30. Juni 2019 | St. Marienkirche Basthorst

Ein Hoch auf die Jubilarin – 700 Jahre St. Marienkirche

30. Juni 2019 von Kirsten Fehrs

Festgottesdienst am 2. Sonntag nach Trinitatis, Predigt zu Jesaja 55,1-5

Liebe Festgemeinde,

kommt her! Alle. Auf dass wir feiern. 700 Jahre St. Marienkirche zu Basthorst, wenn das kein Grund ist. Mit reichlich Feinblech und Orgel, Festprogramm und innigem Chorgesang, danke für diese wunderbare Festmusik. Ein Hoch auf die hochbetagte Jubilarin, Glück und Segen für diese schöne alte Dame, die uns willkommen heißt, heute wie zu allen Zeiten.

Apropos: alte Dame. Eine ebensolche aus meiner alten Gemeinde traf ich vorhin und als ich erzählte, dass ich heute bei Ihnen feiern darf und warum, sagte sie: „Großartig! 700 Jahre eine Kirche der Maria. Das ist Frauenpower.“ Allerdings. So freue ich mich außerordentlich, hier zu sein und Ihre beeindruckend lebendige Gemeinde samt der vier Dörfer kennenzulernen. Denn man merkt sofort: Hier weht ein lebendiger Geist der Gastfreundschaft. Gastfreundschaft für Kind und Greis, Suchende und Singende, Kunst schaffende Engel und Friedensdurstige. Ganz so, wie es im heutigen Predigttext aus dem Jesajabuch Gott von sich selbst sagt, er, der große Gastgeber.

„Kommt her, die ihr durstig seid, zum Wasser. Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr euch am Köstlichen laben. Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben. Siehe, du wirst Völker rufen, die du nicht kennst, und Völker, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des HERRN willen, deines Gottes, der dich herrlich gemacht hat.“

Kommt her! Wenn das nicht passt, allzumal zu dieser alten Wallfahrtskirche. Es ist ihr ja geradezu in die DNA einprogrammiert: Kommt her, ihr Pilger von nah und fern. Macht euch auf den Weg und lasst euch Gutes tun. Diese Einladung ist der Grund, warum es diese Kirche, ja, überhaupt Kirche gibt. Deshalb hat man dieses Willkommenshaus Gottes gebaut, gepflegt, wiederaufgebaut, um allen eine Heimat zu geben. Wie viele haben hier ihr Kind zur Taufe getragen, einander das Ja-Wort gegeben, wie viele haben ihre Toten betrauert, ihre Sorgen anvertraut, um Frieden gebetet?

Kommt also her, alle sollen satt werden. Nicht etwa durch das, was man mit Geld kaufen kann. Sondern durch das, was innerlich satt macht. Was einen innerlich erfüllt. Und diese Sehnsucht nach Glück und Erfüllung, liebe Gemeinde, ist dermaßen aktuell. Denn wir sehen in diesen Zeiten so viele an den Zäunen und Straßen stehen, leider oft jenseits unserer Kirchen, die sich nach gutem Wort sehnen und nach Segen. Nach einem neuen Vertrauen ins Leben, das sie trägt.

Kommt her – haben wir deshalb Pfingstsamstag in Hamburg gesagt. Und sie kamen! 5.000 gut gelaunte Menschen mit Kühltaschen, Tischdecken und Prosecco zum Elbtauffest – großartig. Mit 500 Täuflingen, von Neugeborenen bis hin zu frisch geschminkten Teenagern, einige Erwachsene waren auch dabei. Und vor allem Lebensfreude war dabei, so wie heute hier, Segen und Friede pur.

Und als es zur Taufe ging, ich sage Euch, Wunder an Wunder. Das lag nicht allein an den äußerst kreativ gekleideten Pastorinnen, die im Wasser standen mit bunten Badelatschen, den Talar mit Sicherheitsnadeln hochgerafft. – Sie, liebe Pastorin Boysen, gehören ebenso zu der modernen Generation von Pastorinnen, die für ihre Gemeinde auch mal in unbekannte Gewässer geht, gut so! – Es lag darüber hinaus an der Zärtlichkeit, mit der ein zauberhaftes Menschenkind nach dem anderen getauft wurde. Ich habe selten in meinem Leben in so viele glückliche Gesichter geschaut. Man sah es den Menschen an: Hier ist das Wasser, das wirklich den Durst nach Leben stillt.

Eine Szene hat mich besonders berührt: Ein Vater, Typ Schrankwand, tätowiert von oben bis unten, umgeben von seiner vielköpfigen Familie, die offenkundig alle den gleichen Tätowierer hatten, kurzum: nicht unbedingt unsere übliche Kirchenklientel – dieser Vater steht total gerührt mitten im Wasser und hält voller Vertrauen der Pastorin sein Kind entgegen. Auf diesem muskulösen, blauschwarz-tätowierten Arm lag dieses klitzekleine weiße Baby, der einzige helle Fleck auf diesem ganzen Menschen, der seinerseits viel Wasser weinte und ein wenig schamhaft lächelnd wieder ans Ufer kam. Mir war, als wäre es ein neues Ufer.

Es gibt so viele wunderschöne Momente in unserem Kirchenleben. Kleine Wunder. Unerwartete Selig-Momente, in denen man das helle Gefühl hat, nach langer Pilgerreise endlich anzukommen. Bei Gott. Bei sich selbst. Am richtigen Ufer – hier in dieser Kirche. 700 Jahre schon.

Wenn man bedenkt, was diese Patronatskirche in den Jahrhunderten alles erlebt und überstanden hat! Wunder und Wunderliches. Seit 1319 – von wegen Wein und Milch umsonst! Die erste Erwähnung jedenfalls ist die Kurz- und Knappschätzung des Pfarrers Johannes, in der er seine Einkünfte zusammenrechnet. War wohl nicht allzu üppig, diese Zeit des Mittelalters. In ganz Europa herrschte Hungersnot. Mehrere Millionen Menschen starben und es gab fast mehr Friedhöfe als Dörfer. Lübeck war damals größer als Hamburg und Dänemark begehrte Land, Leute und Sieg. Und – gestatten Sie mir diesen Exkurs als lokalpatriotische Dithmarscherin – in der Schlacht von Wöhrden werden die Holsteiner und Mecklenburger von den Dithmarschern nachhaltig in die Flucht geschlagen. Die Geschichte ist also wechselhaft – auch die der Patronate und Pastoren, deren Anekdotenreichtum höher ist als das Salär.

So beispielsweise geriet 1648 Pastor Andreas Gregorius mit dem Patron Peter von Uffeln so heftig in Streit, dass er daraufhin wahnsinnig wurde und man ihn kurzerhand in den Ruhestand versetzte. Glücklicherweise, liebe Freifrau von Ruffin, haben wir mit Ihnen eine Patronin, die in einem echten Miteinander mit all den Engagierten hier – wir haben sie eben gesehen – Kirche lebt. Kirche, die sagt: Kommt her, die ihr Segen sucht und nach Gerechtigkeit dürstet. Ich will euch erquicken. Danke Ihnen allen von Herzen dafür.

Denn, klar, es gibt auch heutzutage Sorgen. Veränderungen sind halt stets das Beständige. Weniger Pastoren und weniger Ressourcen sind zukünftig ein Kirchenthema. Deshalb geht‘s neu um regionale Zusammenarbeit der Gemeinden. Allerdings, um gleich jeglichem Abgesang die Stirn zu bieten: Was Superintendent Brömel 1856 nach seiner Visitation in Basthorst geschrieben hat, trifft nun wirklich nicht zu: „Die Kirche sieht aus, als ob sie bei dem leisesten Anstoß zusammenbrechen würde.“

Nein, wirklich nicht. Zumal ja die Geschichte des Wiederaufbaus im 19. Jahrhundert auch eine großartige ist: Die Bauern der vier Kirchdörfer Mönsen, Mühlenrade, Dahmker und Basthorst haben zwei Jahre Hand- und Spanndienste geleistet, um höchstpersönlich in einer Gemeinschaftsleistung diese Kirche wieder aufzubauen. Das war genau vor 160 Jahren. Regionalisierung, die Erste. Mit einem Zentrum, das bei allen Veränderungen konstant geblieben ist: dieser Altar, gehauen aus einem einzigen großen Granitblock, unumstößlich und „unkaputtbar“, der Tisch des Herrn.

Kommt her – alle. Denn, so hört man diesen wunderbaren Satz im Evangelium vom großen Abendmahl: Es ist noch Raum da. Und schaut Euch um, liebe Festgemeinde, so viel Raum ist doch tatsächlich da! In dieser Kirche im Dorf, mitten im Leben. Und in unserem Land. Es ist so viel Raum für alles, was wir sind, was gelungen ist und gescheitert, was uns herzensnah berührt oder wesensfremd bleibt: Wir alle sind eingeladen vom großen Gastgeber. Als Gewürdigte des Herrn.Herrlich von ihm gemacht“sind wirund also unantastbar in unserer Würde. Wie gut ist es, diese Botschaft zu hören in einer Gesellschaft, die zunehmend abwertet, herunterwürdigt, abkanzelt und aufhetzt. Nein, die Würde jedes einzelnen Geschöpfes bleibt unantastbar, es lebe im 700. auch das 70. Jubiläum unseres Grundgesetzes.

Denn es geht um alle. Alle ist das Schlüsselwort. Alle werden gemeinsam an der Tafel sitzen, essen und trinken. Keiner wird ausgeschlossen, weder die Alteingesessenen noch die Neubürger, die Nahen und die Fernen. Look at the world, hat der Chor vorhin gesungen. „Kommt her, alle Völker“ sagt dazu der Jahrtausende alte Predigttext. Es ist dies das grundlegende Plädoyer für Menschenrecht und Völkerfrieden. Dies ins Heute zu übersetzen, immer wieder, braucht unsere Stimme, liebe Geschwister! Allemal in einem Europa, dessen Humanität mit jedem ertrunkenen Flüchtling ins Bodenlose sinkt. Wie kann es sein, dass nicht mehr das Grundlegende jeder christlichen Seefahrt gilt, nämlich Seenotrettung? Wie kann es sein, dass die kriminalisiert werden, die in Not geratenen Menschen Zuflucht gewähren, wie die Seawatch es tut? 42 Geflüchtete über Wochen nicht an Land zu lassen, das ist ein Armutszeugnis.

Kommt bloß nicht her? Abschottung? Wo wären wir in unseren Dörfern, würden wir so reden? Nein, es heißt: „Kommt her, dass ihr alle leben werdet.“ Und das bedeutet: Wir sind von Gott aneinander gewiesen. Als große Weltfamilie der Verschiedenen. Und als Dorf- und Dörfergemeinschaft. Als Kommune und Kirche, Freundesverein und Gemeinde. Danke für das gute Miteinander, liebe Bürgermeister und lieber Herr Müller. Wo wären wir ohne eine gute Nachbarschaft mit ganz praktischer Nächstenliebe? Die ohne Ansehen der Person hilft, aufbaut, mitdenkt. Die keinem Schlechtes hinterher sagt, sondern lieber gut hinhört. Der Predigttext zeigt uns ganz konkret, dass alle daran mittun können und sollen, damit das Haus Gottes in dieser Welt, ja, dass die Kirche im Dorf ist und bleibt. Dass Gottes Segen bleibt wie ein schützendes Dach. Dass Gottes Wort neuen Grund geben kann unter unsicher gewordenen Füßen. Dass Kirche aus einer Gemeinschaft besteht, die sagt: Seht, es ist so viel Raum da.

Und Gott selbst ist in unserer Mitte. Denn er hat solch eine Sehnsucht. Nach uns, den Singenden, Liebenden, Hoffenden. Deshalb ist er in diese Welt gekommen, höchstpersönlich, er leidet mit denen hinter den Zäunen und freut sich mit denen, die Grenzen überwinden und Freundschaft feiern. So wie wir heute, mit Feinblech und Trompeten.

St. Marien und Frauenpower – Glück und Segen für die alte Dame und für Euch, liebe Gemeinde, auch die nächsten 700 Jahre. Mit Frieden, höher als alle Vernunft. Er bewahre Euer aller Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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