17. April 2022 | Hauptkirche St. Michaelis

Evangelische Messe am Tag der Auferstehung des Herrn

17. April 2022 von Kirsten Fehrs

Ostersonntag

Gruß und Votum

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Gemeinde: und mit deinem Geist.

Der Herr ist auferstanden. Halleluja! Er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja! So rufen wir‘s uns Ostern zu – unbeirrbar auch in diesem Jahr und in dieser schwierigen Zeit. Herzlich willkommen zu unserem festlichen Gottesdienst am Ostersonntag, liebe Gemeinde. Ja, auch in dieser Zeit oder vielleicht gerade jetzt: Wir feiern, durch alles Dunkel und alle Sorge hindurch, das Leben, das aufgestanden ist gegen den Tod. Wir feiern das Licht! Die neue Osterkerze steht dafür. Ostern bietet der Gewalt, all dem sinnlosen Tod in unserer Welt die Stirn. Mit Hoffnungsmut und Lebensliebe! So beten wir:

Wir sind hier zusammengekommen, um Gottes Wort zu hören und das Mahl unseres Herrn Jesus Christus zu feiern; aber wir sind in uns selbst befangen und können aus eigener Vernunft und Kraft nicht zu ihm kommen. Darum bitten wir unseren Gott und Vater um die erneuernde Kraft seines Geistes und sprechen:

Gemeinde: Der Allmächtige Gott erbarme sich unser, er vergebe uns unsere Sünde und schenke uns Anteil an seinem Leben. Amen

 

Gebet des Tages

Halleluja, du unser Trost und unser Leben, Jesus Christus.

Du bist auferstanden von den Toten. Du bist in unserer Mitte.

Geh mit uns in den Ostermorgen, dass die Hoffnung uns aufrichte. Geh mit den Menschen in den Ostermorgen, die unter Angst und Verzweiflung begraben sind.

Du bist in unserer Mitte mit deinem Licht.

Verwandele uns und diese Welt durch deinen Frieden, heute und alle Tage.

Gemeinde: Amen.

 

J.S. Bach: Kantate BWV 66 „Erfreut euch ihr Herzen“

 

Predigt zu Markus 16,1-8

Kanzelgruß

Liebe österliche Gemeinde,

„... und sie fürchteten sich.“ So endet das Osterevangelium des Markus. Es ist die früheste Fassung in der Bibel, ganz ohne Halleluja, und ohne erfreute Herzen und – ach! – Frieden, wie Johann Sebastian Bach es so schön komponiert und wie Solisten, Chor und Orchester es so phantastisch zu Gehör gebracht haben. Dieser Osterjubel über den Sieg des Lebens – ich liebe ihn so – er braucht dieses Jahr seine Zeit.

Die Frauen am Grab sind mir nahe mit ihren zagenden Herzen, die so übervoll sind mit dem Schrecken der vergangenen Tage und mit der Trauer um ihren Jesus. Entsetzt euch nicht, versucht der Engel sie zu erreichen. Doch das gelingt erst einmal nicht. Ostern ist ein Weg, liebe Gemeinde, kein Moment, mit dem sich alles wandelt. Es ist ein Weg hin zur Hoffnung und zur Festfreude, zur Hoffnung, die wir uns doch alle so ersehnen nach den ganzen Krisen, oder?

Es ist ein Weg auch für unsere Herzen, die erfüllt sind von Mitgefühl. Kriegsbildern. Aktuellen wie längst vergangen geglaubten. Die Kinder haben Angst, auf allen Seiten. Die Alten haben Angst. Soldaten und ihre Familien haben Angst. Die ukrainischen Frauen auf den Bahnhöfen und in den Kellern haben Angst. So wie die Frauen am Grab Jesu damals: Furcht und Entsetzen lassen der Hoffnung kaum Raum.

Gäbe es da nicht die Kantate mit ihrem Tanz der Freude, der beharrlich gegenhält. Genial, wie da gleich Alt und Tenor, die Furcht und die Hoffnung in den Dialog treten, ja, miteinander ringen. Lebensnäher lässt sich Glaube 2022 nicht in Töne bringen. Sie verwenden die fast gleichen Worte und die fast gleichen Töne – und sagen doch genau das Gegenteil. So dicht sind Hoffnung und Furcht beisammen und gleichzeitig widersprechen sie einander.

Es ist wie ein Spiegelbild der inneren Zerrissenheit der Frauen, die furchtzitternd im leeren Grab stehen und verzweifelt rufen: Er ist nicht mehr da! Und die zugleich so sehr gehofft hatten, ihrem toten Jesus diesen letzten Liebesdienst, dieses tröstliche Abschiedsritual mit den wohlriechenden Ölen erweisen zu können. Kein Ritual – das heißt ja auch: kein Halt für die Seele. Kein Trost, der einen ins Leben zurückbringt. Nur noch das große Nichts. Und die Furcht.

Entsetzt euch nicht – spricht der Engel zu ihnen. Und ich denke an jene Menschen in der Ukraine, die in diesen Tagen Massengräber öffnen, um ihre Toten in eine würdige letzte Ruhestätte zu tragen. Wie predigt man Hoffnung an offenen Gräbern, die nicht leer sind? Was bedeutet Ostern für Menschen in Bucha und anderswo, denen ihre Liebsten entrissen, denen ihr ganzes bisheriges Leben so sinnlos zerstört wurde? Was hält sie? Was trägt? Wo ist der Engel, der ihnen sagt: Entsetzt euch nicht!

Ich hoffe so sehr, dass er da ist. Dass er Wege findet, wo wir keine finden. „Ihr könnet verjagen das Trauern, das Fürchten, das ängstliche Zagen.“ Ja, liebe Osterengel, ihr wisst, wo ihr gebraucht werdet, es gibt genug zu tun.

Ob ihnen vielleicht gerade diese Ostergeschichte Kraft gibt? Gerade weil sie so leise ist, nicht jubelt, weil sie die Furcht kennt? Ich glaube es, ja. Ich glaube, dass es in dem ukrainischen Karfreitag, der jetzt schon mehr als sieben Wochen andauert, mit Abertausend zerstörten Leben und ausgelöschten Träumen – dass sie zu den Menschen spricht.

Denn mir ist noch einmal bewusst geworden, dass Markus dieses Evangelium ja auch inmitten der Trümmer von Jerusalem schreibt, 70. nach Christus. Bis auf die Grundmauern zerstört vom Despoten Vespasian. Markus schreibt sein Evangelium für sie alle, denen der Terror in den Knochen steckt und die nichts mehr in Armen halten als Leere. Und dass dieses Evangelium mit solch entsetzter Furcht endet, ist das pure Gefühl des Zusammenhalts, der aushält, was eigentlich unaushaltbar ist. Gott bleibt an der Seite und schaut nicht weg. Das ist die Botschaft. Und so ist das Osterevangelium ein einziger Aufstand gegen die Demütigung der Würde. Der Würde der Lebenden und der Getöteten.

Deshalb: Entsetzt euch nicht! Auch wenn dieses Wort des Engels zunächst nicht durchdringt – das ist der Anfang von Ostern. Das ist die entscheidende Wende der Geschichte. Das ist der kleine, stille, von der Weltgeschichte übersehene Moment, in dem die Gewalt verliert und die unzerstörbare Würde von Menschen sich durchsetzt. Niemand kann die begraben. Christ lag in Todesbanden. Ja, er lag; nun liegt er nicht mehr. Was sich so furchtbar leer anfühlt, dieses leere Grab, das wird auf einmal zum Hoffnungsraum. Denn Christus ist auferstanden, sagt der Engel. Deshalb ist das Grab leer! Er ist nicht weg, er ist an deiner Seite, geht mit dir in den Ostermorgen und sehnt sich mit dir nach Frieden. Er ist die Hoffnung, die siegt!

Bei einer Benefizaktion für Kriegsflüchtlinge in Lübeck hat mich jüngst ein Ukrainer zutiefst bewegt. Er erzählte, wie am 24. Februar 2022 sein Handy fast explodiert sei vor lauter Hilfsangeboten, so viele, dass er sie zunächst gar nicht bewältigen konnte. Wenige Tage später ist er mit mehreren Lastwagen voller Decken, Hygieneartikel, Wasser, Essen, medizinischer Geräte in die Ukraine gefahren. So vielen Menschen ist er begegnet, die zu Tränen gerührt zutiefst dankbar waren und erleichtert – und er sagte: „Denkt niemals, eure Hilfe sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein!“

Liebe Geschwister, was für eine Osterbotschaft. Unser Mitgefühl und Helfen, so ohnmächtig es sich anfühlen mag, bedeutet nicht allein praktische Hilfe, sondern gibt vor allem innere Kraft, ist Erste Hilfe für die Seele. Es holt die Menschen aus der Ohnmacht, auch weil wir damit sagen: In deinem Leid bleibst du Mensch und behältst deine Würde. Unser Zusammenhalt und unsere zugewandte Tatkraft sind echte Oster-Hoffnungszeichen. Sie sind die Töne, die dem Grauen ins Wort fallen.

Mag sein, dass Menschlichkeit und Wärme gegen die Übermacht der Waffen auf den ersten Blick schwach aussehen. Mag sein, dass unser ohnmächtiges Entsetzen den Toten nicht mehr hilft. Und doch habe ich an diesem Abend in Lübeck gespürt: Es ist so wichtig und so wertvoll. Denkt niemals, es sei vergeblich, wenn so viele Engagierte ganz selbstverständlich den Flüchtenden Zuflucht geben und sie unterstützen wollen. Wenn wir der Angst und Ohnmacht nicht das letzte Wort überlassen, sondern Verantwortung übernehmen! Besser kann man Ostern nicht verstehen.

Es bleibt eben dabei: Waffen schaffen keinen Frieden. Die Herzen erreichen wir mit Worten, mit Gesten, mit Nächsten- und Feindesliebe. Ja, es bleibt dabei, dass wir als Christinnen und Christen jeder Gewalt, auch Waffengewalt energisch widersprechen. Es war Jesus selbst, als man ihn gefangen nahm, also in einem Moment absoluter Gefahr, der gesagt hat: „Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen.“ Das ist die eine Seite, die keine Relativierung duldet. Keine.

Und dann ist da die andere Seite: Dass Menschen von einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg überrollt werden, gedemütigt, zerstört, getötet werden. Sie sind Nächste in unserem übernächsten Nachbarland, die Hilfe brauchen und nichts als Hilfe. Aktiven Lebensschutz. Und solche Nächstenliebe ist genauso bedingungslos. Sie duldet auch keine Relativierung. Keine.

Und da sind wir bei diesem Dilemma, das uns wohl alle in Gewissensnöte bringt. In Kirche, Politik, Wirtschaft. Weil wir, gleich was wir tun oder lassen, schuldig werden. Deshalb ist es jetzt keine Zeit der schnellen Antworten, der Urteile und Verurteilungen. Aber es ist Zeit zum Dialog, mag sein auch zwischen Furcht und Hoffnung.

Wie schaffen wir Frieden? Wie lindern wir Leid und wie nehmen wir unsere Verantwortung wahr? Im Angesicht des wahrhaftigen Osterevangeliums müssen wir uns ehrlich machen. Einander das Gewissen befragen und schärfen, das ist unsere Aufgabe als Kirche. Nicht besser wissen, aber mitdenken, begleiten, tragen, trösten. Und unsere Demokratie mit schützen. Denn wir alle, die wir helfen, sammeln, bitten und beten, die wir uns für Menschenrechte einsetzen und auf der Straße für den Frieden demonstrieren, zeigen doch, dass die Gewaltherrschaft eines Diktators in einer Demokratie nicht so einfach möglich wäre. Demokratie ist die beste Voraussetzung für den Frieden – auch übrigens in Frankreich. Wir brauchen so etwas von gar keinen Nationalismus, aber wir brauchen wirklich jedes heiße, liebende Herz und jeden kühlen Kopf für unser friedliches Zusammenleben. Und: Denkt niemals, es sei vergeblich!

Deshalb, liebe Gemeinde, entsetzen wir uns nicht. Aber ich setze auf Sie und euch. Auf viele, viele Osterengel, die Steine wälzen und kluge Gedanken. Ich setze auf die Engel, die mit allen Geflüchteten, nein: unseren Gästen, das Brot teilen und die Not. Auf die Osterengel setze ich, die auch in Kriegszeiten die Hoffnung nie verlieren. Die geradlinigen, die trotz allem an Worte glauben und nicht an Bomben.

Ja, ich setze auf die Liebe in Zeiten des Hasses, auf die Gelassenheit in Zeiten der kurzen Zündschnüre. Stoppt die Schießwütigen, doch liebt die Liebeswütigen, stoppt die Stinkstiefel, die Schläger – und hört auf die unschlagbar Freundlichen, die auf den Brücken stehen der Mitmenschlichkeit. Ach, hört auf mit dem Krieg, überall!

Denken, versenken, verlieben wir uns in den Frieden, höher als alle Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Denn: Christus ist auferstanden, Halleluja. Er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja. Amen.

 

Fürbitten

Entsetzt euch nicht, sagst du uns, du Leben und Frieden schaffender Gott.

Doch es ist da, das Entsetzen über diesen und alle furchtbaren Kriege, über all das Leid, die Brutalität und die Menschenverachtung.

Wir sind voller Mitgefühl und Trauer, und bitten dich: Sei mit den Friedensstiftern, Gott, in der Ukraine und in allen Ländern dieser Erde.

Hilft auch uns, klug zu handeln, Verantwortung zu übernehmen. Uns immer zu fragen: was ist richtig? Was ist falsch?

So ringen wir, Gott, ringen mit unseren Fragen und unserer Hoffnung, ringen mit der Not und wollen doch einstimmen in den Osterjubel, jetzt. Denn du hast Jesus auferweckt, befreit aus den Fesseln des Todes. Hast dem Tod, dem Unrecht und jeder Gewalt die Stirn geboten.

Deshalb vertrauen wir darauf, dass du bei uns bist, wie du bei allen Menschen bist, die sehnsüchtig der Hoffnung die Hand hinhalten, in der Ferne und in der Nähe.

Wir vertrauen darauf, dass du die Entrechteten und Gedemütigten ins Leben zurückrufst und ihnen ihre Würde zurückgibst.

Wir vertrauen darauf, dass du die Traurigen tröstest und ihnen aufhilfst mit deiner Kraft.

So bitten wir dich für Hildegard Hirschfelder, dass sie nun liebevoll aufgehoben ist in deiner Nähe. Sie hat uns so treu in St. Michaelis zur Seite gestanden, über Jahrzehnte mit ihrer ganzen Kraft und Liebe zu dieser Kirche. Dankbar wissen wir sie nun geborgen in Gottes Hand. Tröste alle, die um sie trauern.

Richtet euch auf und geht dem Osterlicht entgegen, sagst du uns. Und wir beten in der Stille für die, die uns am Herzen liegen.

Stille

Wir bitten für sie alle und für uns: Lass uns einstimmen in das österliche Halleluja, das vom Leben singt, von nichts als dem Leben.

Des solln wir alle froh sein. Christus will unser Trost sein. Kyrie eleis. Herr erbarme dich.

Amen.

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