14. Juni 2019 | Schwerin, Schleswig-Holstein-Haus

Einsatz für Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung aktueller denn je

14. Juni 2019 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

Tischrede zum abendlichen Empfang der Ersten Kirchenleitung der Nordkirche im Schleswig-Holstein-Haus zu Schwerin anlässlich der Tagung „30 Jahre Ökumenische Versammlung“

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder!

Herzlich begrüße ich Sie alle zu unserem abendlichen Empfang im Namen der Ersten Kirchenleitung unserer Nordkirche, an diesem festlichen Abend in Schwerin, anlässlich der Tagung „30 Jahre Ökumenische Versammlung“.

Wie gut, dass wir uns heute erinnern. Erinnern an ein wichtiges Datum, mehrere wichtige Daten unserer neuesten Kirchengeschichte, die aber alles andere als abgelegte Geschichte sind, sondern lebendig in unsere Gegenwart hineinwirken und hoffentlich, transformiert durch das, was uns heute dazu beschäftigt, auch zukünftig weiter wirken werden.

Die Ökumenische Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der damaligen DDR war eine der ersten regionalen Versammlungen in Europa im Rahmen des Konziliaren Prozesses, eines gemeinsamen „Lernwegs“ christlicher Kirchen zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Sie fand nicht nur in einer, sondern in drei Vollversammlungen im Zeitraum zwischen Februar 1988 und April 1989 statt. Ihre Ergebnisse fanden ihre Weiterführung bei den Europäischen Ökumenischen Versammlungen 1989 in Basel, 1997 in Graz und 2007 in Sibiu sowie der Ökumenischen Weltversammlung zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung 1990 in Seoul. Ich erinnere mich selbst übrigens noch gut an die Ökumenische Versammlung in Basel 1989, bei der ich dabei sein konnte  - „Wo Gerechtigkeit und Frieden sich küssen“ – und ich weiß noch, wie nachdrücklich mich die Stimmung dieser Versammlung mit so vielen Gästen aus aller Welt beeindruckt hat.

Die damals geborene Idee eines Konziliaren Prozesses zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung verbindet Kirchen in Ost und West bis heute. Die Akten unserer Landeskirche zur Ökumenischen Versammlung haben übrigens festgehalten, dass 1989 doppelt so viele Menschen bereit waren, im Leitungsgremium mitzuarbeiten als ursprünglich vorgesehen, die Stellvertreterinnen und Stellvertreter noch gar nicht eingerechnet. So schrieb Christof Ziemer, damals Vorsitzender des Präsidiums der Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der DDR, an die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der DDR: „Die Ökumenische Versammlung bittet…, die vorgesehene Anzahl von … Vertretern … zu erweitern. Die Ökumenische Versammlung hat [bereits] folgende … Vertreter der Ökumenischen Versammlung für die Konsultativgruppe nominiert…“ 

Es folgen 6 Namen und 5 weitere Stellvertreter, übrigens fast in ausgeglichener Anzahl zwischen Frauen und Männern. Zurückgestellt blieb das, was trennt: die Unterschiede zwischen Konfessionen, zwischen Weltanschauungen, zwischen Institution und Bewegung – im Bewusstsein: Wir stehen im Dienste einer gemeinsamen Sache. Wir singen von der unbeirrbaren Liebe Gottes, die allen Menschen gilt. Wir seufzen mit Gottes Schöpfung, bitten und beten um seine Gerechtigkeit und seinen Frieden. Wir sind verbunden – als Schwestern und Brüder der Einen Welt.

Wenn wir heute, nach 30 Jahren, zurücksehen, ist das deutlich mehr als ein Zurückschauen auf historisch gewordene Zeiten. Es ist deutlich mehr als der Respekt und die Würdigung von etwas älter gewordenen Protagonisten. Denn der Einsatz für Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung kann in keiner Weise als historisch hinter uns liegender Prozess gesehen werden – denn noch immer sind wir dabei – Gott sei es geklagt - in mancherlei Hinsicht in den Anfängen. Und die Zeit drängt immer mehr. Als Menschheit, insbesondere als Menschheit der nördlichen und westlichen Hemisphäre, schicken wir uns an, das Leben auf dieser Erde zu zerstören. Wir schicken uns an, Gottes geliebten Geschöpfen, und mit ihnen uns selbst, die Lebensgrundlage zu entziehen.

Heute, im Jahr 2019, müssen wir uns noch dringlicher als schon vor 30 Jahren fragen lassen, ob wir diese Welt und alles Leben auf ihr wirklich als Gottes Schöpfung, als sein Eigentum, betrachten. Als Schöpfung, die für unser Geld nicht zu haben ist. Aber die wir um dieses Geldes willen zerstören. Was also tun wir tatsächlich und praktisch und mit relevanten Auswirkungen, um Gottes Schöpfung, um das Leben auf dieser Erde zu behüten und zu bewahren? Gleiches gilt für die Fragen nach dem Frieden in der Welt, der biblisch viel mehr ist als Abwesenheit von Krieg. Und für die Frage nach Gerechtigkeit, wenn ich an die Schere von Arm und Reich in unserer Gesellschaft denke.

Vor 30 Jahren entstand in Dresden der „Brief an die Kinder“, der den Texten der Ökumenischen Versammlung vorangestellt ist. Die Delegierten dort schrieben:

„Liebe Kinder, die Erde, auf der wir leben, ist sehr bedroht. Schuld daran sind wir, die Erwachsenen. Aber einige haben es doch noch gemerkt. Deswegen haben sich zum dritten Mal viele Menschen getroffen, um darüber nachzudenken, was zur Rettung der Erde geschehen muss. Das ganz Besondere an diesem Treffen war, daß es Leute sind, die alle an den einen Gott glauben, das aber auf verschiedene Weise tun. Man kann auch Ökumenische Versammlung dazu sagen, und die Leute nennen sich Delegierte. Aber eigentlich sind sie Mütter und Väter, Großväter und Großmütter, Geschwister oder Paten; kurz: es sind Leute, die auch in Eurem Haus wohnen könnten. Was haben wir gemacht? Wir haben nachgedacht und gebetet und wieder nachgedacht, was zu tun ist mit einer Welt, die wir Euch ziemlich kaputt übergeben müssen. Dann haben wir die Ergebnisse aufgeschrieben. Hier sind die wichtigsten: Wir alle müssen aufpassen, daß es noch lange Zeit Bäume gibt, die in einen blauen Himmel wachsen können. Wir alle müssen uns dafür einsetzen, dass niemand mehr einen anderen Menschen in einem Krieg erschießt. Wir alle müssen teilen lernen, dass niemand mehr verhungert. Wir alle müssen uns darum bemühen, dass jeder kleine und jeder große Mensch sicher und geschützt in einer heilen Natur leben kann. Wenn wir müde geworden sind, sollt Ihr an unsere Stelle treten. Das ist eine schwere Aufgabe, auf die man vorbereitet sein muss. Deswegen haben wir Euch ein wenig von der Ökumenischen Versammlung erzählt. Glaubt nicht, dass wir alles wissen, aber glaubt, dass wir alles tun wollen. Wir grüßen Euch und danken, dass Ihr uns zugehört habt. Friede sei mit Euch – Schalom. Die Delegierten der Ökumenischen Versammlung. Übrigens: Wir waren in Dresden. Dort hat es oft geregnet und Rauchen im Haus war verboten.“

In den Akten unserer Landeskirche ist auch festgehalten, dass dieser Brief das Dokument war, an dem bis zuletzt, sogar noch nach der ersten Publikation, gearbeitet wurde. Im ersten Entwurf hieß es: Wenn wir müde geworden sind, müsst Ihr an unsere Stelle treten.

Vielleicht hatten die Erwachsenen damals das Gefühl, dass das „Müssen“ zu gesetzlich formuliert ist und formten es deshalb in ein „sollen“ um. Allerdings, so habe ich jedenfalls juristisch gelernt: Wenn in einem Gesetzestext „soll“ steht, dann bedeutet es: „wenn kann, dann muss“. Nun ist der Brief an die Kinder kein Gesetzestext, aber die Soll-Formulierung ist mit Sicherheit nicht weniger stark als die Muss-Formulierung.

Übrigens: Vor 10 Jahren, zum 20-jährigen Jubiläum der Ökumenischen Versammlung, wurde in Erfurt ein neuer Brief geschrieben, von den Kindern, an die 30 Jahre zuvor der Brief gerichtet war. Eine Antwort  auf  den  „Brief  an  die  Kinder“ – ein Brief an die „Eltern und Großeltern, Paten und Geschwister“. Viele der Kinder, die vor 10 Jahren geschrieben haben, damals um die 30, sind bis heute von der konziliaren Idee bewegt und auch in unseren Kirchen, in Ost und West tätig. Übrigens auch meine erste persönliche Referentin, Pastorin Almuth Bretschneider-Felzmann, an die ich heute in besonderer Verbundenheit denke.

Heute, 30 Jahre nach dem Brief an die Kinder, 10 Jahre nach dem Brief der Kinder an ihre Eltern, im Jahr 2019 in Schwerin, denken wir daran, dass es heute wieder neue Kinder und Enkel sind, die die Thematik der Klimagerechtigkeit und damit verbunden die auch die Themen des konziliaren Prozesses mit neuer Dringlichkeit in Bewegung bringen. An Freitagen gehen sie auf die Straße, auch hier in Schwerin. Die Kinder und Jugendlichen von heute zeigen uns, dass sie nicht mehr warten wollen und dass wir alle nicht mehr warten können, dass etwas geschieht, sondern dass wir selbst Verantwortung dafür tragen, dass jetzt etwas geschieht. Auch durch uns selbst.

Allen Engagierten von damals, in Magdeburg und in Dresden, allen Engagierten von heute – Ihnen allen bin ich, sind wir, von ganzem Herzen dankbar für alles, was Sie für unsere Welt, für Gottes Schöpfung und alle seine Geschöpfe, getan haben und weiterhin tun! Gott segne und stärke Sie und alle, mit denen Sie darin unterwegs sind, in Ihrem Einsatz! Die Nordkirche ist dabei an Ihrer Seite: Mit  Artikel 1 unserer Verfassung treten wir ein „für die Wahrung der in der Gottebenbildlichkeit gründenden Menschenwürde und der Menschenrechte in der Welt“; wir wenden uns „gegen alle Formen der Diskriminierung“ und fördern „ein von Gleichberechtigung bestimmtes Zusammenleben der Menschen“.

Als Landeskirche setzen wir uns ein für Klimagerechtigkeit für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung – und wir setzen das auch in verschiedenen Prozessen, z.B. durch unser Klimaschutzgesetz, selbst um. Wie wichtig gerade diese Thematik in der Zusammenarbeit und im Zusammenspiel mit unseren Partnern weltweit ist, war bei meinem Treffen mit unseren ökumenischen Gästen aus fast allen Kontinenten am Dienstag dieser Woche hier in Schwerin zu spüren und zu erfahren. Viele unserer Gespräche drehten sich um Vorstellungen, Erwartungen, Best-practice-Beispiele sowie Herausforderungen für die Kirchen weltweit rund um das Thema der Klimagerechtigkeit.

Denn den bewegenden und über Grenzen hinweg verbindenden Geist Gottes, den wir an Pfingsten feiern, brauchen wir gerade jetzt. Inmitten aktueller Diskussionen um neue Grenzen, Abschottung und gesellschaftliche Spaltung, besinnen wir uns auf das, was uns in aller Unterschiedlichkeit verbindet. Wir leben auf verschiedenen Kontinenten, gehören zu unterschiedlichen Traditionen und Konfessionen. Aber verbunden im Glauben an Christus sind wir gemeinsam auf der Suche nach Frieden und Versöhnung und nehmen dabei unsere Verantwortung wahr, z.B. zu den Themen Klimagerechtigkeit, Migration und soziale Gerechtigkeit – hier bei uns und weltweit.

Das alles zeigt uns: Die Themen des konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sind bleibend aktuell, sie bewegen uns weiter und sie brauchen unser Engagement – vielleicht heute noch einmal mehr als je zuvor. Wie hieß es doch im Brief an die Kinder 1989?: „Glaubt nicht, dass wir alles wissen, aber glaubt, dass wir alles tun wollen.“

Ich wünsche uns allen einen schönen Abend und gesegnete Begegnungen!

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