16. November 2015 | Berlin

Aus der Spannung wächst die Freiheit des Bekennens

16. November 2015 von Gerhard Ulrich

Schlusswort von Landesbischof Gerhard Ulrich als Vorsitzender der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands bei der Verleihung der Lutherrose 2015

Sehr verehrte Frau Unseld-Berkéwicz,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

ein Schlusswort soll ich sprechen. Aber nicht das letzte Wort will ich haben, so, als wäre alles gesagt. Gut ist es, wenn am Ende nicht alle Fragen beantwortet sind, Fragen offen bleiben nachdem der Vorhang gefallen ist.

Sie, sehr geehrte Frau Unseld-Berkéwicz, haben mit Ihrem Dankwort eben selbst den Vorhang offen gehalten, ja: ihn  weiter aufgezogen, damit der Schmerz, den die Ambivalenz des Rosennamen-Gebers Martin Luther, das schier Unerträgliche seiner Theologie, die dunkle Seite seines Wirkens zu Tage tritt und am Tage bleibt: jene Ungeheuerlichkeiten, die er über die Juden gesagt hat, unverzeihlich sein Wüten und eben nicht Ausrutscher eines Verstandes, der es eben nicht besser gewusst hat. Für das Offenhalten dieses Vorhangs danke ich Ihnen von Herzen, und gratuliere Ihnen umso kräftiger und überzeugter zu der Auszeichnung, die wir Ihnen heute verliehen haben! Ihr Wort eben, Ihre Ansprache hat nicht nur diese Auszeichnung gerechtfertigt, sondern ist, wie ich finde, ein wichtiger und entscheidender Beitrag auf unserem Weg auf 2017 zu! Und es ergänzt wunderbar die gerade vor wenigen Tagen in Bremen von der Synode der EKD  verabschiedete Erklärung zu Martin Luthers Schriften über die Juden. Ich sage noch deutlicher: nur wenn wir bereit sind, diesen offenen Vorhang auszuhalten, die Ambivalenz dieses Reformators auszuhalten, sind wir in der Lage und überhaupt auch nur berechtigt, das Reformationsgedenken zu feiern, zu begehen. Denn nur in der Spannung von Unsäglichkeit und mutiger Revolte ist dieser Martin Luther zu haben, ist die Freiheit nur zu haben, die er sich nimmt und zu der er seine Zeit und alle Zeit ermutigt. Aus der Spannung wächst die Freiheit des Bekennens und im Hinschauen auf die Bühne auch seines Verrats an den Juden kann wachsen das, was Protestantismus stark macht: kritische Freiheit des Allgemeinen Priestertums, das nicht Helden braucht, sondern dem Wort vertraut, der Macht der Wahrheit. Danke also für Ihr Schlusswort: nur, was schmerzt, kann heilen auch!

Und nun bin ich gebeten, den Tag zusammenzufassen:
einen weiten Bogen sind wir miteinander gegangen am heutigen Tag:
Das Niederländische  Luther-Brevier ist uns präsentiert worden und auf das Dänische Luther-Brevier ist uns lecker gemacht worden: nächstes Jahr in Kopenhagen!
Die schier unverwüstliche und, noch einmal: ambivalente Kraft des Wortes dieses Reformators, die sich kaum zwischen Buchdeckel zwingen lässt – und doch von dort ihren segensreichen Weg gehen kann;  dem Vergessen entgegenhalten die Lebenskraft des geistigen, auch poetischen, immer aneckenden und widerständigen Wortes des Theologen, dessen Rede aus dem Hören kommt, aus dem Hören auf das Wort, das Fleisch geworden war. Und trotz aller Verwirrungen und Unsäglichkeiten, die auch dabei sind, wenn man diesen Luther liest: gegen die Juden, gegen die Schwärmer; trotz auch der Gewalten, die er entfesselt hat und der Verbrechen, die sich rechtfertigend auf ich  beriefen: ohne ihn und seine Mitreformatoren ist die Freiheit, aus der Verantwortung wachsen muss, nicht denkbar. Die Reformation hat, indem sie die Schrift ins Zentrum rückt wieder, den Glauben und das Gewissen re-integriert in die je einzelne, unverwechselbare Person, die ihren Wert und ihre Würde von Gott hat. Vor Gott und dem Gewissen richtet sich unser Tun und Reden aus. Christenmensch: freier Herr und niemand untertan; dienstbarer Knecht und jedermann untertan. Frei aus Glauben und frei zur Liebe am Nächsten.

Wir haben ein Podium verfolgt über die Chancen und Risiken der Finanzwirtschaft – wichtiger Rahmen einer Gesellschaft mit menschlichem Antlitz. Wir brauchen eine Wirtschaft, die dem Menschen dient – nicht umgekehrt darf es sein. Eine Wirtschaft brauchen wir, Präsident Grillo hat darauf aufmerksam gemacht, die nicht nur Geld, sondern vor allem Vertrauen verdient!

Und wir brauchen verantwortungsbewusste Unternehmerinnen und Unternehmer, die wissen um ihre Verantwortung und auch um die Begrenztheit ihrer Macht. Und die gerade darum mutig gestalten und Verantwortung übernehmen für die Gesellschaft insgesamt. Auch hier gilt und trägt das Verhältnis von Freiheit und Verantwortung. Keine Freiheit ohne Bindung, ohne festen Grund.

Und wir haben mit Ihnen, sehr geehrte Frau Unseld-Berkéwicz, eine solche Unternehmerin geehrt, die zugleich, Christian Lehnert hat das betont, Poetin ist, aus der Kraft des Wortes lebt und arbeitet.

Sie sind eine, die in wünschenswerter und von vielen vermisster Klarheit betonen, dass diese Welt nicht aufgeht in dem, was wir sehen, berechnen, begreifen. Da ist mehr und anderes, was unsere Vernunft übersteigt. Da ist – Sie zitierten Christian Lehnert – „der Gott, den es nicht gibt und den ich vermisse und der mir begegnet“! Sie stellen sich mutig quer zur Welt, wenn es sein muss, stellen unbequeme Fragen lieber, als bequeme Antworten zu geben.

Diese Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint, braucht die Kraft des Wortes – umso mehr angesichts des Unsagbaren, des Unbegreifbaren des Hasses und der Gewalt, des Terrors – gerade dieser Tage. Wir brauchen das fragende Wort, das tröstende, das aufbrechende – gegen alle Verdrängung und gegen die Angst.

Wir erleben ja den heutigen Tag und reden miteinander und hören auf dem Hintergrund der Ereignisse in Paris. Wir haben zu Beginn des Festaktes in Stille miteinander verharrt. Trauer und Entsetzen, Bilder von Gewalt, von herumirrenden Menschen, von Blumenmeeren und Kerzen laufen doch auch hier mit. Und gerade, wenn es uns die Sprache verschlägt, brauchen wir Worte, die die Enge der Angst wieder aufmachen. Nicht schweigen darf jetzt, gerade jetzt, das Wort der Freiheit, das Wort des Friedens, das Wort der Barmherzigkeit, das auf Hoffnung beharrt und das Vertrauen nicht wegwirft in die Kraft des Friedens und der Liebe. Das ist couragiertes Reden, wenn wir jetzt den Mund auftun und Freiheit behaupten, Dialog der Religionen führen und von Gott reden, der das Leben liebt und nahe sind denen, die die Freiheits- und Friedenskräfte der Religionen, aller Religionen ins Spiel bringen – nur die Religionen können das und müssen das tun. Es wäre entsetzlich, geradezu den Terroristen, den Mördern und Lebensverächtern in die Hände gespielt, wenn wir jetzt die Harfen in die Weiden hängen würden! Und es absolut nicht couragiert, es ist nachgerade verantwortungslos, jetzt polarisierend zu reden, jene für naiv und gefährlich zu erklären, die dem Frieden das Wort reden und auf Barmherzigkeit und Liebe setzen gerade zu denen, die fremd sind und geflohen vor dem IS nach Europa, wo sie sich sicher wähnten vor den Schlächtern – und nun erleben sie: sie sind ihnen gefolgt hierher, die mörderische Gewalt war schon hier, mitten im friedlichen, offenen Europa! Es ist nicht couragiert, es ist gefährlich, wenn nun die Angst, die der Terror erneut ausgelöst hat, benutzt wird, die Debatte um Flüchtlinge und Migranten anzufeuern. Wir gehören an die Seite dieser Menschen, nicht ihnen gegenüber! Jeder, der das Wort bemüht, muss wissen um die Verantwortung, die mit dem Reden verbunden ist, wenn es nicht aus dem Hören wächst vor allem!

Vorgestern habe ich mit Schauspielerinnen und Schauspielern des Ensembles des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin geprobt für unsere nächste Theaterpredigt zu Szenen aus Ibsens „Volksfeind“. Um die Macht der Wahrheit geht es da – und um die Wahrheit der Macht. Und kurz bevor dann die Abendvorstellung beginnen sollte, rückten die Schauspieler damit heraus, dass sie unsicher seien, ob sie denn nun, Stunden nach „Paris“ überhaupt würden spielen dürfen oder können. Geht das? Und wie?

Und sie baten mich, etwas zu sagen, bevor der Vorhang aufging, ihnen und dem Publikum.
Und ich habe versucht, das Unsagbare in Worte zu bringen. Habe von der Angst gesprochen, aber auch von dem Mut, mit dem die Pariser Bürgerinnen und Bürger gemeinsam ihre Trauer und Fassungslosigkeit trugen am Tag danach, wie sie trotzig sicher waren, sich nicht unterkriegen zu lassen und ihr Leben nicht bestimmen zu lassen von Mördern. Ich habe von dem Fußballspieler erzählt, von dem ich gehört hatte, dass er zur zweiten Halbzeit des Länderspiels nicht wieder aus der Kabine ging, weil er unbedingt mit den Seinen zu Hause telefonieren wollte und weil er Angst hatte: er wollte hören die Stimmen der Vertrauten. Ich habe von dem Gott Abrahams und Jesu geredet, der das Leben will und dessen Name missbraucht ist, wenn er für Gewalt angerufen wird. Und ich habe von dem „Fürchtet euch nicht“ der Engel gesprochen, das die zuerst hörten, die im Finstern saßen und die mit dem Hören auf die Beine kamen. „Fürchte dich nicht“! Das verleugnet nicht das Furchtbare, aber es ermutigt, auszuschreiten. Und dann, nachdem der Vorhang aufgegangen war und das Spiel trotz allem und nun erst recht begann, haben es die Darsteller gewagt und geschafft, die Ereignisse des Tages hilfreich schützend einzubinden in Text und Bilder, Szene und Kulisse. Improvisiert stellvertretend aus Herzen nicht Mördergruben werden lassen. Und so, auf die Bühne gebracht, auf der es immer um alles geht, konnte die Welt wieder ertragen werden. Die Macht der Wahrheit aus der Kraft des Wortes: da war und ist die wieder.

Das habe ich verstanden von unserer Preisträgerin: dass nicht verschwinden darf die Kraft und die Macht des Wortes, die Fähigkeit des Hinhörens auf das auch, was quer oft steht zu unserer Welt und nicht aufgeht im Sichtbaren und Berechenbaren. Und das zugleich birgt die Fülle und die Schönheit des Lebens, an der alle teilhaben sollen in dieser Einen Welt.Ich schließe mit der Losung des Tages, sie steht beim Propheten Jeremia – auch ein Wort, das aufschließen will und vergewissern:

„Deine Augen stehen offen über allen Wegen der Menschenkinder“.
So danke ich für die Fülle dieses Tages allen, die geholfen haben, ihn zu gestalten.

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