Festgottesdienst zur Verleihung der Bugenhagenmedaille an Dr. Cornelia Schäfer und Prof. Dr. Andreas de Weerth
31. Oktober 2026
Predigt zu 5. Mose 6,4-9
Liebe Festgemeinde am Reformationstag,
ich wäre zu und zu gern dabei gewesen, am Nikolaustag 1529, frühmorgens in St. Jakobi, nur ein paar Straßen von hier.
Damals hatte der katholische Kaplan gepredigt. Und als er wie üblich ansetzt, lateinisch zu beten, da fangen auf einmal zwei Jungen an zu singen. Auf Deutsch! Ein Lutherlied. Und: Die Erwachsenen stimmen ein! Erst zögernd vielleicht, dann aus voller Kehle. Das habe großen Schrecken über die Priester gebracht, heißt es in der Überlieferung, „weil es ein ungewöhnlich Werk“ war. Und ein ansteckendes noch dazu. Denn von nun an begannen die Lübecker Bürgerinnen und Bürger, sofort Luthers Choräle zu singen, wenn ihnen das priesterliche Handeln nicht gefiel. (Wenn Sie gleich anfangen zu singen, weiß ich Bescheid!)
Die Reformation in dieser Stadt wurde also nicht allein erstritten und erdacht, sondern ersungen! 1531 gab Johannes Bugenhagen, der Reformator des Nordens, dann Lübeck seine Kirchenordnung; und weil er plattdeutsch sprach, verstand man ihn sogar. Das ist 495 Jahre her.
Und heute ehren wir mit der Medaille, die seinen Namen trägt, zwei, deren Verdienste in der Tat auch „ein ungewöhnlich Werk“ ist. Und bisweilen ähnlich ansteckend wie der gemeinsame Protest-Gesang.
Liebe Frau Dr. Cornelia Schäfer, lieber Herr Professor de Weerth, wir feiern heute nicht nur das Gedächtnis der Reformation, sondern ein Tun, das im besten Sinne bürgerschaftlich und damit als gut protestantisch gelten kann.
Ich ahne, wie unsere Preisträger mit der ihnen eigenen Bescheidenheit heute herausgefordert sind ob all der dankbaren Aufmerksamkeit. Aber heute müssen die beiden es mal ertragen, dass sie im Mittelpunkt unseres Dankes und unserer Hochachtung stehen. Recht geschieht’s den beiden! Denn was sie für die Diakonie Alten Eichen und für den Dom und die Lübecker Innenstadtkirchen bewegt haben, ist aller Ehren wert. Im Detail werden wir davon nachher noch in den Laudationes hören.
Davor lesen wir in der Bibel. Was für ein Glücksfall, dass wir es heute mit zwei Texten zu tun haben, die so wunderbar zu unseren Preisträgern passen. Die Seligpreisungen aus der Bergpredigt hörten wir eben. Dazu gesellt sich am Reformationstag neuerdings ein Text, der ebenfalls zum Urgestein unserer jüdisch-christlichen Tradition gehört. Es ist das Glaubensbekenntnis der Jüdinnen und Juden aus dem 5. Buch Mose. Angesichts der furchtbaren, antijudaistischen Schriften, die der späte Luther eben auch verfasst hat – mit einer verheerenden Wirkungsgeschichte, wie wir wissen – wurde dieser Predigttext mit Bedacht ausgewählt. Und zwar gegen jede Form des Antisemitismus heute. Ein Text, den wir auch deshalb alle gerade gut gebrauchen können, weil er uns an unser Fundament erinnert, auf dem wir lieben und arbeiten können, auch wenn die Welt um uns herum tobt und sich rasend verändert. Ich lese das Sch’ma Israel:
„Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.“
Dies sind die ersten Worte, die ein jüdisches Kind lernt, und der letzte vertraute Klang, mit dem ein jüdischer Mensch von dieser Erde geht. Ein Text fürs Leben, auch für unser Leben.
Höre! So beginnt er. Höre! Höre auf Gottes Wort inmitten all der schwirrenden Meinungen. Gottes Wort inmitten all der Lautsprecher mit ihrem Getöse. Höre, auch auf die leisen Töne. Höre hin, was dir andere zu sagen versuchen.
Hören steht am Anfang aller heilenden Künste. Am Anfang aller Musik. Am Anfang aller Verständigung. Am Anfang allen Engagements. Und so hast du, haben Sie gehört, dass die alten Kirchen und ihre Musik Unterstützung brauchen. Haben gehört, wie wichtig menschenfreundliche Medizin und Pflege sind. Haben auf andere gehört, weswegen man gerne auf dich und Sie hört. Und so geht es voran mit dem Guten, im Team, nicht im Alleingang. Höre! Sch’ma. Alles beginnt mit dem Hören.
Und dem Lieben. Ja, „du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben.“ Innig klingt das. Jeden Tag sollst du es erinnern und deinen Kindern weitersagen. Liebe soll dein Leben erfüllen. Von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit all deiner Kraft.
Wobei die Seele im Hebräischen nefesch heißt und das heißt eigentlich Kehle. Oder auch Atem, das, was uns lebendig hält. Mit ganzer Seele lieben heißt also auch: Gott lieben mit dem Atem, der singt. Liebe Cornelia, du singst leidenschaftlich im Chor, und es ist heute zu hören, dass du einige Fans mitgebracht hast. Dass Gott geliebt und gelobt wird, auch mit herrlicher Musik, aus vielen Kehlen, mit ganzer Seele, das ist dir wichtig. Die Jungen von St. Jakobi hätten ihre Freude an dir. Eine Stadt nämlich, in der die Kirchen verstummen, die würde tatsächlich etwas von ihrer Seele, ihrem Widerstandsgeist und ihrer Menschlichkeit verlieren.
Freilich, auch der schöne Gesang braucht eine handfeste Grundlage. Die jüdischen Ausleger haben das gut verstanden und deshalb den Ausdruck Gott lieben „mit all deiner Kraft“ klug übersetzt: „Mit all deinem Vermögen“. Sie haben dabei ganz praktisch an Geld gedacht. Die Liebe zu Gott kann sich also sehr lebendig ausdrücken in Haushaltsberatungen, Kostenrechnungen, Buchhaltung, Sponsorensuche und Spendenakquise. Spürt man nicht immer, ist aber so. Was für ein Segen also, dass unsere Preisträger auch etwas vom Geld verstehen und von der Notwendigkeit, es in großen Mengen zu beschaffen, um Schönheit und Nächstenliebe eine Gestalt zu geben.
Und weiter steht da: „Schreib diese Worte an die Pfosten deines Hauses und an die Tore.“ Damit niemand vergisst, Gott zu lieben. Die Christen des Mittelalters haben statt kleiner Gebetskapseln lieber große Kirchen zur Erinnerung an Gottes Gegenwart gebaut. Mit hohen Türmen als Fingerzeig zum Himmel. Sieben prachtvolle Exemplare zieren Lübecks Silhouette. Sie zu erhalten, ist eine ewige Aufgabe – und braucht Kraft und herzhafte Ausdauer. Das charakterisiert das Engagement unserer Preisträger: alles von ganzem Herzen, allemal auch bei Ihnen, lieber Andreas de Weerth.
Das Herz beschreibt die Bibel als Mitte des Menschen, als den Ort, an dem der Wille entsteht, auch der Wille zur guten Tat. Selig sind die Barmherzigen, sagt Jesus. Da ist es wieder, das Herz. Selig, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.
Lieber Herr de Weerth, davon können Sie ein Lied singen, was es heißt, leidenden Menschen beizustehen, sie zu trösten mit ganzer Seele. Trost ist eine Kunst, die Kunst des hörenden Herzens. Jenseits aller Fallpauschalen so Diakonie mit Herz sein, das ist gelebtes Evangelium durch Menschen wie Sie. Denn als Jesus nach dem höchsten Gebot gefragt wird, antwortet er just mit dem Sch’ma – und ergänzt es mit dem anderen Gebot aus der hebräischen Bibel: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Gelebte Nächstenliebe, das ist die Diakonie, allemal in Alten Eichen. Was Luther – zumindest einmal soll er heute für unsere beiden Mediziner zitiert sein – in seinem kleinen Katechismus so zusammenfasst: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserm Nächsten an seinem Leibe keinen Schaden noch Leid tun, sondern ihm helfen und fördern in allen Leibesnöten.“
Ja, zur Gottesliebe gehört immer auch die Nächstenliebe. Liebe ich nur Gott, werde ich rechthaberisch. Liebe ich nur den Nächsten, werde ich müde. Liebe ich nur mich selbst, wird es einsam um mich. Liebe dreifach – das bewahrt davor, zynisch zu werden. Wer Verantwortung trägt, braucht unbedingt diese Balance. Die etwas mit Herzensbildung zu tun hat, aus der eine Lebenshaltung erwächst, die anderen und der Gemeinschaft Gutes tun will. So hat Bugenhagen zumindest dieses Bibelwort verstanden und in seiner reformatorischen Kirchenordnung für Lübeck Glaube, Schulbildung und Fürsorge für die Armen zusammen gedacht.
Reformation – sie hat das Sozialwesen und die Emanzipation des mündigen Menschen hervorgebracht und die plurale Gesellschaft geboren. Selbst denken, selbst verstehen, selbst einstehen, die Zeichen der Zeit lesen – das hat über Jahrhunderte die Demokratie vorbereitet, die solches Engagement wie das unserer Preisträger ermöglicht und zugleich braucht.
Weswegen das Sch’ma an diesem Reformationstag so eine feine Erinnerung auch daran ist, dass das hörende, gebildete Herz stark macht gegen Hetzparolen, Lügen und Einschüchterung. Hört! Hört hin und zu. Denn dein Gegenüber, gleich woher er oder sie kommt, hat die gleiche Würde wie du. Unantastbar und liebens-würdig. Euer beider Engagement erzählt genau davon. Es ermutigt. Weil man sieht, wie viel möglich ist, wenn man mit ganzer Seele, mit ganzer Kraft und mit Herz zu lieben vermag und Dinge gestalten und zum Besseren wenden will.
Freilich hat die Leidenschaft auch einen Preis. Denn es haben Menschen auf dich und Sie verzichten müssen, wenn man an strahlenden Samstagen und langen Sitzungsabenden eben nicht zu Hause war. Die Medaille ist immer auch eine Auszeichnung für die, die dieses Engagement über Jahre mitgetragen haben. Von Herzen Danke für Ihre Geduld und Langmut!
Liebe Gemeinde, mit zwei Jungen fing es an. Zwei, die den Mut hatten anzustimmen. Und andere sangen mit. So ist es oft mit dem Reich Gottes: Es braucht ein paar, die anfangen. Liebe Cornelia Schäfer, lieber Andreas de Weerth, Sie haben angefangen. Heute danken wir Ihnen dafür – von ganzem Herzen. Unser Glaube braucht offene Ohren, offene Herzen und klugen Verstand. Die Bibel und die Zeitung. Und Menschen wie Sie.
Und den Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne, in Christus Jesus.
Amen.