27. Oktober 2019 | Hauptkirche St. Jacobi

Glückwunsch zur höchsten Auszeichnung unserer Landeskirche

27. Oktober 2019 von Kirsten Fehrs

Gottesdienst am 19. Sonntag nach Trinitatis, Verleihung der Bugenhagen-Medaille an Pirkko Andresen und Uwe Michelsen, Predigt zu Johannes 5, 1-16

Liebe Schwestern und Brüder,

gegensätzlicher könnten die Bilder kaum sein. Hier eine feierliche, muntere Jacobigemeinde, die stellvertretend für die ganze Nordkirche zwei verdienten Ehrenamtlichen Danke sagt – und zwar ausgiebig, hemmungslos und aus tiefstem Herzen! Dank, der höchstpersönlich ist, liebe Pirkko Andresen, lieber Uwe Michelsen. Solch Würdigung ist ja nicht immer ganz leicht auszuhalten, aber da müsst Ihr nun durch: mit Bugenhagenmedaille samt Urkunde und metallischem Glanz, mit Pauken und Trompeten, die höchste Auszeichnung unserer Landeskirche!

Hier also Loblieder, dann gleich auch Lobreden, Gratulationen, alles so bewegende Momente… – und dort, im Evangeliumstext von eben: die Statik. Statik der Trostlosigkeit. Kranke, lahme und ausgezehrte Menschen sitzen am Teich von Bethesda, das heißt übersetzt: Haus der Gnade. Sie sitzen. Und sitzen. Liegen. Warten. Schauen auf den Boden. Fünf Hallen mit versammeltem Elend. Fünf Hallen voller Menschen, die in den seltenen Hoffnungsmomenten – schnell, wenn das Wasser sich bewegt! – um die Wette kriechen, schubsen, laufen, hin zum Wasser, um heil zu werden.

Ein bedrückendes Bild, liebe Gemeinde, und schrecklich unreformatorisch! Nichts mit Gnade, der sola gratia, nicht: Allein aus Glauben. Sondern: Wer zuerst hineinstieg, wurde gesund.

Es siegt der Stärkere. Das Recht des Schnelleren setzt sich durch.

Links liegen bleiben die Schwächeren. Einer liegt da 38 Jahre. Stellt Euch vor: Das ist von 1981 bis heute. 38 Jahre lang gelähmt, bewegungsunfähig, immer am gleichen Fleck. Schrecklich einsam. Und man möchte fragen, ob das wirklich „Lebens“-Jahre sind? Ist das Leben, wenn einer nichts tun kann? Einfach nur sitzt?

Immerhin sitzt er in einer der fünf heiligen Hallen. Die Fünfzahl steht biblisch für die jüdische Tora. Fünf Bücher Mose, fünf Hallen der Tora – sie bedeuten, die von Gott gestiftete gute Lebensordnung. Heißt: All die Kranken und Ausgezehrten haben nicht unbedingt ein körperliches Leiden. Sondern leiden an einem Mangel innerhalb dieser Lebensordnung. Sie sind zu kurzsichtig, ängstlich, zu verstört, um den Willen Gottes, also Lebens-Willen in ihr betrübtes Herz zu lassen.

Ich glaube, heutzutage gibt es sehr viele, die ein betrübtes Herz haben. Die sich wie gelähmt fühlen durch die Belastung des Alltags, die taub und blind geworden sind durch dauernde höchste Ansprüche, auch an sich selbst, gelähmt durch Ängste, das Pensum nicht zu schaffen und dem Druck nicht standhalten zu können. Ausgebrannt. „Burnout“, ist oft die Folge. Das Herz brennt nicht mehr, für nichts und niemanden. Es ist stumpf, gleichgültig. Bleibe ich eben sitzen. Oder liegen. Ich übernehme keine Verantwortung mehr, auch nicht für mich selbst. „Innere Kündigungen“ dieser Art gibt es halt nicht nur in Betrieben, sondern auch dem Leben insgesamt gegenüber. Und diese innere Lähmung ist das, was man in der altkirchlichen Tradition Trägheit genannt hat, eine der sieben Todsünden: die Verweigerung zu hoffen! So nämlich gibt man dem Tode die Macht.

Nein, „steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“ Jesus durchbricht die Todesmacht, schon hier am Teich Betesda. Er hat gehört, dass der Gelähmte sage und schreibe 38 Jahre da liegt. Schluss damit. Kein ewiges, hoffnungsloses Warten mehr. Aber eben auch kein Wettlauf. Stattdessen ein Hoffnungswort, das etwas in Aussicht stellt, die befreiende, ganz persönliche Anrede: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“ Oder wie es eigentlich heißt: Lauf umher. Schau dich um in deinem Leben. Es ist höchstpersönliche Anrede an diesen einzigartigen Menschen. Nur so kommt er wieder in Bewegung. Und zurück ins Leben.

Kein Mensch hat es verdient, links liegengelassen zu werden, liebe Geschwister. Kein Leben darf so entwertet und missachtet werden. Dafür ist Jesus durch die Lande gezogen, hat gepredigt, gefeiert und geheilt. Dafür sind wir Kirche, gemeinsam.

Es ist so wichtig, dass es Menschen gibt, die an dieser elementaren Menschenwürde und Menschenliebe festhalten. Gerade jetzt. Im Angesicht der Fratze des Antisemitismus, der längst schon die Salons der Bürgerlichkeit erreicht hat, angesichts einer überbordenden Hass-Vergiftung im Internet, angesichts all der Kälte, mit der ein Bundesamt für Flucht und Migration die Härtefälle im Kirchenasyl mit größtmöglichem Zynismus ablehnt und somit zu einer Anerkennungsquote von Null (!) – null schutzbedürftige Menschen sind 2019 anerkannt worden (in den vergangenen Jahren waren es noch fast 80%)! – angesichts all dessen: Wir brauchen Menschen, die gerade bleiben, eindeutig, die in Jesu Nachfolge auch die Gesellschaft fragen: Willst Du gesund werden?

Eine humane Gesellschaft braucht Menschen, die einander mitnehmen auf Freiheits- und Glaubenswege! Die uns eine lebendige Vorstellung geben von Gottes Möglichkeiten in dieser Welt. Ohne sie bleibt das Hoffnungswort stumm. Das Hoffnungswort ist angewiesen auf Menschen, die es hoffen – und tun. Die deshalb von ihrem Glauben erzählen. Mit lautem Wort oder leiser Geste. Die vom Erbarmen erzählen und von diesem Eros, für etwas Gutes zu kämpfen. Die von der Gnadensonne in dunkler Zeit erzählen und davon, dass wir uns nicht fürchten müssen. Auch und gerade jetzt nicht in diesem Land.

Zwei, die genau dies auf vielfältige Weise bezeugt haben, ehren wir heute mit der Bugenhagen-Medaille. Und mit ihr – um gleich mal gut lutherisch bescheiden zu bleiben – geht es eben nicht zuerst darum, große Taten zu belohnen. Obwohl die beiden da auch nicht richtig schlecht sind… Es geht genau um diese selbstverständliche Haltung, aus dem Glauben heraus etwas für das Glück und den Segen anderer zu tun. Danke dafür sage ich von Herzen, liebe Pirkko Andresen und lieber Uwe, wie gern lasse ich die Bugenhagen-Medaille bei Euch!

Wenn es ein Wort der Bibel gibt, das Euch beide auf je eigene Weise anspornt, ist es das der Gerechtigkeit. Selig, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten! Die nach ihr Sehnsucht haben wie der Gelähmte nach der heilenden Bewegung des Teiches. Aber eben nicht so, dass man ihr nachrennt, als stünde man im Wettlauf mit den Ungerechtigkeiten dieser Welt. Sondern anders: indem wir glauben, lieben, hoffen, sind wir ergriffen von ihr!

Das ist die reformatorische Erkenntnis – unddas seid auch ihr: getragen von dem tiefen Glauben, dass jeder Mensch bei Gott ein Recht auf Heimat hat. Gnade empfängt. Sei es durch Brot und Trost. Durch klares Wort. Gute Tat natürlich. Bei dem einen, lieber Uwe, besonders gepaart mit Wortwitz und Sprachgenie, blitzgescheit, unerhört gremienkompetent und immer höchst aktiv dabei, Menschen die Sprache des Evangeliums verständlich zu machen, nicht nur op platt, das aber großartig. Un denn kiekst Du op diene Kark mit´n lütt Twinkern in de Oogen, wie se so sit un sit un sit – in Hallen, Synoden, wat weet ik – un Du seggst: Geiht dat nich´n beten gauer? (Übersetzt: Du hast immer mit Schalk auf diese deine Kirche geschaut, die ja auch ziemlich viel sitzt und sitzt, in Hallen, auf Synoden und sonstwo und hast angemahnt – ich sage nur Arbeitsrecht – „Geiht dat nich en beten gauer?“) Willst Du, liebe Kirche, gerecht  – gesund – werden?

Großartiger Elan auch bei der anderen mit geradem Rücken und unverwüstlich-freundlicher Hartnäckigkeit, liebe Pirkko Andresen, die sich wie keine Zweite auskennt mit Behördengängen und Ausländerrecht, die anderen Helfenden zur Helferin wird, halb Finnland zum Kirchenasyl missioniert – ich soll übrigens von der St. Michaelis congregation und Jouni Lehikoinen von Herzen grüßen und Segen wünschen! Pirkko Andresen ist eine, die Jahrzehnte für die Rechte geflüchteter Menschen kämpft und denen, die zutiefst verzweifelt sind, mit Herz und Hand beisteht, tags und nachts auch.

Was wären wir in der Nordkirche ohne Sie beide!

Ihr steht für das lebendige Wort von der Hoffnung. Das lebendige Wort von ihm, der die Ausgebrannten und Unglücklichen fragt: Willst Du gesund werden? Nicht etwa vorwurfsvoll nach dem Motto: Willst Du das überhaupt? Sondern liebevoll auf der Suche danach, was das Leben für jemanden wieder lebenswert machen kann. „Willst Du gesund werden?“ das heißt ja: Erinnerst Du dich noch daran, dass Du ein Recht auf Leben hast? Dass Gott dich liebt, sucht, herausfordert? Also: Geh umher! Geh durch die Hallen des Lebens. So viele ersehnen das erlösende Wort wie Du, all die Verstörten, Unerlösten und Erniedrigten heutzutage. All diejenigen, die entmutigt feststellen: „Ich habe keinen Menschen.“ Einsamkeit – das Thema unserer Tage.

Ich bin froh, dass es in unseren Gemeinden so viele gibt – auch dafür stehen unsere beiden Bugenhagen-Medaillen-„Gewinner“ (hätte ich beinahe gesagt) – die empfindsam sind für die Einsamen. Hinter Wohnungstüren, im Kirchenasyl, auf den Straßen. Und es lohnt sich, für ein neues Leben zu kämpfen.

In wenigen Tagen beginnt ja das Winternotprogramm für Obdachlose, an dem sich wieder zahlreiche Kirchengemeinden beteiligen. Mit vielen Ehrenamtlichen, die ihre Zeit einsetzen, damit niemand erfrieren muss, niemand in der Kälte auf der Straße links lieben bleibt. Und es gibt nachhaltige Erfolge: Obdachlose, die tatsächlich zu einer Wohnung und wieder auf die Beine kommen. Kürzlich bei der Nacht der Kirchen begegnete ich einem ehemaligen Hinz- und Künzler, gemeinsam mit seiner Frau und zwei fröhlichen Töchtern, und bat mich, ihnen den Segen zuzusprechen. So anrührend. Es lohnt sich jedes Hoffnungswort, liebe Geschwister, gerichtet an jeden einzelnen Menschen.

Denn es hält ja auch uns wach für die andere Wirklichkeit, das Reich des Friedens, wie Christus es will. Unerschütterlich. Für jeden Menschen. Jeder Nation. Jeder Religion. Auch dort, in Jerusalem und Betesda, wo Hoffnungsworte so nötig sind. Wo der fehlende Frieden und die ausbleibende Verständigung dazu führen, dass die Völker ganz wörtlich den Wettlauf um die knappe Ressource Wasser aufnehmen. An so vielen Orten dieser Welt, so auch hier, möchten Menschen erreicht werden von dieser liebevoll-hoffnungsfrohen Frage: Willst Du gesund werden?

Ja! Denn ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen! Gebe Gott uns Kraft für unser Tun in der Nachfolge Christi.
Amen

Datum
27.10.2019
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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