31. Mai 2020 | Dom zu Lübeck

Gottesdienst am Pfingstsonntag

31. Mai 2020 von Kirsten Fehrs

Pfingstsonntag, Predigt zu Apostelgeschichte 2

Liebe Domgemeinde zu Pfingsten,

wunderbar, dass wir alle hier an diesem einen Ort beisammen sind – ganz analog. Wer hätte gedacht, dass dies einmal besonders erwähnenswert sein würde…So freue ich mich sehr, Ihnen allen (wieder) begegnen zu dürfen – mit mehr Abstand als sonst, aber doch ungebrochener Herzensnähe.

Hauptsache, wir sind an diesem einen Ort zusammen, in Gemeinschaft, von Angesicht zu Angesicht. Zwar mit Mund-Nasen-Schutz, der einen kurz überlegen lässt, wessen Angesicht das nun gleich sein könnte. Aber auch Augen können lächeln und grüßen, und in der Gemeinschaft wird klar, wie geborgen wir in diesem Moment in diesem Dom sind, geborgen bei ihm, dem Allerhöchsten, der sein Angesicht leuchten lässt über uns.

Sie merken es: Ich habe mich richtiggehend nach Ihnen und diesem Pfingstgottesdienst gesehnt. Während meiner Amtszeit war ich nämlich noch nie so lange nicht in Lübeck; über Wochen war mein Sprengel Corona bedingt zweigeteilt mit einem Hamburg- und Schleswig-Holstein-Teil. Das hatte auch absurde Seiten. So geriet ich etwa einmal kurz hinter dem Öjendorfer Friedhof in eine gestrenge Polizeikontrolle; Öjendorf, liebe Gemeinde, das ist gefühlt noch Hamburger Innenstadt, verrückt.

Ich glaube, wir alle haben in den vergangenen Corona-Wochen merkwürdige Grenzen erlebt, äußere Grenzen und innere. Landesgrenzen und Verständnisgrenzen. Und mir ist so bewusst geworden, was für eine Errungenschaft es ist, in unserem Land, ja eigentlich europaweit, nicht mehr in Grenzen denken zu müssen. Eine Errungenschaft, für die es sich unbedingt lohnt, sich weiter einzusetzen. Allemal zu Pfingsten, an dem wir dieses sagenhafte Wunder feiern, dass sich in der Geburtsstunde der Kirche die Menschen aller Sprachen und Kulturen plötzlich und unerwartet verstanden haben. Und zwar universal. Weltweit haben sich die Grenzen zwischen Galiläern und Arabern, Parthern und Medern, zwischen denen aus Phrygien und Pamphylien, Ägypten und Libyen buchstäblich in Luft, im Geisteswind aufgelöst. Was für eine Friedensvision auch für Europa! Und ich denke unwillkürlich an die geflüchteten Menschen in den Lagern an den Grenzen Griechenlands, liebe Geschwister – was ist das für ein Elend.

Damit Grenzen überwunden werden, muss man erst einmal die Gemeinschaft wollen. Und genauso beginnt die Pfingstgeschichte: Sie waren alle an einem Ort beisammen – heißt: zuallererst braucht es den Willen zusammen zu kommen, damit sich etwas bewegt. Nur du allein für dich in der Echokammer, das nützt nix. Da bleibt man dem Leben fern, dem Nächsten sowieso. Und dem Frieden erst recht.

Nein, ganz anders war’s in Jerusalem, damals vor 2000 Jahren. Sie waren alle an einem Ort beisammen – klingt aktuell. Auch darin, dass die Anhänger Jesu zunächst gar nicht so begeistert sind, sondern eher gedämpft und verunsichert von den umwälzenden Ereignissen der vergangenen Wochen: Jesu Tod, dann seine Auferstehung, die Begegnungen mit ihm, und vor zehn Tagen nun fuhr er gen Himmel, sitzend zur rechten Gottes. Und sie, die Jüngerinnen und Jünger? Sie sitzen ratlos und sprachen einer zum anderen: Was will das werden? Die Ungewissheit der Zukunft nagt an ihrem eh schon abgestandenen Hoffnungsmut.

Und dann geschieht‘s auf einmal: Wie ein frischer Wind fegt Gottes Geist durch die Tür, wirbelt alle zueinander und plötzlich sehen sie klar: Christus ist ja unter ihnen, in diesem Moment! So viel von ihm ist in ihnen lebendig. In ihrem Glauben, ihren Erinnerungen lebt er! Da sind seine Worte. Seine Wärme und Klarheit. Wie hat er sie doch alle heilsam berührt! Mit seinen Händen und seinem Frieden. All die Taten, Wunder und Zeichen. „Brannte nicht unser Herz?“, fragen sie einander, „von dieser Liebe, die niemals aufhört?!“ Und so erzählen sie es sich gegenseitig, aufgewühlt predigen sie einander Trost und Licht.

Das ist übrigens eine schöne Vorstellung, liebe Gemeinde. Sie alle hier im Dom predigen. Gleichzeitig! Kinder und Erwachsene gemeinsam. Keine Kanzel mehr nötig. In vielen Sprachen, die es doch sowieso hier gibt.

Und – meinen Sie nicht, dass Sie sich tatsächlich verstehen?! Vielleicht nicht jedes Wort.
Aber doch den Geist.

Diese Pfingstgeschichte, liebe Gemeinde, kommt mir vor wie ein Sehnsuchtsort nach all den Wochen der Einschränkungen. Denn wir müssen an die frische Luft!  Aufatmen. Die Seele dürstet doch nach Brot und Rosen, Gemeinschaft und Choral. O heil‘ger Geist, kehr bei uns ein! Wir brauchen jetzt den Pfingstgeist, der neue Perspektiven eröffnet. Der mit seinem Wind Auftrieb gibt und Zuversicht. Der die Traurigen tröstet und um Frieden ringt, wenn Aggressionen sich austoben wollen; davon gibt‘s ja derzeit eine ganze Menge. Geradezu systemrelevant, dieser Pfingstgeist. Denn es scheint, als wären viele Menschen trotz Corona-Lockerungen gar nicht so begeistert. Eher ausgebremst. Man weiß ja nicht, was wird. Und so sind die einen ängstlich, die anderen sauer, und die dritten wissen alles besser. Anstrengend. Wir suchen die „neue Normalität“. „Norm“ steckt darin. Und also: Welche Norm soll unser Leben prägen?

Die Pfingstgeschichte hat auch hier eine Idee: Man war nämlich deshalb an einem Ort beisammen, weil das jüdische Wochenfest gefeiert wurde. Mit stets feierlicher Erinnerung der zehn Gebote. Die Leitlinien unseres Lebens, immer schon. Du sollst nicht töten. Wenn Leben in Gefahr gerät, sollst Du es schützen. Unabdingbar. Das ist das eine.

Zugleich gelten andere Gebote, ebenso unmissverständlich: Du sollst Vater und Mutter ehren. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst also die Beziehungen nicht zerstören, auf die du angewiesen bist. Du sollst Menschen nicht trennen, die zusammengehören. Und ich denke an all die, die pflegebedürftig ohne Besuch blieben, an die Kinder und Jugendlichen, denen wichtige Bezugspersonen fehlten und daran, dass anfangs sogar Menschen allein sterben mussten. Auch wenn wir uns als Kirchen vehement für die Seelsorge eingesetzt haben. Denn das ist unsere Aufgabe, Seelsorge im Leben und beim Sterben, Seelsorge auch, die öffentlich für die Schwächeren eintritt.

Ganz so, wie es das siebente Gebot will. Du sollst nicht stehlen. Das kann man auch so hören: Niemandem soll die materielle Grundlage seines Lebens genommen werden. Nach den tiefen Eingriffen in das Alltags- und Wirtschaftsleben bedeutet das für uns alle, achtsam zu sein, dass niemand unter die Räder gerät.

Die Gebote sind also klare Richtschnur. Und sie offenbaren ebenso klar das Dilemma. Sie schützen, was der Mensch dringend braucht: Leben und Gesundheit, seine Beziehungen, die materiellen Grundlagen. Hautnah aber erleben wir derzeit, wie diese Gebote miteinander in Konflikt geraten können. Der Besuch am Sterbebett kann ein ganzes Pflegeheim infizieren. Die Schließung einer Kita kann ein Kind häuslicher Gewalt aussetzen. Der Shutdown ganzer Branchen kann in existentielle Verzweiflung stürzen.

Vielleicht hatte Paulus solche Dilemmata im Blick, als er schrieb: „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“ Es geht eben nicht, entschlossen nur einem Gebot zu folgen und damit auf der ethisch „richtigen“ Seite zu sein. Gebote ersetzen nicht das Gewissen, sie bilden und schärfen es. Eine der Lehren der letzten Wochen ist für mich, dass wir nicht einseitig einer Einzellogik folgen können: Nicht der ökonomischen Logik, das wissen wir schon länger, ebenso wenig allein der Logik des Infektionsschutzes. Es geht auch um seelische Gesundheit, es geht um die freie Entfaltung der Persönlichkeit, um Klimaschutz. All dies Unaufgebbare, aber eben niemals einzige ethische Handlungslinien. Wir brauchen also einen neuen Blick auf das Ganze. Und genau dafür Courage und frischen Pfingstwind. Mit einem heilsamen Geist, der auch die gnädigen, leiseren Zwischentöne kennt.

Denn ehrlich, liebe Gemeinde: Keine und keiner hat den Stein der Weisen. Wir hören auf Experten und gewichten dies, halten ordentlich Abstand, um einander nicht zu gefährden. Und das ist nüchtern richtig so, wir sind ja nicht volltrunken, voll des süßen Weins!

Aber der vollumfängliche Unmut von einigen, die lautstark die von der Regierung auferlegte Regeln und Verbote beklagen, weil sie unstatthaft unsere Freiheit beschneiden würden, dieser aggressive Unmut macht mir Mühe. Um unserer Demokratie willen ist es natürlich geboten, sorgsam abzuwägen, ob Grundrechte eingeschränkt werden dürfen. Aber das geschieht doch auch! Wissend, dass alle Fehler machen können. Manche in unserem Land scheinen vergessen zu haben: Es ist das Virus, das uns unsere Freiheit nimmt, nicht die Regelungen, die uns vor dem Virus schützen sollen. Was ringen Politikerinnen und Politiker in dieser Zeit nach bestem Wissen und Gewissen mit diesen Konfliktsituationen! Da gilt es doch gemeinschaftlich mitzudenken, statt abzuwerten, es gilt, dem Geist der Verständigung Tor und Tür zu öffnen. Pfingsten 2020, das heißt, dass wir gemeinsam, mit dem Spirit weltweiter Nächstenliebe durch die Krise gehen und uns nicht zertrennen.

Denn wir alle sind doch an einem Ort und in einer Welt beieinander – und alle tragen bei zum guten Ton. Deshalb lasst uns aufatmen und – nein, nicht singen – aber Gottes gnädigem Ton Raum geben und summen: O heil´ger Geist, kehr bei uns ein und lass uns deine Wohnung sein, o komm du Herzenssonne.

Ich wünsche Ihnen gesegnete, hoffnungsfrohe Pfingsten!

Amen.

 

 

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