Deutsche Seemannsmission

Der Kaffee, die Krise und die Seeleute dahinter

Die Deutsche Seemannsmission e. V. (DSM) ist eine evangelische Seelsorge- und Sozialeinrichtung für Seeleute. Sie betreibt mit ihren Mitgliedsvereinen 33 Stationen im In- und Ausland, in denen über 700 haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter tätig sind. Die Geschäftsstelle des Vereins ist in Hamburg, Vereinssitz ist Bremen.
Die Deutsche Seemannsmission e. V. (DSM) ist eine evangelische Seelsorge- und Sozialeinrichtung für Seeleute. Sie betreibt mit ihren Mitgliedsvereinen 33 Stationen im In- und Ausland, in denen über 700 haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter tätig sind. Die Geschäftsstelle des Vereins ist in Hamburg, Vereinssitz ist Bremen.© epd-bild/Paul-Philipp Braun

20. April 2026 von Artur Fischer-Meny

Ihr Alltag ist ohnehin von Isolation geprägt. Seeleute sind es, die uns Kaffee oder Technik über die Weltmeere bringen. Zehntausende sitzen gerade an der Straße von Hormus fest. Doch wie präsent sind ihre Ängste hier bei uns?

Auf dem Konferenztisch vor Matthias Ristau steht eine weiße Tasse mit blauen Wellen darauf, darunter der Satz: „Kaffee? Haben Seeleute gebracht.“ Ein Satz, den die Deutsche Seemannsmission, deren Generalsekretär Ristau ist, dort hat aufdrucken lassen. Und einer, der beim daraus Trinken leicht übersehen wird. So wie die Menschen, die dahinterstecken.

Pastor Matthias Ristau ist Generalsekretär der Deutschen Seemannsmission.© epd

Man stelle sich vor, alle rund 1,9 Millionen Hamburger wären auf den Weltmeeren unterwegs - tatsächlich arbeiten genau so viele Seeleute rund um den Globus auf Handelsschiffen. Sie transportieren den Großteil dessen, was direkt und indirekt unseren Alltag ausmacht: Kaffee, Kleidung, Technik, Dünger, Öl. Rund 90 Prozent des Welthandels laufen per Schiff über den Seeweg. Und doch geraten die Menschen an Bord dieser Wohlstandsermöglicher kaum in den Blick, nicht einmal, wenn etwas schiefläuft. So wie jetzt.

20.000 Seeleute zwischen Angriffen und Drohnen

In der Straße von Hormus, einem der wichtigsten Nadelöhre des Welthandels, ist die Lage im Wortsinn festgefahren. Wie viele Seeleute derzeit im Persischen Golf feststecken, lässt sich schwer sagen. Dem Verband Deutscher Reeder zufolge sollen es etwa 2.000 Schiffe sein, 50 davon von deutschen Reedereien. Die Hamburger Reederei Hapag-Lloyd berichtet von sechs eigenen Schiffen. Zusammengenommen befinden sich somit also rund 20.000 Besatzungsmitglieder zwischen Angriffen, Drohnen und in Unsicherheit.

Kaffeebecher der Deutschen Seemannsmission

Krise für Seeleute längst Alltag

„Die Krise ist für Seeleute längst Alltag“, sagt Matthias Ristau. „Eine Krise jagt die nächste - Corona, Ukraine, Angriffe im Roten Meer, jetzt Hormus. Es wird nicht besser.“

Was das bedeutet, lässt sich nur erahnen. Denn anders als Touristen oder Geschäftsreisende können Seeleute nicht einfach abreisen. Sie bleiben an Bord, oft monatelang, ohnehin weit weg von zu Hause. Und jetzt zusätzlich in einer Region, in der jederzeit etwas passieren kann. „Für die Seeleute heißt das vor allem Ungewissheit“, sagt Ristau. „Und diese Ungewissheit bedeutet auch, dass sie angegriffen werden können.“

Handelsschiffe bieten kaum Schutz

Die Bedrohung sei dabei alles andere als abstrakt. Seeleute berichten, dass sie Drohnen sehen, Einschläge hören, Explosionen in der Nähe erleben. So ein Handelsschiff, erklärt Ristau, bietet kaum Schutz: „Wenn eine Rakete einschlägt, durchschlägt sie die Bordwand. Selbst im Inneren ist man nicht sicher.“ Seit Kriegsbeginn hat es laut der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation IMO mindestens 21 Angriffe auf Handelsschiffe gegeben. Zehn Seeleute sollen dabei getötet, weitere verletzt worden seien.

Dazu kommt die psychische Belastung. Isolation gehöre zwar zum Alltag auf See. Vier, sechs oder neun Monate am Stück sind viele Crews unterwegs, getrennt von ihren Familien, oft ohne echten Landgang. „Viele Seeleute sagen, ich mache das für meine Familie“, erläutert Ristau. Jeder vierte Seemann habe die philippinische Staatsbürgerschaft.

„Filipinos sagen ganz oft 'I sacrifice myself for my family', also 'Ich opfere mich für meine Familie' und das ist sehr positiv gemeint.“ Das bedeute aber auch, dass sie beim Familienkontakt nicht „jammern“, sagt Ristau. „Sie erzählen zu Hause oft nicht, wie schlecht es ihnen wirklich geht.“

Leben zwischen Verantwortung und Verschweigen

Ein Leben zwischen Verantwortung und Verschweigen, zwischen globaler Bedeutung und persönlicher Einsamkeit. Genau hier setzt die Arbeit der Seemannsmission an. Sie ist Teil eines weltweiten Netzwerks, das Seeleute unterstützt, unabhängig von Herkunft oder Religion. Der Kontakt läuft oft über Häfen, aber auch digital.

Containerschiff auf hoher See© Rinson Chory, unsplash

„Unsere Seelsorge funktioniert im Prinzip wie ein Chat“, sagt Ristau. „Ein geschützter Raum, in dem sich Seeleute anonym melden können.“ Gerade in Krisenzeiten wie diesen sei das wichtig, denn viele brauchen jemanden, der einfach zuhört - ohne Erwartungen, ohne Konsequenzen. Wenn es ernst wird, gehe die Hilfe noch weiter. Die Seemannsmission organisiert auch psychosoziale Notfallversorgung, etwa nach Angriffen, Unfällen oder Todesfällen an Bord.

Krisen-Müdigkeit bei Seeleuten

Ristau nehme inzwischen eine gewisse Krisen-Müdigkeit bei den Seeleuten wahr, die sogar dazu führe, dass immer mehr darüber nachdenken, den Job aufzugeben. „Es wird schon von einem Fachkräftemangel in der Schifffahrt gesprochen, und davon, dass er zunimmt.“ Dagegen müssten Wirtschaft und Politik etwas unternehmen. „Damit die Seeleute sicher fahren können, aber auch unter guten und fairen Lebens- und Arbeitsbedingungen.“

Ohne Seeleute wären viele Regale leer

Hinter der Arbeit der Deutschen Seemannsmission stehe mehr als praktische Hilfe. Es ist eine Haltung. „Ich finde es schon gut, wenn Menschen sich klarmachen, dass die Seeleute für uns alle unterwegs sind“, sagt Ristau. Ohne Seeleute wären viele Regale leer, viele Fabriken stünden still, denn die Schifffahrt sei für das ganze Land wichtig.

Hinzu komme die Überzeugung, dass jeder Mensch zählt. „Auch ein Mensch, der auf so einem riesigen Containerschiff eigentlich winzig klein ist, ist ein Mensch mit seiner Würde“, betont Matthias Ristau. Denn die Würde hänge nicht von Größe, Verdienst oder der öffentlichen Wahrnehmung ab, sondern einzig vom Menschsein. Oder um es mit dem Bild vom Anfang zu sagen: dass hinter jeder Tasse Kaffee ein Mensch steht, der nicht vergessen werden darf - ebenso wie die anderen 1,9 Millionen auch nicht.

Diakone stehen für Gespräche bereit

Mit dem „dsm.care“-Chat könne die DSM zumindest online seelsorgerliche Hilfe leisten. Der Chat richtet sich laut Seemannsmission an alle Seeleute von Fracht-, Passagier- und Kreuzfahrtschiffen. Als Gesprächspartner stehen Seemannsdiakoninnen, -diakone und andere im Umgang mit Seeleuten erfahrene Menschen zur Verfügung.

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