27. Januar 2020 | Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg

Bertini-Preisverleihung

27. Januar 2020 von Kirsten Fehrs

Festrede

Es gilt das gesprochene Wort
Anrede

„Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen, oder politischen Anschauungen, oder seiner sexuellen Orientierung benachteiligt oder bevorzugt werden.“ – sozitiert der etwa 12-jährige Schüler Jonathan auswendig Artikel 3 unseres Grundgesetzes, beeindruckend. Und dann beginnt Udo Lindenberg zu singen: „Komm, wir ziehen in den Frieden. Wir sind mehr als du glaubst. Wir sind schlafende Riesen. Aber jetzt stehen wir auf.“ Und dann singen es alle: der Jugendchor auf der Bühne, Udos Band, das Publikum, all die Fans, etliche so alt wie Udo. „Stell dir vor, es ist Frieden, und jeder geht hin“, singen sie. Alle Generationen, lautstark und irgendwie berührt, denn sie ist dran, diese alte neue Friedenshymne. Udo dazu: „Utopien sind zum Vorverlegen da – Kinder werden nicht als Rassisten und Kriegstreiber geboren, sie sind unsre Hoffnungsträger für eine friedliche Welt […].“

Hoffnung und Frieden. 75 Jahre schon. Mit einem Grundgesetz und Menschenrechten, die in ihrer Sprache so klar sind wie unantastbar. Dafür steht der Bertini-Preis. Er ist Hoffnungssymbol. Und Friedenszeichen. Danke, liebe Isabella, danke allen, die sich – 22 Jahre schon – zutiefst überzeugt dafür engagieren, zu zeigen: Die jungen Menschen in unserer Stadt schauen hin, genau dorthin, wo die Menschenrechte mit Kampfstiefeln getreten wurden und getreten werden; sie wehren den Anfängen, machen sich gerade; sie sind Riesen, die aufstehen für die Menschlichkeit.

Ein Hoffnungszeichen  – gerade an diesem Tag, am 27. Januar 2020, dem 75. Gedenktag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Bilder unvorstellbaren Grauens gingen um die Welt und gehen immer wieder an die Seele. Als sich die Tore öffneten unter dem zynischen Schriftzug „Arbeit macht frei“, schauten die Soldaten der Roten Armee direkt die Hölle, das blanke Entsetzen in den Augen. Wir erinnern dies heute, um niemals zu vergessen, was Menschen einander antun können. Wir gedenken all der Opfer – sechs Millionen jüdische Männer, Frauen und Kinder –, die den entsetzlichen und nicht in Worte zu fassenden Gräueltaten der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen sind. Wir gedenken der Homosexuellen, der Sinti und Roma, der Menschen mit Behinderung, der Euthanasieopfer; wir gedenken der Männer und Frauen im Widerstand, der Andersdenkenden, Politiker*innen, Gewerkschafter*innen, Zwangsarbeiter*innen. So viele Gruppierungen! Unendlich die Grausamkeit, die Kälte, der Schmerz.

Wir erinnern dies voller Trauer und Demut und sagen damit: Nie wieder ein Kreuz, das mit Haken pervertiert wird. Nie wieder Rassenwahn, Menschenverachtung, Kriegstreiberei.

„Wir werden eingetaucht“, so  sagt es die Dichterin Hilde Domin von der Erinnerung: „Wir werden eingetaucht und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen, wir werden durchnässt bis auf die Herzhaut.“  Durchnässt zu werden, uns berühren zu lassen bis an die Herzhaut, das ist die Herausforderung an einem solchen Gedenktag, dem 75. Es gehört in unserer Gesellschaft Mut dazu, sich berührbar zu zeigen. Denn es heißt, sich emotional auszusetzen und verletzbar zu machen. Genau das habt ihr, liebe Bertini-Preisträger*innen getan – danke dafür. Ihr habt bewegende Projekte in unsere Hände gelegt, damit sie unsere Herzhaut berühren. Erinnerungsprojekte, um Menschen, Kindern und Frauen, die unter dem NS-Regime unsagbare Qualen zu leiden hatten, eine Stimme zu geben. Ihr zeigt euch mit eurem Nachdenken über die Menschenrechte und steht ein für Inklusion, outet gar euch selbst  als sogenannte „Förderkinder“  und erzählt uns, was wir endlich mal zu lernen haben. Gut so – wir brauchen eure Stimme. Eure Mahnung. Euer Hinsehen. Wir alle gemeinsam, über die Generationen hinweg, sind verantwortlich für eine Kultur, die das Unrecht und das Böse genauso wahrhaftig benennt wie das Gute, das es überwindet.

Danke, dass ich heute hier reden darf. Denn es ist eine tief religiöse Grundhaltung, dass wir die Stimme erheben für die Verstummten und Entrechteten, so steht es schon im Alten Testament, für Christen und Juden gleichermaßen. Und: So steht es auch im Koran. Und in den Schriften der Aleviten, Buddhisten und Hindus. Vergangenen Dezember reisten wir mit 14 Vertreter*innen all dieser Religionen vom Interreligiösen Forum Hamburg gemeinsam nach Jerusalem. Gemeinsam mit dem Hamburger Landesrabbiner Shlomo Bistritzky waren wir auch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Die geballte Konfrontation mit deutscher Schuld hat uns alle verstummen lassen.

Wir alle wissen es – wie monströs das Grauen, wie hoch die Millionenzahl Ermordeter, wie verstörend die Vernichtungs-Bürokratie. Doch in Yad Vashem verdichtet sich dies alles ins Höchstpersönliche. Besonders furchtbar das Leiden der Kinder. Als erstes sieht man in Yad Vashem die Filmaufnahme eines Kinderchores, der gerade eine Friedenshymne singt, wenige Wochen später, so erzählt es die 71-jährige Jana, die uns führt, lebt keines dieser Kinder mehr. Eineinhalb Millionen Jungen und Mädchen sind von den Nazis und ihren Schergen vernichtet worden. Die Gedenkstätte für die ermordeten Kinder zerreißt uns das Herz; es ist ein dunkler Raum, in dem nur fünf Kerzen durch eine tausendfache Verspiegelung 1,5 Millionen Lichtpunkte erzeugen, wie ein Sternenhimmel. Und jeder Stern ist verbunden mit einem Namen. Eineinhalb Millionen Namen, die dort unaufhörlich verlesen werden. In Deutsch, Englisch, Jiddisch. Jedes Sternchen ein totes Kind.

Als wir wieder draußen stehen und nicht so recht wissen, wohin mit uns, schlägt die muslimische Mitreisende ein Totengebet vor. Sie beginnt, die anderen folgen mit ihrer je eigenen Tradition. Bewegend. Religion ist Ritual, das trägt. Sie ist Sprache, mit hebräischen, arabischen, deutschen und türkischen Worten. Eine Sprache, die zusammenhält, auch wenn Trauer einen zerreißt. Als die Reihe an mir ist und ich gerade ansetze, unterbricht uns ein altes Ehepaar, das vorbeigeht: „Sie sprechen Deutsch? O my goodness!“, sagen sie, „Sie sprechen Deutsch!“ Und der kleine, fast 90-jährige Mann fängt an zu erzählen: Er sei Samuel Marder und als 15-jähriger von der Roten Armee aus dem KZ befreit worden. Er emigrierte in die USA, wurde ein berühmter Geiger und spricht erst seit fünf Jahren über das Erlebte, erzählt es in Schulen und Universitäten, hat ein Buch geschrieben. Gerade ist er von einer Lesereise aus Berlin zurückgekommen. Was für eine Begegnung. Versöhnte Hoffnung – vor der Gedenkstätte für die ermordeten Kinder jemanden zu treffen, der das als Kind überlebt hat. Und der nun eine Mission erfüllt und seine Botschaft in die Welt trägt. Eine Botschaft für Zivilcourage, gegen Antisemitismus und Fremdenhass!

„Vergeben haben wir längst, vergessen werden wir niemals.“  So kann man es von manch’ Zeitzeugen hören und lesen – und es ist an uns allen, verehrte Gäste, deren Botschaft weiterzutragen. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, die Erinnerung für die junge Generation so zu vermitteln, dass sie verstehen und deshalb niemals vergessen. Denn der Rechtsextremismus in unserem Land nimmt zu – der Antisemitismus zeigt längst seine hässliche Fratze. Wieder, hier in diesem Land!  Aber auch Islamfeindlichkeit gibt es, auf den Straßen und in den Schulen. Ihr, als Schülerinnen und Schüler, erlebt es.

Wir hören wieder Worte und sehen Angriffe, die wir glaubten, in diesem Land nie wieder hören und sehen zu müssen. Deshalb ist es so wichtig, dass die junge Generation, dass ihr, die ihr den Bertini-Preis heute erhaltet, politisch hellwach seid und bleibt, dass ihr interessiert seid an den großen Fragen des Lebens und immer wieder zeigt, dass der gleichberechtigte Dialog der Religionen auch euch ein Wert ist. Nur so können wir in einer offenen Migrationsstadt wie der unsrigen friedvoll und frei denken, glauben, leben. Und mit eurem beeindruckenden politischen und gesellschaftlichen Engagement, das so „ausgezeichnet“ ist, weil ihr euch einfühlt in die Erinnerungen von anderen, eben bis an die Herzhaut, mit euren Engagement werdet ihr selbst zu Zeug*innen der Zukunft. Zukunftsmenschen, die sich einsetzen für ein demokratisches, gleichberechtigtes, starkes und faires Hamburg, ein verbundenes Europa, eine gerechte Erde.

„Lasst euch nicht einschüchtern“, so lautet das Motto des Bertini-Preises. Und genauso erlebe ich es hier und stehe bewundernd vor euch. Ihr, die jungen Menschen hier im Saal, bleibt mutig, mitreißend; wir brauchen euch. Denn Erinnerung braucht eine Zukunft. Deshalb: Bitte macht weiter!

Macht weiter, damit wir viele sind, die das Friedenslied singen, alle Generationen gemeinsam: Wir sind mehr als du glaubst. Wir sind schlafende Riesen. Aber jetzt stehen wir auf. Lass sie ruhig sagen, dass wir Träumer sind. Wir lassen diese Welt nicht untergehen. Stell dir vor, es ist Frieden und jeder geht hin …

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

Datum
27.01.2020
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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