3. November 2018 | Haupt- und Universitätskirche St. Katharinen Hamburg

Es hilft nichts, bei der Empörung stehen zu bleiben

03. November 2018 von Kirsten Fehrs

Gottesdienst zum 80-jährigen ESG-Jubiläum, Predigt zu Römer 13, 1-7

Liebe ESG-Geburtstagsgemeinde,

ich freue mich außerordentlich, heute mit Ihnen und euch diesen besonderen Geburtstag feiern zu können! 80 Jahre, eine ganz schön lange Zeit. Und zwar mit einer dermaßen bewegten und faszinierenden Geschichte, dass man damit locker auch hätte 160 Jahre füllen können. Eine Geschichte, die so ausgiebig von einem gebrochenen Verhältnis zu sämtlichen Kirchenleitungen zeugt, dass ich doppelt dankbar bin, dennoch hier sein und sogar predigen zu dürfen. Etlichen Kirchenoberen, so die Chronik, dürfte über die Jahrzehnte manch graues Haar extra gewachsen sein in der Auseinandersetzung mit dieser ESG. So seufzte Anfang der 80er Jahre ein Oberkirchenrat aus Kiel: "Die ESG arbeitet zu progressiv, zu unkonventionell und zu unorthodox. Sie vermeidet keine Konflikte mit der Kirche, sondern fordert sie.“

Und in mir klingen die Worte vom Predigttext nach, ausgerechnet (!) Römer 13: „Jedermann sei Untertan der Obrigkeit. ...Und willst du dich nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, so wirst du Lob von ihr erhalten…“ Sehr schön, dieser Text - der bitte nicht als späte Retourkutsche der Kirchenleitung zu werten ist! Er ist vielmehr tatsächlich der vorgeschriebene Predigttext für den morgigen 23. Sonntag nach Trinitatis. Und da es diesen 23. Sonntag höchst selten gibt, war er in den vergangenen 20 Jahren nur einmal dran. Und eben jetzt. Tja, Gott hat Humor…

Doch fangen wir von vorne an: Die Evangelische Studierendengemeinde ist unzweifelhaft ein Kind des Widerstands gegen die Obrigkeit. 1938 wurden die zwei christlichen Studentenverbände Deutschlands vom Nazi-Regime verboten. Nicht verboten war es jedoch, dass sich Studierende zu Bibelarbeiten versammelten. Und so bat eine junge Vikarin, Marianne Timm, den Hamburger Bischof für eine Gruppe von Studentinnen um kirchliche „Betreuung“. Tatsächlich wurde am Ende die 26-Jährige selbst 1939 damit beauftragt, diese Aufgabe zu übernehmen, weil die Männer eingezogen wurden. Und sie war ein Glücksfall: Fest verankert in der Bekennenden Kirche, verfügte sie über ein weites Netzwerk, organisierte verbotene Tagungen, sammelte Kollekten, mit denen dann Lebensmittelgutscheine für versteckte Juden besorgt wurden. Die ESG kann wahrlich stolz sein auf diese Ausnahmeerscheinung ihres Anfangs!
Umso bitterer war es, dass diese engagierte Frau wie viele Leidensgenossinnen 1947 aus dem Amt gedrängt wurde, weil der neu eingestellte Studentenpastor dagegen protestierte, dass Marianne Timm nicht nur als Sozialhelferin, sondern auch theologisch arbeiten wollte. Doch der widerständige Geist, für den sie stand, blieb glücklicherweise. In den 50er und 60er Jahren waren es vor allem die Bibelstunden, die uniweit für ihre offene Diskussionskultur geschätzt wurden. Überhaupt: die 60er Jahre – was für ein Aufbruch. Ein Chronist fasst das so zusammen: „Alles, was sich in Hamburg als revolutionär empfand, traf sich in der ESG: Ob es sich um die Studenten der Revolte, die RAF-Sympathisantenszene, Anti-Atomkraft-Bündnisse, K-Gruppen oder Männerbewegungsaktivisten handelte – der Besucher konnte sicher sein, hier die jeweiligen Speerspitzen anzutreffen.“ Großartig, dieses Zitat.

Weniger großartig hingegen fand das der Hamburgische Kirchenrat. Auch Bischof Wölber war zunehmend befremdet. Noch 1967 wurde friedlich der Grundstein für das spätere Martin-Luther-King-Haus an der Grindelallee gelegt (mit geplanten vier Pfarrstellen!): Doch als das Haus 1969 eingeweiht wurde, war das Verhältnis zwischen ESG und Kirchenleitung bereits völlig zerrüttet. 1974 kommt es endgültig zum Eklat: Die ESG ruft die Hamburger Bevölkerung zu Blutspenden für den Vietcong auf. Die Hamburger Synode beschließt daraufhin nach siebeneinhalbstündiger Debatte die Auflösung der ESG. Die Pastoren werden versetzt, die Mittel gekürzt, das Haus zeitweise gesperrt – es sei "Auffangbecken für linksextremistische und radikale Gruppen". Die ESG lässt sich allerdings nicht wirklich davon beeindrucken und arbeitet autonom weiter. Der Kleinkrieg zieht sich in verschiedenen Phasen bis in die achtziger Jahre hinein.
Mit Martina Gehlhaar ist ab 1987 erstmals wieder eine Frau für die ESG verantwortlich. Die ESG bleibt politisch, engagiert sich schon Mitte der achtziger Jahre für Flüchtlinge und gegen Rassismus. In den Neunzigern boomen dann Selbsterfahrungs- und Meditationskurse. Tempora mutantur. Summa: es waren immer drei Standbeine, auf denen die Arbeit der ESG ruhte. Erstens als christliche Gemeinde wirkte sie zweitens politisch in die Gesellschaft hinein und verstand sich drittens immer auch als Ort der Hilfe und konkreten Unterstützung, etwa mit der 1976 gegründeten studentischen Telefonseelsorge, mit Angeboten für ausländische Studierende (und der Partnerschaftsarbeit mit Gemeinden in der DDR).
Nach diversen Umzügen, vielen personellen Wechseln – ich grüße alle hier anwesenden ehemaligen ESG-Pastoren und -Pastorinnen! – und nun schon eine ganze Weile im 21. Jahrhundert angekommen, liebe Pastorin Groß-Ikkache und lieber Christoph Jäger, ist die ESG nach wie vor quicklebendig.

Und? Wie war das nun mit der Obrigkeit?
Oberflächlich betrachtet, ist die Geschichte der ESG geradezu eine Predigt gegen den Paulus-Text. Und ich bin mir ehrlich gesagt auch nicht sicher, was wohl passiert wäre, wenn zum Beispiel Bischof Wölber 1968 mit diesem Text zum 30. Geburtstag der ESG aufgekreuzt wäre…
Denn man kann ja nicht verleugnen, dass Römer 13 über Jahrhunderte zur Legitimation autoritärer Herrschaft diente, befördert gerade auch durch lutherische Theologen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. „Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes.“….man sieht ihn geradezu vor sich, den „Untertan“ von Heinrich Mann, obrigkeitshörig und katzbuckelnd vor den Mächtigen.

Und auch heute noch bemächtigen sich die Mächtigen unserer Welt dieser Worte, um die umstrittensten Entscheidungen zu legitimieren. So wurde der US-Justizminister Jeff Sessions im Sommer gefragt, wie er es denn verantworten könne, die Kinder illegaler Einwanderer von ihren Eltern zu trennen und in spezielle Lager zu sperren. Ich glaube, wir alle haben diese Ungeheuerlichkeit mit verfolgt. Seine Antwort: „Ich kann nur auf den Apostel Paulus verweisen und auf seine unmissverständliche und weise Anordnung im Römerbrief Kapitel 13, die Gesetze der Regierung zu beachten, denn Gott hat die Regierung eingesetzt, um für Ordnung zu sorgen“, so Sessions in einer Rede vor Grenzschützern.

Oje. Doch hilft es ja nichts, bei der Empörung stehen zu bleiben. Auch wäre es verfehlt, sich an dieser Stelle wieder einmal über die vermeintlich bigotten Amerikaner zu mokieren. Denn gerade dieser Fall zeigt eindrucksvoll, wie eine mündige Bibellektüre für gesellschaftspolitische Debatten fruchtbar sein kann. Denn was geschah? Die Äußerungen des Ministers wurden landauf, landab diskutiert. Und es gab Zustimmung, aber auch heftigen Widerspruch. Man verwies auf die Unabhängigkeitserklärung der USA und das Argument, dass diese Verse nicht gegenüber despotischen Herrschern gelten. Andere erinnerten daran, dass auch in der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre Römer 13 eine wichtige Rolle gespielt hatte. Martin Luther King formulierte dazu einen berühmen Doppelsatz: „Jeder hat nicht nur eine rechtliche, sondern auch eine moralische Verpflichtung, gerechten Gesetzen zu gehorchen. Im Gegenzug hat jeder eine moralische Verantwortung, ungerechten Gesetzen nicht zu gehorchen.“ Ein berühmter Talkmaster in den USA schließlich wies zur besten Sendezeit darauf hin, dass man im Römerbrief schon noch ein bisschen weiterlesen sollte. Denn unmittelbar nach unserem Predigtext heiße es ja: „So ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.“
Eine spannende Debatte. Mein Fazit daraus: Bibelfestigkeit lohnt sich. Wer die biblischen Texte kennt und auszulegen gewohnt ist, lässt sich von Mächtigen nicht so schnell hinters Licht führen. Und damit bin ich wieder bei der ESG. Denn ihre Stärke lag und liegt seit jeher in der widerständigen Lektüre der Bibel, aus denen dann Konsequenzen für das eigene Handeln entwickelt wurden.

Und wenn wir wiederum in die Anfänge der ESG blicken, in die Nazizeit, dann sehen wir, wie evangelische Kirche gerade in dieser Zeit mit dieser Spannung in Römer 13 gerungen hat. 1935 mit der Barmer Theologischen Erklärung bekennt die Bekennende Kirche dann schließlich in der 5. These: „Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen…Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen.“
Also: Ja, es gilt zwar, dass sich jedermann der Obrigkeit unterordnen soll. Aber es gilt nicht uneingeschränkt. Sondern für jedermann. Auch Regierende und Regierungshandeln dürfen niemals total oder totalitär werden. Auch sie müssen sich letztlich vor Gott verantworten. Jedermann, jedefrau muss sich der Obrigkeit unterordnen, das heißt im Klartext: Niemand steht über dem Gesetz. Weder ein Präsident noch ein Unternehmen noch eine Bank noch ein Hedgefonds. Es ist allein die Liebe, die höher ist. Höher als alle Vernunft und jedes Gesetz.

Ich wünsche der ESG, dass sie weiterhin mutig und vernehmbar dieser Liebe Gottes auf die Welt hilft. Dass sie die widerständige und lebensbejahende Kraft des Evangeliums zur Geltung bringt - an der Uni, in der Stadt und auch in unserer Kirche. Dass Ihr Euch nicht zurückzieht in einen Winkel, sondern weiterhin das Ganze im Blick habt. Und dass ihr euch auch nicht abdrängen lasst in eine Nische, wie es gegenwärtig leider bisweilen versucht wird. Hier stehen wir als Landeskirche an eurer Seite, definitiv. Man sieht: es kann sich vieles zum Guten verändern…
Liebe Geschwister, ihr werdet gebraucht mit eurem Votum der Lebensliebe inmitten dieser erschrockenen Welt. Auch noch in 80 Jahren werdet ihr gebraucht. Für den Glauben, die Hoffnung und die Liebe zum Frieden, höher als alle Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

 

 

Datum
03.11.2018
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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