Ein Tag im One Day Choir
13. Juli 2026
Singen, proben und am selben Tag ein Konzert geben: Das versprach der One Day Choir im Christian Jensen Kolleg. Ob Anfängerin oder erfahrener Chorsänger sollte dabei keine Rolle spielen. Für mich als völlig ungeübte Sängerin war die Teilnahme ein ebenso gewagtes wie überraschend bereicherndes Experiment.
Singen kann jeder
Naja, ich bin da eher die Ausnahme. So dachte ich jedenfalls. Deshalb hatte ich es in meinem Leben nie erwogen, mich einem Chor anzuschließen. Und sowieso: zu viel Verpflichtung, zu viel Zeitaufwand. Außerdem hatte ich Sorge, mich mit meinen bescheidenen Musikkenntnissen zu blamieren. Dabei macht mir das Singen im Gottesdienst oder bei anderen Gelegenheiten schon Spaß. Ein bisschen freundliches Zureden aus meinem Umfeld half dann, mich zu der Veranstaltung anzumelden.
Aufwärmen mit Jaulen und Knarren
Trotzdem bin ich unsicher, als ich mir unter den hundert angemeldeten Sängerinnen und Sängern einen Platz in den Stuhlreihen des Probensaals suche. Auch die Stücke auf dem Liedzettel kommen mir eher unbekannt vor. Doch bevor ich überhaupt ins Nachdenken komme, legen Patrick Zindorf, Jasmin Zaboli und Constanze Hosemann schon los.

Ohne zu wissen, wie uns geschieht, schütteln und klopfen wir unsere Gliedmaßen und Körper, geben unterschiedliche Laute in verschiedenen Tonlagen von uns, knarren wie alte Türen oder jaulen wie Katzen.

Ich habe keine Zeit, auf die Mimik und Gestik der anderen Teilnehmenden zu achten, so sehr bin ich damit beschäftigt, den Anweisungen zu folgen – und kann mir hier und da ein kleines Schmunzeln oder Grinsen nicht verkneifen.
Mit Humor, Lob und Anerkennung
Dann geht es im hohen Tempo durch die Lieder, darunter auch einige neue sogenannte Monatslieder. Die modernen, eingängigen Melodien dieser Stücke fühlen sich gut an, und auch die hoffnungsvollen Texte berühren mich sehr.
Begleitet vom Klavier führen unsere drei Leiter*innen die verschiedenen Stimmlagen durch die Stücke. Längst nicht immer hören sich die Stücke sofort gut an, doch wir werden behutsam und humorvoll korrigiert und mit viel Lob und Anerkennung motiviert.

Zwischen Einsatz verpasst und Mut gewonnen
Ich mühe mich derweil ziemlich ab, verpasse ab und zu einen Einsatz und verliere den Überblick über die vielen Melodien. Wie ging noch mal dieses Stück? Als meine Sitznachbarin längere Zeit verschwunden bleibt, befürchte ich, dass ich sie durch meine mangelhaften gesanglichen Fähigkeiten vergrault habe. Aber sie war nur in einem Workshop und hatte sich auf ein Solo vorbereitet. Unvorstellbar für mich. Ich bewundere sie für ihren Mut.
Meine andere Sitznachbarin gibt ein erschöpftes Schnaufen von sich. Ich bin also nicht die Einzige, die von der Konzentration und Fokussierung angestrengt ist, und gehe dankbar in die Pause.

Der Rhythmus und ich
Nachmittags gibt es weitere Workshops zu Improvisation und Rhythmus. Das zweite scheint mir leichter zu sein, aber schon bei kleineren Übungen mit Klatschen und Schnipsen komme ich immer wieder raus. Patrick beruhigt uns, dass wir einerseits ein natürliches Rhythmusgefühl haben und andererseits alles eine Frage der Zeit und des Übens ist. Gut, ich entscheide, mich auf mein natürliches Rhythmusgefühl zu verlassen.
Hundert Menschen, eine gute Stimmung
Trotz aller Hürden habe ich mittlerweile die Zweifel an meinen Fähigkeiten überwunden und merke, wie die Freude in mir immer stärker wird. Ich fühle mich aufgehoben in dieser großen Runde an Menschen, die durch das Singen zu einer Einheit geworden sind. Es ist eine Freude und gute Laune, die ganz offensichtlich auch alle anderen Sängerinnen und Sänger verspüren. Die gute Stimmung macht sich auf den Gesichtern aller Teilnehmenden breit. Unser Chorgesang füllt mit Leichtigkeit den Saal. Unsere Stimmen schweben, vibrieren, verschmelzen miteinander und tragen die Melodien durch den Raum.

Zum Schluss Magie
Das erlebt auch unsere eher überschaubare Schar an Zuhörerinnen und Zuhörern, die zum Abschlusskonzert vorbeikommt. Patrick hatte uns schon versichert, dass wir beim Konzert auf jeden Fall noch einmal über uns hinauswachsen würden. Und tatsächlich: Es hat etwas Magisches, wie Jasmin unsere Stimmen mit leichten Handbewegungen lenkt, sie lauter und leiser werden oder verstummen lässt. Plötzlich ist alles da, passt zusammen, fügt sich – und ich bin Teil davon.

Dass ich jemals wie meine Sitznachbarin ein Solo singen werde, glaube ich nicht. Aber es wird mit Gewissheit nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich an einem One Day Choir teilnehme.
