Feierstunde im Ratzeburger Dom

Bundespräsident Joachim Gauck zur Gründung der Nordkirche

Bundespräsident Joachim Gauck beim Gründungsfest der Nordkirche im Ratzeburger Dom
Bundespräsident Joachim Gauck beim Gründungsfest der Nordkirche im Ratzeburger Dom© Pittkowski

27. Mai 2012 von Doreen Gliemann

Ratzeburg. Die Rede des Bundespräsidenten Joachim Gauck anlässlich der Gründung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland im Dom zu Ratzeburg.

 

 

Zitate (Wörtliche Rede):

"Wenn also heute, hier in Deutschlands schönem Norden, sich drei Kirchen zu einer zusammenschließen, und dazu am Tag des Heiligen Geistes, dann sollen das ruhig auch andere merken, das Land, der Staat, die Gesellschaft.…

Es vereinigen sich hier Kirchen, die neben geistlichen Gemeinsamkeiten ungleiche Lebenserfahrungen einbringen.…

Vertrauen ist keine Gabe, die man automatisch hat. Wir Christen haben immer wieder neu gelernt, dass wir Vertrauen in Gottes Führung haben dürfen. Ich freue mich, wenn heute ein neues Kapitel aufgeschlagen wird, wenn wir einander vertrauen, wenn wir Gott vertrauen und uns zutrauen, mit unserer Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, ein Segen für diese Welt zu sein."

Die Rede:

 

 

Als Bundespräsident habe ich hier eigentlich gar nichts zu sagen. Wenn Kirchen in unserem Land ihre Organisation oder ihre Struktur ändern, dann ist das zunächst einmal eine Sache der Kirchen selber. Das Staatsoberhaupt als solches ist hier nicht gefragt.    

So wenigstens ist die reine Lehre. Es ist aber andererseits auch wieder so, dass es im Verhältnis zwischen Kirche und Staat vielleicht eine reine Lehre gibt, dass aber in der Praxis beide auf sehr vielfältige Art aufeinander bezogen sind.    

Zunächst einmal ganz praktisch: Diese Evangelisch-lutherische Kirche in Norddeutschland, kurz: die "Nordkirche", wie viele sie schon nennen, die könnte es gar nicht geben, wenn die politischen Grenzen noch so wären wie vor dreiundzwanzig Jahren.

Eine evangelische Landeskirche in zwei Staaten und zwei Systemen: das wäre ganz bestimmt nicht gegangen. Insofern musste es politische und staatliche Voraussetzungen geben, die eine solche Fusion, wie wir sie heute festlich begehen, erst möglich machen.    

Aber das ist natürlich längst nicht alles. Das Verhältnis von Kirche und Staat ist historisch gewachsen - mit all den bekannten geschichtlichen Zufälligkeiten, Unschärfen und Überschneidungen. Davon kann man theoretisch zwar abstrahieren, praktisch aber muss man festhalten, dass es zwischen Kirche und Staat in Deutschland so ist, wie es eben geworden ist - und nicht wie man sich das auf einem Papier konstruieren könnte.    

Dazu gehört, dass schon die Institution der evangelischen Landeskirchen ursprünglich etwas mit staatlicher Politik zu tun hatten, und dass Impulse und Orientierung aus den Kirchen immer wieder in die Gesellschaft und den Staat hinein gewirkt haben. So etwas wie Pfingsten findet eben nicht in einem abgeschlossenen kirchlichen Raum statt. Wenn der Heilige Geist kommt, dann merken das auch andere, dann merkt das die ganze Stadt. So wenigstens damals in Jerusalem.    

Und wenn die anderen etwas merken, dann sind sie gelegentlich irritiert Ebenso wie damals. Dann zweifeln sie vielleicht am Geisteszustand derer, die da den Geist empfangen. Oder aber sie lassen sich ebenfalls inspirieren, was ja nichts anderes heißt als: vom Geist berühren.    

Wenn also heute, hier in Deutschlands schönem Norden, sich drei Kirchen zu einer zusammenschließen, und dazu am Tag des Heiligen Geistes, dann sollen das ruhig auch andere merken, das Land, der Staat, die Gesellschaft Und dann gehört der Bundespräsident vielleicht doch dazu.    

Was hier geschieht, ist Folge und Beispiel der Deutschen Einheit. Es ist Folge, denn wie gesagt, ohne die Einheit gäbe es das Unternehmen dieser Fusion nicht. Es ist aber auch ein Beispiel. Es hat, wenn ich richtig informiert bin, einen langen und ganz bestimmt nicht einfachen Einigungsprozess gegeben.    

Es gab für manchen Christen in Mecklenburg wie in Vorpommern unterschiedliche Gründe für die Ablehnung des Vereinigungsprozesses. Aber nach offenen Debatten ist es dann doch zu der Vereinigung gekommen. Ich bitte diejenigen, die sich lange widersetzt haben, nun sehr herzlich: Bleiben Sie Ihrer Kirche zugetan, auch wenn diese ihre Gemeindeglieder nun unter neuem Namen sammelt.    

In diesem Einigungsprozess war es hilfreich, dass die Kirchen in Deutschland die politische Teilung nie gänzlich mitvollzogen haben. Auch wenn längst nicht überall Opposition zur deutschen Teilung war oder auch nur innerer Widerstand dagegen, wo "Evangelische Kirche" draufstand: Es gab doch sehr viele Formen der Zusammenarbeit, der Begegnung, aber auch der ganz praktischen Hilfe. Manches war legal, manches halblegal und manches musste im Geheimen geschehen. Wichtig ist: Man hat immer voneinander gewusst, füreinander gehandelt und miteinander geglaubt. Wir sind geistig beieinander gewesen, und so oft und so gut es ging auch praktisch. Da war im kirchlichen Leben sicher mehr an "einigem Volk" lebendig geblieben als in anderen Bereichen der Gesellschaft.    

Auch darauf aufbauend haben die Kirchen hier im Norden beispielhaft einen Einigungsprozess hinbekommen, der sehr viel tiefer ging, menschlich anspruchsvoller und bereichernder war als ein Verwaltungsakt. Sie haben eine Vereinigung, wenn man so will, errungen - und sie können stolz darauf sein. Auf den Weg und auf das Ziel.     Noch zwei Bemerkungen, die ich an dieser Stelle einbringen will: es vereinigen sich hier schon Kirchen, die neben geistlichen Gemeinsamkeiten ungleiche Lebenserfahrungen einbringen. Fast könnten wir sagen, wenn wir unsere unterschiedlichen Prägungen aus der Zeit der Teilung anschauen: Kultur begegnet Subkultur. Wir in Pommern und Mecklenburg erlernten die Minderheitenexistenz. Wir nahmen sie an und mussten sie annehmen, um in der sozialistischen Mehrheitsgesellschaft nicht uns selbst zu verlieren.    

Jetzt muss für einen Moment mal eher der Christenmensch Gauck als der Bundespräsident reden. Ich selber muss gestehen, dass auch ich heute Abschiedsschmerz fühle. War doch die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Mecklenburg meine geistige und geistliche Heimat. Hier liegt der Ursprung meines christlichen, evangelischen Glaubens, hier bin ich getauft, konfirmiert und ordiniert worden. Hier habe ich gelernt auf die Schrift zu hören, hier habe ich die entscheidende Botschaft gelernt, dass man sich auf Gott verlassen kann - und dass man ihm mehr zu gehorchen hat als den Menschen. Was ich geworden bin - und wie ich es geworden bin: das alles hat seine Wurzeln in dieser Kirche.    

Es gibt deswegen unauslöschliche Erinnerungen; Erinnerungen, die natürlich auch mit Erinnerungen an Menschen verbunden sind, die mir vorgelebt haben, was christlicher Glaube ist - und an Menschen, denen ich selber später weitersagen durfte, was mich am Glauben gepackt hatte.    

Aber ich bin in dieser Hinsicht nur einer unter allen anderen. Auch viele andere werden heute Erinnerungen an sich vorüberziehen lassen - und auch viele andere werden ein bisschen Wehmut verspüren, die ganz normal ist, wenn etwas verschwindet, was uns ans Herz gewachsen war.    

Aber heute geht etwas Neues los, heute geht unser Blick gläubig und zuversichtlich in die Zukunft. Wie wir es eben gesungen haben, so fordern wir uns gegenseitig auf: "Vertraut den neuen Wegen!". An Pfingsten haben die Jünger nicht von der guten alten Zeit in Galiläa geschwärmt, wie alles noch so überschaubar und verhältnismäßig gemütlich war. An Pfingsten haben die Jünger nach vorne geschaut; sie haben sich gefragt, wie es jetzt weitergeht: in die Zukunft und in die Welt hinein. Sie haben sich ermutigt gewusst für einen neuen Weg, der vom Gewohnten, von der bekannten Heimat wegführt in eine neue, eine größere Gemeinschaft.    

Dankbar bin ich heute dafür, dass ganz viele in den letzten Jahren mutige Schritte aufeinander zu gegangen sind. Und zuversichtlich bin ich, dass der neue gemeinsame Weg in die Zukunft gelingt - und dass der Herr unsere Schritte lenkt.

Bundespräsident Joachim Gauck
(Vorab - Es gilt das geprochene Wort)

Datum
27.05.2012
Quelle
Bundespräsidialamt, Pressestelle Nordkirche
Von
Doreen Gliemann
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