1. Dezember 2019, Erster Advent | Dom zu Lübeck

Die Stunde ist da, aufzustehen vom Schlaf

01. Dezember 2019 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

Predigt am 1. Advent zu Römer 13, 11-14

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt.

Amen.

I
Kommt schon der Tag? War es noch die Nachtigall oder schon die Lerche? Ist die Nacht schon um? So fragen Menschen, die die Nacht mögen. Die die Nacht gern zum Tage machen und das genießen  –  aus ganz verschiedenen Gründen. Sie fragen mit leisem Bedauern: Kommt etwa schon der Tag? Ist die Nacht schon vorbei?

Ist die Nacht bald um? Wann kommt endlich der Tag? Wie lange dauert es noch, bis der Morgen anbricht? So fragen manche Menschen mit schwerem Seufzer. Für sie ist die Nacht quälend und bedrohlich. Denn in der Nacht wirkt alles gefährlicher als am Tag. Weil die Dunkelheit alles Lebenslicht schlucken kann, Schatten gespenstisch groß flackern lässt. Jede Angst, jede Sorge wird dann noch größer, liegt noch schwerer auf dem Herzen. Selbst die Zeit scheint in der Nacht so unendlich viel langsamer zu vergehen. Wer dann grübelnd wachliegt, hat das Gefühl: Die Minuten werden zu Stunden, die Stunden zu Ewigkeiten. Das einzige, was dann bleibt: Voller Sehnsucht auf den neuen Morgen warten.

Hoffen, dass mit dem Licht auch die Schrecken der Nacht verschwinden. Und dann erleichtert den schimmernden Morgenstern und das Morgenlicht begrüßen.

II
Ist die Nacht bald um? Wann kommt endlich der Tag? Wie lange dauert es noch, bis der Morgen anbricht? Für die, die sehnsüchtig auf das Ende der Nacht warten, hält der heutige Predigttext eine gute Nachricht bereit. Eine gute Nachricht am 1. Advent. Eine gute Nachricht, die der Apostel Paulus im dreizehnten Kapitel des Römerbriefes aufgeschrieben hat: „Die Stunde ist da, aufzustehen vom Schlaf. Denn die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen.“

Die Nacht geht zu Ende, bald ist es Tag! Ein Trost für die, die sehnsüchtig nach dem Ende der Nacht fragen. Die sich fragen, wann ihre Sorgen, ihre Ängste ein Ende haben. Die Sorge über die Fülle an Aufgaben am Arbeitsplatz, die sich über einem türmen und kein Ende nehmen. Und alle bis Weihnachten erledigt sein sollen. Die beunruhigenden Ängste, was wohl werden wird mit dem kranken Familienmitglied, der Liebsten, dem Liebsten, den alt gewordenen Eltern, dem noch so kleinen Kind. Die bangen Fragen, wie es weiter gehen soll mit Erderwärmung und Klimaschutz, mit Konfliktherden in nah und fern, mit billigem Populismus und lauter werdendem Nationalismus inmitten Europas.
Ist die Nacht bald um? Wann kommt endlich der Tag? Wie lange dauert es noch, bis der Morgen anbricht? Wann endlich ist wieder Hoffnung zu spüren? Wann wird es besser? Wann kann man wieder aufatmen? Wann fällt der Blick auf den Morgenstern? Wann kommt das Morgenlicht?

III
Am 1. Advent ist die Antwort auf diese Fragen, ist die gute Nachricht ganz eindeutig: Jetzt – jetzt „ist die Stunde da, aufzustehen vom Schlaf. Denn die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen“. Jetzt ist die Stunde da. Jetzt ist es an der Zeit, aufzustehen. Jetzt ist es an der Zeit, die Dunkelheit nicht allzu groß werden zu lassen, sich nicht von ihr vereinnahmen zu lassen. Jetzt ist es an der Zeit, wach und aufmerksam zu sein, Ausschau zu halten nach dem kommenden Licht.

Wo aber genau empfiehlt es sich, wach und aufmerksam zu sein?
In der Bibel werden, wenn es ums Wachsein und um Aufmerksamkeit geht, oft Bereiche angesprochen, die mit Maßlosigkeit zu tun haben. Eine Maßlosigkeit, die in ihre Schranken gewiesen wird, der Grenzen gesetzt werden. Zu viel Essen und Trinken – Fressen und Saufen heißt es bei Paulus – zum Beispiel. Oder maßlose, grenzenlos werdende Konflikte, die nicht gelöst und eingedämmt werden können, sondern sich immer weiter auswachsen. Nicht zufrieden zustellende Gier nach immer mehr: Immer mehr Geld, immer mehr Entertainment, immer mehr Haben. Auch Gewinne und Profite sollen jedes Jahr aufs Neue maximiert werden – auf Kosten von Arbeitsplätzen, auf Kosten der ärmsten Länder unserer Erde, auf Kosten von Natur und Umwelt. Diese Maßlosigkeit menschlicher Begierden und Wünsche wird vom heutigen Predigttext in ihre Schranken gewiesen. „Sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt.“

Und dann ist da noch eine Form der Maßlosigkeit: die der Ohnmacht und Resignation. Mit achselzuckender Haltung: „Ich einzelner Mensch kann ja doch nichts tun. Die Welt ist eben wie sie ist.“ Auch dieseMaßlosigkeit der Ohnmacht und der Resignation, die die Welt und ihre Menschen letztlich verloren gibt, braucht ihre Grenze. Wie alle anderen Formen der Maßlosigkeit soll auch sie nicht grenzenlos groß werden. Nein, die Maßlosigkeit soll nicht bestimmend für mein, für unser Leben werden.

IV
„Die Stunde ist da, aufzustehen vom Schlaf. Denn die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen.“ Die Nacht geht zu Ende, bald ist Tag! Es ist an der Zeit, aufzustehen. Es ist an der Zeit, die Dunkelheit nicht allzu groß werden zu lassen, sich nicht von ihr vereinnahmen zu lassen. Es ist an der Zeit, wach und aufmerksam zu sein. Ausschau zu halten nach dem Licht.
All das ist an der Zeit, weil Gott verspricht, die Nacht nicht für immer andauern zu lassen. Weil Gott verspricht, dass ein Licht in unser Leben kommt. Das Licht neuen Lebens und neuer Hoffnung. Neues Leben und neue Hoffnung in einem neugeborenen Kind. In einem Kind, das die lebendig gewordene Liebe Gottes verkörpert.
Diese lebendig gewordene Liebe schenkt uns ein neues Maß. Weist unsere Maßlosigkeit in ihre Schranken. In dem Glanz der Liebe, die mit Jesus, dem Christus, in die Welt kommt, finden wir Menschen das rechte Maß. Weil wir in dieser Liebe erfahren, was das heißt: „Ich bin von Grund auf geliebt.“

Als von Grund auf von Gott Geliebte brauchen wir nichts zu verbergen. Müssen nicht anders sein als wir sind. Wir müssen nicht verstecken oder verleugnen, wer oder wie wir sind. Denn nicht weil wir gut und schön sind, liebt uns Gott. Sondern weil Gott uns liebt, werden wir gut und schön und ihm recht. Frei zur Liebe. Frei zur Liebe zum Nächsten. Für den Apostel Paulus ist das sonnenklar: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Sich selbst lieben. Und den, die andere.
Das heißt: Wir können uns Gutes gönnen, brauchen aber nicht maß- und grenzenlos jeder Verlockung nachzujagen. Wir können Schönes genießen, uns an geschenkter Zeit, an erlebtem Glück freuen. Aber wir brauchen nicht immer mehr. Und schon gar nicht von Dingen, die uns viel kosten, aber nicht satt machen und zufrieden.

V
Wann endet die Nacht und wann beginnt der Tag, so fragte einmal ein Rabbi seine Schüler. Einer antwortet: „Beginnt der Tag, wenn man einen Zwetschgenbaum von einem Pfirsichbaum unterscheiden kann?“ Der  Rabbi verneint. Ein anderer antwortet: „Beginnt der Tag, wenn ich einen Esel von einem Hund unterscheiden kann?“ Wieder verneint der Rabbi. Darauf wird er bedrängt: „Sag uns die richtige Antwort: Wann endet die Nacht und wann beginnt der Tag?“ Der Rabbi antwortet: „Die Nacht hört auf und der Tag beginnt, wenn du in ein menschliches Gesicht schaust und wenn du in diesem Gesicht deinen Bruder, deine Schwester erkennst.“

Die Nacht endet und der Tag zieht herauf, wenn die Liebe zum anderen, zum Nächsten unsere maßlosen Begierden und Wünsche heilsam begrenzt. Wenn ich in ein menschliches Gesicht blicke und sehe, diese andere ist meine Schwester, dieser andere ist mein Bruder, ein Geschöpf Gottes wie ich. Mit Hunger und Durst und dem Bedürfnis, in Frieden und Freiheit zu leben. Eine Schwester, ein Bruder, die sich – wie auch ich – Freundlichkeit erhoffen. Deren Wünsche nach Lebensglück ebenso ihr Recht haben wie meine eigenen.
Heller Tag wird es, wenn ich im anderen meine Schwester und meinen Bruder wahrnehme. Nicht identisch mit mir, aber unterwegs auf dem Weg durch das Leben wie ich selbst. Bedürftig, abhängig, mit der jedem von uns zukommenden Würde. Einander verwandt in unserer Sehnsucht nach Licht und Liebe. Nach Rettung, nach Heil, nach Erlösung.
Wenn ich in ein menschliches Gesicht blicke und sehe, diese andere ist meine Schwester, dieser andere ist mein Bruder, ein Geschöpf Gottes wie ich. Dann endet die Dunkelheit und das Licht beginnt zu leuchten.

Warum endet die Nacht? Die Nacht endet, weil Gott im Menschen, in jedem von uns seine Schwester und seinen Bruder wahrnimmt. Weil er aus Liebe zu uns selbst als Mensch geboren wird. Wann endet die Nacht? Die Nacht endet, wenn wir es wagen, dieser Liebe Gottes zu uns mehr zu trauen als allen Nächten um uns herum.

Ist die Nacht bald um? Kommt endlich der Tag? Siehe, aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes. Unser Gott kommt und schweigt nicht.“ (Psalm 50)
Ja – jetzt ist Advent!
Amen.

 

 

 

 

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