23. Januar 2020 | Christuskirche Wandsbek, Hamburg

Gedenkgottesdienst zum 75. Todestag von Helmuth James Graf von Moltke

11. Februar 2020 von Kirsten Fehrs

Predigt zu Jesaja 40,1+31

Kanzelgruß

„Selig seid ihr, wenn ihr Unrecht spürt.“ Deswegen sind wir hier, liebe Schwestern und Brüder, weil Unrecht nicht vergessen werden darf. Und weil Helmuth James Graf von Moltke gegen dieses Unrecht Widerstand geleistet hat. An ihn denken wir heute, am 75. Jahrestag seines gewaltsamen Todes. Hingerichtet von einem Unrechtsregime, getroffen von dem „Hass der Welt“, den die Evangeliumslesung eben so deutlich vor Augen geführt hat: „So werden sie auch euch verfolgen.“ Solchem Hass ist ein Mensch zum Opfer gefallen, der sich nicht kritiklos von einer menschenverachtenden Ideologie vereinnahmen lassen wollte. Er hat sich das Denken – und man kann wohl auch sagen: das Fühlen und Mitfühlen – nicht verbieten lassen.

Glücklicherweise bleibt es nicht beim Hass. Von Moltke wusste das, deswegen konnte er ihm mit einer so klaren Haltung entgegentreten. Er wusste: Selbst wenn der Hass zum Tod führt, steht dem ein tiefer innerer Frieden entgegen, der am Ende stärker ist. Nicht zuletzt aufgrund seiner tiefen Liebe zu seiner Frau Freya. So gehören zu seinen letzten Worten folgende: „Mir geht es gut, mein Herz. Ich bin nicht unruhig oder friedlos. Nein, kein bisschen. Ich bin ganz bereit und entschlossen, mich Gottes Führung nicht nur gezwungen, sondern willig und freudig anzuvertrauen und zu wissen, dass er unser, auch Dein, meines Liebsten, Bestes will.“ (Brief von Helmut James an Freya vom 23. Januar 1945)

Was für ein Gottvertrauen spricht daraus. Glaube und Liebe. Ja, die Hoffnung, dass die Liebe den Hass überwindet. Und das in dieser Aussichtslosigkeit. – Ich glaube, dass euch, die Jugendlichen, dies auch sehr berührt hat. Seine Zivilcourage, aber auch diese Haltung der absoluten Menschenfreundlichkeit und Zuversicht. James von Moltke war einer, der sich nicht einschüchtern ließ. Der sich treu und darin ein freier Mensch geblieben ist, inmitten der Kerkermauern. Sein Gedenken braucht Zeugen. Junge Zeugen wie euch, die die Zeit von damals wachhalten – und jungen Menschen deutlich machen, dass es keine Toleranz geben darf für Menschenverachtung und Rechtsextremismus heute. Und der zeigt ebenso wie der Antisemitismus seine hässliche Fratze ja schon seit langem wieder – und das in diesem Land. Also: Wach bleiben! Dafür steht ihr alle heute hier. Und darin lebt große Hoffnung!

Auch der Prophet Jesaja stand in seiner Zeit dafür, vor über 2.000 Jahren. Für die Hoffnung, die buchstäblich auf Trümmern geboren wird: Inmitten totaler Aussichtslosigkeit versteht es Jesaja, gegenüber dem zutiefst erschütterten Volk Israel aufrichtende Worte zu finden. Und wie er das tut. „Tröstet, tröstet mein Volk“, so beginnen die Kapitel in seinem Buch, die als literarisches Oratorium der Hoffnung bezeichnet werden. Tröstet, tröstet mein Volk. Und ihr, die ihr hier und heute steht, hört: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Tröstet! Richtet auf. Gebt Kraft und Hoffnung, die nicht matt und müde werden. Das kann Helmuth James Graf von Moltke uns bis heute und für die Zukunft mit auf den Weg geben. Und deswegen ist es so wertvoll, dass ihr Jugendlichen dieser Gemeinde euch so intensiv mit ihm und seiner Geschichte beschäftigt. Ihr seid gewandelt und gelaufen, wie Jesaja sagt – im wörtlichen Sinne sogar, bis nach Berlin und Kreisau seid ihr gekommen. Ich bin sehr gespannt auf die Dokumentation, die aus eurer Arbeit entstehen soll. Und ich hoffe mit euch, dass das Kunstwerk gelingen wird. Jetzt schon: Dank und Anerkennung für dieses Engagement. So wird das Gedenken an die Hinrichtung von Graf von Moltke zu einem echten Hoffnungszeichen. Hass verwandelt sich in Mut. Gedenken an Widerstand wird zum Nährboden für die aufrechte Haltung, die auch heute immer noch gebraucht wird überall dort, wo Menschen ihre Würde abgesprochen und Menschlichkeit mit Füßen getreten wird. Und ich sehe die Kinder in den Flüchtlingslagern Griechenlands, in diesem Elend, und ich höre von sadistischem Mobbing auf Schulhöfen – da steht doch glasklar, dass wir nicht müde werden dürfen, für Menschenliebe und Respekt einzustehen!

Von Moltke ist dafür ein Vorbild. Was mich an seiner Biographie so beeindruckt, ist die Chuzpe und Findigkeit, mit der sein Widerstand Ausdruck fand. So schreibt er Freya aus dem KZ Ravensbrück: „Wenn wir uns gegenseitig etwas mitzuteilen hatten, so pfiffen wir uns an, und zwar hatte jeder seinen Pfiff. Meiner war ,Wem Gott will rechte Gunst erweisen’.“ Ein fröhliches Volkslied! Subversive Lebensfreude als Haltung gegen diese grausame Zerstörung von Leben. Ein über den Gefängnishof pfeifender Kämpfer, der sich Gottes Nähe bewusst war.

Dabei war von Moltke gar kein so frommer Zeitgenosse. Natürlich wurde er als schlesischer Junker christlich und zugleich weltoffen erzogen. Erst in der Haft jedoch studiert er die Bibel mit, wie er sagt, großem Genuss; er findet Gefallen an Altem und Neuem Testament und findet dies: „Tröstet, tröstet mein Volk!“

Bibelwort wird Lebenswort: Denn der Alltag in Ravensbrück ist grauenvoll. „Dies hier ist ein gottloses Land“, schreibt James von Moltke. Von seiner Zelle aus kann er beobachten, wie Wärterinnen Häftlinge treten, sieht den Rauch aus dem Schornstein des Krematoriums steigen, er schmeckt den Geruch verbrannter Leichen und hört die Schreie der Gefolterten. Doch sein inneres Hoffnungslied wird nicht getötet. Über all die Monate hin nicht.

Am 19. Januar 1944 wurde er in Berlin verhaftet, weil er nichts anderes getan hatte als Zivilcourage zu beweisen. Er hatte einen Bekannten vor der Verhaftung gewarnt. Eine von unzähligen Taten, die er während der Schreckensherrschaft der Nazis unternahm, um Menschen zu helfen und Leid zu lindern. Er wollte ganz bewusst dem Regime und seinen sadistischen Anführern in den Arm fallen. Als „vernetzter“ Mensch, wie wir heute sagen würden, und als Völkerrechtler im Kriegsministerium hat er zuverlässige Informationen über die Machenschaften des Naziregimes. Und so beginnt er im Rahmen des geltenden Rechts mit zunehmend gewagteren Aktionen, Widerstand zu leisten. Er ist sich bewusst, welche Konsequenzen sein Verhalten für sich, seine Familie und seine Verbündeten haben kann. Aber er empfindet es dennoch als Pflicht, dem Rassenhass und der eiskalten Vernichtungsmaschinerie die Menschlichkeit entgegenzuhalten.

Auf seinem Gut im schlesischen Kreisau versammelt er sorgsam ausgewählte Bündnispartner: Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Konservative, Protestanten und Katholiken. Es geht ihnen nicht um den Sturz des Regimes. Gerade von Moltke distanziert sich mehrfach von Attentatsplänen und lehnt jede Gewalt ab. Die Menschheit müsse begreifen, dass der Nationalsozialismus gescheitert und Schuld an Deutschlands Niederlage ist, das ist seine tiefe Überzeugung. Der „Kreisauer Kreis“, wie er später in Verhörakten bezeichnet wird, plant ein Deutschland nach dem Krieg. Der Grundgedanke: Wie kann eine Gesellschaft geordnet werden, in der gutes, demokratisches Leben gelingt?

Es waren keine lauten Protestaktionen, nicht einmal ziviler Ungehorsam, der dem Kreisauer Kreis um von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg unterstellt werden konnte. Vielmehr haben sie ihrer Kenntnis über die Verbrechen der Nazidiktatur, aber auch ihren Ohnmachtsgefühlen konsequent Freiheitsliebe und Mut entgegengesetzt, eben: Zivilcourage.

Und so ist er nicht eingesperrt worden, weil er ein Verbrechen begangen hat. Im Gegenteil. Seine Widersacher hatten alle Not, ihm etwas nachzuweisen. Die nüchterne Zusammenfassung von Moltkes lautete: Sie verurteilen uns, weil wir gedacht haben. Weil wir gedacht haben …

Bleiben wir wach im Denken, liebe Geschwister. Und halten wir auch in den kommenden Generationen fest am Gedenken der Friedensstifter. An die, die gegen allen Hass glauben, hoffen, lieben. Und sie, die Liebe, ist die größte Friedensstifterin. Davon zeugen die Briefe zwischen Helmuth James und Freya. So schreibt Freya in einem ersten Abschiedsbrief: „Mein Jäm, […] Wie gut und voller Gnade das alles geht! […] Ich werde leben müssen und das wird schwer sein, aber es wird gehen, denn ich werde Dich weiter lieben dürfen. Ich werde Dich in Gott lieben [...] Die 15 Jahre, das war unser Leben, mein Jäm; [...] 7 Jahre länger hast Du mir versprochen, aber was tut schon Quantität. [...] Wie gut, dass ich jede Minute mit Dir bewusst als ein Geschenk empfunden habe, dass ich mich um jede gerissen habe. [...]“

Er antwortet: „Ja, mein Herz, unser Leben ist zu Ende […] Mein Herz, für uns waren diese letzten 8 Monate nicht verloren. Wir sind wohl beide etwas andere Menschen geworden. Ich habe eine reiche Ernte gehalten, ich habe das Band zu Dir in den tiefsten Tiefen und in den höchsten Höhen entdeckt, […] ich habe danken gelernt und gelernt zu sagen ,Dein Wille geschehe’.“

Darauf sie: „Ja, … ,Dein Wille geschehe’. Gerade das ist es. Begonnen hat es schon lange zu wachsen. […] Ach, mein Jäm, ich darf Dir ja mit diesem Gebet beistehen, ich, eine solche Anfängerin im Beten. Wenn ich aber bitte, dass Du auf Erden bleiben mögest, was doch für mich alles bedeutet, mein so geliebtes Herz, dann wird daraus doch immer: ,Dein Wille geschehe’. [...] Ich habe ich so garkeinen Zweifel, dass er Dir seine Gnade schenken wird und erhalten wird. [...] denn ich weiß zu genau, dass Du gemacht bist, eine Frau zu haben, und zwar, mein Jäm, gerade mich, die […] Dir mit aber mit ihrer großen Liebe das Leben wärmt, solange Du es hast.“ (Abschiedsbriefe, September 1944-Januar 1945)

So schreiben sie sich bis zu seiner Hinrichtung im Januar 1945. Trostbriefe, Liebesbriefe, Glaubensbriefe. Fast unerträglich zu lesen in ihrer Innigkeit. Voller Zuversicht, man weiß nicht, woher. Voller Zuversicht, das Richtige getan und nichts unterlassen zu haben.

Sie sind ein Trost, diese Worte, Trost, der nicht matt und müde werden lässt. Und der bis heute sagt: Es geht. Es geht, nicht zu schweigen. Wach zu bleiben. Der Unmenschlichkeit nicht nachzugeben. Es geht! Liebe hat die Kraft, den Hass zu überwinden.
Amen.

Datum
11.02.2020
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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