19. April 2019 | St. Petri-Dom zu Schleswig

Einer gibt uns nicht auf.

19. April 2019 von Gothart Magaard

Predigt an Karfreitag

Liebe Gemeinde,

liebe Schwestern und Brüder,

wir haben gerade die Leidensgeschichte Jesu nach dem Johannesevangelium gehört. Wir hören sie vor dem Brüggemannaltar, in dessen Mitte die Kreuzigung Jesu dargestellt wird. 

Dort lesen wir:

„(...) Sie nahmen ihn aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. (...) Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena.

Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.“

Liebe Gemeinde,

Der Dichter Kurt Marti hat das, was hier geschieht, eindrücklich in wenige Worte gefasst:

der sich ganz auf gott verließ
hängt am holz

von gott verlassen

 

der die gnade ist
schreit im Schmerz

der gnaden-los

 

der für liebe stritt
stirbt

von hass durchbohrt

 

(Kurt Marti, Am Holz, in: Geduld und Revolte, 1984)

Die Widerstände gegen diesen Kreuzestod und gegen eine bestimmte Auslegung dieses Geschehens sind groß. Was wäre das für ein Gott, der das Opfer braucht? Der nicht ruht, bis Blut vergossen ist?

Doch wer die biblischen Überlieferungen hört und liest, der wird an einem anderen Punkt beginnen müssen. Denn was erleidet Jesus hier? Nicht Gottes Gnadenlosigkeit. Nein. Es ist die Gnadenlosigkeit der Menschen. Ihre angstgesteuerte Verurteilung. Ihre Lust am Quälen eines Wehrlosen. Am Spotten, am Zuschauen, wenn einer vorgeführt wird. Es ist ihre gefühlskalte Art, Todesurteile zu vollstrecken.

Nein, es ist nicht Gottes Zorn, der sich hier über den einen ergießt – es ist die menschliche Niedertracht, mit ihrer stumpfen Gewalt und ihrer Verwaltungskunst. Geübt von denen, die ihre Hände in Unschuld waschen, und von denen, die bei all der Drecksarbeit längst abgestumpft sind.

der sich ganz auf gott verließ
hängt am holz

von gott verlassen

 

der die gnade ist
schreit im Schmerz

der gnaden-los

 

der für liebe stritt
stirbt

von hass durchbohrt

Verlassen – und von menschlichem Hass durchbohrt. Und darin schildert der Evangelist Johannes den sterbenden Jesus noch immer durch und durch menschenfreundlich. Hier schreit Jesus nicht. Er leidet zwar.

Aber er führt noch unter dem Kreuz Menschen zusammen. Führt sie in die Zukunft. Maria, seine Mutter und seinen Weggefährten. Als Familie und als Gemeinschaft und als Verantungsgemeinschaft..

Aufrecht stirbt dieser Mensch – aufrichtig bis zuletzt in seiner Liebe zu den Menschen, und in seiner Treue zu Gott, dessen Himmel verschlossen scheint.

„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit“ – die Worte, die der Evangelist Johannes seinem Evangelium voranstellt, gewinnen hier ihre tiefste Bedeutung. Das Wort, die freundliche Ansprache Gottes, seine bezeugte Liebe wird Fleisch bis zu diesem Moment.

Gott macht sich angreifbar. Und er vollbringt seine Treue und Liebe zu uns Menschen bis zum letzten Moment, in dem alles vollbracht ist. Selbst im Angesicht der verzerrten Fratzen, aus denen Gewalt schreit, selbst im stumpfen Blick der Henker bleibt er sich treu.

Wir bekommen nicht seinen Hass zu spüren – auch wenn wir an uns Menschen, auch an uns selbst, verzweifeln könnten.

der sich ganz auf gott verließ
hängt am holz

von gott verlassen

 

der die gnade ist
schreit im Schmerz

der gnadenlos

 

der für liebe stritt
stirbt

von hass durchbohrt

Für Liebe streitet Gott bis zuletzt – bis in die Todesabgründe hinein. Es gibt hier nichts für ihn zu gewinnen. Es gibt hier nichts für ihn zu gewinnen – als uns: Uns, die wir ungefragt geboren werden und am Ende zu Staub werden und vergehen.

Uns, mit den Scherbenstücken und den kleinen Kunstwerken unseres Lebens.

Uns, mit den Glücksmomenten und den gescheiterten Beziehungsgeschichten.

Uns, inmitten der Gewalt dieser Welt, inmitten der geschundenen Natur, inmitten der abgründigen Unfähigkeit, nichts dazu lernen zu können – selbst nicht um unserer Kinder willen.

Einer aber, liebe Gemeinde, gibt uns nicht auf. Er traut uns Veränderung zu. Und bleibt zugleich an unserer Seite, wenn es nicht gelingt. Er redet uns ins Gewissen. Und baut darauf, dass wir hören. Und hält aus, wenn wir uns taub stellen. Er führt uns vor Augen, wie es um uns steht. Und hält aus, wenn wir die Augen lieber verschließen.

Er versucht, was möglich ist, mit der Botschaft des Evangeliums diese Welt zum Leuchten zu bringen und diesen Schein in unsere Herzen geben, damit es hell wird in uns und in dieser Welt – in der Nähe und in der Ferne.

Ich habe die ersten Tage dieser Woche in Ely bei Cambridge verbracht, bei unseren anglikanischen Glaubensgeschwistern. Wir sind in der wunderbaren Kathedrale Stationen eines Kreuzwegs gegangen – wie an so vielen anderen Orten und haben den Leidensweg Jesu bedacht. Sie nennen den Karfreitag Good Friday.

Und so sind wir heute verbunden mit der weltweiten Christenheit, in England und Nordirland, in Frankreich und besonders in Paris, im Heiligen Land, in Indien und Tansania.

Und wir schließen in unser Gebet heute auch besonders die ein, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden und in Angst und Not den Karfreitag begehen. In Nigeria und in Ägypten und vielen anderen Ländern

Und wir vergewissern uns gegenseitig, dass dieser Jesus, der gekreuzigte, uns nicht aufgibt.

 

der sich ganz auf gott verließ
hängt am holz

von gott verlassen

 

der die gnade ist
schreit im Schmerz

der gnaden-los

 

der für liebe stritt
stirbt

von hass durchbohrt

 

Einer, liebe Gemeinde, gibt uns nicht auf.

Einer kämpft einen Todeskampf um uns.

Und wir folgen ihm und vertrauen darauf: er wird gewinnen.

Amen.

 

 

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