„Gemeinweh überwinden“: Bischöfin Fehrs sieht Kirche als Kraft für Zusammenhalt
24. Juni 2026
Die Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), Kirsten Fehrs, hat als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) heute vor rund 400 Gästen aus Politik, Kirche und Gesellschaft auf dem Johannisempfang der EKD gesprochen.
Berlin/Hannover/Hamburg. In der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin warb Bischöfin Kirsten Fehrs in ihrer Johannisrede für eine Überwindung der gesellschaftlichen Verunsicherung und für ein neues Miteinander. Aktuelle Untersuchungen zeigten, dass viele Menschen derzeit unter fehlender Orientierung, Kränkung oder Entfremdung leiden. Daraus erwachse eine starke Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft. Kirche und Diakonie seien dazu aufgerufen, Baumeisterinnen des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu sein. „Diese Stärke wird jetzt in unserem Land gebraucht“, so Bischöfin Fehrs. Das gelte auch mit Blick auf die aktuellen Debatten zur Sozialstaatsreform.
Die Stärke des Evangeliums ist die Liebe nicht der Hass
„Es gibt diese gemeinsame Sehnsucht: das Gemeinweh, also: Heimweh nach Gemeinschaft.“ Die Verbindlichkeit werde brüchiger, der Geduldsfaden dünner und die Zündschnüre kürzer. Das mache anfällig für die angebliche Stärke der einfachen Antworten. „Antworten wie die, dass die Liebe zum Nächsten die größte Schwäche der westlichen Welt sei. Antworten mit Laut-Stärke. Mit machohafter Überheblichkeit. Antworten, die mehr schaden, als dass sie heilen.“ Die Botschaft des Evangeliums stelle eine andere Stärke in den Mittelpunkt, so Bischöfin Fehrs: „Wer Gott liebt, überlässt der Verachtung und dem Hass keinen Raum. Lässt nicht zu, andere zu verunglimpfen. Ganz gleich, woher jemand kommt oder wie jemand lebt. In dieser Klarheit des Evangeliums liegt unsere Stärke.“ Religion trage entscheidend zu persönlicher und gesellschaftlicher Resilienz bei, „durch Anerkennung, durch Rituale, die das Leben wie das Sterben segnen, durch unbeirrbare Friedensgebete – all dies führt heraus aus dem Gemeinweh“, sagte die Ratsvorsitzende. Schon über Jahrtausende hinweg sei die Kirche ein Ort, an dem Menschen begleitet und getröstet würden und Zugehörigkeit erfahrbar werde. „Im Namen Jesu stehen wir für den Nächsten ein. Jeder ist jemand.“ Das gelte es gegenüber denen stark zu machen, die einzelnen Menschen ihre Würde absprechen. „Lassen wir uns in Zeiten des Hasses unser Gottvertrauen nicht nehmen.“
Solidarisch füreinander einstehen
Bischöfin Fehrs ging in ihrer Rede konkret auf die aktuellen Herausforderungen für den Sozialstaat ein. Auch dieser lebe von einer Gesellschaft, die bereit ist, ihn gemeinschaftlich zu tragen. „Der Grundgedanke des Sozialstaates – als wichtiger Pfeiler der Demokratie – ist das solidarische Einstehen derer, die genug haben und mehr leisten können für all jene, die im Moment nichts oder wenig einbringen können, weil sie krank sind, arbeitslos, eingeschränkt, pflegebedürftig oder selbst pflegend. Mir scheint, als würde das Bewusstsein schwinden, dass über Nacht Gebende zu Nehmenden werden können.“
Evangelischen Sozialkommission veröffentlicht Zwischenruf zum Sozialstaat
Die Ratsvorsitzende verwies dabei auf den „Zwischenruf“ der Evangelischen Sozialkommission aus Kirche und Diakonie, den diese zum Johannisempfang veröffentlicht hat. Er wirbt für eine Reform des Sozialstaats, die Solidarität stärkt und Lasten fair verteilt. „Angesichts des größten Umbaus des Sozialstaats in den letzten 20 Jahren brauchen wir eine Renaissance des Gemeinsinns. Wir brauchen die Bereitschaft zu gemeinsamer Verantwortung und einen fairen Umgang mit begrenzten Ressourcen“, heißt es in dem Zwischenruf. „Klar ist: Wer mehr tragen kann, muss mehr beitragen.“ Dabei gelte: „Die Schwächsten und die kommenden Generationen müssen geschützt werden. Das sind die Leitplanken von Kirche und Diakonie, diesen Weg als Mitverantwortliche mitzugehen und mitzugestalten.“
"Entscheidende soziale Kraft liegt in der gelebten Gemeinschaft"
Die notwendige Reform des Sozialstaates erfordere in erster Linie Ehrlichkeit von allen Seiten sowie die Bereitschaft, die jeweiligen Interessen der anderen auch hören zu wollen, um so gemeinsam zu Lösungen zu kommen, so Bischöfin Fehrs in ihrer Johannisrede. Die entscheidende soziale Kraft liege letztlich in der gelebten Gemeinschaft sowie in den persönlichen Beziehungen vor Ort. Dort entstehe Zugehörigkeit, dort wachse Solidarität und dort werde es möglich, „einander Nächste zu sein“.
Hintergrund
Der Johannisempfang der EKD bringt jährlich Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Kirchen, Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit zum Austausch über aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen zusammen. Gastredner des Abends war Bundesaußenminister Johann Wadephul.
Hinweise
Die Rede der EKD-Ratsvorsitzenden ist im Wortlaut abrufbar unter www.ekd.de/Johannisrede2026
Der Zwischenruf der Evangelischen Sozialkommission steht online unter www.ekd.de/zwischenruf-sozialstaat
