3. Oktober 2021 | St. Martinus Eppendorf

Erntedank-Gottesdienst mit Verleihung der Bugenhagenmedaille an Antje Holst

03. Oktober 2021 von Kirsten Fehrs

Predigt zu 2. Kor 9,6-15

Liebe Erntedankgemeinde, liebe Antje Holst,

Korn und Kürbis, Birne und Bete, Mais und Mangold – es ist Erntezeit in all ihrer Pracht. Schaut nur den wunderschön geschmückten Altar. Früchte des Feldes und Früchte des Lebens. Bei allem Auf und Ab und aller Sorge gerade in der Landwirtschaft – heute gibt der Dank den Ton an. Die Freude über das Gelungene. Über jeden Moment des Glücks, das wir geschenkt bekommen.

Und ich schaue mit Freude und Dank auf dich, liebe Antje, die du heute die höchste Auszeichnung der Nordkirche verliehen bekommst: Bugenhagens Medaille. Dich damit heute zu ehren und Danke zu sagen für Jahrzehnte unermüdlichen Einsatzes in der Friedens-, Ostermarsch-, Frauen-, Ökumene-, Anti-Apartheids- und Wer-weiß-was-noch-Bewegung. Wie gut das passt zu Erntedank.

Denn Erntedank ist so geerdet, so sinnlich und geradeaus und bodennah, es ist so voller Achtung vor dem Leben. Schon als Kind habe ich das geliebt. Ich komme ja aus Dithmarschen (kann passieren) – und gleich, wie die Ernte ausgefallen war, hieß es auf jedem Erntefest, mit laut ausgesprochener Ehrfurcht: „Wi seggt di Dank, leeve Vadder.“ Denn wer wirklich geerdet, also mit der Erde in Berührung ist, weiß ja, wie wenig wir wirklich in der Hand haben. Wie angewiesen wir sind auf den Segen, der über uns ist.

Wie wenig wir selbst in der Hand haben, und wie verletzlich wir sind, das ist in uns hineingefahren mit der Pandemie. Wie viel mehr zu Beginn im vergangenen Jahr, aber auch jetzt noch: die Sorge, ob die Erkrankte wieder ganz gesund wird. Ob man beruflich wieder auf die Beine kommt. Dass bitte die Kinder verschont bleiben. Dann die Trauer über so viel Verlust, gerade wenn kein Abschied möglich war. Wie verwundbar unser Leben ist und wie vermessen oft unser Planen.

Das Virus hat uns scheinbar gleich gemacht, Mensch um Mensch. Zunächst. Doch schnell wurde offenbar, wie verschieden Macht und Möglichkeiten sind: die Möglichkeit, sich selbst zu schützen, der Zugang zu medizinischer Versorgung, das Angebot, geimpft zu werden, die Zusage, dass Geld da ist, um Not zu überbrücken. Das gilt schon für unsere Stadt, in unserem Land und so viel mehr mit Blick in die Welt.

Genau mit diesen Ungerechtigkeiten im Blick sagen wir heute ganz bewusst „Danke“. Das eine Wort, das so viel mehr ist als ein Wort. Danken ist eine Haltung zur Welt, ja fast ein Gebet, wie Reiner Kunze meint:

Wir haben ein Dach
Und Brot im Fach
Und Wasser im Haus
Da hält man‘s aus.

Und wir haben es warm
Und haben ein Bett.
O Gott, dass doch jeder
Das alles hätt‘!

Erntedank, das ist ein einziges Hoffnungsgebet mitten in dieser Welt. Mit ihrem Mangel, ihrer Zerrissenheit, ihrer Ungleichheit und mit ihrem Sehnen nach Frieden. Und genau das, liebe Antje, ist ja auch dein Lebensthema. Vom Kampf gegen das drohende atomare Wettrüsten der 1980er bis zur Petition gegen die Rüstungsexporte über den Hamburger Hafen jüngst – das sind über 40 Jahre intensiver Einsatz für mehr Frieden und Gerechtigkeit in der Welt: immer in der ersten Reihe, immer mit Hans-Joachim im Schlepptau, mit Demo-Transparent und in Clean-Clothes, tapfer mit den Frauen in schwarz, immer hellwach, lebensmutig und absolut klar.

Danke. Danke will ich sagen, dass es Menschen wie dich gibt. Die nicht aufhören, uns zu erinnern, dass Flüchtlingsnot und Kriege um Land und Wasser Folge sind von einer eklatant ungerechten Verteilung der Güter. Die uns erinnern, dass es Erntekatastrophen gibt und die Unersättlichkeit von Spekulanten, dass durch den Klimawandel das Land verwüstet wird, ausgedörrt zum einen, überflutet zum anderen. Unsere Welt ist ja längst total aus dem Gleichgewicht: die Natur. Die Wirtschaft. Und immer wieder auch die Zwischenmenschlichkeit. Drängend und dringlich rufen uns die Jungen zu: Verspielt nicht unsere Zukunft. Es gibt keinen Plan(eten) B. Jetzt braucht es gemeinsamen Einsatz dafür, den Klimawandel zu stoppen.

Wir brauchen die vielen Unermüdlichen wie dich, die nicht nachlassen in ihrem Glauben daran, dass eine bessere, gerechtere Welt möglich ist. Die unbeirrt den dritten Weg suchen, hartnäckig um Frieden beten, die für fairen Handel streiten und Partnerschaftsnetze knüpfen in den globalen Süden. Dass wir solche Menschen in der Nordkirche haben und dass wir heute eine der Überzeugendsten von ihnen ehren – das macht auch mich als Bischöfin stolz.

Danke. Danke sagen, gerade auch an diesem 31. Tag der Deutschen Einheit. Das liegt mir so am Herzen. Die Deutsche Einheit, errungen eben durch den Mut der Unermüdlichen, die 1989 auf die Straße gingen, nicht selten mit dem Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ an Kutte und Anorak. Die Deutsche Einheit – sie ist als Erntedank zu feiern, weil sie zusammenbringt, was getrennt war. Aber auch, um uns stets neu anzuspornen, für den Zusammenhalt alles zu tun. Und also hinzuschauen, wo durch Enttäuschung, ungleiche Bedingungen oder Gleichgültigkeit unsere Gesellschaft auseinanderzubrechen droht.

Danke sagen. Denn dieser Glücksfall der deutschen Geschichte birgt ja auch ein Wunder in sich. Wie wir überhaupt wissen, dass jeder glückliche Moment im Leben ein wunderbares Geschenk ist.Dass jedes Sich-Finden und Sich-Vereinen, dass der Posaunenchor am Mittag und die Geistesgegenwart am Lebensabend, dass dein Kind auf dem Schoß und die Hand auf der Schulter, dass all dies ein Gnadengeschenk ist, das uns hilft zu leben. Und liegt einem dann nicht wie von selbst ein „Gott sei Dank“ auf den Lippen? Danken, liebe Geschwister, das erzwingt man nicht. Danken ereignet sich, im Denken und Schweigen, im Lachen, im Gebet und in der Liebe. Überall dort, wo ich mich hinein-, ja, hingebe.

Für Paulus ist diese Hingabe das Geheimnis unseres Lebensglücks. „Ich meine aber dies,“ sagt er, „wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten.“ Damit ist weniger Ernteweisheit als vielmehr Lebensweisheit gemeint: „Und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen. Ein jeder, wie er‘s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb!“

So einfach ist das. Wer sich beschenkt sieht, kann fröhlich, also lebensleicht wieder schenken. Dankbar, wie gut es mir geht, kann ich für die beten und mit sorgen, denen es nicht gut geht. Auf dass „wachsen mögen die Früchte der Gerechtigkeit.“ Gerechtigkeit, ja, Brot für die Welt – dass es so einfach funktionieren kann, darauf will dieser alte Text hinaus. Dafür übrigens will Paulus auch Geld. Ganz profan. Eine einzige Kollektenansage, dieser Text. Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. Dieser Satz ist der Beginn einer weltumspannenden, christlichen Solidarität, eines „Solis“, aus freien Stücken, betont Paulus. Heißt ja: ohne Berechnung und ohne Neid, ohne gönnerhafte Geste. Ohne die Abwertung derer, die nehmen (müssen), was die anderen geben. Es geht um eine sensible Fürsorge für die Weltgeschwister. Nah und fern. Jung und alt. Für die, denen die Pandemie Existenz oder Lebensglück geraubt hat, für die, die auf dieser Erde kein Land haben und keine Früchte, für die Traurigen und Gehetzten, all die, die uns brauchen mit unserer Menschenfreundlichkeit.

Bloß nicht sparen damit, heißt die Devise. Teile, was du hast, denn morgen gibt‘s doch neu. Schenke aus und ein, wir haben doch ein Dach und Brot im Fach. Schenke, denn es gibt dir nicht nur ein gutes Gefühl. Es ist heilsam. Für dich. Und dann auch für andere. Nichts, aber auch gar nichts daran ist profan. Antje Holst weiß darum. Wie oft habe ich dich sagen hören: „Ich habe so viel zurückbekommen“. Vielleicht liegt es daran, dass dein Mut und deine Energie so ungebrochen stark sind. Du bist eine so hinreißend fröhliche Geberin. Die muss Gott einfach lieb haben!

Von einem ebenfalls hinreißend fröhlichen Geber will ich zum Schluss erzählen. Einst war er Sternekoch im Nobelrestaurant. Heute kocht er im Hospiz Leuchtfeuer in St. Pauli. Hingebungsvoll. Ruprecht Schmidt kocht für die, die dem Sterben nah sind und in ihrer Kraft- und Appetitlosigkeit nicht mehr daran geglaubt haben, je wieder etwas genießen zu können. Nicht dem Leben Tage geben, sondern den Tagen Leben – das leitet ihn. Und essen heißt: Ich lebe! Täglich geht Ruprecht durchs Haus und fragt nach den Menüwünschen. Hört genau hin. Und dann kocht er und probiert, würzt nach, dekoriert. Labskaus für die Hamburgerin, Steckrübenmus, der an die Kindheit erinnert, farbige Suppen für die, die nichts mehr schmecken kann, einen kleinen Löffel Quark mit Slivowitz für den Bankier, Pommes Schranke als letztes Abendmahl. Das Lächeln und Strahlen, wenn er den Geschmack genau getroffen hat, machen ihn glücklich. Der Dank kommt oft wie ein Stoßseufzer. Und Ruprecht ist hin und weg, wenn etwa sie, die in ihrem einsamen Zorn kein Wort mehr sprechen wollte, ihn bittet: „Ruprecht, darf ich Sie umarmen?“ Und dann umarmt er sie, ganz vorsichtig, weil sie so zart ist, und er weiß: Das war das beste Coq au vin seines Lebens.

„So werdet ihr reich sein in allen Dingen und freigebig sein zu jeder Zeit. Dankbar gegenüber Gott“ sagt Paulus dazu. Geben wir uns hin, hinein in dieses Leben und geben wir davon ab. Teilen wir, womit wir reich beschenkt sind: Glück und Zuversicht, Gottesgewissheit, Kraft, die uns zuwächst und die Liebe allzumal. Geld kann auch dabei sein. Teilen wir die Freude mit Antje Holst. Und feiern wir, dass wir so reich gesegnet sind. Dass wir austeilen können in alle Richtungen. Ein Lächeln zum Beispiel nach rechts und nach links. Fröhlich, all wir Gebenden. Vereint. Voller Frieden, höher als alle Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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