20. September 2026 | Dom zu Lübeck

Gottesdienst am 16. Sonntag nach Trinitatis

20. September 2026 von Kirsten Fehrs

Predigt zu 2. Timotheus 1,7-10

Liebe Domgemeinde,

jüngst war ich im Dom zu Magdeburg. Machteburch, wie ich gelernt habe, es korrekt auszusprechen. Zehn Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Dieser prachtvolle Dom war voller trubeliger Menschen, ähnlich wie der Lübecker Dom, als Hunderte im Sommer beim Nordkirchenmusikfest das Mozart-Requiem aufführten. Hier wie dort: Gänsehaut ohne Ende. Hier wie dort: Eine bewegende Gemeinschaft der Kirchenchöre, hunderte Menschen aller Generationen sangen beseelt. Auch weil alle wussten: Hier und jetzt kommt es auf meine Stimme an. Jetzt bloß nicht leise werden! Diese Zeit braucht kraftvolle Lieder, eine Haltung der Hoffnung, die nicht beschworen, sondern sichtbar wird. Und hörbar. Und so sangen sie, gemeinsam mit Herbert Grönemeyer, dem Chorsänger in der zweiten Reihe:

„Der Mensch heißt Mensch,
weil er vergisst, weil er verdrängt,
weil er hofft und liebt,
weil er mitfühlt und vergibt,
und weil er lacht und weil er lebt.
Du fehlst.“

Zunächst: Danke, liebe Menschen hier im Dom, für jeden Moment, in dem ihr nicht fehlt, wo ihr gebraucht werdet. Als Mensch, der hofft und liebt, der mitfühlt und vergibt. Danke, dass ihr euch auf vielfältige Weise einsetzt für andere und Zeichen der Achtung und des Respektes setzt. Als Christenmenschen, die in diesem Land unbeirrt die Stimme erheben für alle, die Angst haben vor Hass und Hetze. Alle, die trauern wie Maria und Marta im Evangelium. Die Zuversicht brauchen. Christenmenschen, die wir einander verbunden sind durch die Liebe Christi, die uns frei macht und uns trägt.

 

Herbert Grönemeyer hat mit seinem Lied auch von dieser Liebe viel erfasst. Liebe, die schmerzt, wenn sie fehlt. Wer wüsste das besser als Herbert Grönemeyer, schrieb er doch das Lied in Traurigkeit nach dem frühen Tod seiner Frau.

„Und der Mensch heißt Mensch,
weil er irrt und weil er kämpft
und weil er hofft und liebt,
weil er mitfühlt und vergibt
und weil er lacht – und weil er lebt.
Du fehlst.“

So sang man also im Magdeburger Dom mit Hingabe. Drei Tage später am 30. August erlebten wir Ähnliches beim Hoffnungskulturfest in Dessau. Verliebt in Dessau, singe ich seitdem. Denn da waren 2.500 wunderbare Menschen. An 120 Tischen. Ein Traum der Vielfalt, die doch glatt unter einen lila Hut passte. Es war ein Fest, nicht gegen, sondern für Gemeinschaft und Nächstenliebe, für das Gespräch aller Meinungen an einem Tisch und die Entdeckung der Gemeinsamkeit. Wir haben das alle so gebraucht. Diese tröstlich-tragende Gemeinschaft! Nicht umsonst, dass auch aus 13 der 20 Landeskirchen etliche nach Dessau gereist waren, Posaunen und Pfadis, Bischöfinnen und Trompeten. Ihr könnt mir glauben, das war wirklich ein Zeichen! Wir wollten nämlich alle nicht nur wachsam hinsehen, was in Sachsen-Anhalt passiert. Ohnmächtig Prognosen mitverfolgen. Wir wollten auch etwas tun! Siehste, habe ich gedacht, geht doch. Gemeinschaft, die alte Vorbehalte überwindet, Gemeinschaft, die einen innerlich zusammenhält.

Wollen wir hoffen, dass es heute in Mecklenburg-Vorpommern ein deutlich anderes Wahlergebnis gibt als in Sachsen-Anhalt. Und ja, da hat sich gezeigt, wie groß die Unzufriedenheit ist, fast so etwas wie Zerstörungswut. Aber auch Verunsicherung und die Krisenerschöpfung vieler Menschen. Und es hat gezeigt, wie groß die Sehnsucht ist nach Stärke. Es „denen“ zu zeigen, wem auch genau immer. Diese Sehnsucht nach einer vermeintlichen Stärke, die der vermeintlichen eigenen Ohnmacht zeigt, dass die anderen die schwächeren sind. Eine maskulin dröhnende Stärke, die im markigen Verkaufsstil alles verhandelbar macht, was für uns hier unverhandelbar ist: Die Achtung der von Gott gegebenen Menschenwürde. Nächstenliebe. Mensch-Sein. Mitgefühl.

Es steht viel auf dem Spiel. Auch für unsere Kirche. Auch in Mecklenburg-Vorpommern. Da ist es gut, die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was hilft, aufrichtig und aufrecht zu bleiben. Aufzuerstehen aus der Hoffnungsmüdigkeit. Eine besondere Fügung finde ich deshalb, dass sowohl der Lehrtext am 6. September als auch der Predigttext heute ein und dasselbe paulinische Wort ist: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

Was für ein Mutwort. Klug und kraftvoll und auf den Punkt. Ein Wort, das uns ja nicht umsonst durch die Pandemie getragen hat! Paulus schreibt es aus dem Gefängnis heraus. Selbst in Bedrängnis ermutigt er seinen jungen Freund und Vertrauten Timotheus, der gerade eine Art Burnout erlebt, nicht aufzugeben. Ein starker Brief. Zeitlos überzeugend. Ich lese aus dem 2. Timotheusbrief 1. Kapitel:

„Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch schäme dich meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium. Gott gibt dir die Kraft dazu. Er hat uns gerettet und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht etwa aufgrund unserer Taten, sondern aus seinem eigenen Ratschluss und aus der Gnade heraus, die er uns schon vor ewigen Zeiten in Christus Jesus geschenkt hat. Aber jetzt wurde diese Gnade offenbar durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus. Er hat dem Tode die Macht genommen und durch das Evangelium unvergängliches Leben ans Licht gebracht.“

Denk dran, Timotheus, liebe Gemeinde, Christus hat dem Tode die Macht genommen – und alle sind wir gerettet. Längst. Das ist das Evangelium von Ostern, das wir verkünden sollen. Alle miteinander. Täglich. Wir können dabei übrigens ruhig etwas erlöster aussehen. Denn Jesus ist auferstanden aus dem Dunkel des Grabes, hat Gewalt, Not und Tod überwunden, ein für alle Mal. Mehr geht nicht. Davon sollen wir sagen und singen, wie eben: Jesus lebt, mit ihm auch ich, das ist unsere Zuversicht.

So versucht Paulus Timotheus zu erreichen, der seinerseits im Gefängnis der Furcht sitzt. Im griechischen Originaltext meint Furcht übrigens „Feigheit“. Feigheit, eine herausfordernde Aufgabe anzunehmen. Menschlich ist das. Gerade wenn Angst in die Knochen kriecht, bei all dem Hass und der Verachtung, die Timotheus entgegenschlägt. Und so zieht er sich zurück, schweigt, schämt sich und möchte nicht als Christ erkannt werden. Zu gefährlich. Und ja, es braucht Mut, sich öffentlich zu bekennen. Damals.

Aber, liebe Geschwister, heute zunehmend auch wieder. Tatsächlich haben das die Anhaltiner erzählt: Es braucht wieder Mut, sich öffentlich als Christ zu bekennen, sich öffentlich zur Kirche zu halten und zur Diakonie, für die Würde und die Rechte aller Menschen einzutreten, die an Leib und Seele versehrt sind. Für Geflüchtete und Menschen mit Behinderung, für Obdachlose und Gefangene. All jene also, die Jesus ganz besonders am Herzen lagen.

Und so stellt Paulus uns in diesen Tagen eine entscheidende Frage: Lassen wir uns einschüchtern durch Prognosen und rechtsextreme Positionen? Ziehen wir uns zurück? Oder entscheiden wir uns, Gott zu bekennen? Gott, der diese Welt liebt und erhalten will mit all der Schönheit, die in jedem einzelnen Menschen lebendig ist. In jedem! Sind wir kraftvoll genug, dem Sog der zerstörerischen Schlechtrederei mit Dankbarkeit zu begegnen? Dem Sog der einfachen Lösungen mit unseren Zwischentönen? Haben wir die Kraft, der Überheblichkeit unsere Demut entgegenzusetzen? Und dem Sog der Angst unsere innere Freiheit, zu der uns Christus befreit? Das ist eine Entscheidung, die es jeden Tag neu zu treffen gilt. Sich zu sagen. „Gott hat mir nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Erinnere dich, wes Geistes Kind du bist.

Ich brauche es im Moment, immer wieder so orientiert zu werden. Denn ich gebe zu, mich ergreift die Timotheus-Furcht auch. Wenn ich auf meinen Reisen durch Deutschland, aber auch Europa gewahr werde, dass es Orte gibt, an denen nationale, ja, unverhohlen nationalsozialistische Parolen wieder furchtbare Urständ feiern. Wir haben es handfest mit Feinden der liberalen Demokratie zu tun, liebe Geschwister, das ist alles andere als trivial. Nicht trivial sind auch die Sorgen und Nöte der Menschen, die sie wählen. Deshalb müssen wir im Gespräch bleiben! Und so sehr wir dies ernstnehmen müssen, es rechtfertigt nicht verächtliche Sprache, Lügen und erst recht nicht die Menschenverachtung, mit der man meint, bestimmen zu können, wer ein „nützlicher“ Mensch ist und wer nicht.

Nein, nicht dem Geist der Furcht stattgeben. Mein Mitmensch ist und bleibt ein Mensch, egal, wie er aussieht, was er hofft und glaubt, wen er liebt. Punkt. Das ist nicht verhandelbar. Mit diesem anderen Menschen gehe ich respektvoll um. Immer. Das ist unser Menschenbild. Dazu muss ich ihn nicht heiß und innig lieben, ich darf ihn oder sie auch kritisieren, ermahnen, mich distanzieren, zur Besonnenheit auffordern, alles möglich und manchmal auch nötig, aber seine Würde ist und bleibt unantastbar. Punkt. In Gottes Namen. Gott, der in Christus Mensch wurde – ein Mensch, der lacht und liebt, der mitfühlt und vergibt. Der nie fehlt. Sondern bleibt. In Ewigkeit.

Und der, das ist unser Evangelium von Ostern, uns ja längst gerettet hat, erinnert Paulus nochmals. Heißt ja auch: Weder Timotheus noch wir müssen die Welt retten und tausend Mails checken. Es reicht, täglich unser Ostern zu leben. Zu singen, zu beten und zuversichtlich den Aufstand zu proben gegen Erschöpfung und Hoffnungsmüdigkeit, auch die eigene. Deshalb ist es so gut, solche Worte wie die von Paulus zu haben, um sie täglich einzunehmen. Morgens, mittags, abends: Kraft, Liebe, Besonnenheit.

Das ist unser großes Plus, unser Kreuz ohne Haken. Das Plus, das wir als Nordkirche zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern gerade überall plakatieren: Das große Plus ist unsere unbeirrbare Zuversicht. Unsere Gemeinschaft der Singenden und Sorgenden, unser Zusammenhalt, zusammen die Haltung der Menschenfreundlichkeit. Sie im Alltag zu leben, im Supermarkt, im Sportverein und am Arbeitsplatz, in der Schule und der Nachbarschaft, ist österlicher Widerstand gegen alle verachtenden Töne dieser Tage. Also: Nicht leise werden, liebe Geschwister. Sondern froh und gewiss, erlöst und frei, hoffend und liebend – Mensch sein. Amen

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