Interview

Dompastorin Margrit Wegner zum Abendmahl: "Eine Verbindung von Himmel und Erde"

Margrit Wegner ist seit 2010 Dompastorin in Lübeck.
Margrit Wegner ist seit 2010 Dompastorin in Lübeck.© Lutz Roeßler

12. Mai 2021 von Annette Klinkhardt

Die Geschichte des an diesem Wochenende zum 3. Mal stattfindenden Ökumenischen Kirchentags ist eng verbunden mit der Frage nach einem gemeinsamen Abendmahl: Doch die eine katholische Sicht oder die eine evangelische Sicht auf dieses Sakrament gibt es gar nicht. In der Geschichte der Kirche entstanden eine Vielfalt an Theologien und Praktiken zur Eucharistie.

Auch in der Nordkirche gibt es eine große Spannbreite, wenn es darum geht, wie oft und in welcher Form das Abendmahl gefeiert wird. Die Lübecker Dompastorin Margrit Wegner erklärt im Interview, was das eigentlich ist, die Eucharistie, warum sie und die Domgemeinde es jede Woche feiern und warum sie es derzeit so schmerzhaft vermissen.

Nordkirche.de: Wann haben Sie das letzte Mal Abendmahl gefeiert?

Margrit Wegner: Das war letztens in kleiner Runde im Dom. Im Gemeindegottesdienst haben wir es nach langen Diskussionen ausgesetzt. So lange wir so viel nachdenken müssen über Hygieneregeln und die Gefahr besteht, dass ein Abendmahl mit Zuckerzange und Handschuhen in eine Karikatur kippen würde, verzichten wir lieber. Auch wenn es sehr schmerzt. Aber wir haben gemerkt, dass wir in dieser besonderen Zeit nicht in der Form feiern können, die dem entspricht, was die Menschen suchen.

Bis vor einem Jahr haben wir das Abendmahl im Lübecker Dom immer mit vielen Runden gefeiert, mit 200 Leuten im Gottesdienst. Die Kirchenarchitektur gibt das auch ganz toll vor: Der Altar steht im Dom in der Mitte, das ist wie so ein Esstisch, an dem sich die Familie sammelt, und so empfinden die Menschen das auch.

Domküster Heiko Gruhl bereitet den Altar für das Abendmahl vor.
Domküster Heiko Gruhl bereitet den Altar für das Abendmahl vor.© Margrit Wegner

Bei mehreren Runden kann das schon mal dauern. Wie ist das für die Gemeinde?

Die Menschen, die in den Dom kommen, wissen: Wir feiern lange Gottesdienste und es erwartet sie ein Abendmahl, das 20 Minuten dauert. Sie schätzen es, dass sie sich damit einreihen in eine lange Traditionskette. Wir laden alle dazu ein, auch die kleinen Kinder, das hat bei uns eine lange Tradition. Die Kinder erhalten das Brot und ein individuelles Segenswort. Wenn wir den Taufspruch kennen, sprechen wir ihnen diesen zu, dann leuchten ihre Augen.

Jetzt, wo sie es so sehr vermissen, merken wir besonders deutlich: Die Gemeinde freut sich drauf. Es ist eine tolle Erfahrung der Gemeinschaft, wenn man so drin steht im großen Kreis um den Altar. Dann wird es ganz offensichtlich, dass wir alle gleich sind: Der Professor steht neben der Obdachlosen und der Kinderwagen neben dem Rollator. Ich habe gerade einen Jungen vor Augen: Im Tragetuch hat er die erste Oblate gekriegt, dann stand er irgendwann selber da und später habe ich ihn eingeschult. In all diesen Stationen hat er am Abendmahl teilgenommen, und so wächst man da hinein.

Wie erklären Sie jemandem, der mit Kirche nichts zu tun hat, das Abendmahl?

Es ist ein Stück Verbindung von Himmel und Erde. In Erinnerung an das, was Jesus mit seinen engsten Vertrauten getan hat, stellen wir uns damit in den Kreis derer, die zu ihm gehören. Es ist ein gemeinsames Essen und es bedeutet, sich gemeinsam zu erinnern, sich zu vergewissern, zu feiern. Es ist eine Stärkung.

Was bedeutet das Abendmahl für Ihre Gemeinde: Ist es eine Feier, ein gemeinsames Gedenken?

Es ist etwas Schillerndes. Welcher Aspekt im Vordergrund steht, hängt sehr von der eigenen Gestimmtheit ab. Mal erlebe ich es eher als Gedächtnismahl in Erinnerung an das letzte Beisammensein von Jesus mit seinen Vertrauten, mal geht es um mich ganz persönlich. Wenn ich gerade in mir gefangen bin, kann es ungemein befreiend wirken, wenn mir jemand etwas zuspricht und mir etwas in die Hand gibt, was ich mir selber nicht sagen und nicht geben kann.

Die Konfirmandinnen Lilo Bartscht (15) und Anika Ribbentrop (15) aus Lübeck: "Wir verbinden das Abendmahl mit unserer Konfizeit, besonders mit der Konfifahrt. Außerdem ist es ein schönes Gefühl mit der Gemeinde am Ende des Gottedienstes noch mal zusammen zu kommen."
Die Konfirmandinnen Lilo Bartscht und Anika Ribbentrop aus Lübeck: "Wir verbinden das Abendmahl mit unserer Konfizeit, besonders mit der Konfifahrt. Außerdem ist es ein schönes Gefühl mit der Gemeinde am Ende des Gottedienstes noch mal zusammen zu kommen."© privat

Es gibt in der lutherischen Tradition eine eher düstere Farbe des Abendmahls. Wie ist das bei Ihnen?

Wir feiern das Abendmahl sehr würdig und feierlich. Hier in Lübeck haben wir die Eigenheit, dass das Schuldbekenntnis vor Jahrzehnten schon unter unseren Vorgängern ausgegliedert worden ist auf den Samstagabend. Da feiern wir einen Gottesdienst mit gemeinsamer Beichte und der Möglichkeit, sich segnen zu lassen. Auch da hoffen wir sehr, dass das bald wieder möglich sein wird. Dabei hat sich der Schwerpunkt in den letzten Jahren allerdings verlagert von der düsteren Seite der Beichte hin zum Zuspruch im Segen. Aus seelsorgerlichen Zusammenhängen halte ich die Beichte für sehr wichtig, es ist aber schwer zu vermitteln, dass es darum geht, aufgerichtet und nicht kleingemacht zu werden. Die Leute haben einfach oft andere Bilder im Kopf.

Das Abendmahl ist bei uns super feierlich: Mein Kollege Martin Klatt und ich stehen gemeinsam am Altar. Wir singen die komplette Liturgie vorher, das ist total hochkirchlich und das schätzen die Leute. Dabei erleben sie, dass sie Teil eines Größeren sind, und gerade die Jugendlichen finden das ganz toll, auf der gleichen Stufe zu stehen wie alle anderen.

Warum ist es für mich als Einzelne und für uns als Gemeinde gut, Abendmahl zu feiern?

Abendmahl ist immer wieder Stärkung und Vergewisserung. Das kann ich manchmal spüren, manchmal auch nicht. Es ist unverfügbar und reicht bei Menschen in unserer Gemeinde von einem guten Bauchgefühl bis hin zu Jesuserscheinungen. Und da passiert so viel! Wenn ich Mütter neben ihren jugendlichen Kindern stehen sehe, die eigentlich gerade voll auf Distanz sind und sich hier so nahe kommen, geht mir das Herz auf.

Ich höre jetzt in der Coronazeit, dass unsere Gemeindeglieder das Abendmahl richtiggehend körperlich vermissen und spüre da eine große Not. Es reicht eben nicht, Gottes Wort zu hören – wir müssen es schmecken und mit allen Sinnen begreifen: ‚Schmeckt und seht, wie freundlich Gott ist‘.

Konfirmand Ayk Thomas (15) aus Lübeck: "Das Abendmahl bedeutet für mich gemeinsam feiern. Außerdem empfinde ich es als eine Art von Glaubensbekenntnis, da man sich so mit Jesus verbindet."
Konfirmand Ayk Thomas aus Lübeck: "Das Abendmahl bedeutet für mich gemeinsam feiern. Außerdem empfinde ich es als eine Art von Glaubensbekenntnis, da man sich so mit Jesus verbindet."© privat

Was passiert beim Abendmahl, was mit dem Verstand nicht erklärt werden kann?

Dazu eine Geschichte: In meiner Vikarsgemeinde in Steilshoop gab es eine Gruppe für erwachsene Menschen mit Behinderung. Mit dabei war ein junger Mann, der Schwierigkeiten hatte mit dem Sprechen und ein großer Catherina-Valente-Fan war. Am Gründonnerstag haben wir ein Tischabendmahl gefeiert, bei dem eine ältere Dame aus Polen dabei war. Die hatte ihren Mann verloren und trug immer nur Schwarz. Ich hatte vorher gesagt, dass die Feiernden die Hostie ihrem Nachbarn geben sollten mit den Worten ‚Das Brot des Lebens, Christus für dich‘ – ohne daran zu denken, dass das für die Menschen mit Behinderung eine Herausforderung sein könnte. Dieser junge Mann reichte der Witwe die Hostie, strahlte sie dabei an und sagte: ‚Das Leben für dich‘. Am nächsten Tag trug sie einen hellblauen Pullover. Das bedeutet Abendmahl: Es ist ein Stück Verwandlung und ein großer Zuspruch für das Leben.

Wie lernen die Konfirmanden, was Abendmahl ist? Ist das nicht irgendwie schräg für junge Leute heutzutage, von Leib und Blut Christi zu hören?

Wir sagen ja, "in, mit und unter Brot und Wein". Das heißt: Jesus ist da, er ist gegenwärtig. Im Konfirmandenunterricht kneten wir mit den Jugendlichen Erinnerungsgegenstände und erzählen uns von Abschieden und Abschiedsgeschenken. Das sind hochemotionale Geschichten, etwa von dem Ring, den die Oma geschenkt hat, bevor sie gestorben ist oder von dem Brief der Freundin, bevor diese weggezogen ist. Wenn wir dann in die Mitte einen Kelch und eine Patene (Gefäß für die Hostien) stellen, dann kriegt dieses Thema Abschied und Erinnerung ganz schnell eine neue Dimension – weg von "Wir trinken das Blut".

Bei unserer Konfirmandenfreizeit machen wir eine lange Wanderung, bei der wir die Geschichte vom verlorenen Sohn hören. Wenn wir dann durchgefroren zurückkommen, duftet es nach frisch gebackenem Brot und wir feiern in dieser Runde das erste Abendmahl. Mit dieser Erfahrung feiern die jungen Leute das Abendmahl im Dom auch anders, es braucht diese sinnlichen Erlebnisse.

Mattis Brandt, 12 Jahre, Christenlehre in Greifswald: "Abendmahl, das war das letzte gemeinsame Essen, wo Jesus noch gelebt hat. Wir stehen da in einem Kreis, und ich finde das feierlich. Langweilig auf keinen Fall. Ein bisschen ist es auch wie Magie, ich glaube aber nicht wirklich, dass sich das Brot in Jesus verwandelt."
Mattis Brandt, 12 Jahre, Christenlehre in Greifswald: "Abendmahl, das war das letzte gemeinsame Essen, wo Jesus noch gelebt hat. Wir stehen da in einem Kreis, und ich finde das feierlich. Langweilig auf keinen Fall. Ein bisschen ist es auch wie Magie, ich glaube aber nicht wirklich, dass sich das Brot in Jesus verwandelt."© Annette Klinkhardt

Jahrhundertelang gab es theologische Auseinandersetzungen um die Bedeutung des Abendmahls. Verkomplizieren wir es uns unnötig?

Mein Plädoyer für alle Gemeinden: Macht es einfach, feiert es, und zwar jede Woche!

Man wird diesem Geheimnis nie ganz auf die Spur kommen, aber wenn ich nur alle halbe Jahr die Möglichkeit dazu habe, kann ich es nicht einüben. Es ist nämlich auch eine geistliche Übung. Manchmal denken wir viel komplizierter als die Menschen, die das Abendmahl mit feiern und sich gar nicht die Gedanken machen, ob das jetzt Jesu Blut "ist" oder "bedeutet". Sie feiern einfach mit und verlieren so die Scheu vor dem, was vermeintlich hochheilig ist. Wenn ich die Feier der Eucharistie beispielsweise nur an Karfreitag erlebe, dann ist das so hoch besetzt. Das ist ganz anders, wenn das Heilige ein Teil jeden Sonntags ist und ich mein Leben damit heiligen kann.

Der Lübecker Dom mit seinen zwei Türmen.
© Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg

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