Bericht aus dem Sprengel Hamburg und Lübeck vor der Landessynode

Bischöfin Fehrs: „Es gibt eine tiefe Sehnsucht nach Nahbarkeit“

© Nordkirche / Marcelo Hernandez

20. November 2021 von Maren Warnecke

Lübeck-Travemünde. „Wir haben die Nase gestrichen voll. Wir verstummen. Wir sind unglücklich, niedergedrückt, stummgeschaltet und einsam. Wir verlernen zu lachen, zu singen, zu albern. Wir können nicht mehr.“ Die Angst und Wut junger Menschen über Kontaktbeschränkungen und Schulschließungen in der Corona-Pandemie gehören für Bischöfin Kirsten Fehrs zu den eindrücklichsten Erlebnissen der zurückliegenden zwölf Monate.

In ihrem Bericht über das kirchliche Leben im Sprengel Hamburg und Lübeck vor der digital tagenden Landessynode machte sie heute (20. November) deutlich: „Junge Menschen haben Ideen für eine gute Zukunft. Und sie wollen gehört werden. Nicht nur in Klimafragen. Sie appellieren an uns: Bitte schaffen Sie weiter Sprechräume, hören Sie zu, machen Sie Jugendfreizeiten, guten Konfirmandenunterricht, kurz: Ermöglichen Sie Hoffnungsräume!“

Das Corona-Virus sei fast so etwas wie ein Symbol geworden, ein Umkehrruf, so Fehrs weiter. „Ein Anfang der großen Veränderung, die diverse Krisen und vor allem der Klimaschutz uns abverlangen. Mehrere Jahrhunderte Menschheitsentwicklung stehen plötzlich vor einem Fragezeichen. Mindestens. Es geht nicht einfach weiter. Und wir sind noch lange nicht überm Berg. Doch wo sind wir genau? Auch als Kirche? Wie können wir ein Zukunftsbild in unser Herz senken, das uns leitet und trägt?“

Immer wieder sei sie in den vergangenen Monaten auf Menschen und Kirchengemeinden getroffen, die sich auf den Weg gemacht haben: „Hin ins verletzte, verstummte, aber auch lebenssehnsüchtige Leben. Ob mit dem Segen to go, mit Krippenspiel Open Air, Senioren-Telefon oder einer neu aufgestellten Tafel – es ist ein immer wieder neues Zugehen auf die Menschen. Ein Ausprobieren. Die neuen Formate, auch und gerade im Digitalen, leben davon, dass wir uns wirklich zeigen. Dass da Menschen, Chöre, Gemeinden in echten Kontakt gehen. Dass Menschen uns spüren können, unsere Empathie, unseren Glauben.“

Diese „tiefe Sehnsucht nach Nahbarkeit“ habe sie in den Dialogen mit Jugendverbänden, mit Wirtschaft und Kultur erlebt, und ebenfalls in den Gedenkfeiern zur Bewältigung der Coronakrise, auch im interreligiösen Umfeld. „Sie werden gesucht,  spirituelle Orte, in der unsere Muttersprache, die Seelsorge, das Licht vom Berg ins Tal trägt. Öffentliche Seelsorge, die nicht nur versteht, was auf der Seele der Einzelnen liegt, sondern auch auf der Seele eines Landes. Mit einer Hoffnung, die der Krise standhält.“

Die Hamburger Bischöfin selber begab sich im Frühjahr auf Spurensuche in Kitas und Altenheimen, in der Flüchtlingsunterkunft, bei der Bahnhofsmission und in der Telefonseelsorge, besuchte Schuldnerberatungen, Jugendzentren und Krankenhäuser. „Ich wollte wissen: Wie machen sie das, wo die Kontaktmöglichkeiten so eingeschränkt und die Nöte so potenziert sind? Wie wird Seelsorge gefragt, wie geht Diakonie in diesen Zeiten ganz praktisch?“ Die Menschen beeindruckten sie: „So viel Engagement ist mir begegnet, so viel Mut, so viel energischer, entschlossener Gestaltungswille, Phantasie und Kreativität.“

Zugleich wurde in den Gesprächen deutlich: „Diakonie ist Kirche und Kirche ist Diakonie. Nur gemeinsam, mit dem dichten Netz von Kirchengemeinden einerseits und dem ebenso dichten Netz von diakonischen Einrichtungen andererseits kann es uns gelingen, überzeugend und menschennah in den Sozialräumen in Stadt und Land präsent und wirksam zu sein.“ Es müsse in Zukunft eindeutiger zu sehen sein: „Kirche und Diakonie sind zwei Seiten der gleichen Medaille.“ Die vielen alltäglichen Kontakte in die Lebenswelt von kirchendistanzierten Menschen stellen ein riesiges Potential dar, ermutigte die Bischöfin, dieses auch umfassend zu nutzen.

Wie Kräfte stärker gebündelt werden können, um eine zivilgesellschaftliche Kraft an der Seite der Menschen zu sein, zeigen die Kirchenkreise im Sprengel in Gestalt von Regionen, neuen, fusionierten Gemeinden, Pfarrsprengeln und auch in der Kooperation mit nichtkirchlichen Partnern. Fehrs: „Immer geht es darum von den gesellschaftlichen Herausforderungen – und Krisen – her zu denken.“

Beispiele für innovative neue Wege, um kirchliche „Klassiker“ wie Taufe, Trauung und Beerdigung für Menschen leichter erreichbar zu machen, sind „segensreich“ in Lübeck-Lauenburg und die „Ritualagentur“ (Arbeitstitel) der Hamburger Kirchenkreise, wie die Bischöfin ausführte.
In diesen neuen Projekten liege gleichzeitig ein schmerzhafter und konfliktträchtiger Widerspruch. „Auch das gehört zu unserer gesamtkirchlichen Situation: Gute Arbeit steht in Frage. Weniger Mitglieder und weniger Ressourcen werden uns dazu bewegen müssen, Arbeitsfelder anzufragen, von denen wir doch überzeugt sind.“

Aufbruch und Abschied – für Bischöfin Kirsten Fehrs gehören beide zusammen: „Für die Zukunft sind wir herausgerufen, liebe Synodale. Als Kirche, die nicht an Strukturen festhält. Die aber um die Kraft der Hoffnung weiß, die in der Welt so dringend gebraucht wird. Jetzt.“

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