„Guter Gottesdienst lebt von der Beteiligung“

Landessynode: Sprengelbericht aus Mecklenburg und Pommern vorgestellt

Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit (l). und Bischof Dr. Andreas von Maltzahn stellten den Synodalen den Sprengelbericht für Mecklenburg und Pommern vor
Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit (l). und Bischof Dr. Andreas von Maltzahn stellten den Synodalen den Sprengelbericht für Mecklenburg und Pommern vor© Maren Warnecke/Nordkirche

29. September 2018 von Annette Klinkhardt

Lübeck-Travemünde. Was macht einen guten Gottesdienst aus und wie können Kirchenleitung und Gemeinden die Voraussetzungen dafür schaffen? Mit diesen Fragen beschäftigten sich heute Vormittag (29. September) die Bischöfe Dr. Hans-Jürgen Abromeit (Greifswald) und Dr. Andreas v. Maltzahn (Schwerin) in ihrem Bericht aus dem Sprengel Mecklenburg und Pommern vor der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche).

Ein statistischer Befund lautet: Die Zahl der Gottesdienste hat in den vergangenen Jahren zwar abgenommen, die Zahl der Besucher ist jedoch stabil geblieben. Demnach liegt der durchschnittliche Gottesdienstbesuch im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern derzeit bei 4,3 Prozent der Gemeindeglieder und ist damit deutlich höher als in Hamburg mit 2,3 Prozent und Schleswig-Holstein mit zwei Prozent. Bischof v. Maltzahn resümierte: „Die Zahl der Kirchenmitglieder ist zwar in unserem Bundesland deutlich geringer, ihre Bindung an das Format ‚Gottesdienst‘ jedoch vergleichsweise hoch.“ Dabei erfreuten sich Gottesdienste zu bestimmten Anlässen oder für bestimmte Zielgruppen immer größerer Beliebtheit. Als Beispiele nannte der Schweriner Bischof Gottesdienste anlässlich von Jubiläen oder Dorffesten, Regional-Gottesdienste, Florians- oder Biker-Gottesdienste. Immer mehr Menschen besuchten Gottesdienste an besonderen Orten, etwa, wenn zu Seebrückengottesdiensten an der Küste oder Tauf-Festen in der Natur an einem Gewässer eingeladen wird.  

„Man kann die gottesdienstliche Hinwendung zu besonderen Anlässen, Orten, Liturgien oder auch an spezielle Zielgruppen wie Reiter und Liebhaber von Traktoren als ‚Einbruch des Zeitgeistes‘ geißeln“, meinte Andreas v. Maltzahn. „Vielleicht ist es jedoch etwas anderes – ein waches Wahrnehmen der Menschen in ihren Bedürfnissen und worauf sie ansprechbar sind, der Impuls, zu den Menschen hinzugehen und auch gottesdienstlich auf sie einzugehen.“ Damit solch eine vielseitige Gottesdienstlandschaft erblühen könne, brauche es eine „Kultur der Erlaubnis“, so der Bischof: „Wenn Kleinstgottesdienste bedrückend sind, sie nicht krampfhaft durchhalten zu müssen, auch bei Gottesdiensten Schwerpunkte setzen zu dürfen, eine kreative Atmosphäre zu fördern, in der die Suche nach neuen Gottesdienstformen unterstützt wird – all das ist Aufgabe von Leitung.“

Unerlässlich dafür seien die Ehrenamtlichen: „Sie auszubilden und zu begleiten, sie nicht als Lückenbüßer zu missbrauchen, sondern ihre Gottesdienste als kostbaren Dienst am Leib Christi zu achten – darauf kommt es an“, sagte v. Maltzahn vor den Landessynodalen und nannte Zahlen: In Mecklenburg sind derzeit 62 Prädikantinnen und Prädikanten aktiv, in Pommern sind es 24. Hinzu kommen 147 Lektorinnen und Lektoren, die ebenfalls selbstständig Gottesdienste leiten.

Der Greifswalder Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit fragte nach der Definition eines „guten Gottesdienstes“ in der Tradition von Martin Luther unter heutigen Bedingungen: „Guter Gottesdienst ist ein Dialog von Gott und Mensch. Guter Gottesdienst lässt sich also nur bedingt von Menschenhand machen, er geschieht vielmehr. Lässt sich überhaupt messen, ob ein Gottesdienst gut genannt werden kann?“ Er plädierte dafür, Statistiken zwar ernst zu nehmen, sie jedoch nicht unreflektiert zu verwenden: „Zahlen über Gottesdienstbesucherinnen und Gottesdienstbesucher sind dabei nur sehr eingeschränkt aussagekräftig.“

In der Bewertung eines Gottesdienstes käme der Predigt noch immer die größte Bedeutung zu: „Die Predigt ist Ausdruck und Markenzeichen unserer evangelischen Kirche schlechthin.“ Sie müsse einladend, aber nicht banal sein: „Weiß die Predigerin oder der Prediger über Allgemeinplätze hinaus nichts zu sagen, werden die Gottesdienstbesucher nicht wiederkommen. Was ich einfacher in der Zeitung oder im Netz lesen kann, muss ich sonntags nicht von der Kanzel hören. Die Gemeindeglieder wollen mit ihrer inneren Welt im Gottesdienst vorkommen. Entscheidend ist, dass der Hörer den Eindruck gewinnt: Die Predigerin ist im Gespräch mit mir.“

Als einen wichtigen Indikator für gute Gottesdienste nannte Bischof Abromeit den Umgang mit Familien: „Wenn Kindergottesdienste angeboten werden, zu denen die Kinder gerne gehen, haben alle drei Seiten etwas davon: Die Kinder erleben eine wertvolle Zeit, in der sie etwas von Gottes Wort erfahren. Eltern haben die Gelegenheit, aufzutanken und sich einmal nur auf ihre eigenen spirituellen Bedürfnisse zu konzentrieren. Die Gemeinde erlebt, dass Kinder da sind, und schon das hebt bei einigen die Laune.“

Der Greifswalder Bischof fasste zusammen: „Guter Gottesdienst ist nicht das Werk einzelner Profis. Der Gottesdienst ist erfahrungsbezogen und lebt von Beteiligung. Er ist ein Ort persönlicher Begegnung ohne Vereinnahmung. Wenn er gelingt, ist er ein Geschenk der Gnade Gottes.“ Der klassische Gottesdienst am Sonntagvormittag in der Kirche reiche dazu heute im Blick auf die unterschiedlichen Erwartungen und Bedürfnisse nicht mehr aus. Viele Gemeinden hätten deswegen ein zweites Format etabliert, das zwar unterschiedlich in der Form, aber häufig in einer erstaunlichen Regelmäßigkeit stattfinde. Bischof Abromeit sagte: „Solche ‚anderen Gottesdienste‘ erreichen viele Menschen, die sonst nicht zu einem ‚normalen‘ Gottesdienst“ gehen, ja noch nicht einmal eine Kirche betreten würden.“

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