Weihnachten

Geschichte der Wunschzettel: "An den lieben Weihnachtsmann"

Wunschzettel der Bremerin Hanni Steiner (75), den sie als achtjähriges Mädchen 1947 geschrieben hat
Wunschzettel der Bremerin Hanni Steiner (75), den sie als achtjähriges Mädchen 1947 geschrieben hat© epd-bild / Dieter Sell

16. Dezember 2013 von Simone Viere

Zuerst ein Mittel der Erziehung, später Marketing-Idee: Der Wunschzettel hatte lange nichts mit den Herzenswünschen der Kinder zu tun. Dabei ist es doch so schön, einfach drauflos zu wünschen.

Ein schicker Mantel soll es sein. Dazu ein Taschenmesser, Geschirr für die Puppen, eine Armbanduhr. Ach, und noch so viele Dinge, denn auf der Flucht aus dem pommerschen Bublitz nach Westdeutschland konnte die kleine Hanni von ihrem Spielzeug nichts mitnehmen. Deshalb ist die säuberlich geschriebene Liste auf dem Wunschzettel an den "lieben Weihnachtsmann" aus dem Jahr 1947 recht lang geworden und schließt mit den Worten: "Und einen Hund."

Wunschzettel als Spiegel ihrer Zeit

Es gab nichts zu heizen, und das Mädchen ging mit dem Mantel ins Bett. "Aber ich habe einfach drauflos gewünscht", erinnert sich die heute 75-jährige Hanni Steiner. "Nicht ganz unbescheiden", schmunzelt die Bremerin, mittlerweile selbst Mutter von drei erwachsenen Töchtern. Den mit Zeichnungen von Tannengrün, Kerzen und roten Herzen verzierten Wunschzettel hat sie sorgfältig aufgehoben - und ist nun erschrocken über die Soldatenfiguren, die sie wie viele andere Kinder damals unbedingt haben wollte und an Platz eins ihrer Liste gesetzt hat.

"Wunschzettel sind immer ein Spiegel ihrer Zeit", erläutert der Hamburger Kunst- und Kulturhistoriker Torkild Hinrichsen, der sich intensiv mit den kleinen Kunstwerken beschäftigt. Um 1800 hießen sie noch "Weihnachtsbriefe" und waren gar nicht an das Christkind oder den Weihnachtsmann gerichtet. "Das waren gekaufte Bögen, auf denen sich das Kind bei den Eltern und den Paten für Erziehung und Wohlverhalten bedankte und um Gottes Segen bat", erzählt Hinrichsen. "Quasi ein Dank der Eltern an sich selbst, vom Kind zu Papier gebracht."

Die ersten Wunschzettel waren Briefe mit Dank an Gott und die Eltern 

Der ehemalige Direktor des Altonaer Museums in Hamburg berichtet von schwülstigen Formulierungen, die Lehrer und Pfarrer für die druckgrafisch kunstvoll gestalteten Blätter vorgaben. "Wer hat die theuren Eltern mir gegeben; Die mich so treu geschützt, gepflegt, genährt", schreibt beispielsweise Matthias Bremer aus Hamburg-Teufelsbrück in einem Weihnachtsbrief aus dem Jahr 1830.

"Lob durchdringt jetzt meine Glieder", schwärmt Hanns Wullenweber aus Lockstädt 1809 in seinem Brief an die "werthgeschätzten Aeltern", denen er für das neue Jahr Gottes Segen, Frieden und Lebenskräfte wünscht. "Vater! Mit Entzücken nenn ich diesen Namen", bringt 1782 der Hamburger Johann Hieronymus Jantzen in Schönschrift zu Papier.

Mit der Zeit ändern sich die schmückenden Bildmotive am Rande der Wunschzettel. Christliche Szenen wie die Krippe weichen der bürgerlichen Weihnachtsstube, statt Maria mit Jesus sieht man die Bürgersfrau mit Kindern. Bald erscheint der Weihnachtsbaum. "Dann erhalten um 1880 die Gabenbringer das Monopol", sagt Hinrichsen: Das Christkind mit Engeln, die dabei helfen, die Geschenke zu verteilen. Der Weihnachtsmann, voll bepackt in der Weihnachtsstube oder am geschmückten Baum vor den Kindern.

Wunschzettel als "geniale Marketing-Idee" der Spielzeugindustrie

Im Text tauchen langsam auch die eigenen - materiellen - Wünsche der Kinder auf. "So um 1850 kippt es um, und zwar ganz deutlich unter kommerziellen Gesichtspunkten", hat Hinrichsen beobachtet. Die Vorläufer der heute bekannten Wunschzettel kamen auf. Hinrichsen bezeichnet sie als "geniale Marketing-Idee" der deutschen Spielwarenindustrie, die damals führend war in der Welt: "Hersteller und Händler druckten Blätter, auf denen die Kinder ihre Wünsche nur noch anzukreuzen brauchten."

Ganz im Stil der Zeit reimt das Kaufhaus Karstadt um 1930 auf einem Briefwunschbogen: "Dir, du liebes Christkindlein, send ich meine Wünsche ein; Geh zu Karstadt, Nikolaus, und suche mir das Schönste aus." So kann es sein, dass der eben siebenjährige Hermann Kluge aus Bremen 1937 auf seinem Zettel neun Wünsche auflistet. Damit es der Weihnachtsmann nicht so schwer hat, ergänzt er die Angaben gleich mit Preisen und dem Namen des Kaufhauses, in dem all die schönen Dinge zu kaufen sind.

Das kommt den Ehrenamtlichen in Deutschlands ältestem Weihnachtspostamt bekannt vor. Im niedersächsischen Himmelpforten bei Hamburg stapeln sich jährlich knapp 50.000 Wunschzettel von Kindern und Erwachsenen aus der ganzen Welt, die allesamt beantwortet werden. "Manchmal bekommen wir ganze Kataloge, in denen die Wünsche einfach angekreuzt sind", erzählt der Leiter der weihnachtlichen Poststube, Wolfgang Dipper (53).

"Gesundheit, Arbeitsstelle, höhere Pflegestufe" sind seltener auf dem Wunschzettel

Doch meist sind die Briefe liebevoll bemalt, zuweilen durch Selbstgebasteltes, Glitzer oder Gummibärchen für den Weihnachtsmann oder das Christkind ergänzt. Seltener, sagt Dipper, gehe es um Dinge, die nicht für Geld zu kaufen seien: "Gesundheit, eine Arbeitsstelle, eine höhere Pflegestufe."

Nach wie vor gehören Kuscheltiere und Teddys zu den Klassikern unter den Herzenswünschen. Auch auf dem alten Wunschzettel von Hanni Steiner taucht einer auf: "Pick", ein kleiner Teddybär, der seit fast 100 Jahren im Familienbesitz ist. Für ihn wünschte sich das neunjährige Mädchen im bitter kalten Hungerwinter von 1947 einen Anzug, ein Mäntelchen, Mützchen und kleine Schuhe, die sie aber nie bekam. "Ich hab' schließlich selbst genäht", erinnert sie sich. Und dann habe es zu Weihnachten Kasperlepuppen gegeben, die gar nicht auf ihrem Zettel standen. "Das war das schönste Geschenk - ungewünscht."

 

Info

Buchhinweis: Torkild Hinrichsen, "Weihnachtsbriefe und Wunschzettel", Husum Druck- und Verlagsgesellschaft 2010, 95 Seiten, 11,95 Euro

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