Mit Singen vom Zweifel zur Freude

Ein Tag im One Day Choir

Im Stehen lässt sich viel besser singen.
Im Stehen lässt sich viel besser singen. © Antje Wendt, Nordkirche

13. Juli 2026 von Antje Wendt

Singen, proben und am selben Tag ein Konzert geben: Das versprach der One Day Choir im Christian Jensen Kolleg. Ob Anfängerin oder erfahrener Chorsänger sollte dabei keine Rolle spielen. Für mich als völlig ungeübte Sängerin war die Teilnahme ein ebenso gewagtes wie überraschend bereicherndes Experiment.

Singen kann jeder

Naja, ich bin da eher die Ausnahme. So dachte ich jedenfalls. Deshalb hatte ich es in meinem Leben nie erwogen, mich einem Chor anzuschließen. Und sowieso: zu viel Verpflichtung, zu viel Zeitaufwand. Außerdem hatte ich Sorge, mich mit meinen bescheidenen Musikkenntnissen zu blamieren. Dabei macht mir das Singen im Gottesdienst oder bei anderen Gelegenheiten schon Spaß. Ein bisschen freundliches Zureden aus meinem Umfeld half dann, mich zu der Veranstaltung anzumelden.

Aufwärmen mit Jaulen und Knarren

Trotzdem bin ich unsicher, als ich mir unter den hundert angemeldeten Sängerinnen und Sängern einen Platz in den Stuhlreihen des Probensaals suche. Auch die Stücke auf dem Liedzettel kommen mir eher unbekannt vor. Doch bevor ich überhaupt ins Nachdenken komme, legen Patrick Zindorf, Jasmin Zaboli und Constanze Hosemann schon los.

Zwei junge Frauen stehen an einem Klavier und ein junger Mann sitzt am Klavierr
Der Popkantor aus Glücksburg, die Kirchenmusikerin aus Hamburg-Harvestehude und die Sopranistin und Stimmbildnerin aus Berlin wissen, wie sie das Eis schnell zum Schmelzen bringen. © Antje Wendt, Nordkirche

Ohne zu wissen, wie uns geschieht, schütteln und klopfen wir unsere Gliedmaßen und Körper, geben unterschiedliche Laute in verschiedenen Tonlagen von uns, knarren wie alte Türen oder jaulen wie Katzen.

Viele Menschen in einem Saal strecken die Hände nach oben.
Vor dem Singen machen wir Übungen zum Lockern und Lösen unserer Körper.© Antje Wendt, Nordkirche

Ich habe keine Zeit, auf die Mimik und Gestik der anderen Teilnehmenden zu achten, so sehr bin ich damit beschäftigt, den Anweisungen zu folgen – und kann mir hier und da ein kleines Schmunzeln oder Grinsen nicht verkneifen.

Mit Humor, Lob und Anerkennung

Dann geht es im hohen Tempo durch die Lieder, darunter auch einige neue sogenannte Monatslieder. Die modernen, eingängigen Melodien dieser Stücke fühlen sich gut an, und auch die hoffnungsvollen Texte berühren mich sehr.

Begleitet vom Klavier führen unsere drei Leiter*innen die verschiedenen Stimmlagen durch die Stücke. Längst nicht immer hören sich die Stücke sofort gut an, doch wir werden behutsam und humorvoll korrigiert und mit viel Lob und Anerkennung motiviert.

Vier Männer stehen in einer Gruppe und singen.
Besondere Aufmerksamkeit bekommt der Bass, der mit vier Personen nur schwach besetzt ist, sich aber ausgesprochen wacker schlägt. Sopran, Alt und Tenor sind dafür umso besser vertreten. © Antje Wendt, Nordkirche

Zwischen Einsatz verpasst und Mut gewonnen

Ich mühe mich derweil ziemlich ab, verpasse ab und zu einen Einsatz und verliere den Überblick über die vielen Melodien. Wie ging noch mal dieses Stück? Als meine Sitznachbarin längere Zeit verschwunden bleibt, befürchte ich, dass ich sie durch meine mangelhaften gesanglichen Fähigkeiten vergrault habe. Aber sie war nur in einem Workshop und hatte sich auf ein Solo vorbereitet. Unvorstellbar für mich. Ich bewundere sie für ihren Mut.

Meine andere Sitznachbarin gibt ein erschöpftes Schnaufen von sich. Ich bin also nicht die Einzige, die von der Konzentration und Fokussierung angestrengt ist, und gehe dankbar in die Pause.

Vier Frauen sitzen im Schatten auf einer Rasenkante
Im Christian Jensen Kolleg laden lauschige Ecken zu einer Verschaufpause im Grünen ein © Antje Wendt, Nordkirche

Der Rhythmus und ich

Nachmittags gibt es weitere Workshops zu Improvisation und Rhythmus. Das zweite scheint mir leichter zu sein, aber schon bei kleineren Übungen mit Klatschen und Schnipsen komme ich immer wieder raus. Patrick beruhigt uns, dass wir einerseits ein natürliches Rhythmusgefühl haben und andererseits alles eine Frage der Zeit und des Übens ist. Gut, ich entscheide, mich auf mein natürliches Rhythmusgefühl zu verlassen.

Hundert Menschen, eine gute Stimmung

Trotz aller Hürden habe ich mittlerweile die Zweifel an meinen Fähigkeiten überwunden und merke, wie die Freude in mir immer stärker wird. Ich fühle mich aufgehoben in dieser großen Runde an Menschen, die durch das Singen zu einer Einheit geworden sind. Es ist eine Freude und gute Laune, die ganz offensichtlich auch alle anderen Sängerinnen und Sänger verspüren. Die gute Stimmung macht sich auf den Gesichtern aller Teilnehmenden breit. Unser Chorgesang füllt mit Leichtigkeit den Saal. Unsere Stimmen schweben, vibrieren, verschmelzen miteinander und tragen die Melodien durch den Raum.

Frauen stehen und singen in einem Innenraum.
Hohe Konzentration bei unserem Auftrit zum Abschluss des Tages.

Zum Schluss Magie

Das erlebt auch unsere eher überschaubare Schar an Zuhörerinnen und Zuhörern, die zum Abschlusskonzert vorbeikommt. Patrick hatte uns schon versichert, dass wir beim Konzert auf jeden Fall noch einmal über uns hinauswachsen würden. Und tatsächlich: Es hat etwas Magisches, wie Jasmin unsere Stimmen mit leichten Handbewegungen lenkt, sie lauter und leiser werden oder verstummen lässt. Plötzlich ist alles da, passt zusammen, fügt sich – und ich bin Teil davon.

Ein Frau steht am Mikro und singt. Im Hintergrund steht ein Chor.
Die ganz Mutigen wagen ein Solo - und erhalten dafür viele Anerkennung und Applaus© Antje Wendt, Nordkirche

Dass ich jemals wie meine Sitznachbarin ein Solo singen werde, glaube ich nicht. Aber es wird mit Gewissheit nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich an einem One Day Choir teilnehme.

 

Für alle, die Lust bekommen haben, ebenfalls an einem One Day Choir teilzunehmen, hier ein paar Tipps:

Chorworkshop am Sa, 26. September 2026 16:30 - 18:30 Uhr
Offene Kirche St. Nikolai in Kiel | Alter Markt | 24103 Kiel

Pop- und Gospelworkshop am Sa, 26. September 2026 10:00 - 14:00 Uhr
Kompassgemeinde Eivind-Berggrav-Zentrum Altenholz | Ostpreußenplatz 1 | 24161 Altenholz

Pop- und Gospel-Chortag
Ein Tag für dich und deine Stimme. Gemeinsam im Chor! Ein wunderbares Angebot und der Start von etwas ganz Großem!? Freut euch auf einen Tag voller großartiger Chormusik mit den beiden Kantorinnen Charlotte Krohn und Jasmin Zaboli!
Samstag, 7.11.26, 11-17 Uhr, Hauptkirche St. Katherinen, Katherinenkirchhof 1, Hamburg
Sonntag, 8.11.26, 18 Uhr, Auftritt im Popgottesdienst in St. Petri, Bei der Petrikirche 2, Hamburg

Die Veranstaltung wird durch Fördermittel von Interreg Deutschland-Danmark und der Europäischen Union unterstützt.

Datum
13.07.2026
Quelle
Kommunikationswerk der Nordkirche
Von
Antje Wendt
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