21. Mai 2018 | Dom St. Nikolai zu Greifswald und Dorfkirche zu Groß Mohrdorf

Die Kraft des Geistes Gottes in der Gemeinde

21. Mai 2018 von Hans-Jürgen Abromeit

Predigt am Pfingstmontag, Eph. 4, 7.11-16

Liebe Gemeinde,

Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche. Die Geschichten mit dem Volk Israel, die das Alte Testament erzählt, sind die Vorbereitung. Das Handeln und Lehren Jesu, sein Leiden, Sterben und Auferstehen geben der Kirche ihr einmaliges Profil. Jesus gibt der Kirche ihre DNA, das unverwechselbare Erbgut. Aber erst zu Pfingsten, als Gott unsichtbar mit seinem Geist unter die Menschen kam und sich nicht nur mit einzelnen, sondern mit allen, die an ihn glauben, untrennbar verband, trat die Kirche in Erscheinung. Deswegen ist Pfingsten der Geburtstag der Kirche. Der Predigttext für den heutigen Pfingstmontag zeigt uns die Wirkungen des Geistes Gottes in der Gemeinde. Ich lese aus dem Epheserbrief im 4. Kapitel die Verse, 7.11-16:

„Einem jeden aber von uns ist die Gnade gegeben nach dem Maß der Gabe Christi… und er hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und zur Erkenntnis des Sohnes Gottes und so zum vollkommenen Menschen werden und das Maß der Fülle Christi erreichen, damit wir nicht nur unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch trügerisches Spiel der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen. Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am andern hängt durch alle Gelenke, wodurch jedes Glied das andere unterstützt nach dem Maß seiner Kraft und Macht, dass der Leib wächst und sich selbst auferbaut in der Liebe.“[1]
Diese Kraft ist in der Gemeinde mächtig: „Sich selbst auferbaut in der Liebe“ – da geht etwas ganz von allein, was kein Mensch machen kann. Als es vor ein paar Jahren nach einer großen Kälte anfing zu tauen, stand unser Hausmeister im knöcheltiefen Matsch auf der Dachterrasse des damaligen Konsistoriums und versuchte, mit Hammer und Meißel das zugefrorene Abflussrohr vom Eis zu befreien. Trotz mühsamer und stundenlanger Arbeit gelang es ihm nicht. Nicht mit großen Kräften noch mit Gewalt ließ sich der Abfluss freimachen.

Wenige Tage später taute es. Da öffnete sich das Abflusswasserrohr ganz von allein. Es bedurfte nur der Wärme. Dies ist mir zum Bild geworden für die sich selbst auferbauende Gemeinde. Gemeindeaufbau kann man nicht machen. Die Gemeinde baut sich unter den richtigen Bedingungen selbst auf. Die notwendige Bedingung ist die Liebe. So wie die Wärme das Eis schmelzen lässt, so baut sich Gemeinde selbst auf, wenn Vertrauen und Liebe in einer Gemeinde das Miteinander prägt.

Liebe Gemeinde, diese Pfingstbotschaft kommt irgendwie quer zu unseren Erfahrungen. Wenn wir mit ganz normalen Menschen zu tun haben, dann sind da immer welche dabei, die finden wir unmöglich. Ich denke an die / eine Gemeindeversammlung, die wir kürzlich erlebt haben. Da hieß es nur: Zusammen geht es nicht. Die anderen müssen weg. So versuchen wir oft, Probleme zu lösen. Aber damit werden ja die Probleme gerade nicht gelöst. Sie werden weiter im Weg. Wir werden uns weiter an ihnen stoßen und vielleicht sogar an ihnen scheitern. Probleme zu lösen bedeutet, sie zu thematisieren, über sie zu reden und versuchen, gemeinsam eine Lösung zu finden. Deswegen redet der Brief an die Epheser von der „Einheit des Glaubens“ (V. 13). Wenige Worte vor dem heutigen Textabschnitt sagt der Apostel, was er damit meint: „Ertragt einander in Liebe und bemüht euch, die Einigkeit im Geist zu wahren durch das Band des Friedens“ (V. 2b-3). Ja, Menschen haben es oft miteinander nicht leicht. Klar, man fällt nicht jedem um den Hals, auch nicht in der christlichen Gemeinde. Der Apostel ist auch viel realistischer. Er sagt nicht: „Ihr sollt euch lieben.“ Er sagt: „Ertragt euch in Liebe!“ Manchmal kann man sich nur noch ertragen. Den anderen in seiner Art, die mir so gegen den Strich geht, aushalten. Und dann sich klar machen: Der andere ist auch nur ein fehlerhafter Mensch wie ich. Er – oder sie – kann aber etwas, was ich vielleicht nicht kann und was für die Gemeinschaft auch gut ist. Auf jeden Fall können wir reden und versuchen, gemeinsam eine Lösung zu finden.

Damit Gemeinde miteinander leben kann, nennt der Apostel einige Grundsätze, die ich nun gerne mit Ihnen bedenken möchte. Sie sind unendlich wichtig, aber leider zum Teil in Vergessenheit geraten. Ich bin überzeugt, wenn sie wiederentdeckt und beachtet werden, werden unsere Gemeinden gesund werden. Wir werden Veränderungen spüren, die gut tun.

1. Jeder Christenmensch ist von Christus mit einer Gabe beschenkt, die er oder sie zum Aufbau der Gemeinde nutzen kann und soll.

Mit unserer Gabe macht uns Gott ein Geschenk. Jeder von uns kann etwas,was wir in die Gemeinschaft einbringen können. Martin Luther entdeckte, dass jeder Mensch unmittelbar zu Gott ist und die Bibel uns Gottes Willen zeigt. Darum wollte er auch, dass Christen die Bibel lesen und verstehen können. So konnte der Heilige Geist in der Lebensgeschichte jedes Einzelnen wirken. Hier müssen wir lernen, dass alle Glieder der Gemeinde berufen sind. Und wir sollten nach Wegen suchen, möglichst viele zu beteiligen und mit hineinzunehmen in den Bau der Gemeinde. Ausgrenzen hilft auf jeden Fall nicht. Auch wenn es uns schwer fällt, Gott hat auch mit denen, die uns unsympathisch sind, seine Geschichte.

2. Es gibt in einer Gemeinde so viel zu tun, wie es unterschiedliche Menschen gibt, die mit ihren Fähigkeiten diese Dienste übernehmen können.

Das Priestertum aller Glaubenden kennt viele unterschiedliche Dienste. Nach neutestamentlichem Verständnis sind Dienste immer auf Ergänzung angelegt. Der Epheserbrief stellt verschiedene, alle auf das Wort Gottes bezogene Ämter nebeneinander: Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer (4, 11). Es gibt aber auch noch andere Aufgaben in der heutigen Gemeinde. Da muss sich einer um das Kirchengebäude kümmern, einer muss saubermachen, einer muss die Kirche offen halten, eine muss Besuche machen, einer sich um die Finanzen kümmern. Eine muss in Not Geratenen helfen. Einer kann alten Menschen ihre Einsamkeit nehmen. Und und und… . Eine Wiederentdeckung der vielfältigen Formen der Mitarbeit macht auch deutlich: Für manchen Dienst brauchen wir Hauptamtliche. Nur im Miteinander der verschiedenen Dienste und Gaben wird der eine Leib Christi auferbaut.

3. Ziel des Gemeindeaufbaus ist mündiges Christsein, ein reifer Glaube.

Der Dienst der verschiedenen Ämter in der Gemeinde hat ein Ziel: Ein Glaube, der durch das ganze Leben trägt und am Ende bei Gott im Himmel ankommt.
Jeder einzelne ist dabei vor Gott wichtig. Durch die Taufe wird er hineingenommen in die Gemeinschaft der Christen. Jeder Mensch hat mit Gott seine eigene Geschichte. Glaube bedeutet im Kern nicht, bestimmte Dinge für wahr zu halten. Glaube ist eine Lebenshaltung. Sich einmal fallen lassen können und zu wissen: Gott meint es gut mit mir – ohne Hintergedanken, einfach nur gut. Der Glauben ist die vertrauensvolle Beziehung zu Gott. Das Ziel ist darum reifer Glaube und Mündigkeit. Jeder soll darum bemüht sein, immer mehr von Christus zu erkennen. Das macht den Glauben fest, dass er eben nicht von einem jeden Wind einer Lehre hin- und hergerissen wird. Diese Mündigkeit des Glaubenden entsteht nicht durch Selbstvervollkommnung, sondern durch Christuserkenntnis. Das Ziel ist deswegen nicht, immer mehr und besser zu glauben, sondern sich immer stärker an Christus zu orientieren, „zu Christus hin wachsen“. Das ganze Christsein ist eine Bewegung auf Christus hin, auf eine Annäherung an sein Bild und auf eine Verdichtung der Gemeinschaft mit ihm.

Jesus Christus ist das A und O einer christlichen Gemeinde. Ich gestehe: Als ich als junger Mensch die Evangelien las und auch in wirklich guten Predigten und Bibelarbeiten von Jesus Christus hörte, da hat es mich hingerissen. Seinetwegen habe ich meine Lebenspläne geändert, habe Theologie studiert und bin Pastor geworden. Bis heute habe ich es nicht einen Tag bereut. Wenn wir in einer Gemeinde Jesus Christus als DNA, als innere Mitte nicht mehr erkennen können, dann hat sich diese Gemeinde aufgegeben.

4. Grundlage des Zusammenlebens in einer Gemeinde sind Liebe und Vertrauen.

Missgunst, Konkurrenzneid und Eitelkeit bremsen das Gemeindeleben. Das ureigene Element der christlichen Gemeinde ist Liebe und Gottvertrauen. Das Geheimnis lebendiger Gemeinden liegt im Prinzip der Selbstauferbauung durch Liebe. Wenn Liebe und Vertrauen in einer Gemeinde verloren gegangen sind, dann gilt es alles daran zu setzen, um sie zurückzugewinnen. Es gilt. aufeinander zu zu gehen und miteinander einen neuen Anfang zu machen.

Ich erinnere an das Bild vom Anfang. Als der Hausmeister des Konsistoriums mit Gewalt versuchte, das zugefrorene Abflussrohr vom Eis zu befreien, gelang das nicht. Es öffnete sich später ganz von allein. Es bedurfte nur der Wärme. Es ist wie bei der sich selbst auferbauenden Gemeinde. Nicht durch noch so gut überlegte Ideen, nicht mit noch so viel Einsatz und nicht mit Gewalt lässt sich Gemeinde aufbauen. Hier kann man gar nichts erzwingen. Gemeinde baut sich selbst auf durch die Liebe, die Christus uns erweist und mit der wir einander und ihm begegnen. Das ist wie Wärme in unserer kalten Welt. Diese Wärme, die wir brauchen, das ist der Heilige Geist. Pfingsten bringt der Geist Gottes Liebe in die Welt. Darum ist Pfingsten der Geburtstag der Kirche.
Amen.

[1] Eph. 4, 7.11-16.

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