28. März 2021 | Hauptkirche St. Michaelis Hamburg

Es ist der Glaube eine feste Zuversicht

28. März 2021 von Kirsten Fehrs

Sonntag Palmarum, Predigt zu Hebräer 11,1+2 und 12,1-3

Liebe Gemeinde,

Feststimmung liegt in der Luft. Die Menschen jubeln als Jesus in Jerusalem einzieht. Kleider und Palmwedel breiten sie aus. So hat dieser Sonntag seinen Namen bekommen: Palmarum. Rechts und links, überall sieht man Menschen, wie sie Jesus entgegen gehen – alte wie junge, alle. Begeistert erzählen sich die Menschen in Jerusalem: Dieser Jesus da, er soll Aussätzige geheilt und tatsächlich Tote auferweckt haben. Er hat Frauen umarmt! Und er hat alles dafür getan, dass die kleinen Kinder geachtet werden und kein Mensch in seinen Ängsten vergeht. „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn“, jubeln sie und können gar nicht aufhören damit.

Wir wissen, die Stimmung kippt. Nur wenige Tage später werden dieselben Menschen rufen: Kreuzige, kreuzige ihn. Kreuzige ihn! Sie können gar nicht aufhören damit. Heute, an Palmsonntag, jubeln sie Jesus der Dornenkrone entgegen. Und so beginnt die traurigste Woche des Kirchenjahres mit Lobgesang.

Was für eine Spannung. Auch ja bei uns, hier, in diesen Wochen zieht und zerrt das Widersprüchliche an den Nerven aller. Ein Zustand zwischen dem Hosianna „Wir schaffen das!“ und dem Kreuz, das schwer auf der Schulter lastet. Zwischen aufrechter Hoffnung und dem ermüdenden Kampf gegen Inzidenzzahlen.

„Ich komme mir vor wie in einem Marathonlauf“, sagte vor ein paar Tagen ein Unternehmer während unseres regelmäßigen Dialogs Kirche und Wirtschaft. „Nur wusste ich vorher nicht, dass es ein Marathon ist und keine Mittelstrecke. Marathon, gefühlt auf dem schwierigsten Punkt, bei Kilometer 30.“ Ich weiß nicht, liebe Gemeinde, ob Sie sportliche Marathonerfahrung haben. Denn wohl ab Marke 30 wird‘s nach etlichen begeisterten Erfolgskilometern noch einmal richtig schwer, der Körper schmerzt und die Sinnfrage wird übermächtig: Was das alles hier soll, und warum man sich das antut, und ob man nicht am besten gleich aufgibt.

Das Bild passt, finde ich. Ja, wir sind im Corona-Marathon, mag sein bei Kilometer 30. Jedenfalls noch nicht auf der Zielgeraden, wie erhofft. Leib und Seele schmerzen. Die dauernde Spannung ist kaum auszuhalten und die Stimmung droht zu kippen. So viele sind existentiell betroffen. Wirtschaftlich. Aber eben auch seelisch. Die Kinder und Jugendlichen, die Träume begraben mussten. Die Verstorbenen und deren Angehörige – und es kommen jeden Tag neue hinzu. Nicht nur kein Urlaub zum Verreisen ist möglich, nein, auch kein Urlaub für die Seele, kein echtes Aufatmen. So langsam geht die Puste aus.

Und wir als Kirche, die wir ja vor allem für die Menschen da sein wollen, so dass die wunde Seele wieder Hoffnung tankt, auch wir ringen: Wie mit dem Lockdown zu Ostern umgehen? Erst mit Bitte der Kanzlerin, dann ohne, hin und her und her und hin. Alle doch sind wir mürbe von der Zerrissenheit und den Entscheidungen, die immer auch falsch sein können. Die Uneinschätzbarkeit der Virusmutationen schließlich macht vorsichtig. Und wieder heißt es: Ostergottesdienst im Lockdown. Gebremst analog, gebremst leben, gebremst hoffen. Ehrlich, liebe Gemeinde, das passiert mir nicht so oft, aber ich war darüber richtig deprimiert. Müde und verzweifelt sind so viele im Moment. Dieses Klagelied, ich höre jetzt auch auf, musste aber doch hier Ausdruck finden! Wo denn sonst?

Da ist doch aber der Glaube „eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ Unser Predigttext erscheint wie Hoffnungsdoping. Mitten im Lauf werde ich erinnert, ja gekräftigt: Glauben ist eine Haltung, Mensch. Halte dich an die Hoffnung, die allen Grund hat. Zweifle nicht daran, dass du das Ziel erreichst, nur weil du es noch nicht sehen kannst. Also aufgerafft, liebe Geschwister. Gott ist mit uns, ganz präsent, mitten unter uns. Der Hebräerbrief, der im gepflegtesten Griechisch 90 nach Christus geschrieben wurde, will der damals glaubensmüden Gemeinde die Zuversicht mit aller Kraft vor Augen führen. Schaut auf die vielen Zeugen, sagt er, die „Wolke der Zeugen“. Sie alle, Abraham und Sara, Jakob und seine Söhne, Mose und die Seinen, sie litten, trauerten, verzweifelten, aber in ihnen lebte auch ein unkaputtbares, tiefes Gottvertrauen. So zogen sie durch Wüstenzeiten; murrten und knurrten, liebten und litten, beteten und segneten sich da hindurch; und kamen an, manchmal gar im gelobten Land.

Von diesen Zeugen sind wir umgeben, sagt der Hebräerbrief. Darum „lasst uns ablegen alles, was uns beschwert […]. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist. Schaut dabei auf Jesus, er hat das Kreuz auf sich genommen. Das wird euch helfen, dass ihr nicht matt werdet und aufgebt, sondern mutig bleibt.“ Nicht aufgeben. Mutig und tatkräftig bleiben. Wirf den Ballast ab und lauf! Das klingt wie die Anfeuerungsrufe an den Straßen beim Hanse-Marathon. Durchhalten. Nicht müde werden. Da geht noch was! Das Ziel ist nahe. Und diese Pandemie schaffen wir auch. Gemeinsam, mit diesem Rückhalt Gottes. „Dass ihr nicht matt werdet und aufgebt, sondern mutig bleibt.“

Durchhalten und Weitermachen. Darum ging es ja auch bei Jesus damals, als er nach Jerusalem kam. Er wusste um die Spannungen. Noch ist die brodelnde Menge die Fangemeinde. Noch singen sie Lobgesänge für ihn. Mach weiter, Jesus, werden sie gemeint haben, lass dich nicht schrecken von den Widerständen, die noch vor dir liegen, halte durch, du bist schon fast am Ziel, Hosianna!

Doch die Hoffnungsgeschichte geht ja eben völlig anders weiter als erwartet. Der angefeuerte Jesus ist nicht zum gefeierten Held geworden, der Weg führt zum Kreuz. Gerade deswegen stehen dieser Weg und dieser Jesus für eine Hoffnung, die nicht auf dem Boden der Tatsachen zerschellt. Die nicht ob der Inzidenzzahlen vor Schreck erstarrt. Eine Hoffnung, die der Niederlage, dem Leiden und dem Tod standhält. Eine Hoffnung, die Haltung bewahrt und die auch dann eine Hoffnung bleibt, wenn man sie am nötigsten braucht und nichts mehr geht.

Und diese Hoffnung hat dann eben doch gerade nichts mit Doping zu tun. Denn Doping weitet zwar die Grenzen, hilft sie gar zu überschreiten, aber hebt sie nicht auf. Das Mattwerden kommt später, aber dafür umso heftiger. Und zerstörerischer. Sportler wissen um den Preis.

Christliche Hoffnung hingegen kippt nicht. Sie lässt uns vielmehr Widersprüche aushalten und Abschiede überstehen, ja an den Neuanfang denken, immer wieder. Denn, so der Hebräerbrief: „Lasst uns […] aufsehen zu Jesus, […] der […] das Kreuz erduldete […] und sich gesetzt hat zur Rechten […] Gottes.“ Aufsehen zu Jesus, das heißt eben auch: Sehen, wie er matt und müde scheitert. Und wie darin – dennoch und gerade – etwas Neues, Hoffnungsvolles beginnt. Das ist das Ziel, liebe Geschwister: Ostern! Nicht nur das höchste Fest der Christenheit, sondern auch das mutigste. „Das wird euch helfen, dass ihr nicht matt werdet, sondern mutig bleibt.“

Und wie das nun konkret erlebt werden kann? Am Schluss unserer digitalen Kirche-Wirtschaft-Dialogrunde passierte etwas ganz Wunderbares. Auf die Frage nämlich, wie wir nach diesem Lauf durch den Abend in die Zukunft gucken, stellte sich als Siegerin heraus: die Zuversicht. Nachdem wir jede Menge Skepsis und Ungeduld geteilt hatten und Sorgen und Kreuzeslast, nachdem wir all den Ballast loslassen konnten, schrieben fast alle der 50 Teilnehmenden Positives in den Chat: „Ich schaue in die Zukunft mit hanseatisch nüchternem Optimismus.“, „Hoffnungsmut“, „Diffus zuversichtlich“, „Wir leben in einem so reichen Land, immer noch.“, „Wir haben gute Bedingungen.“ „Wir tragen selbst doch Verantwortung und nicht nur Lasten.“, „Nicht müde werden, Leute!“, „Die Liebe meiner Familie trägt mich.“, „Bleibt sehnsüchtig“ „Nicht vergessen: Die Liebe ist die größte.“

Nicht vergessen: Die Liebe ist die größte. Und ich sehe auf diesen Jesus, wie er sich mit Sanftmut nicht nur in die brodelnde Menge begibt, sondern wie er einziehen will in mein Leben. Mit seinem Trost und seinem Friedensmut. Und mir ist ganz feierlich zumute. Weil er doch uns zuliebe lebte und starb und auferstand und unserem Hoffen tiefen Grund gab, tiefer geht‘s nicht.

So ziehe sie nun ein in unser Herz, die feste Zuversicht, jetzt in der stillen Woche, hinein in die Spannungen unserer Zeit. Und mit ihr der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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