Gottesdienst am 7. Sonntag nach Trinitatis
19. Juli 2026
Predigt zu Joh 6, 30-35
Liebe Michel-Gemeinde,
ein Tisch, fein gedeckt, dampfende Schüsseln, drumherum die Familie. Für mich ist das eine prägende sonntägliche Kindheitserinnerung. Unser großer Esstisch, ein durch und durch heller Ort. In meinem Elternhaus stand er in der großen Diele, mitten im Haus, und jedes Kind hatte seine eigene Stoffserviette und ein Messerbänkchen. Da saß man dann mit den Eltern und Geschwistern, die reichlich unterschiedlich – und entsprechend streitlustig – palaverten und die bisweilen heftig aneinandergerieten. Doch bei aller Kabbelei verband uns immer tiefe Liebe zueinander, Liebe, die durchträgt. Bis heute. Auch wenn die meisten an diesem Tisch, mein Vater, meine Mutter, mein Bruder und meine Schwester, schon gestorben sind. Liebe und tiefe Verbundenheit durch alle Krisen hindurch, all das ist für mich verknüpft mit diesem Dielentisch, diesem hellen Ort, an dem wir halt nicht nur das Brot teilten oder Mehlbüddel und Birnen, Bohnen und Speck, sondern Zeit, Erlebnisse, Gefühle, Witz. Dies alles an dem einen Tisch ist für mich der Inbegriff von Zugehörigkeit.
Die Kraft der Gemeinschaft scheint in all den Texten dieses Sonntags auf. Sie werfen vielfältig und tiefsinnig den Blick auf einen elementaren Lebensvollzug: Essen. Und Teilen. Vom täglich´ Brot, das allen Weltgeschwistern zusteht. Als Menschenrecht. Der heutige Psalm etwa sieht, dass dies gar nicht selbstverständlich ist. Und singt: Danket dem Herrn, denn er ist freundlich. Danken zu können, liebe Geschwister, ist eine Haltung zur Welt. Wer dankt, denkt nach. Denkt an die Hungernden in so vielen Krisen- und Kriegsgebieten der Erde, aber auch an die in unserem Land. Die sich am Ende des Monats nur noch von Toastbrot und Margarine ernähren. Und die ihren Kindern kein vernünftiges Frühstück morgens mitgeben können. Jedes fünfte Kind in dieser reichen Stadt Hamburg ist von Armut bedroht, jedes Fünfte! Deshalb: Danke, liebe Tafeln hier in der Stadt, danke, liebe Ehrenamtliche auch in den Kirchengemeinden, die ihr seid so freundlich. Bei den derart gestiegenen Preisen, gerade auch für Lebensmittel, könnten ohne euch manche Familien, könnten Alleinerziehende, ältere Menschen und Geflüchtete nicht zurechtkommen. Leider gehen auch vielen Tafeln langsam die Orte und Mittel aus, verrückt, wo doch in Deutschland jährlich 1,7 Millionen Tonnen Brot im Mülleimer landen, das sind fast 8 Kilo pro Person.
Die Brotgeschichten dieses Sonntags tragen alle diese Spannung in sich: zwischen dem nagenden Schmerz des Hungers, überhaupt dem Mangel an Gutem und dem Traum vom erfüllten Leben. Da sind die Israeliten in der Wüste, die den Fleischtöpfen Ägyptens nachweinen und schlechtgelaunt so rein gar nichts Gutes mehr sehen. Obwohl es dann täglich Himmelsbrot regnet, hören sie nicht auf zu murren und zu knurren. Die Laune ist schlechter, weit schlechter als die Lage. Und, liebe Geschwister, das erleben wir ähnlich doch derzeit auch. Diese Unzufriedenheit, die nicht zu stillen ist, und die leider von den radikalen Kräften in unserem Land bewirtet wird. Alles wird schlecht geredet: Keiner kriegt´s gebacken, schon gar nicht Himmelsbrot. Und was ist das schon, dass wir in einem gelobten, weil freien Land leben? Und ich frage zurück: Erinnert ihr wirklich nicht mehr, wie bitter Unfreiheit und Diktatur schmecken?
Ja, und dann sind da im Evangelium die Fünftausend, die sich um Jesus herum scharen, hungrig nach jedem Krümel Hoffnung – so, wie doch auch wir. Und die tatsächlich satt werden, ein Wunder, wie sich Brot und Fisch dank eines Kindes wie von selbst verteilt. Ich sage ja immer: Achtet auf die Kleinen. Sie zeigen dir manch hellen Ort in der Welt. Sie zeigen diese unermessliche Zuneigung Gottes, die da auf dem Berg allen auf der Zunge zergeht. Körbegroß ist der Überfluss. Ein wunderbares Gottesgeschenk. Seelenmanna und zugleich handfeste Nahrung, die die Fünftausend einander gönnen. Denn alle wissen: Hunger verletzt die Würde des Menschen. Hunger tötet. Auch den Menschen als soziales Wesen. Und deshalb ist jeder Kampf gegen den Hunger immer auch ein Kampf für die Solidarität mit den Ärmsten dieser Erde und dieses Landes, für ihr Recht auf ein Leben in Würde. Abermillionen sind von Hunger betroffen. Darunter Millionen Kinder. Weswegen es ganz und gar keine gute Idee ist, derzeit in einem dramatischen Umfang Hunger- und Entwicklungshilfen oder Hilfen in sozialen Brennpunkten zu streichen, egal, was die klammen Haushaltslagen sagen.
Schon damals, da auf dem Berg Jesu, gab es viele, die von der Hand in den Mund lebten. Die inbrünstig Jesu Gebet mitsprachen: „Unser tägliches Brot gib uns heute“. Hungrig nach Lebensmitteln aller Art. Auch nach Hoffnung. Frieden. Danach, dass die Despoten endlich ihre Macht verlieren. Und die Mitläufer ihre Verführbarkeit. Alles, was auch wir uns gerade wünschen. Dieser Hunger nach Mehr. Diese Sehnsucht, wirklich verbunden, zugehörig zu sein, gesehen zu werden als der Mensch, der man geworden ist mit all den Wunden und Narben und Möglichkeiten. Einfach sein zu dürfen und aufgenommen zu sein in einer Gemeinschaft, die nicht zerbricht wie so vieles im Moment.
„Und so fragten die Leute Jesus:“ – ich lese den Predigttext aus dem Johannesevangelium, kurz nach dem Speisungswunder – „Was ist das denn jetzt für ein Zeichen? Was bewirkst du damit? Damals in der Wüste haben unsere Vorfahren Manna gegessen, wie es in Psalm 74 steht: «Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.« 32Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. 33Denn dieses Brot Gottes ist der, der vom Himmel kommt und dieser Welt das wahre Leben schenkt. 34Da baten sie ihn: Herr, gib uns immer von diesem Brot. 35Jesus entgegnete: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“ (Joh 6, 30-35, Basisbibel)
Was für ein Angebot, liebe Geschwister! Wir sollten es annehmen. Uns anvertrauen. Wer in Beziehung zu Christus tritt, wer an ihm als Quelle der Lebendigkeit festhält, der wird satt. Die bekommt Kraft. So ist das. Gewiss ist es eine Beziehung, die von Zweifeln und Krisen durchsetzt ist wie bei den Fünftausend auch, aber die genau darin auch ein Leben lang wächst …
Ob die Leute damals zufrieden waren mit dieser Antwort auf ihre Frage nach dem Mehr? Sind wir zufrieden? Im Alltag einer verrückten Welt. In der so viel Bedrohliches und Grausames geschieht, was die Menschen schlaf- und sprachlos macht und oft zum Rückzug in die eigene kleine Welt führt. Und genau deshalb macht mich nachdenklich: Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn viele Menschen in ihrem vereinsamten Alltag stets allein essen? Wenn es in den Familien keine gemeinsamen Mahlzeiten gibt? Beschleunigt womöglich auch die schwindende gemeinschaftliche Esskultur die Polarisierung in unserem Land?
Es ist also alles andere als trivial, das gemeinsame Essen. Es hält zusammen. Den Körper, die Seele, die Gemeinschaft untereinander und die mit Gott, am Tisch des Herrn. Im Interreligiösen Forum in Hamburg, das seit 26 Jahren tapfer zusammenkommt, beginnen wir unsere Sitzungen immer mit einem gemeinsamen Essen. Hallal. Koscher. However. Alle sitzen an einem Tisch, elf Kulturen, acht Religionsgemeinschaften. Alle gleichberechtigt am gedeckten Tisch des Herrn. Und dann gibt´s: Palaver. Wie´s der Familie geht, welchen Kinofilm man unbedingt sehen muss. Anekdoten und Kinderglück. Ein heller Ort, so kommt es mir immer vor, der die dunklen Schatten erträglicher macht, die gerade unsere jüdischen und muslimischen, aber auch alevitischen Freunde und Freundinnen derzeit verkraften müssen. Nach dem Essen reden wir. Kontrovers, klar. Viel schwieriger ist es geworden durch die internationalen Konflikte. Die Gegensätze lassen sich nicht leugnen, aber sie trennen uns trotzdem nicht, jedenfalls meistens. Weil eben zuvor spürbar wurde, was es heißt, in Freundschaft verbunden zu sein. Und weil wir – anders als es einige von ihrer Flucht her kennen – weil wir da einen hellen Ort erleben, an dem keiner in Eile das Essen hinunterschlingen muss, an dem keiner wachsam nach rechts und links schauen muss, ängstlich, dass einem das Brot gleich wieder aus der Hand gerissen wird. Nein, am Tisch des Herrn kannst du zur Ruhe kommen. Es ist alles da. Du musst dich nur hinsetzen. Kannst gern ein Gebet sprechen. Zulangen. Dem anderen die Hand reichen mitsamt der Butter. Am Tisch des Herrn, das ist die Vision unseres Glaubens, sitzen Menschen aus allen Völkern, die gemeinsam hungern nach Frieden und Gerechtigkeit. Und der gedeckte Tisch sagt: Willkommen! Willkommen, so wie du bist, wer immer du bist. Friede sei mit dir.
Ja, der Tisch des Herrn ist für mich ein heller Ort. An dem es nicht darum geht, wieviel jeder hat, sondern wie wenig man letztlich braucht. Symbolisch verdichtet sich all das ja im Abendmahl, das Sattwerden und die versöhnte Gemeinschaft untereinander und mit Jesus Christus. Deshalb ist es so schön, dass es immer im Michel gefeiert wird. Es erinnert uns, dass Jesus einst das Brot nahm und dankte. Und sagte, damals und in jedem Abendmahl: Ich bin das Brot des Lebens. Hier ist Liebe. Die Fülle. Hier ist, was du suchst. Schmeck, wie freundlich Gott ist.
Und in diesem kleinen, heiligen Moment hört sie auf, die Unruhe. Die Einsamkeit. Die Angst, es nicht mehr zu schaffen. Die Wut, die dich nicht loslässt. Und du gehst – das ist meine Hoffnung – aus dem Michel anders heraus, als du hineingegangen bist. Gestärkt. Gesegnet. Vom Brot und vom Wort des Lebens. Vom Segen, der einst schon in der Wüste die Israeliten ermutigte, mit dem Schlechtsehen aufzuhören und weiterzugehen. „De Herr segen di“ – so beginnt dieser alte Segen op plattdüütsch. Sie können ihn sich übrigens am Ende des Gottesdienstes als ganz persönliches Lebensbrot mitnehmen!
De Herr segen di
Und hol sien Hannen över di.
De Herr seh di fründli an
Un wees di gnädi.
De Herr loot sein Oogen in Leevde op di rohn
Und geev di Freeden. Amen