und in den Flüssen standen still. Die Menschen aber nickten sich zu und drückten sich heimlich die Hände.“

Ob diese göttliche Musik vielleicht so klang?

MUSIK / CHORSTÜCK

Was für ein Engel-Gloria! So muss es auch damals geklungen haben. Doch eines Tages, so geht das Märchen weiter, – mag sein, Gott hatte zu viele Kriege geschaut und Elend gesehen, noch viel mehr als wir! – eines Tages sagte er also: „Hört auf mit eurer Musik; ich bin zu traurig!“

Nicht lange, da weinten auch die Engel. Jeder Engel setzte sich mit seinem Notenblatt auf eine Wolke und zerschnipselte es mit einer kleinen goldenen Schere in lauter einzelne Stückchen; die ließen sie auf die Erde hinunterfliegen. Und der Wind zerstreute sie in alle Welt. Als die Menschenkinder das sahen, erhaschten sie die Schnipsel, jeder einen, die einen größere, die anderen kleinere und hoben sie sorgfältig auf, um ja nicht diese wunderschöne Musik zu vergessen.

Auf dem einen Schnipsel standen Noten fürs Horn, solche wie mein talentreicher Bischofsbruder Tilman Jeremias sie jetzt für uns spielt … (Bischof Jeremias spielt) und die Posaunenchöre freuten sich. Auf einem anderen Schnipsel standen Gitarrennoten mit einem hellen Duett … (Bischof Jeremias und Bischöfin Fehrs singen) und alle Kantoreien und Pop-Chöre freuten sich. Wieder ein anderer Schnipsel stammte vom Engel mit der ersten Geige … (Bischof Jeremias spielt) und alle Orchester freuten sich. So gab es wunderschöne Musik auf Erden. Alle spielten mit allen zusammen. Es war eine wahre Freude!

Aber – mit der Zeit begannen sie sich zu streiten, wer das beste und schönste Teil erwischt hätte; man ahnt es: Zuletzt behauptete jede:r, nur seines und ihres sei die richtige Melodie und der passende Ton und der andere spiele falsch, zu altmodisch, zu neumodisch, einfach daneben. So kamen noch mehr Streit und Unfrieden in die Welt.

Da ließ Gott durch seine Engel alle kleinen Schnipsel von seinem himmlischen Notenbuch wieder einsammeln, selbst die ganz kleinen, auf denen nur eine einzige Note stand. „Und die Engel werden die Stückchen wieder zusammensetzen, und dann werden die Tore aufspringen und die himmlische Musik wird aufs Neue erschallen, ebenso schön wie früher. Da werden die Menschenkinder verwundert und beschämt dastehen und lauschen und einer zum andern sagen: „Das hattest du! Das hatte ich! Nun aber klingt es erst wunderbar, herrlich, und so vielfältig, und alles klingt anders – und so schön!“

Die märchenhafte Lernkurve über die Himmelsklänge haben wir eigentlich nicht mehr nötig, wo es doch Kirchenmusikfeste gibt, bei denen jeder hören kann, wie schön die vom Himmel gefallene Musik klingt, in all ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt. So divers und lebendig. Halleluja. Was für ein Fest, so Musik zu machen! Dass wir mit den Stimmen Herzen erreichen, statt dass die Steine schreien, wie es im Evangelium heißt.

Das ist der tiefe Sinn heute in dieser zerrissenen Welt – dass wir dem lauten Schreien derer, die alles in den Dreck ziehen, die mit harten Urteilen die Andersdenkenden niedermachen, die die Empathie zur größten Schwäche der westlichen Welt erklären, dass wir ihnen unsere Dankbarkeit für die Schönheiten des Lebens entgegen singen und hoffen. Und damit Haltung zeigen, liebe Geschwister. Unsere Musik lässt sich nicht unterdrücken. Sie mischt mit im Weltkonzert mit herzlichem Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit, Geduld und Liebe. Als Sprache, die Menschen verbindet und sich nicht davon abbringen lässt, mit jedem Ton den Frieden zu ersehnen. Dieser Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Musik, unsere Herzen und Sinne und unser Miteinander, in Jesu Namen.

Amen.

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