27. Juni 2021 | Freiluft in der Kirchengemeinde Düneberg in Geesthacht

Gottesdienst am 4. Sonntag nach Trinitatis

27. Juni 2021 von Kirsten Fehrs

Predigt zu 1. Mose 50,15-21

Liebe Gemeinde zu Düneberg-Geesthacht,

die ich Sie herzlich grüße, froh mit Ihnen heute Gottesdienst zu feiern – unter Gottes Sonne und Himmelszelt, als Geschwister Christi. Und damit sind wir schon mitten im Thema. Wer nämlich keine hat, vermisst sie manchmal ein ganzes Leben. Wer welche hat, sieht das durchaus differenzierter: Geschwister! Geschwister sind oft schmerzhaftes Glück. Da geht einerseits nichts über das vertraute Liebkosen und knurrige Kabbeln. Dieses Einverständnis von Geburt an, weil die Seelen gewissermaßen beim anderen vor Anker gegangen sind, ein Leben lang, dieses Einverständnis ist etwas Wunderschönes!

Gleichzeitig sind Geschwister bisweilen anstrengend. Dieser Angeber von Bruder! Und wie die Schwester es wieder mal geschafft hat! Schöner zu sein, klüger, besser. Wie beliebt sie ist und wie sportlich er. Wie man sich durchgesetzt hat. Da kannst du noch was lernen, Kleine! Wer Geschwister hat, lebt im Vergleich. Deshalb oft im Streit. Oder gar im Kampf.

Ich fand mit reifen fünf Jahren, meine große Schwester sei fortan in meinem Leben verzichtbar. Grund: Wir waren am Strand in Büsum, die Eltern Wattenlaufen und sie, die Herrscherin der Kühltasche, weigerte sich, den Apfelsaft rauszurücken. Alle Bitten, dann Verwünschungen halfen nichts. Und so ging ich eben. Von dieser Welt. Oder zumindest erst einmal nach Hause. Mein Bruder, der treu die Dramen meiner Kindesentwicklung mit durchlitt, ging mit. Neun Kilometer auf Klapperlatschen. Kurz vor der Haustür, nun wirklich extrem durstig, lasen die besorgten Eltern uns auf. Beeindruckend war für mich, dass nicht polternder Ärger folgte und Gezänk, sondern Stille. Alle, auch meine Schwester, waren wir erschöpft von diesem Schreck, den wir uns selbst eingejagt hatten.

Unsere Familie hat diese Episode nie vergessen. Das lag wohl an der Erleichterung, dass alles gut ausging, obwohl dieser Schwesternkampf so etwas Blindwütiges und Verrücktes hatte. Wer setzt sich durch? Rivalität ist ein unerhört starkes Gefühl. Es kann einen blind machen vor Zorn, Willenskraft und Rachlust. Gerade bei Geschwistern, die ja ein intimer Teil der eigenen Geschichte sind. Sie sind einem so nahe und wissen so viel von einem, dass man sie manchmal am liebsten entfernen würde – wie ich damals meine Schwester (mit der ich mich übrigens inzwischen wieder ganz gut verstehe). Wenn‘s aber beim Kampf bleibt, oje. Nicht umsonst sind die Bürger- und Bruderkriege auf unserer Erde die grausamsten. Denken wir an Syrien, Kosovo. Weil einstige Liebe sich in unbändigen Hass verkehren kann.

Wir sind längst bei unserem Predigttext, liebe Gemeinde. Bei Josef und seinen elf Brüdern, beim letzten Kapitel einer Familiensaga, die letztlich Menschheitsgeschichte ist mit zahllosen Anknüpfungen unserer selbst. Eine Geschichte mit Zuneigungen und großem Liebeshunger, verwoben mit Neid, Kränkung und Verlust, persönlicher Tragik und Schuld, kurz: das volle Programm familiärer Verwicklungen.

Ich sehe sie vor mir, die Brüder von Josef. Wie sie verlegen die Hüte in den Händen drehen und nur allzu gern vergessen würden, was Josef nur allzu genau weiß. Dass sie ihn vor etlichen Jahren buchstäblich verraten und verkauft haben. In den Brunnen geworfen, weg mit ihm! Und sie würden gern vergessen, dass sie ihren alten Vater Jakob haben glauben lassen, sein Lieblingssohn Josef sei tot. Und wie der dann in seiner tiefen Trauer sein Kleid zerrissen hat, vor ihren Augen.

Eine Menge böser Geschichte hat sich angehäuft in dieser Familie. Der Neid war immer stärker als die Liebe. Schon die Mütter waren Schwestern – und Rivalinnen um Jakobs Liebe. Die schöne Rahel, die Jakob so liebt, und die glanzlose Lea, die von ihm schwanger wird. Zehnmal. Endlich gebiert Rahel Josef, den Augapfel des Vaters. Endlich ist der glücklich. Und immer sind die Brüder unglücklich. So, dass sie nur eines wollen: Josef Schmerz zufügen wie einem Feind, wenn sie ihn schon nicht lieben können wie einen Bruder.

Doch jetzt, wo es mit Josef gut ausgegangen ist und er stolze Erfolge vorweisen kann, fürchten sie die Begegnung. „Er könnte uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.“ An dieser Stelle rückt uns die Geschichte ziemlich nah. Sie fragt ja auch uns: Wie bewältigt man eine böse Geschichte? Wenn man einem anderen wirklich etwas angetan hat. Einfach Gras darüber wachsen lassen, die Zeit heilt alle Wunden? Vergeben und vergessen?

Alles, wovon unser Glaube zeugt, meint genau das andere: Vergeben können Menschen nur, wenn sie nicht vergessen. Wenn sie sich mit ihrem Schmerz den anderen zumuten. Und wenn bei den anderen angekommen ist, wie tief der Schmerz wirklich ist. Böse bleibt eine Geschichte, wenn der Riss und die Trauer nicht in Sprache gefasst werden und unsichtbar bleiben. Im Verschweigen vertieft sich die Heillosigkeit.

Man muss deshalb den Mut haben, Unrecht anzusprechen und aufzudecken, davon bin ich zutiefst überzeugt. Man muss sich auseinandersetzen, auch wenn die Geschichte einen mit Scham erfüllt und man sie nicht rückgängig machen kann. Wie hart das ist, erleben wir hoch aktuell auch in unserer Kirche, wenn wir uns um die geradlinige und klare Aufarbeitung von Missbrauch bemühen. Seit über zehn Jahren beschäftigt die Nordkirche und mich ganz persönlich dieses Thema intensiv. So oft ja belastet Betroffene die erlittene Gewalt ein Leben lang. Wir sind es ihnen schuldig, nichts zu beschönigen, sondern hinzuschauen und so Verantwortung zu übernehmen. Auch mit dieser furchtsamen Frage von Josefs Brüdern: „Was wenn sie uns alle Bosheit vergelten, die wir ihnen angetan haben?“

Wer sich ernsthaft seiner Schuld – auch der Schuld als Kirche – stellt, geht immer auch dieses Risiko ein: Dass womöglich nicht Vergebung und Heilung am Ende stehen könnten, sondern der Schmerz bleibt. Trotzdem – um der Würde der Opfer willen müssen wir es versuchen; so sagt es auch die Josefsgeschichte. Wir müssen für die Auseinandersetzung Zeit und Raum schaffen – und für jede verletzte Seele einen sicheren, geschützten Ort.

In ganz anderer und ganz besonderer Weise haben Sie das hier in Düneburg verstanden – mit Kopf und Herz und so konsequent, dass es zu einem Ihrer Markenzeichen geworden ist. Auch deshalb bin ich heute so gern gekommen! Schon zum neunten Mal geben Sie geflüchteten, oft ja traumatisierten Menschen Kirchenasyl, mit allem, was das für Sie bedeutet, die Sie sich engagieren. Weil Sie ein Gefühl dafür haben, wie schmerzhaft und erschütternd es ist, seine Heimat zu verlieren. Und so schenken Sie Zeit und Raum und achten auf einen geschützten Ort für die Menschen. Ich danke Ihnen von Herzen dafür! Sie zeigen eine Haltung, die darum weiß, dass Gottes Versöhnungsgeist unser aller Hände und Herzen braucht, um auf und in diese Welt zu kommen.

Unsere Predigtgeschichte erzählt nun genau davon, wie diese Versöhnungskraft Gottes die Seele berührt und wie dies Menschen verändert. Als nämlich die Brüder Josef um Vergebung bitten, geschieht etwas Unerwartetes: Josef weint. Er triumphiert nicht. Hält seinen Brüdern nicht vor, was sie alles getan haben. Rechnet nicht auf und nicht ab, so dass es richtig weh tut. Die Überraschung der ganzen Familiengeschichte liegt in den letzten Versen, die alles wenden, weil er weint. Still.

Still bricht sich die ganze Erschütterung Bahn. Wie ein inneres Beben löst sich Josefs lang versteckte Traurigkeit. Endlich drängt sie nach außen, endlich. So heilsam ist das – für alle.

Und ich frage mich: Was halten wir bloß oft in uns verschlossen!? Und wie gut wäre es, all das Bittere, das unser Herz oft so verkantet, herauszulassen, heraus zu trauern. Die Verletzungen, die vielleicht schon ein ganzes Leben auf der Seele liegen. All die unerfüllten Wünsche, die untergehen in Betriebsamkeit und Pflicht. All das ungelebte Leben und Lieben gerade ja in dieser Pandemie, all die ungesagten Worte, die Einsamkeit und die verlorenen Träume – so vieler junger Menschen in dieser Zeit.

Raus damit, von der Seele reden – auch manch Streit und Ärger, all das, was unsere wertvolle Lebenszeit so eintrübt. Wäre es nicht für alle erleichternd, wenn sich das einmal löst? Durch Tränen, warum nicht? Durch Musik, die bewegt. Durch einen Bruder oder eine Schwester, die hören will, warum du sauer bist oder weinst. Damit du vergeben kannst und nicht immer vergessen musst.

Und als Josef weint und so ganz blank und ehrlich vor seinen Brüdern steht, können auch sie andere werden. Vorbei ist‘s mit deren Furcht und Kampfesstimmung. Vorsichtig nähern sie sich Josef, berühren ihn, fangen an zu reden. Erzählen, wie schuldig sie sich gefühlt haben. Dass sie Knechte waren ihrer eigenen Verbiesterung und wie leid es ihnen tut.

„Ihr gedachtet es, böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ entgegnet Josef. Keine Moralpredigt, liebe Gemeinde, sondern er redete freundlich mit ihnen, beruhigte sie und gab ihnen Mut! Man hört die Brüder geradezu aufatmen vor lauter Trost.

Ja, Gott gedenkt, es gut zu machen. Damit müssen wir rechnen. Mit einer positiven Gotteserschütterung. Denn mag sein, dass wir uns abfinden; doch Gott findet sich nicht ab mit Rivalität, Feindseligkeit und vergessenen Tränen. Hier in unserer Gemeinschaft nicht. In unseren Familien nicht. Und unter den Völkern auch nicht. Gott erschüttert uns – heraus aus unserem Maß in sein Maß, heraus aus Kleingeist in seine unermesslich große Güte. Damit wir finden, was gut ist.

So gut, liebe Geschwister zu Düneberg, ist es, den Weg zu Ihnen gefundenzu haben. Ich bin beeindruckt und dankbar, wie in Ihrer Gemeinde diese Güte Gottes Wohnung genommen hat – respektive wie sie Fahrrad fährt. Als Aller WeltsLaden, als Sinn-ema, als Indonesien-Hilfe, Zwergengruppe und Posaunenchor.

Bleibt weiterhin so ein achtsamer, liebevoller Teil der Weltfamilie mit all ihren Brüder und Schwestern! Bleibt weiter so sehnsüchtig. Sehnsüchtig nach Versöhnung und Liebe, die sich ein Herz fasst. Und seid dabei gesegnet mit dem Frieden Gottes, höher als alle Vernunft. Er bewahrt doch unser aller Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder.
Amen.

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