7. Mai 2017 | Nikolaikirche Wismar

Ein wichtiges Zeichen gegen Gleichgültigkeit

07. Mai 2017 von Andreas von Maltzahn

Jubilate, Festgottesdienst „10 Jahre Mittagstisch für Leib und Seele“, Predigt zu 15,1-8

Liebe Schwestern und Brüder,

in der Zeit der Jugend stellen sich wichtige Fragen: Wofür will ich leben? Was möchte ich erreichen? Es wäre doch schön, eines Tages im Rückblick sagen zu können: „Das hast Du mit auf den Weg gebracht! Das ist eine Frucht auch Deiner Bemühungen. Das hat sich gelohnt – für dich und andere. Das ist gut und sinnvoll gewesen.“

Wofür will ich da sein? Wofür lohnt es sich zu leben? Solche Fragen tauchen auch später wieder auf, wenn Du längst erwachsen geworden bist. Große Fragen sind das. Oft genug hat man ja jede Menge damit zu tun, einfach mit dem Leben klarzukommen – Arbeit zu finden, der Familie gerecht zu werden, irgendwie durchzukommen angesichts all der Herausforderungen und Sorgen. Da bleibt dann kaum Platz für große Fragen. Denn der Alltag fordert genug von Dir.

Ähnlich haben es Jesus und seine Freunde erlebt. Die großen Fragen, wofür das Leben lohnt, hatten ihren Raum. Aber manchmal musste schlicht und einfach die Frage beantwortet werden: Wo bekommen wir die nächste Mahlzeit her?

Da waren Menschen Jesus gefolgt und hatten ihm zugehört.
Die Zeit war vergangen wie im Fluge.
Sie waren viele und hatten Hunger.
Die Jünger kamen zu Jesus und wollten, dass er das Problem regelt, wollten Verantwortung abgeben.
Jesus aber sagte: „Gebt ihr ihnen zu essen!“
Dabei hatten sie nichts – nur fünf Brote, zwei Fische.
So beginnt die Geschichte von der Speisung der 5000, und am Ende ist genug für alle da.

Damit beginnt es – zweimal genau hinsehen:
Den Hunger sehen –
und sehen, was da ist, sehen, was möglich sein könnte,
auch wenn es nicht viel ist.
Es ist ein Anfang.
Und ist der Anfang erstmal gemacht, kommt alles andere in Bewegung.

Ähnlich erging es uns vor gut 10 Jahren in Wismar. Wir bekamen mit: Da gibt es Kinder in unserer Nachbarschaft, die gehen morgens schon hungrig in die Schule und bekommen oft genug auch mittags nichts Rechtes zu essen. Da werden es immer mehr in unserer Stadt, bei denen es finanziell eng wird. Andere unter uns leben allein – und würden doch eigentlich gern ab und zu gemeinschaftlich mit anderen zu Mittag essen.

In einem Gottesdienst, in dem es um genau diese Jesus-Geschichte von der Speisung der Fünftausend ging, wurde uns klar. Wir können Veränderungen nicht von anderen erwarten. Die Worte Jesu gelten auch uns: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Wir hörten das und planten einen Mittagstisch für Leib und Seele – im Ökumenischen Kirchenladen und in der Nikolaikirche. Eine Projektgruppe entstand. Schnell wurde deutlich: 

‚Wir wollten nicht einfach Spenden sammeln, damit dann woanders Menschen eine warme Mahlzeit bezahlt werden kann. Wir wollten selbst etwas tun. Wir wollten Kontakt zueinander finden, wollten Gemeinschaft ermöglichen und erleben.‘

Die Nikolaigemeinde entschloss sich: Hier in unserer Kirche, wo wir Gottesdienst feiern, wollen wir mit dem Mittagstisch anfangen! Ich bin Martin Poley und dem Team der Offenen Kirche bis heute dankbar, dass ihr euch auf dieses Projekt und die damit verbundene zusätzliche Arbeit eingelassen habt!

Viele Fragen waren zu bedenken: Wäre es nicht einfacher, das Essen in einer Großküche kochen zu lassen und es dann hier auszuteilen? Aber die Frauen im Team bestanden darauf, selbst zu kochen. Es sollte schön werden! Das Essen sollte gut schmecken! Ich fragte mich zwar etwas besorgt: Würden wir auf Dauer so viele Freiwillige finden?  Aber ich ließ mich überzeugen. Zehn Jahre später kann man nur dankbar sagen: Welch ein gutes Zeichen, dass sich immer wieder Menschen bereitfinden, ihre Zeit und ihre Fähigkeiten in den Dienst des Mittagstischs zu stellen! Dabei war es von Anfang an nicht wichtig, ob jemand zur Kirche gehört oder nicht: Jede und jeder ist willkommen an diesem Tisch – als Gast oder als Mitarbeiter bzw. Mitarbeiterin.

Manches hat sich mit den Jahren auch verändert: Die Diakonie ist nicht mehr Teil des Projektes. Das bedauere ich, insbesondere im Blick auf die Beratung. Aber andere Partner sind dazugekommen – der Kunstverein KASO z.B., den Frau Auerbach ins Leben gerufen hat, der mit seinen Leuten aushilft, wenn es einmal eng wird. Seit ungefähr vier Jahren gibt es zusätzlich zu den beiden ursprünglichen Mittagstischen einen Suppentisch für Leib und Seele. Im Kirchenladen, so habe ich gehört, werden Überlegungen angestellt, sich im Blick auf das Essen neu aufzustellen.  

Es macht mich glücklich, dass sich über solch lange Zeit so viele Ehrenamtliche finden, die Monat für Monat, manche sogar Woche für Woche ihr Herz sprechen lassen, indem sie Lebensmittel besorgen, die Mahlzeiten zubereiten, den Tisch decken und das Mittagessen austeilen. Andere helfen durch Sach- und Geldspenden. Sie alle machen es möglich, dass Menschen an Leib und Seele gestärkt werden. Von Herzen Dank dafür! Sie alle können mit Fug und Recht sagen: ‚Das habe ich mit auf den Weg gebracht! Der Mittagstisch für Leib und Seele ist eine Frucht auch meiner Bemühungen. Das hat sich gelohnt – für andere wie für mich. Das wird auch in Zukunft gut und sinnvoll sein.‘

Vermutlich werden Sie dabei erlebt haben: ‚Ich setze mich ein, gebe etwas an Zeit und Kraft – dennoch gehöre ich zu den Beschenkten. Wenn sich die Leute über das Essen freuen, dann macht mich das froh. Wenn wir im Team die Arbeit trotz aller Schwierigkeiten doch bewältigen konnten, dann ist das ein gutes Gefühl – gerade auch im Miteinander. Im Dasein für andere erleben wir Verbundenheit, die trägt und stärkt.‘

Von solch fruchtbarer Verbundenheit haben wir vorhin auch im Evangelium gehört. Jesus gebraucht das Bild des Weinstocks und der Reben. Es ist sonnenklar: Ohne Verbindung mit der nährenden Kraft des Weinstocks können die Reben keine Frucht bringen. Ohne Verbindung zum Weinstock und seinen Wurzeln werden keine Weintrauben reifen. So bleibt auch menschliches Tun ohne Frucht, wenn es nicht in Verbindung steht zu dem, worauf es im Leben ankommt: füreinander einzustehen, uns nach der Liebe auszustrecken und die Liebe zu leben, so gut wir es vermögen.

Dazu muss kein Christ sein. Füreinander einzustehen, sich nach Liebe auszustrecken, die Liebe zu leben – das ist grundsätzlich jedem Menschen möglich. Im christlichen Glauben kommt jedoch etwas sehr Schönes, etwas sehr Bestärkendes hinzu: Mitmenschlichkeit und Liebe sind nicht nur Ideale, nach denen wir unser Leben ausrichten sollen – die Urkraft allen Lebens, Gott selbst, ist die Liebe! Die  Urkraft allen Lebens – Gott selbst – steht für Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit! Diese Kraft – Gott selbst – stärkt uns also den Rücken, wo wir im Geist der Liebe leben!

In Jesus, dem Christus, ist das anschaulich geworden – insbesondere in seinen Mahlgemeinschaften:

Bei Zachäus, dem üblen Zolleintreiber, mit dem niemand zu tun haben will wegen seiner Kumpanei mit den Römern, ausgerechnet bei dem kehrt Jesus ein und holt ihn heraus aus der Isolation. Zachäus kann ein Anderer werden.

Immer wieder isst Jesus mit Leuten, mit denen die Gesellschaft, die etwas auf sich hält, nichts zu tun haben will. Jesus durchbricht die Mauern der Abgrenzung. Seine Mahlgemeinschaften überwinden, was trennt.

Allen – den Kranken wie den Gesunden, den Erfolgreichen wie den unter die Räder Geratenen, den Schuldbeladenen wie den Tugendhaften, den Außenseitern genauso wie den Führungspersönlichkeiten – allen wendet sich Christus zu. Was er sagt, wie er lebt – es ist wie ein Spiegel, in dem sie ihr Leben klar sehen können. Wie Jesus ihnen begegnet, das lädt sie zugleich ein: Entdeckt Gott für euer Leben! Lebt aus der Kraft der Liebe! Und ihr werdet erfahren: Es wird euer Leben frei machen und stärken.

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht;
Denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15,5)

So sagte es Jesus seinen Freundinnen und Freunden und legt ihnen damit ein Leben in der Verbindung mit der Kraft Gottes nahe. Auch wir können ein Leben in dieser Verbundenheit führen – ein Leben aus der Liebe. Mühen und Enttäuschungen werden uns dabei nicht erspart bleiben, aber ein solches Leben wird lebendig sein. Und es wird gute Früchte tragen.

Der Mittagstisch für Leib und Seele ist solch eine gute Frucht. Dabei dürfen wir nicht übersehen – dass die Zahl der Tafeln und Suppenküchen in unserem Land wächst, ist ein doppeldeutiges Signal: Es zeigt einerseits die vieltausendfache Bereitschaft von Menschen, füreinander da zu sein. Die gab es nicht nur früher. Es zeigt andererseits aber auch, dass Armut in unserer Gesellschaft für viele Menschen Tag für Tag bedrückende Wirklichkeit ist. Neben Mittagstischen braucht es also auch politische Veränderungen – eine gerechtere Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, bessere Bildungschancen für Heranwachsende, geförderte Arbeitsplätze für Menschen, deren Belastbarkeit dem heutigen Arbeitsmarkt nicht gewachsen ist… Auch dafür gilt es, sich einzusetzen – z.B. bei den Wahlen, die anstehen.

Doch Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Der Mittagstisch für Leib und Seele setzt ein wichtiges Zeichen gegen Gleichgültigkeit:Es ist uns nicht egal, wie es anderen geht. Wir suchen Gemeinschaft. Wir bieten Gemeinschaft an. Wir wollen nicht, dass die Verhältnisse bleiben, wie sie sind. Und wir haben verstanden, dass wir selbst etwas zur Veränderung beitragen müssen. Wir können das – aus der Kraft der Liebe. Gott sei Dank!

Amen.

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