29. Januar 2016 | Hauptkirche St. Jacobi, Hamburg

Geschichte nimmt sich den Raum, den sie braucht

28. Januar 2016 von Gerhard Ulrich

Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung „Neue Anfänge? – Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen“

Sehr geehrte Damen und Herren!

I.
„Neue Anfänge nach 1945“  – Fragezeichen – Ausrufezeichen! So könnte man den Titel nachbuchstabieren. Darum geht es. Das ist Thema dieser Ausstellung: Wie gingen die Landeskirchen in Schleswig-Holstein und in Hamburg mit ihrer NS-Vergangenheit um? Und nicht nur die Kirchen als Institutionen. Sondern: Wie gingen die Menschen, die Christen in ihr mit ihrer NS-Vergangenheit um? Und da, wo sie Distanz zum System gewahrt hatten: Wurde darüber gesprochen, wie mutig sie bekannt hatten? Aber auch: Wie bedrängt sie gewesen waren von diesem System – als Mütter und Väter, die ihre Familien schützen, als Lehrerinnen und Pastoren, die jene bewahren wollten, die ihnen anvertraut waren? Wo waren noch verantwortliche, wo unverantwortliche Kompromisse geschlossen worden? Wo war gewissenlos gehandelt worden? Das sind Fragen dieser Ausstellung, die wir heute eröffnen.
Es ist die zweite Ausstellung zu dem Thema: Unsere Kirche und der Nationalsozialismus. Für mich persönlich ist es die dritte, in der meine Kirche so thematisiert wird. Davon werde ich noch berichten.


II.
Vor bald 15 Jahren, im September 2001, wurde die Ausstellung „Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945“ zum ersten Mal gezeigt. Es war in Rendsburg während der Themensynode „Christen und Juden“. Mehrere Jahre wanderte sie durch Norddeutschlands Kirchen und wurde 2007 zuletzt im Schweriner Dom gezeigt. Die Themensynode „Christen und Juden“ hatte am Ende eines zweijährigen synodalen Beratungsprozesses gestanden, in dem das Verhältnis zum Judentum neu bestimmt werden sollte. Das Ringen um eine wichtige theologische Erklärung, zu dem naturgemäß eine gewisse Abstraktheit gehört, hatte nicht im gleichen Maß das Interesse wecken können wie die Darstellung von Menschen, ihren Schicksalen und ihren Entscheidungen. Eine intensive Auseinandersetzung über das kirchliche Handeln während der NS-Zeit wurde so ausgelöst. Die Dimensionen des kirchlichen Antisemitismus waren ja – weil die meisten es jahrzehntelang nicht hatten hören wollen - kaum bekannt. Das Verhalten gegenüber den eigenen Gemeindegliedern jüdischer Herkunft war bisher fast nicht thematisiert worden. Ein jahrzehntelanges Versäumnis im Umgang mit der Vergangenheit wurde offenbar.

Damals wurde uns in Nordelbien klar: Hier dürfen wir nicht stehen bleiben. Wir müssen unseren Blick weiten und fragen: was haben die Kirchen im Nordelbischen Raum nach 1945 daraus gelernt? Ja, haben sie gelernt?

Wir müssen auf die Jahre nach dem Krieg schauen: wie unser Land wiederaufgebaut wurde und wie unsere Kirche wiederaufgebaut wurde, die sich in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft so zerstritten hatte. Es geht dabei auch um die Frage: Wurde wirklich neu angefangen? Wurden bestimmte Denkweisen beendet oder ihnen wenigstens Einhalt geboten? War es möglich, den Opfern zu begegnen, etwas wiedergutzumachen? Die Täter aufzusuchen und ihnen angemessen und zugleich entschlossen zu begegnen? Wurde Schuld bekannt und der Versöhnung Raum gegeben? Wie versuchten die Evangelisch-Lutherische Kirche im Hamburgischen Staate, die Evangelisch-Lutherische Kirche in Lübeck, die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Schleswig-Holstein und die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Eutin, sich in einem äußerlich sehr schwierigen Umfeld neu zu finden, sich zu konzentrieren auf ihren Auftrag, der ja einige Jahre, jedenfalls in Teilen, vergessen gewesen war? Wie konnte es jetzt möglich sein, jüdischen Bürgerinnen und Bürgern, ihren noch verbliebenen Gemeinden zu begegnen – im wörtlichen und auch im theologischen Sinn? Das wollte unsere Nordelbische Kirche jetzt ergründen, und die Kirchenleitung hat dazu den Auftrag an Stephan Linck gegeben. 2013 erschien der erste Teil seiner Untersuchungen über die Jahre 1945 bis 1965, im kommenden Monat wird der zweite Band, der die Jahre 1965 bis 1985 behandelt, erscheinen. Die Arbeitsergebnisse sollten mit einer Wanderausstellung zur Diskussion gestellt werden, mit deren Konzipierung Prof. Dr. Stefanie Endlich, Beate Rossié und Monica Geyler-von Bernus beauftragt wurden.

III.
Heute eröffnen wir diese Ausstellung. Ich bin überzeugt, sie wird genauso wie ihre Vorgängerausstellung intensive und notwendige Diskussionen auslösen: in Hamburg, Schleswig-Holstein und in Mecklenburg-Vorpommern, in der ganzen Nordkirche also.  Sie wird Diskurse anregen, die uns helfen werden, unbeantwortete Fragen und gegensätzliche Bewertungen einer Klärung zuzuführen, die seit der Ausstellung „Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945“ sichtbar geworden sind.

Für mich ist diese Ausstellung, das sagte ich schon, biografisch die dritte, die sich mit den Verirrungen, aber auch dem Widerstand meiner Kirche im Nationalsozialismus beschäftigt. 

Anfang der 1980er-Jahre war ich Pastor in der Kirchengemeinde Hamburg-Wellingsbüttel. Dort steht die Lutherkirche. Eine Baugenehmigung für diese Kirche hatte es im Jahr 1935 nur gegeben, weil schon an dem Bau die Verbindung mit der Nazi-Ideologie offenkundig war. Unter anderem befanden – und befinden sich bis heute – in den Fachwerken dieser kleinen Kirche germanische Symbole und auch das Hakenkreuz!

 

 

An einer Stirnwand seitlich des Altarraums ist ein Lutherbildnis angebracht oder als Wandmalerei sogar mit dem Baukörper verbunden, das als Inschrift ein Lutherzitat trägt: „Für meine Deutschen bin ich geboren, ihnen will ich dienen!“ Solche Zitate gehören zu den Grundlagen, aus denen sich das speist, was die Historiker den „Nationalprotestantismus“ nennen.

 

Man hat dieses Lutherbildnis nach 1945 schamvoll „versteckt“: man hat es zugenagelt mit einer Holzplatte. Dergestalt „vernagelt“ war auch die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit noch weit über die Zeit meines Dienstes in der Gemeinde hinaus. Und das ist ein Zeugnis dafür, dass alles Vernageln, alles Verdecken nichts nützt: denn immer war und blieb und ist und bleibt Geschichte gegenwärtig, sie prägt, ob wir hinsehen oder nicht, ob wir hören wollen oder uns lieber taub stellen! Als ich 1984 zum 50. Jahrestag der „Barmer Theologischen Erklärung“ eine Ausstellung in die Kirche holte mit dem Titel „Martin Niemöller: Vom U-Boot auf die Kanzel“, ergänzte ich diese Ausstellung, die das Leben und Wirken Martin Niemöllers abbildete, um eine Tafel mit einem Foto, das bei der Grundsteinlegung unserer Lutherkirche gemacht worden war: es zeigt den Pastor im Talar, und es zeigt Männer in Braunhemden, eine SS-Standarte, Hakenkreuzfahne, BDM-Frauen um den Grundstein herum! Ein Gemeindeglied hatte mir das Foto zur Verfügung gestellt. Wir wollten zeigen, wie Geschichte zwar immer persönlich-biografisch sich darstellt, wie sie aber nur zu verstehen ist, wenn wir den weiten Horizont nicht verbergen.

Wie sehr wir richtig lagen, zeigt die Tatsache, dass es keine 12 Stunden dauerte, bis diese Tafel beseitigt worden war – bis heute weiß ich nicht, wer sie genommen und entfernt hat. Gott sei Dank ist es so, dass wir der Geschichte nicht entgehen und entfliehen können, indem wir Bilder entfernen oder Zeugnisse beiseiteschaffen. Geschichte ist im Raum und sie nimmt sich den Raum, den sie braucht.

 

 

Gott sei Dank ist inzwischen in der Gemeinde das Engagement zur Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und ihrer Einbettung in den Kontext der damaligen Zeit, als die Lutherkirche gebaut worden war, erheblich gewachsen. Das ist gut so und spricht für den wachen Geist, den unsere Kirche, unsere ganze Gesellschaft braucht – gerade in diesen Zeiten, da eine Geschichtsvergessenheit sich breitmacht, die denen eine Gasse bildet, die darauf warten, Unsicherheit und Ängste für eine Gegenbewegung gegen die demokratischen Institutionen zu bilden. „Pegidisten“ in Dresden, „Legidisten“ in Leipzig, Fremdenhass schürende Gruppierungen auch an anderen Orten unseres Landes sind ein Ausweis und ein Warnzeichen, dem nicht zuletzt die Christenmenschen entgegentreten müssen. Denn der christliche Glaube ist in seinem Kern Erinnerung. Gott selbst ist ein Gott der Erinnerung. Wer Erinnerung ablehnt, wendet sich gegen Gott und sein Wort in Verheißung und Gebot.

Darum danke ich allen in den Gemeinden, Diensten und Werken auf allen Ebenen unserer Landeskirche für die Pflege der Erinnerungskultur!

 

IV.
In den ersten Jahren nach 1945 stand unsere Kirche im materiellen und im seelischen Sinn in Trümmern. Sie konzentrierte sich darauf, wiederaufzubauen und die Versorgung ihrer Glieder mit dem Lebensnötigsten und Seelennötigsten zu organisieren. Dazu kamen die Flüchtlinge aus den Ostgebieten: geflohen, vertrieben, vielfach traumatisiert und unter Verlust ihres Besitzes. Die ungeheure Leistung, sie zu integrieren, ihnen einen neuen Platz zu geben, zählt zu den herausragenden auch kirchlichen Leistungen der Nachkriegszeit. Verdrängt wurden dabei jedoch viele und vieles.

Kaum in den Blick gerieten etwa die Christen jüdischer Herkunft, die die Zeit der Verfolgung überlebt hatten. Der Platz, den ihnen die Kirche bot, war bescheiden. Eine Scham ihnen gegenüber, die von den Landeskirchen Schleswig-Holstein und Lübeck in der Zeit der Verfolgung ausgeschlossen worden waren, ist kaum zu finden. Eine Person aus diesem Kreis, deren Schicksal schon in der ersten Ausstellung Thema war, ist auch hier vertreten: Pastor Walter Auerbach. Er diente seiner Gemeinde im ostholsteinischen Altenkrempe 22 Jahre, bis er 1935 aufgrund seiner jüdischen Herkunft zwangsweise in den Ruhestand versetzt wurde.

1942 erhielt er einen halboffiziellen Auftrag, die aus der Kirche ausgeschlossenen „Nichtarier“, wie es damals hieß, seelsorgerlich zu betreuen – gewissermaßen in einer „Paria-Gemeinde“. Dieser Auftrag wurde 1946 auf Veranlassung der Kanzlei der Evangelischen Kirche in Deutschland erneuert. Auerbachs Antwort auf die diesbezügliche Anfrage vom Landeskirchenamt verzichtete auf jegliche Gruß- und Höflichkeitsformeln: „An das Landeskirchenamt in Kiel. Ich erkläre mich bereit, das Amt zu übernehmen. Auerbach.“ Man ahnt, was in diesem Mann vorgegangen sein muss.In dem Titel, den Auerbach hieraus in seinem Briefkopf ableitete, vermied er die diskriminierende NS-Begrifflichkeit: „Pastor Auerbach. Beauftragt durch das ev.-luth. Landeskirchenamt Schleswig-Holstein mit der Betreuung der durch die Nürnberger Gesetze betroffenen Gemeinde-Mitglieder in Schleswig-Holstein.“ Als Auerbach im Juli 1954 starb, wurden in der Traueranzeige, die die Landeskirche im Gesetz- und Verordnungsblatt veröffentlichte, die Gründe für Auerbachs Zwangspensionierung 1935 ebenso verschwiegen wie seine Beauftragung 1942. Lediglich der Auftrag von 1946 „zur geistlichen Betreuung der christlichen Juden“, wie es jetzt hieß, wurde vermerkt. Man vertuschte. Die seelsorgerliche Betreuung der Christen jüdischer Herkunft wurde nach seinem Tod eingestellt, da diese – so das Landeskirchenamt – „von vornherein im Wesentlichen auf seine Person abgestellt war.“ Eine Verdrehung der Tatsachen, die auch heute noch beschämt und verärgert. Denn die Notwenigkeit der Seelsorge für diese Menschen war nicht in der Person von Auerbach begründet, sondern in der Diskriminierung dieser Menschen durch ihre eigene Kirche während der NS-Zeit und nach 1945, durch die Verleugnung der Wahrheit, was in den Jahren zuvor geschehen war.

Ganz anders verlief die kirchliche Biographie von Wilhelm Halfmann, der ebenfalls in dieser Ausstellung porträtiert wird. Als Flensburger Pastor veröffentlichte er 1936 die Schrift „Die Kirche und der Jude“, in der er Furchtbares und Falsches über jüdische Menschen und das Judentum behauptet. Von den „Verderbensmächte(n) des Judentums“ spricht er hier und dass Juden ein „Zersetzungsstoff für die christlichen Völker“ seien. Folgerichtig in dieser kruden Logik rechtfertigt er die staatliche Judenverfolgung durch die Nürnberger Gesetze. Es sei ein „Versuch zum Schutze des deutschen Volkes, wie er von hundert Vorgängern in der ganzen Christenheit gemacht worden ist, und zwar mit Billigung der christlichen Kirche.“ Bis zu seinem Tod 1964 hatte er sich nicht von dieser Schrift distanziert. Aber als es darum ging, etwa mit dem "Stuttgarter Schuldbekenntnis" der Kirche neue Wege des Neuen Anfangs zu beschreiten, gehörte er zu den Vielen, die protestierten und für zu weitgehend erklärten, was aus heutiger Sicht selbstverständlich und vor allem heilsam gewesen ist für uns heute! Dies zu verurteilen führt allein noch nicht zu neuen Anfängen. Halfmann war gleichzeitig ein führender Kopf der Bekennenden Kirche in Schleswig-Holstein, der viel Respekt zu zollen ist, und deren Geschichte es aufzuarbeiten gilt, und Halfmann war von 1946 bis 1964 Bischof von Holstein. Er hat sich große, bleibende Verdienste um die Kirche in Schleswig-Holstein erworben und viele Menschen im Glauben geprägt. Doch die Ambivalenzen dieser Persönlichkeit müssen wir deshalb nicht verschweigen.

V.
Viele Themen dieser Ausstellung erfüllen mich immer wieder mit der Scham und der Last, ein Deutscher zu sein, wie Ralph Giordano das vor Jahren auf den Punkt gebracht hat (1987). Ganz besonders, wenn die ausgegrenzten und verfolgten Juden, die auch in unserer schleswig-holsteinischen Kirche zu Parias gemacht wurden, zur Sprache kommen.  Und ich weiß, diese Scham werde ich nicht verlieren – und: ich will sie auch gar nicht verlieren. Denn – ganz fundamental gesagt: Menschsein heißt für mich, eine Geschichte zu haben, in Geschichte und Geschichten zu leben.

Erinnern ist immer zuerst eine biografische, eine persönliche Leistung und Aufgabe. Wenn ich durch diese Ausstellung gehe, dann sehe ich eben auch die, die zu mir gehören, die ich nicht abschütteln kann und will: meinen Großvater mütterlicherseits, der als Offizier an Verbrechen der Wehrmacht beteiligt gewesen ist; meinen Vater, der bis in seinen Tod hinein nicht erinnern wollte und umso stärker eingeholt wurde im Sterben noch von den traumatisierenden Bildern und Erfahrungen, die er als getreuer und überzeugter Soldat des Führers auf einem U-Boot hatte machen müssen.

Und ich sehe meinen Stief-Großvater, der mich immer wieder mitnahm in die Innenstadt Hamburgs, in der Anfang bis Mitte der 1950er-Jahre noch Trümmer zu sehen waren. Er führte mich zu dem elendigen Gedenk-Klotz am Stephansplatz und forderte mich auf, genau hinzusehen: „Nein, mien Jung: Helden waren wir nicht!“ Und angesichts der aufgeräumten aber sichtbaren Trümmer in der Hamburger Straße, nicht weit von der Mundsburg, hielt der Großvater den kleinen Jungen an der Hand und sagte mit leiser Stimme, aber unvergessbar: „Tut das nie wieder!!!“

Erinnerung ist Vermächtnis. Auch der Schuld. Mut ist, wenn wir stehen können auch zu den dunklen Seiten. Und wenn wir sehen und achten die Opfer der Täter, die Teil unserer Geschichte sind.

Geschichte, unsere Geschichte, können wir nicht vergessen. Und wenn wir sie vergessen, indem wir das Erinnern verweigern: sie, die Geschichte, sie, die Geschichten, sie, die Gequälten, werden sich unser erinnern – immer.

Man kann viel Kluges und Richtiges über das Erinnern sagen – die Erinnerung ist aber vor allem auch eine biografische, also persönliche Aufgabe. Ich bin mir daher sicher, meine Damen und Herren, dass die Intensität und Emotionalität der Auseinandersetzung um die Rolle und das Handeln von Wilhelm Halfmann und anderen in der Zeit vor und nach 1945 exakt hier ihren „Sitz im Leben“ hat. Wir gedenken unserer Väter – zuweilen auch Mütter – im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Und da sind immer Nähe und Distanz, Dank und Abgrenzung höchst virulent. Das macht die Intensität und Existenzialität der Debatte z.B. um Wilhelm Halfmann aus – dabei nicht verkennend, sondern ebenfalls erinnernd, respektvoll hoffentlich, in welch drangvoller und Not bereitender persönlicher Situation unsere Väter und Mütter im Glauben ihren Dienst taten und ihre Entscheidungen zu treffen hatten.

Dieser Blick zurück, der zugleich ein Blick in den Spiegel ist, dem wir seit der wegweisenden Ausstellung von 2001 „Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933 – 1945“  verpflichtet sind, ist oft mühsam und belastend. Doch dieser  Blick zurück war auch befreiend und wird es weiter sein. Er hat „Erinnerungen nach vorn!“ ausgelöst. Wir haben in den folgenden Jahren theologische, kirchenpolitische und verfassungsrechtliche Entscheidungen getroffen, die ihren Eingang 2012 in die Präambel der Verfassung der Nordkirche gefunden haben: „Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland bezeugt die bleibende Treue Gottes zu seinem Volk Israel. Sie bleibt im Hören auf Gottes Weisung und in der Hoffnung auf die Vollendung der Gottesherrschaft mit ihm verbunden“. Ich denke, wir können dankbar und froh sein, dass wir diesen Weg konsequent gegangen sind.

Deshalb bin ich überzeugt, dass auch diese Ausstellung Debatten in unserer Kirche und zwischen Kirche und Zivilgesellschaft auslösen wird, die uns voranbringen, unsere Aufgaben als Christengemeinde in der Welt noch klarer zu benennen. Die Diskussionen, die wir in Deutschland seit einem Jahr angesichts der Flüchtlingskrise führen, kreisen um Themen, denen sich auch die Kirche in den 1950er- und 1960er-Jahre stellen musste oder hätte stellen müssen: Wem gegenüber haben wir Verantwortung? Wo ist dein Bruder, Adam? Was ist christlich an Europa? Kann es einen gerechten Krieg noch geben oder nur den gerechten Frieden? Was sagt der Glaube, der Grenzen überwindet, zu einer Welt voller Grenzen? Entsteht Identität durch Abgrenzung oder durch Begegnung?

Was wäre damals gewesen bis in die 1950er-Jahre hinein, hätte es Obergrenzen gegeben für all die Vertriebenen, Flüchtlinge, Befreiten aus Lagern?

Heute wissen wir dramatischer denn je: unser Europa, diese Idee des Friedens und des friedlichen Zusammenlebens der Verschiedenen in versöhnter Verschiedenheit – sie wird abhängen davon, wie wir umgehen mit den Millionen Menschen, die auf der Flucht sind wieder einmal und immer noch. Auf der Flucht auch vor Zuständen, die wir mitverantworten auch in fernen Ländern, in denen wir und andere der heutigen Europäischen Familien kolonial uns niedergelassen hatten; in denen Diktatoren ziemlich beste Freunde waren und sind; in denen mit Waffen gemordet wird, die auch aus unseren Schmieden kommen: auch diese Erinnerung kann uns diese Ausstellung neu lehren.

VI.
Auch in diesem Sinn bin ich den Ausstellungsmacherinnen und Herrn Dr. Linck sehr dankbar, dass sie uns Gelegenheit geben über Geschichte – über unsere Geschichte – nachzudenken. Wir werden dabei auch in einen Spiegel schauen, uns selbst erkennen mit unseren Hoffnungen, unseren Ängsten, unserer Zaghaftigkeit – angesichts von Zuständen, die als Herausforderung verstanden werden sollten zur ethischen Gestaltung.

Mein Dank gilt nicht nur den Ausstellungsmacherinnen, sondern auch der Evangelischen Akademie und dem Amt für Öffentlichkeitsdienst der Nordkirche, die dieses Projekt verantworten. Von unserer Internetbeauftragten Doreen Gliemann bis hin zum Akademiedirektor Jörg Herrmann waren viele an der Realisierung beteiligt. Nennen möchte ich hier ausdrücklich den inzwischen emeritierten Pastor Ulrich Hentschel, der mit viel Engagement das Projekt befördert hat und Marlise Appel, die mit großem Engagement das gesamte Management des Projektes organisiert hat.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Datum
28.01.2016
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Gerhard Ulrich
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