14. Juli 2019 | Hauptkirche St. Michaelis

Finden, was gut ist

14. Juli 2019 von Kirsten Fehrs

Evangelische Messe am 4. Sonntag nach Trinitatis, Predigt zu Genesis 50,15-21

Liebe Gemeinde!

Wer keine hat, vermisst sie manchmal ein ganzes Leben. Wer welche hat, sieht das, sagen wir, differenzierter: Geschwister! Geschwister sind oft schmerzhaftes Glück. Da geht einerseits nichts über das vertraute Liebkosen und knurrige Kabbeln. Dieses Einverständnis von Geburt an, weil die Seelen gewissermaßen beim anderen vor Anker gegangen sind, ein Leben lang. Dieses Einverständnis ist etwas Wunderschönes. Gleichzeitig sind Geschwister bisweilen äußerst anstrengend. Ist es nicht so? Dieser angeberische Bruder! Und sie, die Schwester, die es geschafft hat, schöner zu sein und so viel besser. Wie beliebt sie ist und wie großartig er. Nimm dir ein Beispiel, von mir kannst du noch was lernen! Wer Geschwister hat, lebt im Vergleich. Deshalb oft im Streit. Oder gar im Kampf. Und sehnte man sich nicht manches Mal danach, dass die Geschwister sich bitte in Luft auflösen?

Ich etwa fand mit reifen fünf Jahren, dass meine ältere Schwester fortan in meinem Leben verzichtbar sei. Grund: Wir waren am Strand in Büsum, die Eltern Wattenlaufen und sie, die Herrscherin der Kühltasche, weigerte sich, den Apfelsaft rauszurücken. Alles Bitten, Betteln, Verwünschen half nichts; sie blieb beim Nein. Und so ging ich eben. Aus dieser Welt. Oder zumindest nach Hause. Mein Bruder, der immer treu an meiner Seite die weibliche Kindesentwicklung mit durchlitt, ging mit. Er sieben, ich fünf Jahre. Elf Kilometer auf Klapperlatschen. Kurz vor der Haustür, nun wirklich extrem durstig, lasen die besorgten Eltern uns auf. Beeindruckend war für mich, dass nicht ärgerliches Schimpfen folgte und lautes Gezänk, sondern Stille. Alle, auch meine Schwester, waren wir erschöpft von diesem Schreck, den wir uns selbst eingejagt hatten.

Meine Familie hat diese Episode nie vergessen. Das lag wohl auch an der Erleichterung, dass alles gut ausging, obwohl dieser Schwesternkampf so blind und verrückt war. Rivalität ist ein unerhört starkes Gefühl. Da kann man richtig blind sein vor Zorn, Willenskraft und Rachelust! Gerade bei Geschwistern, die ja ein intimer Teil der eigenen Geschichte sind. Und die ergo auch die ungeliebten Kapitel der eigenen Geschichte kennen, die man am liebsten vergessen würde. Nicht umsonst sind die Bruderkriege auf unserer Erde die grausamsten. Weil einstige Liebe sich in unbändigen Hass verkehrt.

Wir sind längst bei unserem Predigttext, liebe Gemeinde. Bei Josef und seinen elf Brüdern, dem letzten Kapitel einer Familiensaga, die letztlich Menschheitsgeschichte ist mit zahllosen Anknüpfungen unserer selbst. Eine Geschichte mit großem Liebeshunger, verwoben mit Neid, Kränkung und Verlust, persönlicher Tragik und Schuld, kurz: das volle Programm familiärer Verwicklungen.

Ich sehe Josefs Brüder vor mir. Wie sie verlegen die Hüte in den Händen drehen und nur allzu gern vergessen würden, was Josef nur allzu genau weiß. Sie würden so gern vergessen, dass sie ihn vor etlichen Jahren buchstäblich verraten und verkauft haben. Gern würden sie vergessen, dass sie Josef erst in den Brunnen geworfen und dann einem völlig aussichtslosen Schicksal überlassen haben. Und sie würden gern so tun, als hätten sie nicht dem alten Vater das zerrissene Kleid seines Lieblingssohnes Josef gezeigt und ihn in tiefer Trauer das eigene Kleid zerreißen sehen.

Eine Menge böser Geschichte hat sich angehäuft in dieser Familie. Der Neid war immer stärker als die Liebe. Dummer, tödlicher Neid. Schon die Mütter waren Schwestern und haben einander in der Rivalität um Jakobs Liebe gequält. Die schöne Rahel wird geliebt, doch die glanzlose Lea wird schwanger. Zehnmal. Endlich gebiert Rahel diesen wunderschönen Sohn Josef, den Augapfel des Vaters. Endlich ist der glücklich. Und immer sind die Brüder unglücklich. Sehen sich gedemütigt. Wissen nicht wohin vor lauter Missachtung. Ach, hätte es doch diesen Bruder nie gegeben! Und also wollten sie ihm Schmerz zufügen wie einem Feind, wenn sie ihn schon nicht lieben konnten wie einen Bruder.

Doch was ist jetzt? Jetzt, wo es mit Josef gut ausgegangen ist und er stolz vor ihnen steht? Jetzt, wo der Vater gestorben ist? Ist‘s nicht eigentlich vorbei, fragen sie. Oder geht es gerade jetzt erst richtig los? Jetzt, wo es das Erbe zu verteilen gibt.

Sie wissen, nichts ist vorbei. Deshalb fürchten sie ja die Begegnung. Nichts ist vergeben und vergessen. Im Gegenteil:„Er könnte uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.“ An dieser Stelle rückt uns die Geschichte ganz nah. Sie fragt ja auch uns: Wie bewältigt man eine böse Geschichte? Wenn man einem anderen wirklich etwas angetan hat. Einfach Gras darüber wachsen lassen, die Zeit heilt alle Wunden? Vergeben und vergessen?

Alles, was wir in unserem Glauben sagen und erleben, meint genau das andere. Vergeben können Menschen nur, wenn sie nicht vergessen. Wenn sie sich mit ihrem Schmerz den anderen zumuten. Und wenn bei den anderen angekommen ist, wie tief der Schmerz wirklich ist. Böse bleibt eine Geschichte, wenn der Riss und die Trauer nicht in Sprache gefasst werden und unsichtbar bleiben. Im Verschweigen wiederholt sich die Heillosigkeit. Und wir haben nichts gelernt von unseren Schwestern und Brüdern.

Man muss deshalb den Mut haben, Unrecht anzusprechen und aufzudecken, sagen viele. Recht haben sie. Man muss sich auseinandersetzen, auch wenn die Geschichte einen mit Scham erfüllt und man sie nicht rückgängig machen kann. Bei zwei sehr aktuellen, schweren Themen geht es mir genau so: Ich bin der tiefen Überzeugung, dass kein Weg vorbeiführen darf an der geradlinigen und klaren Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in unserer Kirche und in allen Kirchen. Um der Opfer und Betroffenen willen, die oft ihr Leben lang grausam unter verlorenem Vertrauen leiden und in Angst und Traumata verhaftet sind. Das ist so furchtbar. Wir sind es ihnen schuldig, nichts zu banalisieren und zu beschönigen, sondern hinzuschauen und so Verantwortung zu übernehmen, glasklar!

Dann: Kein Weg darf vorbeiführen an den Stolpersteinen, die an die Schicksale jüdischer Familien in Nazideutschland erinnern. Stolpern – um sensibel zu bleiben. Denn wir alle merken es doch: Die antisemitischen Attacken nehmen zu in unserem Land und sind bedrückend – auch in unserer Stadt; ich erinnere an die Angriffe auf den Landesrabbiner vor drei Wochen. Dass dabei verwirrte und verirrte Täter Gewalt ausüben, die geahndet werden muss, das ist das eine. Zugleich aber müssen wir aufmerksam erkennen, dass in unserem Land eine Atmosphäre entstanden ist, die schon sprachlich immer übergriffiger wird, immer aggressiver und hemmungsloser. Juden gegenüber, aber auch Angehörigen anderen Religionen gegenüber. Deshalb war es ein so wichtiges Zeichen, dass nicht nur wir Christen, sondern auch viele Muslime in Hamburg die antisemitischen Attacken öffentlich aufs schärfste verurteilt haben, sofort und unmissverständlich.

Hinschauen also, um es nicht zu vergessen. Und nicht vergessen, um – irgendwann – vergeben zu können. Sich lösen zu können von der Gewalt und dem Schmerz. Schwere Seelenarbeit ist das.

Unsere Predigtgeschichte erzählt davon in berührender Weise. Denn als die Brüder ängstlich und schuldbewusst vor Josef stehen, geschieht etwas Unerwartetes: Josef weint. Er triumphiert nicht. Hält seinen Brüdern nicht vor, was sie alles getan haben. Rechnet nicht auf und nicht ab, so dass es richtig weh tut. Die Überraschung der ganzen Familiengeschichte liegt in den letzten Versen, die alles wenden, weil er weint. Still.

Keiner weiß genau warum. Weint er vor lauter Ärger? Weil die Brüder sich wieder mal winden? Nein, ich glaube, hier bricht sich etwas von der Geschichte Unabhängiges Bahn. Eine Erschütterung, ein inneres Beben, das in Josef die lang versteckte Traurigkeit löst und nach außen trägt, endlich.

Was halten wir bloß so oft in uns verschlossen? Und wie gut wäre es doch für alle Seiten, das, was unser Herz so verkantet, herauszutrauern. All die Verletzungen, die Verwundungen. All das ungelebte Leben, die ungesagten Worte, die unerfüllten Wünsche, die untergehen vor lauter Pflicht. Die unerfüllten Träume, die man müde geworden ist zu träumen. Wie gut täte es, all die irrigen Ansichten loszulassen, an denen man jahrzehntelang festgehalten hat, wer weiß warum. So manch verlorene Liebe, all das, was uns unsere wertvolle Lebenszeit so trüb gemacht. Wäre es nicht wirklich gut, wenn sich das einmal löst? Durch Tränen, warum nicht? Durch Stille. Durch Gemeinschaft. Durch einen Bruder und eine Schwester, die hören wollen, warum du weinst. Damit du vergeben kannst und nicht immer vergessen musst.

So wie Josef. Er sieht seine furchtsamen Brüder – und kann endlich weinen. Und prompt ist es vorbei der Angst, der Wehrhaftigkeit, dem Grimm. Sie nähern sich, erzählen ihm, wie es war. Wie schuldig sie sich gefühlt haben. Dass sie Knechte waren ihrer eigenen Verbiesterung.

„Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte, es gut zu machen.“ entgegnet ihnen Josef. Keine Moralpredigt, liebe Gemeinde, sonder: „Er redete freundlich mit ihnen.“ Man hört sie alle geradezu aufatmen vor lauter Erleichterung, von der Last – und von sich selbst – befreit zu sein. Gott gedenkt, es gut zu machen. Damit müssen wir rechnen. Mit einer positiven Gotteserschütterung. Denn mag sein, wir finden uns ab, doch Gott findet sich nicht ab mit Rivalität, Konkurrenz, Feindseligkeit und vergessenen Tränen. Hier in unserer Gemeinschaft nicht. In unseren Familien nicht. Und unter den Völkern auch nicht. Gott erschüttert uns – heraus aus unserem Maß in sein Maß, aus unserem Kleingeist in seine unermessliche Güte. Damit wir finden, was gut ist.

„Aber Brüder, ihr alten Brüder“, lässt schließlich Thomas Mann seinen Josef auf der letzten der knapp 2.500 Seiten umfassenden Romantetralogie sagen: „Als ob ihr euch fürchtet, ganz so redet ihr und wollt, dass ich euch vergebe! Bin ich denn wie Gott? [...] Gott hat‘s […] zum Guten gefügt, dass ich viel Volks ernährte und so noch zu etwas Reife kam. […] Und soll ich Pharaos Macht, nur weil sie mein ist, brauchen, um mich zu rächen für drei Tage Brunnenzucht, und wieder böse machen, was Gott gut gemacht? Dass ich nicht lache! Denn ein Mann, der die Macht braucht, nur weil er sie hat, gegen Recht und Verstand, der ist zum Lachen. [...] Schlafet getrost. Morgen wollen wir nach Gottes Rat die Rückfahrt aufnehmen ins drollige Ägyptenland.“ So sprach er zu ihnen, und sie lachten und weinten zusammen, und alle reckten die Hände nach ihm, und rührten ihn an, und er streichelte sie auch. Und so endigt die schöne Geschichte und Gotteserfindung von Josef und seinen Brüdern.“

Und so beginnt immer wieder neu die schöne Geschichte mit uns, liebe Schwestern und Brüder. Gotteserfindung, die wir sind, aus lauter Liebe. Damit wir es auf dieser Welt gut machen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahrt dazu unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Datum
14.07.2019
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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