31. Oktober 2018 | Jenisch-Haus Hamburg

Begegnung zwischen Kirche und Kunst, zwischen Museen und Musen

31. Oktober 2018 von Kirsten Fehrs

Kultursalon am Tag der Reformation, Eröffnung

Willkommen, liebe Gäste, zur schönen neuen Welt,
heute und hier im Jenisch-Haus
am 501. Tag der Reformation –
willkommen zu diesem außergewöhnlichen Kultursalon, der klar signalisiert: am Tag der Reformation – jetzt ja Feiertag! – geht es eben nicht um eine rein protestantische Feierlichkeit, sondern um Dialog der Verschiedenen, um Begegnung zwischen Kirche und Kunst, Kultur und Religion, zwischen interreligiösen Gruppen, religiösen und nicht-religiösen Menschen, um die Begegnung zwischen Museen und Musen, zwischen existentiell Fragenden und klug Antwortenden (und davon dürfen wir heute den ganzen Tag prominenteste Menschen aus Kultur und Theater erleben!) Nicht rückwärtsgewandt die Reform-Bewegung, sondern nach vorn, in die Zukunft, wo Neuland ist und „schöne neue Welt“…

Danke, dass Sie alle hier sind, ich bin begeistert! Und das zu einem anspruchsvollen Programm. So möchte ich gleich zu Beginn all jenen danken, die das hier auf die Beine gestellt haben:
Danke, liebe Barbara Heine von Heinekomm für die Initiative dieses Kultursalons (eigentlich ist es ja schon der zweite). Eine echte Reform-Liebhaberin ist sie, voller Ideen, wen man noch mit wem vernetzen neu könnte in Podien, Workshops, Konzerten. Dies heute nun in bewährter Zusammenarbeit mit dem Altonaer Museum und der Ev. Akademie, lieber Jörg Hermann, die ja jedes Jahr um den Reformationstag herum eine evangelische Akademiewoche anbietet – dieses Jahr befasst mit dem Thema Digitalisierung unter dem Titel: „#Zwischen O und 1“. Nicht Technikeuphorie oder Kulturpessimismus treibt um oder aus, sondern die Frage ist: was wollen wir als Gesellschaft – und was nicht? Was macht Digitalisierung mit uns Menschen? Und wie lässt sie sich zum Wohle Aller gestalten?

Und das im Jahr 501 nach der mit dem Thesenanschlag entzündeten Reformation, jener auch medialen Transformation, die ganz Europa verändert hat. Aufklärung, Bildungsreform, Armenfürsorge – hier in Hamburg beispielhaft in Gang gebracht durch die Stadtverfassung von Bugenhagen, die er 1529  auf Plattdeutsch schrieb – gut so.
Denn so verstanden ihn die Leute wenigstens. Verstehen und Erkennen, ja Selbsterkenntnis und damit auch Selbstkritik – die Emanzipation des Ich war der entscheidende Impuls der Reformation.

Denn Ausgangspunkt der Reformation war die Frage Luthers: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Heißt ganz modern: Wo bin ich in diesem Weltenspiel? Was hält mich? Ist mir Kompass? Was nützt, hilft mir?
Es ist diese Entdeckung des Ich, mit der die Reformation ihre Dynamik erhielt. Selber denken, selber handeln, selber glauben – darum ging es. Damit ist nicht etwa der besorgniserregend um sich greifenden Egomanie das Wort geredet. Nein, es geht um die Stärkung des Ich für ein neues Wir!

Einer der wichtigsten Punkte, den wir als Kirche in der gegenwärtigen großen gesellschaftlichen und politischen Unsicherheit beitragen können, ist die Stärkung des einzelnen Gewissens. Angesichts der Spaltung und Polarisierung, die unserer Gesellschaft gegenwärtig drohen, hilft nur ein innerer Kompass. Gegen die sich verbreitenden Fake-News hilft nur ein klarer Maßstab, der Nachrichten an der Wahrheit misst und nicht an der Emotion.

Und das gilt nicht nur für uns als Kirche, sondern für alle Institutionen. Ob es der Qualitätsjournalismus ist, die Kultur, die Parteien und Gewerkschaften – alle sind gefragt als Institutionen, die dazu da sind, dass sich nicht das Recht des Stärkeren durchsetzt. Demgegenüber erleben wir in all diesen Bereichen, dass der einzelne Mensch der Institution mit großer Distanz gegenüber. Die Kluft zum Wähler, zur Zuschauerin, zum Mitglied, zum Beitragszahler – sie wird immer größer. Die Institution hat wohlmeinendste Absichten, aber sie erreicht die Menschen nicht mehr.

Dabei ist die Bedeutung der Technik und insbesondere der Digitalisierung bei dieser Infragestellung der Institutionen von großer Bedeutung.
Dazu ein paar kurze Beispiele.
Erstens: die Medien. Wir haben in den 2000er Jahren erlebt, wie sich die klassischen Medien peu a peu digitalisiert haben. Jede Publikation, jeder Sender ist inzwischen auch im Internet vertreten. Das ist natürlich ein ungeheurer Gewinn für jeden Einzelnen, kann ich mir doch blitzschnell verschiedenste Informationen aneignen. Die taz hat jüngst in einer vielbeachteten Ankündigung bekanntgegeben, dass sie ab 2022, also in vier Jahren, nur noch digital erscheinen will. Vermutlich werden die meisten Medien hier nachziehen. Und doch hat sich mit dem Aufkommen des mobilen Internet und der sozialen Medien noch einmal etwas Grundsätzliches verändert: Immer mehr Nutzer verzichten ganz auf herkömmliche Medien und beziehen ihre Informationen nur noch über Facebook oder Whatsapp. Die klassische Institution der Redaktion entfällt dort. Die Vermittlung zwischen Leser und Ereignis wird verlagert auf Algorithmen.
Wir haben in den USA gesehen, welche enormen politischen Auswirkungen der Facebook-Wahlkampf eines Donald Trump hatte – und wer glaubte, dass hier keine Steigerung möglich sei, wurde am vergangenen Sonntag eines Besseren belehrt. Der neue brasilianische Präsident und Rechtsextremist Jair Bolsonaro hat sich zunutze gemacht, dass die meisten Brasilianer ihre Informationen inzwischen nur noch über WhatsApp beziehen.

Zweites Beispiel: Die Verlagerung des Konsums in das Internet gibt dem einzelnen ungeahnte Freiheiten. Alle Waren sind bequem vom heimischen Sofa aus zu bestellen. Kleine Läden verschwinden, auch sie eine vermittelnde Institution zwischen Käufer und Warenwelt.
Schauen wir dazu auch in die USA: Durch Firmen wie Uber, die in vielen Städten der Welt Online-Vermittlungsdienste zur Personenbeförderung anbieten, sind bereits jetzt in manchen amerikanischen Städten ein Großteil der Taxis verschwunden. Der Einzelne kommuniziert einfach direkt mit dem (natürlich nirgendwo angestellten oder versicherten) Fahrer, ohne dass ein Unternehmen zwischengeschaltet ist.

Und schließlich ein drittes und letztes Beispiel: Kunst und Kultur. Hier scheinen die Umwälzungen durch die Digitalisierung noch am unauffälligsten. Jedoch: Dank künstlicher Intelligenz können Technikprogramme inzwischen ausgefeilte Texte schreiben. Oder Gemälde erstellen – bereits vor zwei Jahren hat ein Computer, der mit den Daten aller Rembrandt-Bilder gefüttert wurde, einen neuen Rembrandt gemalt. Und dass auch Schauspieler, die am Computer generiert werden, immer lebensechter wirken, können Sie selbst jeden Tag im Kino nachvollziehen. Ganze Berufsbilder und die damit zusammenhängenden Institutionen sind im Wandel, wenn nicht gar gefährdet.

Alle drei Beispiele, und ich könnte noch viel mehr nennen, treiben den Ansatz der Reformation scheinbar auf die Spitze: Der und die Einzelne kann sich ohne Vermittlung einer Institution direkt und unmittelbar mit dem Weltganzen in Verbindung setzen. Er gewinnt dadurch große Freiheit und Unabhängigkeit.

Und doch ist diese Freiheit natürlich immer nur die Freiheit eines Abhängigen. Sehr deutlich ist das zu sehen bei den erwähnten Nachrichten über Facebook und WhatsApp, wo der Wegfall der Institution „klassische Redaktion“ eben der Manipulation durch einzelne Mächtige Tür und Tor geöffnet hat.
Und wenn wir wiederum nach Brasilien schauen, dann sehen wir auch: Der Rechtsextremist Bolsonaro hat die Wahl auch deswegen gewonnen, weil eine der ältesten Institutionen des Landes zerbröckelt: Die katholische Kirche. Inzwischen blühen dort unendlich viele kleine Pfingstkirchen, 30 Prozent der Bevölkerung zählen sich dazu, die ihrerseits versprechen, dass der Einzelne das Heil komplett ohne Institution finden kann.
Auf genau diese Ideologie hat der Wahlgewinner gesetzt: Radikale „Reformation“ plus neue Soziale Medien. Abbau der Institution auf jeder Ebene. Ich gestehe, das ist mir unheimlich. Das Versprechen größerer Freiheit und Individualität gegen einengende und altmodische Institutionen ist sehr en vogue. Es kann jedoch in Unfreiheit und Diktatur umschlagen, wenn es die alten Institutionen des gesellschaftlichen Ausgleichs nicht durch neue ersetzt werden.

Ich glaube, dass wir beide, Kirche und Kultur hier eine wichtige Aufgabe haben. Sie müssen immer auch die kritische Distanz des Einzelnen zu sich selbst fördern. Sie sollen das ICH ernstnehmen, aber immer wieder mit dem WIR konfrontieren. Mir selbst ist dabei immer das Lutherwort über die doppelte Freiheit eines Christenmenschen eine Richtschnur: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Angelehnt ist das ja bekanntlich an Paulus, der in 1 Kor 9 schreibt: „Ich bin frei in allen Dingen und habe mich zu jedermanns Knecht gemacht.“

Eine wichtige Richtschnur auch im digitalen Zeitalter – Freiheit in aller Dialektik. Ich wünsche Ihnen anregende Stunden und interessante Einsichten und danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

 

Datum
31.10.2018
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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