31. Oktober 2016 | St. Maria & St. Nikolaus-Reformationsgedächtniskirche Sternberg

Freiheit – eines der kostbarsten Werte

31. Oktober 2016

Reformationstag, Ansprache zu Gal 5,1-6, Reformationsempfang

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Schwestern und Brüder,

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (Gal 5,1)

Freiheit – dass sie zu den kostbarsten Werten unserer Gesellschaft zählt, darauf werden wir uns schnell verständigen können. Vermutlich verstehen wir jedoch Verschiedenes darunter. Darum – bevor wir uns unter der Fahne der Freiheit versammeln: Welche Freiheit meinen wir? Und welche Freiheit hatte Martin Luther im Sinn?

Luther war umgetrieben von der Frage: „Wie kann ich bestehen – vor Gott, vor seinem Gericht?“ Diese Frage ist hochaktuell, auch wenn sie sich heute vielen in anderer Form stellt: Wie kann ich bestehen in meinem Beruf oder in der Familie? Wie kann ich bestehen vor dem allgemeinen Anspruch, des eigenen Glückes Schmied zu sein? Manche werden sich, bewusst oder unbewusst, fragen: Wie können wir bestehen mit unserer gar nicht immer so selbstgewissen Identität als Deutsche, wenn plötzlich viele Menschen mit einer anderen kulturellen und religiösen Identität zu uns kommen?

Luther fand die Antwort auf seine Fragen in der Beziehung zu Gott. Er entdeckte im Evangelium wieder:

‚Ich muss keine Angst haben vor Gott. Aus eigener Kraft kann ich zwar nicht bestehen. Aber durch Gottes Zuneigung! Ich kann bestehen im Vertrauen darauf, dass Gott mich bejaht – so wie liebevolle Eltern ihre Kinder ohne Vorbedingungen annehmen. Im Vertrauen auf Gottes Güte ist alle Angst, nicht zu genügen, grundlos. In der Hingabe Jesu an uns Menschen ist das deutlich geworden. Ich muss mein Leben nicht rechtfertigen.‘

Für Menschen, die aus solchem Vertrauen zu Gott leben, ist das auch heute eine wichtige Stärkung, Herausforderungen zu bestehen – in Beruf und Familie, erfüllt zu leben oder mit Fremden selbst-bewusst und menschlich umzugehen.

Dies alles klingt, als ginge es um rein persönliche oder zwischenmenschliche Angelegenheiten. Fragt sich: Wie bekam die theologische Wiederentdeckung Luthers solch eine Dynamik, dass sie Gesellschaft und Kirche umgestaltete?

Wenn in der Beziehung zu Gott alles darauf ankommt, dass ich glaube und darauf vertraue: Gott ist mir gut, dann hat das eine Folge mir Sprengkraft: Es bedarf dazu keiner priesterlichen Vermittlung mehr.

Für mittelalterliche Verhältnisse eine unglaubliche Freiheit! Eine Freiheit, die ansteckend wirkte! Städte, Reichsritter, weltliche Fürsten, geplagte Bauern – sie alle hatten in unterschiedlicher Weise das Interesse, selbstbestimmt zu leben. Auch und besonders deshalb die Auseinandersetzungen und Veränderungen der Reformationszeit! Daher auch der Mut der mecklenburgischen Stände, 1549 beim  Landtag an der Sagsdorfer Brücke nahe Sternberg trotz der Niederlage des Schmalkaldischen Bundes das evangelisch-lutherische Bekenntnis einzuführen.

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Für Luther war das existentiell eine Befreiung in seiner Beziehung zu Gott, für die Gesellschaftdas Fanal, sich von kirchlichen Machtansprüchen zu lösen.

Soweit, so vertraut, könnte man meinen. Dem Ruf in die Freiheit fügte Paulus jedoch eine Warnung hinzu, die mir zu denken gibt:

„So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (Gal 5,1b)

Offenbar ist die Freiheit kein seliger Stand, den man – einmal erreicht – nicht mehr verlieren könnte. Im Gegenteil: Freiheit bringt Verunsicherungen mit sich. Sie kann sogar ängstigen. Der Psychologe Erich Fromm hat dies in seinem Buch „Die Furcht vor der Freiheit“ eindrücklich beschrieben:

Bei allem, was Freiheit positiv ausmacht und bewirkt – sie lässt dich auch einsamer werden. Sie lässt dich herausfallen aus der ‚Gemeinschaft‘ der Unfreien, zu der du früher gehörtest. Du bist zwar frei, aber das hat seinen Preis: Du stehst der Welt allein gegenüber und musst die Last der Verantwortung für dein Leben selber tragen.

In seiner Analyse des Faschismus kommt Erich Fromm zu dem Schluss: Menschen müssen lernen, ihre Freiheit in produktive Bahnen zu lenken. Sonst sehnen sie sich nach problematischer Entlastung von den Verunsicherungen der Freiheit – und sei es durch Unterwerfung! Denn wer sich unterwirft – einem Führer, einer Bewegung –, der ist zwar nicht mehr frei, aber er gehört wieder zu einem größeren Ganzen.

Darum: „Steht fest (in der Freiheit) und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ Für heute gesprochen:

Wir leben in einer Zeit rasanter Veränderungen – technischer Art, aber auch der zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen. Die Folgen der Globalisierung betreffen – positiv wie negativ – auch uns in Deutschland. All das kann verunsichern. Daher mag es menschlich verständlich sein, sich nostalgisch nach Zeiten zurückzusehnen, „in denen das Leben ein zwar nur sehr enges Flussbett hatte, die Ufer dieses Flusslaufes aber dafür allen offensichtlich waren. Heute wissen wir nicht, wo diese Ufer eigentlich liegen, und sind davon leicht schockiert.“ (So Vaclav Havel in seiner Rede „Angst vor der Freiheit“.)

Doch Nostalgie ist kein Weg in die Zukunft. Auch wenn Populisten, welcher Partei auch immer, landauf, landab in Europa diese Sehnsucht bedienen – das Leben wird nicht werden, wie es früher war. Es gibt keine einfachen Lösungen! Wir werden nicht davon entbunden, mit Geduld dafür zu arbeiten, dass diese klein gewordene Welt bessere Lebenschancen für alle bietet. 

Erst recht nicht sind Aggressivität und kollektiver Hass Wege in die Zukunft. Die Enthemmung der letzten Monate, wie sie sich in Hassmails gegen Geflüchtete und Muslime, aber auch in Morddrohungen und Brandanschlägen gezeigt hat, muss ein Ende haben! Unsere Gesellschaft muss zurückkehren zu einem Umgang des Respekts – gerade gegenüber Andersdenkenden! Gewalttätigkeit in Worten, Gewalt gegen Häuser ist und bleibt Gewalt, die durch nichts zu rechtfertigen ist! Dem zu widerstehen, ist jede und jeder von uns gefragt! Die Verbrennung von 27 Juden aus ganz Mecklenburg im Jahr 1492 hier in Sternberg hat in furchtbarer Weise gezeigt, wohin kollektiver Hass letztlich führt.

Als evangelische Kirche werden wir 2017 nicht nur die Errungenschaften der Reformation bedenken, sondern uns auch mit ihren dunklen Seiten auseinandersetzen. Luthers Antijudaismus, seine Aufforderungen zur Gewalt und ihre unheilvolle Wirkungsgeschichte, die Spaltung der westlichen Christenheit sind hier an erster Stelle zu nennen.  

Was kann helfen – in unserer Zeit – zu einer Freiheit, die nicht anfällig ist für neue ‚Knechtschaft‘?

Die Freiheit, die das Neue Testament im Sinn hat, baut auf Vertrauen. Sie gründet in der Beziehung zu Christus, der unser Leben aus falschen Bindungen zu lösen vermag. Auf Gott zu vertrauen, lässt uns im Leben bestehen. Zugleich befreit uns das aus der Vereinzelung; denn es lässt uns erfahren, wer wir Menschen in Wahrheit sind: Schwestern und Brüder, Kinder ein und desselben Vaters.

Diese Freiheit weiß sich zu verantwortlichem Handeln gerufen. Denn in Christus gilt nichts anderes als „der Glaube, der in der Liebe tätig ist“ (Gal 5,6) wie es im Galaterbrief heißt.

Darum:
sind wir so frei, in Beruf undEhrenamt Gott und den Menschen zu dienen.

Wir sind so frei, in Familie und Partnerschaft mit Hingabe und verbindlich für die Menschen da zu sein, die uns anvertraut sind.

Wir sind so frei, darauf zu vertrauen, dass wir unser Glück nicht erst ‚machen‘ müssen, sondern die wesentlichen Dinge des Lebens Geschenk sind.

Wir sind so frei, die Hoffnung nicht aufzugeben, dass wir als Deutsche in der Lage sind, eine offene Gesellschaft zu gestalten, in der Einheimische und Zugewanderte gleichermaßen zu ihrem Recht kommen und einander bereichern.

Wir sind so frei, nicht der Angst und dem Hass zu erliegen, sondern Wege zueinander zu finden.

Wir sind so frei, Europa nicht in eine Festung verwandeln zu müssen, denn Gott ist unsere Zuflucht und unser Halt.

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Sie zu leben, traut Gott uns zu.

Amen.

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