2. April 2018 | Kapelle Justizvollzugsanstalt (JVA) Waldeck bei Rostock

Ein Ort wie ein schützende Arche

Landesbischof Gerhard Ulrich
Landesbischof Gerhard Ulrich© Marcelo Hernandez / Nordkirche

02. April 2018 von Gerhard Ulrich

Gottesdienst zur Einweihung der neugestalteten Kapelle in der JVA Waldeck | Biblische Lesung: Lukas 24, 13 - 35

Liebe Festtagsgemeinde,

zu Ostern diese mit vereinten Kräften künstlerisch gestaltete Kapelle hier in der Justizvollzugsanstalt Waldeck einzuweihen – das ist ein außerordentliches Ereignis!

Wir weihen eine Kapelle ein, die ein ganz besonderes Gesicht bekommen hat. Das ist Grund zur Freude: für die Künstlerin Barbara Wetzel, die Justizvollzugsanstalt, die Seelsorge, das Ministerium, das Erzbistum und die Nordkirche.

Und diese Freude darf auch durchaus mit Stolz verbunden sein, ganz besonders natürlich bei denen, die mit ihrer eigenen Hände Werk zur Gestaltung beigetragen haben.

In den letzten zwei Jahren sind hier ganz viele Dinge passiert, die alles andere als selbstverständlich sind. So möchte ich stellvertretend für uns alle Dank aussprechen:

Dank an das Justizministerium und die Justizvollzugsanstaltsleitung, dass es gelungen ist, hier in Waldeck dieses Ensemble zur Verfügung zu stellen – als Raum für Bildungsarbeit im vorderen Teil, als Raum für die Kapelle hinter der Glaswand und zur geistlichen Nutzung insgesamt bei Ereignissen wie heute;

Dank an die Künstlerin Frau Barbara Wetzel und ihre Mitarbeiterin Frau Hesse, dass sie sich auf einen offenen Weg mit den Gefangenen, auf viele persönliche Gespräche und immer wieder neue Anfänge eingelassen haben; dass sie die Idee von der rechten und der linken Seite in Entsprechung, aber auch als Variation zueinander gestaltet und den biblischen Gedanken von der Freiheit des Singens im Gefängnis eingebracht haben.

Dank ganz besonders an die Gefangenen, die mitgearbeitet haben: für Ihre Ideen und Ihre Gemeinschaft bei der Gestaltung, für Ihre Energie, sich hinein zu vertiefen und durchzuhalten; für Ihren Mut, "ins Holz zu gehen" und zerbrechliche Figuren zu schneiden, ja dem Widerstand des Holzes etwas abzugewinnen, was der eigenen inneren Vorstellung entspricht. Dank auch für den Entwurf und die Gestaltung des Altars; er ist in der Holzwerkstatt hier in Waldeck gebaut worden!

Dank für das Kreuz an der Rückwand – Zeichen dafür, dass wir mit unserem ganzen Leben an guten und an schweren Tagen zu Jesus Christus gehören und der Tod nicht das letzte Wort behält, sondern der, der ihn überwand und sich uns liebevoll mit geöffneten Armen zuwendet.

Dank schließlich allen in dieser Anstalt und im Justizministerium, in der Seelsorge, im Hauptbereich 2 der Nordkirche und im Erzbistum, die diesen Kapellenbau mit vorbereitet haben; Dank für Kollekten aus der Nordkirche, Stiftungsmittel aus Mecklenburg, Mittel der Kirchen und des Landes, die das möglich gemacht haben.

Wir werden beschenkt. Diese Kapelle heute empfangen und einweihen zu dürfen. Das ist ein wahres Osterereignis.

Wer in diesen Raum kommt, spürt sofort: Hier ist etwas anderes dran. Hier ist das Leben nicht grau, sondern hat viele Farben. Hier kann ich sein, hier bin ich so kostbar und wertvoll, wie von Gott gemeint.

Dieser Ort mag für manchen wie eine schützende Arche sein, um im Stillen bei Gott oder im Gespräch mit einem Seelsorger etwas loszuwerden und dann auch wieder aufzubrechen, mit Hoffnung und Kraft auf Erneuerung.

Schon die Gestaltung dieser Kapelle zeigt an: Eine andere Dimension begegnet uns, es tritt etwas Neues in unser Leben. Und wenn wir Gottesdienst feiern – so wie jetzt – und die innere Gestaltung hinzukommt: erzählen, Musik hören und singen, seufzen, jauchzen und beten, dann kann sich etwas ändern und ein Funke überspringen – wie in der wunderbaren Ostergeschichte, die wir gerade gehört haben: Zwei Jünger auf dem Weg nach Emmaus. „Da wurden ihnen die Augen geöffnet.“ Der Auferstandene als Augenöffner. Sie können ihn erkennen, weil er sich ihnen zu erkennen gibt. Sie können wieder glauben, können aufbrechen, können sich neu auf den Weg machen. Eine Auferstehungsgeschichte.

Doch zuerst sind da zwei ganz traurig unterwegs. Der, auf den sie all ihre Hoffnung gesetzt hatten, ist tot – gekreuzigt und begraben. Zwei auf der Suche. Diese furchtbaren Bilder im Kopf, diese Wut und Enttäuschung in den Herzen. Doch wichtig auch: Sie reden. Schütten einander ihr Herz aus.  Also: Nicht bei sich selbst bleiben mit dem, was nicht in den Kopf will. Nicht bei sich selbst bleiben - enttäuscht und ratlos. Nicht bei sich behalten, was drückt und quält. Nein, die Realität annehmen, sie zur Sprache bringen, sie im Gespräch durcharbeiten.

Und wie sie so gehen, kommt ein Dritter hinzu und fragt. Gut, wenn da einer zuhört. Ein offenes Ohr hat – so wohltuend jetzt, so nötig. Einer, der mit dem Herzen hört. Die richtigen Fragen stellt. Das weckt den Schmerz auf, aber öffnet auch die Seele. Sie spüren: Der Unbekannte, der Unerkannte. Er geht mit. Nicht nur mit den Füßen. Er will teilhaben. Und dann reden sie, erzählen von Jesus von Nazareth, wie er ihr Leben verändert hatte. Erzählen, wie die Schwachen aufstehen konnten und wie er die Sünderin und den Sünder angenommen hat. Wie er deutlich gemacht hat, dass kein Mensch aufgeht in dem, was er tut oder lässt, nicht aufgeht in den bösen Taten, auch nicht in den guten Taten. Da ist immer mehr. Sie erzählen von dieser Liebe, die das Geringe schätzt und das Geknickte aufrichtet. Und dann haben die anderen ihn getötet.  Jetzt sei alles aus – und jetzt ist alles heraus: Schweigen, Erleichterung. Dann erst spricht der Fremde. Er nimmt ihre Trauer ernst. Aber: Er stellt Zusammenhänge her. Sagt: „Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?“ Gott war nicht weg. Ihr habt ihn vergessen in eurer Trauer, als er nicht so war, wie ihr ihn haben wolltet.

Die Sonne sinkt. Der Tag neigt sich. Jetzt nicht noch eine Trennung. „Bleibe bei uns; denn es will Abend werden“. Und als sie zu Tisch sitzen, er das Brot nimmt, dankt, es bricht und ihnen gibt – da wird der Abend zum Morgen der Erkenntnis, da bricht hinein in das Dunkel der Nacht das Licht des Lebens – wieder einmal. „Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten Jesus“: Ein Aha-Erlebnis: plötzliches Verstehen, Licht – Aufgehen, Begreifen: Auferstehung ist das. Wir können neu anfangen.

Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus sprechen miteinander, so wie Sie zukünftig hier in der Kapelle miteinander werden sprechen können. Und ein dritter ist dabei. Und dann kann es geschehen, dass die Mitte der Nacht zum Anfang eines neuen Tages wird. Ich darf meine Verzweiflung mit jemandem teilen und Gott begleitet uns, oft unerkannt. Dann kann’s geschehen, dass währenddessen schon ein Funke überspringt und mir das Herz brennt, weil etwas Neues in mein Leben tritt, eine unbändige Hoffnung, die Kraft gibt. Es ist wie eine Auferstehung, ein klarer Ruf: fang nochmal neu an!

So wie diese Kapelle ein Geschenk ist, so machen wir auch Ostern nicht uns selbst. Auferstehungserfahrungen können in unser Leben treten und uns verändern. Wo Enttäuschung und Wut war, ist jetzt eine innere Stimme zu hören, die sagt: Steh auf!

Wenn wir diese Kapelle in den Ostertagen 2018 einweihen, wenn wir Gottes Wort hören und ihn anrufen, dann ist das ein österliches Zeichen für jede und jeden von Ihnen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden Steh auf auch Du!

Ein Ansporn möchte diese Kapelle für Sie sein, ein Ansporn, ganz praktischen Konsequenzen aus Ostern zu ziehen:

Das macht Sinn, ins Gespräch zu gehen. Es ist schwierig, aber ich muss es aussprechen – nur dann komme ich weiter.

Ich bin nicht abgeschrieben. Es gibt da einen, der bricht das Brot mit mir. Hier in der Kapelle kann's geschehen.

Ich will mich nicht aufgeben, und ich brauche mich nicht aufzugeben – denn Gott gibt mich nicht auf.

Aussteigen will ich, raus aus der Spirale von Zerstörung, Rache und neuerlicher Gewalt, weg vom Schwarz-Weiß, er oder ich – das Leben hat viele Farben und Zwischentöne, und mir stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung.

Allein würd' ich untergehen. Aber ich will nochmal anders anfangen. Dafür suche ich mir verlässliche Begleitung.

Brannte nicht unser Herz? Ja, wir brauchen diese Begegnungen, diesen Ort, diese Stimme, die in uns ruft: Steh auf! Fang neu an!

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!

So können wir diese Kapelle einweihen. Gott segne alle, die hier ein- und ausgehen!

Amen.

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