24. Mai 2022 | Amalie-Sieveking-Stiftung

Festgottesdienst zum 190. Gründungstag der Amalie-Sieveking-Stiftung

24. Mai 2022 von Kirsten Fehrs

Predigt von Bischöfin Kirsten Fehrs zu Johannes 6,22

Liebe Stifts- und Geburtstagsgemeinde,

wie sehr freue ich mich, jetzt hier bei Ihnen zu sein und mitzufeiern! In diesem wunderschönen Hof und Garten. Uralt und denkmalgeschützt – und gleichzeitig jedes Jahr wieder ganz neu, besonders jetzt im Frühjahr natürlich. Mitten im langsam satter werdenden Grün und inmitten aufblühenden Lebens sitzen wir und feiern einen 190. Geburtstag: vom „Weiblichen Verein für Armen- und Krankenpflege“. Wenn das kein stolzes Alter ist! Die lange Tradition und das jedes Jahr neu aufbrechende Leben ganz nah beieinander. Das ist ja selbst schon eine kleine Predigt, Ihr Motto für diesen Tag bringt es auf den Punkt: „Vertraut den neuen Wegen“, wir haben’s gesungen eben. Ja, die Amalie-Sieveking-Stiftung ist wahrlich „alt genug für neue Wege“.

Denn wir feiern eben nicht nur den Geburtstag einer würdigen, alten Dame, wir feiern ja auch den jungen Aufbruch, den Sie mit dem großen Bauprojekt hier in St. Georg gewagt haben. 70 neue barrierefreie Wohnungen – barrierefrei nicht nur baulich, sondern auch finanziell, weil die meisten eben öffentlich gefördert sind und für Menschen bereitstehen, die am Wohnungsmarkt wirklich Mühe haben. Und es werden derer ja immer mehr. Menschen, die sich nach diesen einladenden Worten von Jesus sehnen: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Was für eine Losung für dieses Jahr 2022: nicht abgewiesen werden. Ankommen dürfen. Bleiben dürfen. Ein Traum für viele Menschen. Der für zu viele leider unerfüllt bleibt.

Die Barrieren im Wohnungsmarkt werden immer mehr zu unüberwindlichen Mauern für Menschen aller Generationen. Man muss gar nicht mehr arm sein, um in Not zu geraten. Deswegen ist dieses Neubauprojekt auch ein ganz wichtiges politisches Signal: Menschen brauchen ein Dach über dem Kopf, unter dem sie sicher und selbstbestimmt leben können. Das ist Teil unserer Würde. Es ist Menschenrecht. Und wie tief das gehen kann, wenn ein solches würdiges Zuhause fehlt, das erfahren wir bei Hinz & Kunzt und seinen Verkäuferinnen und Verkäufern. Sie sind gerade hierher gezogen, von meiner Nachbarschaft in Ihre Nachbarschaft.

In den vergangenen Monaten habe ich mit etlichen Menschen gesprochen, die in der Coronapandemie ihre Existenz und damit auch ihre Wohnung verloren haben. Heiligabend etwa in Tagesaufenthaltsstätte der Diakonie. Manche, die ihre Fassungslosigkeit versuchten mit lockeren Sprüchen aufzufangen, nach dem Motto: „Krönchen richten, weitergehen“. Das war ehrlich anrührend. Und irgendwie auch furchtbar. Und es wurde so klar: Wenn es wirklich ernst wird und einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, braucht es mehr. Da braucht es ein echtes Gegenüber, das aufhilft, nahbar, hörbereit und zugewandt. So wie Sie hier im Stift, liebe Frau Gürtler mit Ihrem Team und liebe Vorstände. Wie überhaupt Sie alle hier, die Sie sich engagieren für eine soziale Stadtgesellschaft. Es braucht eben viele, die sagen: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

Wir sind politisch herausgefordert, neue Wege zu gehen und den begrenzten Raum so zu teilen, dass für alle Platz bleibt. Der gute Wille ist oft genug da. Die Bereitschaft, ja auch hier im Stift, Geflüchteten aus der Ukraine Zuflucht zu bieten, ist riesig, und ich bin allen dankbar, die in selbstverständlicher Solidarität dazu beitragen. Aber wir ahnen doch auch, dass wir noch Einiges vor uns haben auf dem Weg zu einer umweltgerechten und menschengerechten Stadt, oder?

Das älteste Gebäude der Stiftung, das erste Amalienstift, stammt noch aus der Zeit von Amalie Sieveking selbst. Es ist jetzt eingerahmt von den Neubauten. Die großen neuen Blöcke nehmen das kleine alte Haus in ihre Mitte. Wie zum Schutz schließen sie es ein. Es soll bewahrt werden. Es soll in der Mitte bleiben. Denn es ist das Herz des Ganzen. So wie im menschlichen Körper das empfindsame Herz in der Mitte von Rippen umschlossen ist und den ganzen Körper am Leben hält, so schlägt in der Mitte des Stiftungsgeländes dieses Herz, das zuerst in der umtriebigen und mich bis heute beeindruckenden Amalie Sieveking geschlagen hat. Was war das für eine Frau! Wenn man sich ein wenig mit ihr beschäftigt, mit ihrer so selbstverständlich liebevollen Tatkraft, mit der sie anpackte, nachdachte, sich theologisch bildete – dann wundert einen nicht, dass sie sich während der Cholerapandemie 1831 mit ihrem freiwilligen Dienst in den Armenhäusern als Krankenpflegerin viel Respekt verschafft hat. Und mit ihrem „Weiblichen Verein für Armen- und Krankenpflege, ich liebe diesen Namen, hat sie doch recht ungewöhnliche, sagenhaft kreative Projekte in Stand und Wesen gesetzt. So etwa ließ sie einmal Kinderwagen anfertigen und beauftragte arbeitslose Männer, die Kleinkinder von Arbeiterinnen auszufahren. Großartig!

Wie gut also, dass Amalie Sievekings herzhafter Einsatz zur Tradition geworden ist und – ja, auch zu Stein. Und schauen wir uns um: Wenn ein Herz auf so überzeugende Weise zu Stein wird, dann ist das doch mehr als in Ordnung. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“, sagt dieses ganze Projekt. Und öffnet sich für das, was Menschen benötigen, wirklich benötigen. Denn dass sie sich nach Leben sehnen, nach dem Brot des Lebens, von dem Jesus gesprochen hat, das ist ja zu allen Zeiten so gewesen. Und heute erst recht. Allemal hier in St. Georg, wo es die größte Obdachlosigkeit gibt und zugleich höchste Mieten. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Im Jahr 2022 heißt das doch: Ich sehe eure Not. Die materielle Not, die sich weltweit rasant ausbreitet mit den schlimmen Engpässen bei der Nahrungsmittelversorgung. Aber auch die innere Not, die Angst vor Heimatlosigkeit und die tiefe Verunsicherung, was im Moment eigentlich noch trägt und gilt: Ich sehe eure Not. Und ich weise euch nicht ab. Ich gebe euch Kraft standzuhalten, hoffnungsmutig zu bleiben, Not zu lindern. Das ist die Ansage. Jahreslosung für uns alle. Zusage und Verantwortung zugleich.Für diese Verantwortung und für diese Hoffnungskraft steht die Amalie-Sieveking-Stiftung. Uralt. Und gleichzeitig so angesagt.

1860 übrigens, kurz nach dem Tod der Gründerin, ist in der damaligen Evangelischen Zeitung ein Artikel über sie erschienen. Er macht so wunderbar deutlich, wie fern und entrückt die Zeiten aus heutiger Sicht waren, aber wie sehr eben immer noch das gleiche Herz schlägt: „Amalie Sieveking verdient einen Platz in dem Gedächtnis der Deutschen Evangelischen Kirche, nicht nur weil sie mit dem Bewusstsein danach gestrebt hat, dem dornenvollen Stande der unverheiratet bleibenden Frauen den Weg zu einer würdigen Stellung und zu freudiger Tätigkeit für das allgemeine Beste zu öffnen, sondern auch weil sie in der christlichen Armen- und Krankenpflege durch inneren Geistestrieb in ihrer Vaterstadt viel geleistet und in einem weiten Umkreise heilsam anregend gewirkt hat.“ (Evangelische Zeitung, 1. Februar 1860)

Heilsam anregend. Das ist die Haltung dieser Stiftung, nach wie vor. Danke dafür. Danke für Herz und Hand und diese Haltung, mit der auch Jesus den Menschen begegnet ist: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Denn das heilt ja wirklich die Wunden von Menschen und die Wunden einer Stadt. Stiftungen wie die Ihrige ermutigen, nicht aufzuhören. 190 Jahre soziale und diakonische Arbeit: Das regt an zu neuen Wegen. Sie machen’s vor. Alt genug dafür sind Sie ja allemal. Amen.

Datum
24.05.2022
Quelle
Kommunikationswerk der Nordkirche
Von
Kirsten Fehrs
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