Bischöfin Fehrs über Kirche im Aufbruch: Warum Wandel mehr ist als Strukturreform
01. Juli 2026
Die evangelische Kirche steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Sinkende Mitgliederzahlen, weniger finanzielle und personelle Ressourcen sowie gesellschaftliche Umbrüche machen umfassende Transformationsprozesse notwendig. Doch diese Entwicklungen sind nicht allein eine Geschichte des Verlustes. Sie können ebenso von Mut, Verantwortung und der Chance erzählen, Kirche neu und glaubwürdig für die Menschen zu gestalten, sagt Bischöfin Kirsten Fehrs, Ratsvorsitzende der EKD.
Hamburg. Auf der heute tagenden Synode des Kirchenkreises Hamburg-Ost ermutigte Kirsten Fehrs, Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die Synodenmitglieder, sich mutig und unbeirrt auf den Weg zu machen: „Kirche muss sich grundlegend wandeln, sonst werden wir ein Museum. Also: Aufbrechen. Neues wagen.“
Strukturen neu denken: Orientierung an den Menschen
Schwerpunktthema der Tagung war der so genannte Zukunftsplan 2040, der sich mit Ideen und Modellen einer neuen Struktur für die Kirchengemeinden des Kirchenkreises befasst. Ziel ist es, durch strukturelle Reformen zukünftig Rahmenbedingungen zu schaffen, die Kirchengemeinden auch langfristig die kirchliche Arbeit vor Ort und eine gute Vernetzung in Stadtteil und Sozialraum ermöglichen. „Den meisten Menschen ist es gleich, wie die evangelische Kirche strukturiert ist“, so die Bischöfin in ihrem Impuls. „Hauptsache, sie ist im entscheidenden Moment da, wenn sie gebraucht wird.“ Diese Erkenntnis, dass die Kirche prinzipiell frei ist in der Gestaltung ihrer Struktur, könne beflügeln. „Die Struktur dient der Sache.“ Nicht mehr und nicht weniger.
In den Augen der EKD-Ratsvorsitzenden verschiebt das entscheidend den Fokus: Weg von der reinen Optimierung bestehender Systeme – hin zu der Frage, wie Kirche auch in einer zunehmend säkularen Gesellschaft verlässlich präsent bleiben kann.
Transformation der Kirche: Nicht aus Angst handeln, sondern aus Hoffnung
Dabei werden die emotionalen Dimensionen der Veränderungen ausdrücklich ernst genommen. Strukturreformen bedeuten oft auch Abschiede von vertrauten Orten, Gewohnheiten und Traditionen. Besonders eindrücklich war das am vergangenen Wochenende bei der Entwidmung der Zachäus-Kirche in Hamburg-Langenhorn zu spüren, berichtete die Bischöfin. „Natürlich waren alle wehmütig. Was man hinter sich lässt, trägt Spuren der Trauer.“ Zugleich sei bei vielen Beteiligten spürbar gewesen, dass die Geschichte nicht endet. Das Kirchengebäude werde zu einer Kita; die evangelische Kirche werde dort also in anderer Form Präsenz zeigen. „Der Geist der Menschenfreundlichkeit setzt sich damit fort. Und so sind die meisten fröhlich, versöhnt und getröstet gegangen.“ In manchem Abschied stecke eben auch Aufbruch, Vitalität. Das sollte die Hoffnung sein, die die notwendigen Strukturprozesse begleitet, so Bischöfin Fehrs.
Von Abraham lernen: Aufbrechen, bevor alles feststeht
In den unterschiedlichen Landeskirchen würden gravierende Veränderungen immer öfter entschieden, bevor alles klar und bis ins letzte Detail durchgedacht sei, berichtete die Ratsvorsitzende der EKD. „Es werden Entscheidungen getroffen und erst nach und nach entsteht eine Klarheit, wohin es gehen kann.“ Theologisch knüpfe dies an eine der ältesten biblischen Aufbruchsgeschichten an: Abraham und Sara verlassen ihre Heimat, ohne zu wissen, wohin der Weg führt. Bischöfin Fehrs: „Gott sagt nicht wohin. Kein GPS, keine Roadmap, kein abgeschlossener Zukunftsprozess. Nur: Geh. Und er sagt: Ich bin dabei. Segen liegt auf dem Weg.“ Nicht, weil Planung unwichtig wäre, sondern weil Zukunft oft erst im Gehen sichtbar wird. Bemerkenswert sei dabei: „Sie laufen nicht weg. Sie gehen los. Das ist ein Unterschied.“
Die Zeit drängt: Zukunft aktiv gestalten
Die kommenden Jahre werden von Strukturreformen, neuen Formen der Zusammenarbeit, stärkeren ehrenamtlichen Beteiligungsmöglichkeiten und regionalen Schwerpunktsetzungen geprägt sein. In der evangelischen Kirche bestimmen darüber die demokratisch gewählten Synoden. Die zentrale Herausforderung bestehe darin, notwendige Entscheidungen zu treffen, ohne die Gemeinschaft zu verlieren, erklärte Bischöfin Fehrs. „Die Zeit drängt. Jetzt ist es noch möglich, aktiv Akzente zu setzen und zu gestalten – allemal in einem Kirchenkreis wie diesem, der aufgrund seiner Größe relativ viel Flexibilität bietet. Nutzen wir sie!“ Gut wäre, wenn dabei weder das Altbekannte bestimmend noch alles Neue gleich als gut angesehen werde. „Die Kunst in der Zukunft wird sein, Balancen zu halten, Dialoge zu lieben und die tiefergehenden, einschneidenden Veränderungen so zur Entscheidung zu bringen, dass wir beieinanderbleiben.“
Am Ende stehe deshalb keine Botschaft der Angst, sondern eine Einladung zum Vertrauen, so die Bischöfin. „Vertraut den neuen Wegen. Nicht: Vertraut eurer eigenen Klugheit. Nicht: Macht einfach weiter wie bisher. Sondern: Vertraut. Geht. Und: Segen liegt auf dem Weg. Nicht im Geist der Furcht, sondern der Kraft, Liebe und Besonnenheit.“
