Bischof Abromeit spricht bei IHK-Auftaktveranstaltung in Schwerin

Fairer Handel und gerechtes Wirtschaften nach Martin Luther

Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit
Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit© Marcelo Hernandez / Nordkirche

06. Oktober 2017 von Annette Klinkhardt

Schwerin. Martin Luthers Thesen zum Handel und zum Finanzwesen sind 500 Jahre nach der Niederschrift aktueller denn je. Dies machte Dr. Hans-Jürgen Abromeit, Greifswalder Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), heute (6. Oktober) bei der Auftaktveranstaltung zu „Unternehmer in der Verantwortung 2018“ der Industrie- und Handelskammer in Schwerin deutlich.

Im Hinblick auf den Dieselskandal sagte der Bischof: „Wenn Luther über die Gier spricht, erscheint er mir sehr modern. In seiner Schrift sieht er die wirtschaftlichen Probleme seiner Zeit, die uns auch heute noch belasten. Luther kritisiert Monopole, Dumpings, illegale Absprachen, Spekulanten und das Problem, dass kleine Vergehen hart bestraft werden, während die ‚großen Fische‘ mit ihren Wirtschaftsverbrechen ungehindert davonkommen.“

Unter dem Motto „Wirtschaft, Arbeit und Kirche – Der ehrbare Kaufmann und das christliche Menschenbild“, sprachen in den Räumen der IHK in Schwerin auch der Hamburger Erzbischof Dr. Stefan Heße, Hans Thon, Präsident der IHK zu Schwerin, und die Vizepräsidentin des Landtags, Beate Schlupp (CDU). Erzbischof Heße sagte: „Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass ein rein zahlenorientiertes Handeln auch in wirtschaftlicher Hinsicht zu kurz greift. Zur Sicherung des nachhaltigen Erfolgs der eigenen Geschäftstätigkeit braucht es nicht nur gutes ökonomisches Handeln. Moralische Werte und soziales Engagement sind nicht weniger wichtig. Das gilt sowohl für den Ruf der Betriebe und der Branche. Es gilt auch für ihre eigene Zufriedenheit als Mensch.“

Hochaktuelle Kritik Luthers an der Gier

Martin Luther habe dem erstarkenden Handelswesen des 16. Jahrhunderts grundsätzlich positiv gegenüber gestanden, sagte Bischof Abromeit . Ebenso deutlich habe er allerdings die menschliche Gier als Sünde kritisiert. Der Bischof zitierte aus Luthers Schrift „Über Kaufhandlung und Wucher“: „Denn dein Verkaufen soll nicht ein Werk sein, das frei in deiner Macht und Willen ohne alles Gesetz und Maß steht, als wärest du ein Gott, der daran an niemanden gebunden wäre. Sondern weil dein Verkaufen ein Werk ist, das du gegen deinen Nächsten ausübst, soll es durch Gesetz und Gewissen begrenzt sein, so dass du es ohne Schaden und Nachteile deines Nächsten ausübst.“ Abromeit folgerte: „Luther ist also getragen von einem positiven Menschenbild. Er traut dem Menschen zu, seine mächtige Gier durch Gesetz und Gewissen zu begrenzen.“ Allerdings bedürfe es dazu eines Staates, der sich deutlich positioniert: „Wir brauchen klare Gesetze und Richtlinien durch den Staat. Nur eine gerechte, konsequente und durchsetzungsstarke Politik kann für eine gute und menschenfreundliche Wirtschaft sorgen. Der Dieselskandal hat es in aller Deutlichkeit ans Tageslicht gebracht: Die Gier der Menschen in unserem Land ist größer und perfider, als ich es vermutet habe. Wir brauchen Gesetze und das sind heutzutage eben auch internationale Gesetze, die Wirtschaft und Kapitalmarkt regulieren.“

Durchweg negativ dagegen sei Luthers Urteil über den Zins gewesen, erläuterte Bischof Abromeit: „Denn ist der Zins einmal da, werden die Fragen im Kopf wach: Wo kriege ich mehr für mein Geld? Wo ist der beste Zins, die beste Rendite? Damit verliert der Mensch den Menschen und auch Gott aus dem Blick. Das ist die eine Seite. Darüber hinaus macht der Zins den Menschen träge. Dabei ist der Mensch für Luther ein homo faber, ein fröhlich schaffender, schöpferisch-kreativer Geist. Luther sagt: ‚Denn der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen‘.“ Diese Hochschätzung des menschlichen Tuns nannte Bischof Abromeit einen „ungeheuer motivierenden Zug bei Luther“, der „ein positives und lebensbejahendes Menschenbild“ zum Ausdruck bringe.

Soziale Marktwirtschaft schützt die Schwächsten

Bischof Abromeit resümierte: „Ich halte die soziale Marktwirtschaft für eine der größten Errungenschaften der deutschen Nachkriegspolitik und sehe darin ganz das Anliegen Luthers, dass gerade auch die Schwächsten in der Gemeinschaft zu ihrem Recht kommen – ohne die Freiheit und den Schaffensdrang des Menschen abzuschnüren. Der Protestantismus steht an der Wiege der sozialen Marktwirtschaft, weil er die Verantwortung des Individuums ebenso anerkennt wie seine Schutzbedürftigkeit vor dem Mutwillen Anderer.“

 

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