7. Juni 2020 | Hauptkirche St. Michaelis zu Hamburg

Gottesdienst am Sonntag Trinitatis

07. Juni 2020 von Kirsten Fehrs

Sonntag Trinitatis, Predigt zu Numeri 6,22-27

Kanzelsegen

Bleiben Sie bloß gesund, liebe Geschwister hier im Michel. Das wünsche ich Ihnen allem voran, froh, Sie so munter (wieder) zu sehen – von Angesicht zu Angesicht. Endlich wieder. Auch wenn man beim Mund-Nasen-Schutz erst einmal einen kleinen Moment überlegen muss, wessen Angesicht sich denn genau dahinter verbirgt. Aber auch Augen können lächeln und grüßen; und mir ist in den vergangenen Wochen noch einmal bewusst geworden, wie sehr wir auf Resonanz angewiesen sind, auf‘s echte Angesicht, und wie sehr man die Gemeinschaft dafür braucht, die einem „Ansehen“ gibt. Damit auch die Seele gesund bleibt.

Bleiben Sie gesund – wie oft habe ich das gehört in den Corona-Wochen, nicht selten ergänzt von: Und behütet. Es steckt wohl diese Ahnung darin, dass es zur Erfüllung dieses Wunsches einer besonderen Kraft bedarf. Ich kann auf mich achtgeben und selbst viel für den Schutz auch anderer tun, aber Gesundheit ist und bleibt unverfügbares Geschenk. Gerade durch Corona ist uns doch die Erkenntnis hautnah gerückt, wie verletzbar wir sind, egal ob Risikogruppe, alt oder jung. Irgendwo, ganz weit im Hinterkopf, war zwar das Wissen, dass keiner von uns unsterblich ist und dass das Leben immer schon lebensgefährlich war. Doch jetzt berührt es uns, buchstäblich, und macht sensibel für jeden guten, sagen wir ruhig: frommen Wunsch, für jeden Segen.

„Der Herr segne dich und behüte dich. Er lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ Dieser Segenswunsch steht am heutigen Sonntag allem voran. Nicht nur am Schluss, wo wir ihn üblicherweise hören, sozusagen als Segen „to go“, um den Alltag mit Zuversicht, ja Gottvertrauen zu bestehen. Heute ist er Predigttext – und begleitet uns in unserer aktuellen Sehnsucht nach Bewahrung. Dabei sind das uralte Worte, über 3.000 Jahre alt.

Gesprochen wurden sie schon damals am Ende eines feierlichen Gottesdienstes, kurz bevor das Volk Israel vom Sinai losgehen sollte, auf in neues Land! Die Israeliten hatten – so erzählt es die Bibel – schon eine lange Wüstenwanderung hinter sich. Mit viel Entbehrung, Durststrecken, Verfolgung. Nun also soll‘s weitergehen. „Aber wer weiß, wohin und was das werden wird“, denken die Israeliten. Die einen sind ängstlich, die anderen ungeduldig, gar ärgerlich, die dritten wissen alles besser. (Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder?) Mut und Gottvertrauen jedenfalls gehen anders. Und dann spricht Aaron, der Bruder Mose und ihr erster Priester, diesen alten Segen: „Der Herr segne dich und behüte dich“ und hebt dabei die Hände, wie um die murrenden Gotteskinder mit Schutz zu umhüllen.

Segen, liebe Gemeinde, ist Zuspruch pur. Um den Menschen aufzurichten, ihn zu stärken für das, was kommt – was immer das ist: Erfolg, Liebe, Streit, Krankheit, Krise, Corona. Dahinein: „Sein Angesicht leuchte über dir und sei dir gnädig.“

Mich berühren diese Worte immer wieder. Übrigens auch junge Menschen. So fragte einer der Azubis, die wir hier im Michel zu ihrem Berufsanfang gesegnet haben: „Sagen Sie mal, Sie haben da vorhin etwas gesagt, das war so ein genialer Text, irgendwas mit Licht und Gesicht. Haben Sie den Text noch irgendwo und finde ich den im Internet?“

Licht und Angesicht. Das ist‘s. Es erfasst punktgenau den alten Segen, aber auch unsere aktuelle Situation, in der ja vieles tatsächlich im Dunklen liegt. Zum Beispiel, was die Zukunft angeht. Wer weiß schon wirklich, was werden wird in den kommenden Monaten? Und, so es denn irgendwann ein „Nach Corona“ gibt: Wird sich viel verändern? Auch in unserem Verhalten? Werden wir weniger fliegen, jagen, tagen? Werden wir achtsam auf die Schwächeren schauen, dass sie nicht unter die wirtschaftlichen Räder kommen? Werden wir weiterhin Nachbarschaft pflegen, gerade mit denen, die schon vor Corona niemand richtig gesehen hat?

Das „gnädige Angesicht“, das ja entlasten will von einsamer Sorge und Ungewissheit, ist sowas von dran! Hingegen lässt sich bei einigen Zeitgenoss*innen beobachten, dass ihr Angesicht immer ungnädiger wird. Sie schauen – Lockerungen hin oder her – eher missmutig, ja misstrauisch auf Politikerinnen, Wissenschaftler, Kirchen. Der Ton wird abschätziger, wütend gar, und merkwürdige Demonstrationen mit noch eigentümlicheren Hypothesen tragen nicht gerade zum Frieden bei.

Mir macht dieser aggressive Unmut über die Regelungen und Einschränkungen Mühe. Wohlgemerkt: Um unserer Demokratie willen ist es natürlich geboten, sorgsam abzuwägen, ob und wieweit Grundrechte eingeschränkt werden dürfen. Aber das geschieht doch auch weitgehend! Wissend, dass alle Fehler machen können. Manche in unserem Land scheinen vergessen zu haben: Es ist das Virus, das uns unsere Freiheit nimmt, nicht die Regelungen, die uns vor dem Virus schützen sollen. Die meisten Politiker*innen in dieser Zeit ringen, finde ich, nach bestem Wissen und Gewissen um Entscheidungen mit Augenmaß. Da gilt es doch gemeinschaftlich mitzudenken, statt ungnädig Schuldscheine zu verteilen. Es gilt, gemeinsam, mit dem Zuspruch eines alten Segens durch die Krise zu gehen. Wie damals das Volk Israel. Mit wieder gewonnenem Vertrauen erreichen sie tatsächlich das gelobte Land.

„So lasse der Herr leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig.“ Gottes Angesicht leuchtet eindeutig. Es schaut ausnahmslos jeden gnädig an; dafür müssen wir gar nichts tun. Jeder Mensch hat bei Gott Ansehen und Würde, jenseits von Rasse, Geschlecht, Religion, Herkunft. Und weil dies so ist, steht es keinem Menschen zu, einem anderen die Würde abzusprechen, ihm seine Selbstbestimmung zu nehmen und seine Luft und sein Leben.

„Ich kann nicht atmen. I can't breathe“, das sind die letzten Worte von George Floyd, kurz bevor er von einem Polizisten erstickt wurde. Die Bilder von Floyds gewaltsamem Tod gehen um die Welt und erschüttern durch den blanken, öffentlich zur Schau gestellten Rassismus. Und als wäre das nicht schon schlimm genug: Was ist das für ein Präsident, liebe Gemeinde, der mit jeder Äußerung Öl ins Feuer gießt, demonstrativ die Bibel in der Hand. Er solle lieber mal in sie hineinsehen, protestieren aufrechte Christenmenschen und mahnen alle Welt, das Wort zu ergreifen. Nehmt Rassismus und Diskriminierung nicht unwidersprochen hin, sagen sie und zitieren Martin Luther King: „Am Ende werden wir uns nicht an die Worte unserer Feinde erinnern, sondern an das Schweigen unserer Freunde.“

Aufstehen. Auch dazu stärkt der Segen Aarons: aufzustehen, buchstäblich. Aufrecht und frei den Segen zu empfangen. Damit wir leben, wie Gott es will, gnädig und in Frieden. Und das heißt ja gemeinsam auf der Suche zu sein, wie das klare Wort den aufgewühlten Seelen unserer Zeit Kraft gibt und Zuversicht. Wir sollen auch zum Segen werden. Es ist eine gemeinsame Aufgabe, das Vertrauen in unserem Land zu stärken. Wir brauchen das jetzt für die Gesundheit unserer Gesellschaft.

Und dass dieses „zum Segen werden“ etwas Höchstpersönliches sein und überraschend über einen kommen kann, dazu möchte ich Ihnen meine schönste Segensgeschichte zum Schluss erzählen: Kirchentag in Berlin. Ich soll ein Interview geben in den Messehallen im Café Inklusiv von der Stiftung Alsterdorf. Aufgrund der vielen Termine bin ich zu spät, abgehetzt, angeärgert und verschwitzt. Ungeduldig erwartet mich schon Michael, mein Interviewpartner. Er ist um die 50, teilweise erblindet und hat eine geistige Behinderung. Vor allem aber hat er vor Aufregung wegen dieses Interviews die ganze Nacht nicht geschlafen. All das erzählt er mir, während wir auf die Bühne gehen. „Jetzt machen wir aber alles so, wie ich das geplant hab‘“, sagt er. „Klar“, erwidere ich ergeben.

Michael beginnt das Interview – mit einem Gebet: „Ich danke dir, Vater im Himmel, dass du auf uns alle aufgepasst hast und uns beim Kirchentag nichts passiert ist. Du begleitest uns, ohne dich kommen wir da ja auch gar nicht durch. Amen.“

Und ich denke: Junge, derweiß, was Gottvertrauen ist! Dann stellt Michael seine Fragen: Was man denn so tut als Bischöferin. Beten, sage ich, gehört unbedingt dazu. Und seines eben sei ganz besonders schön gewesen. Da strahlt er und stellt weiter seine Fragen. Klug. Ein bisschen raffiniert auch. Und weil ihm das sehr gefällt, beantwortet er die Fragen auch gleich selbst.

Als er durch ist, fragt er gespannt: „Na, wie fandst du mein Interview?“ „Großartig“, antworte ich wahrheitsgemäß, „so ein tolles Interview habe ich wirklich noch nie erlebt!“ Und er, total aus dem Häuschen: „Ach, ich bin so froh, dass ich das mit dir hinter mir hab‘ … Und jetzt will ich dich segnen.“ Und dann hält er die Hand über mir und sagt: „Lieber Gott, wir bitten dich, begleite auch die Bischöferin, dass ihr ja nix passiert und sie gesund bleibt. Kannst sowieso nur du. Amen.“

Ich wünsche euch von Herzen, liebe Geschwister, dass Menschen immer wieder für euch beten und euch segnen. Gerade weil uns im Moment so vieles schwach machen kann. Ich jedenfalls ging leichten Schrittes weiter. Mit neuer Kraft. Licht im Herzen. Und einem tiefen inneren Frieden, höher als alle Vernunft.
Amen.

Datum
07.06.2020
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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