21. November 2018 | Stiftskirche Bützow

Die Wahrheit zu erkennen, befreit!

21. November 2018 von Andreas von Maltzahn

Predigt am Buß- und Bettag zu Joh. 4, 19-26

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.


Liebe Gemeinde,

was gehört für Sie zu den wichtigsten Sätzen der Bibel? Für mich ist es zum Beispiel der Satz: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Joh 8,32)

Welch eine Verheißung! Wir müssen unbequeme Wahrheiten nicht verdrängen. Im Gegenteil: Die Wahrheit zu erkennen, befreit! Befreit dazu, alte Schuld zu bekennen und neue Schuld zu vermeiden! Darum schauen wir heute so genau wie möglich hin. Wir stellen uns dem judenfeindlichen Erbe unserer Geschichte. Noch genauer: Wir stellen uns dem judenfeindlichen Erbe des Christentums.

Eines wurde vorhin in unserem Bitten um Gottes Erbarmen schon überdeutlich: Antijudaismus war im Christentum keine Randerscheinung. Es waren keine Außenseiter, die Judenhass propagierten. Etliche der besten Köpfe unter den Kirchenvätern und Reformatoren waren gegen dieses Gift nicht gefeit. Vielmehr wurde es durch sie erst recht wirksam und weiter verbreitet.

Die Frage, die mich bedrängt: Was sind die Wurzeln für solche Feindschaft? Was sind die geheimen Beweggründe, die die Religion der Liebe so zur Fratze werden ließ?

Argumente auf der Verstandes-Ebene genügen offenbar nicht:
Zurzeit Jesu hatten nur die Römer die Macht, die Todesstrafe zu verhängen und zu vollstrecken. Trotzdem wird behauptet, die Juden hätten Jesus umgebracht.
Die Heilige Schrift spricht glasklar vom ewigen Bund Gottes mit Israel. Israel wurde nicht enterbt. Wir können glücklich sein, als Christinnen und Christen zum Volk Gottes hinzugekommen zu sein. Trotzdem wird behauptet, Israel hätte seine Erwählung verspielt.

Die üblen Theorien von Gottesmord und Enterbung sind also schlichtweg nicht haltbar. Dennoch werden sie vertreten, werden Jüdinnen und Juden mit schlimmsten Vorwürfen belegt. Offenbar liegen die Gründe dafür auch im irrationalen Bereich. Eine erste Deutung will ich versuchen:

Judentum und Christentum sind sich unglaublich nah: Teile der heiligen Schrift sind uns gemeinsam. Jesus war Jude. Doch ein Unterschied ist zentral: die Frage des Messias! Wie Juden und Christen Jesus von Nazareth beurteilen! Um es einmal ganz platt zu sagen – letztlich geht es um die Frage: Wer hat Recht – sie oder wir? Irrt das Judentum, weil es den Retter noch erwartet? Oder irrt vielleicht doch das Christentum? Wo ist das Heil zu sehen, das mit Christus angebrochen sein soll?! Kennen Sie solche Fragen nicht?

Diese Fragen sind so schwerwiegend, weil sie nicht von außen an uns herangetragen werden. Es sind ja Fragen und Zweifel, die einem selbst kommen können. Schauen wir uns nur einmal um in dieser zerrissenen Welt! Erscheint sie nicht heillos?

So hat das Christentum von Anfang an im Judentum ständig seine Infragestellung vor Augen gehabt – und zwar im Zentrum des eigenen Glaubens infrage gestellt: Ist Jesus der Erlöser oder nicht?

Um Zweifel zu nähren, musste das Judentum gar nicht streitbar oder missionarisch auftreten, was es auch nie tat. Es war einfach da. In ihm begegneten dem Christentum seine Selbstzweifel. Deshalb reagierte das Christentum so heftig, versuchte auszulöschen, was doch als innere Frage weiter brannte. Instinktiv handelte man nach dem Grundsatz: ‚Was mich insgeheim ängstigt, das muss ich bekämpfen.‘

Schwestern und Brüder, was können wir tun, damit wir nicht in alte Fehler verfallen, damit unser Verhalten zueinander befreit wird?

Stellen wir uns unseren eigenen Ängsten und Zweifeln! Aufrichtigkeit gehört dazu! Ohne Wahrhaftigkeit wird es nicht gelingen. Wir brauchen keine Angst vor der Wahrheit zu haben, denn sie wird uns freimachen und Gott näher bringen.

Bewähren wir unseren Glauben! Leben wir, was Christus uns geraten hat – und wir werden erfahren, dass es Gott war, der durch Christus zu uns gesprochen hat! Unseren Glauben zu bewähren, kann verschiedenste Facetten haben:

  • zum Beispiel in festem Vertrauen, dass wir uns verlassen können auf Gott – in entscheidenden Dingen des Lebens wie im Blick auf unser Sterben; oder dass wir uns sehnen nach der Gerechtigkeit, also etwas tun wollen gegen Unrecht unter den Menschen, mit denen wir leben;
  • oder dass wir nicht richten, sondern barmherzig sind – mit uns selbst und mit anderen;
  • oder dass wir eine Gelassenheit entwickeln wie Jesus im Gespräch mit der samaritanischen Frau, (wir haben es vorhin im Evangelium gehört): Entscheidend sind weder die besonderen Orte der Anbetung noch konfessionelle Rechtgläubigkeit, sondern – wie Jesus sagt – „die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden“ (Joh 4,23). Aus der Kraft des Geistes, in der Wahrheit!

In alledem können wir spüren: Im Vertrauen zu Gott liegt das beste Mittel gegen allen Selbstzweifel und gegen alle Angst.
Schwestern und Brüder, wo es uns gelingt, so unseren Glauben zu leben, können wir auch dem Judentum in rechter Weise begegnen. Was das heißt?
Zuerst und vor allem unsere Schuld zu bereuen und zu bekennen: So gehört zur Liturgie dieses Gottesdienstes auch ein Schuldbekenntnis.
Damit es jedoch keine Lippenbekenntnisse bleiben, sind wir gehalten, mit unserer Schuld zu leben und zu arbeiten – auch im Blick auf die antijudaistische Darstellung in der Bützower Stiftskirche: Es ist gut, dass der zuständige Kirchengemeinderat sich entschieden hat, dieses bedrückende Thema nicht unter den Teppich zu kehren. Es ist so wichtig, sich und anderen bewusst zu machen, aus welcher Geschichte wir kommen. Das öffnet uns die Augen auch für heutigen Antisemitismus. Die aktuelle Studie der Technischen Universität Berlin „Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses“ belegt erschreckend, in welch wachsendem Maße Judenhass auch im Internet verbreitet und gesellschaftlich immer mehr salonfähig wird.

Wie soll man mit der antijudaistischen Darstellung hier verantwortlich umgehen? ‚Am besten entfernen, damit die Kränkung jüdischer Menschen an diesem Ort ein Ende hat! Am besten ins Museum damit und dort damit arbeiten!‘ Auf den ersten Blick legt sich vielleicht solch eine scheinbar klare Lösung nahe.

Wie ich hörte, würde die Denkmalpflege solche Entfernung nicht genehmigen. Abgesehen davon: Wir entkommen den boshaften Bildern nicht! Es gehört zu unserer Verantwortung, Menschen, die diese Kirche besuchen, auf die Verblendung aufmerksam zu machen, die sich im Antijudaismus ausdrückt. Dazu braucht es Bilder – und sei es auf einem aufklärenden Flyer. Wir entkommen den boshaften Bildern nicht!

Ich möchte allen Verantwortlichen meinen Respekt ausdrücken, dass Sie auf Schnellschüsse verzichtet haben und sich dieser Thematik mit verschiedensten Veranstaltungen stellen. Ich kann Sie nur bestärken, gründlich zu klären, auf welche Weise Sie mit diesem Erbe so angemessen wie möglich umgehen können.

Für uns Christinnen und Christen aller Konfessionen wird wichtig sein, das Judentum als älteren Bruder, als Stamm, an dem wir Zweige sind, zu sehen und zu schätzen. Nicht mehr und nicht weniger sind wir: ein Zweig an seinem Stamm. Gott hat seinen Bund mit Israel nicht aufgekündigt, sondern uns durch Christus in diesen Bund aufgenommen. Dementsprechend war es uns so wichtig, in die Präambel der Nordkirchenverfassung die Sätze zu verankern:

„Die evangelisch-lutherische Kirche in Norddeutschland bezeugt die bleibende Treue Gottes zu seinem Volk Israel. Sie bleibt im Hören auf Gottes Weisung und in der Hoffnung auf die Vollendung der Gottesherrschaft mit ihm verbunden.“
Und ich bin froh, dass diese Überzeugung in der Ökumene geteilt wird.
Wenn das Judentum unserer älterer Bruder ist, dann gilt es, diesen Bruder auch gegen Angriffe zu verteidigen: Wo Juden und jüdische Einrichtungen wieder zur Zielscheibe werden – von üblen Witzen oder Molotowcocktails – da ist unser energischer Einspruch gefragt! Gerade im Alltag sind wir gefordert, Judenfeindschaft nicht zu tolerieren. Ich muss an Eberhard denken, einen Onkel meiner Frau. Seine Kollegen schätzten ihn. Dass er Christ war, störte sie nicht weiter. Eines Tages in der Frühstückspause wurde über die Juden gelästert. Onkel Eberhard stand auf, sagte bestimmt: „Ich bin Jude!“ und verließ den Raum. Die Kollegen schwiegen beschämt. Sie hatten verstanden.

Also: Nicht weghören, wenn antisemitisch gequatscht wird! Dagegenhalten, wenn Menschen herabgesetzt werden, egal aus welchem Grund! „Was ihr einem von meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan“, sagt Jesus, der Jude. In jedem Menschen in Not begegnet uns Christus. Werden wir seiner Botschaft gerecht, die sich nicht in der Enge kleinlicher Rechthaberei verlor, sondern in die Weite führt! Noch einmal sei‘s gesagt:

„Gott ist Geist und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Joh 4,24)
Amen.

 

 

 

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