11. November 2022 | Hauptkirche St. Michaelis

Gottesdienst am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres

13. November 2022 von Kirsten Fehrs

Predigt von Bischöfin Kirsten Fehrs zu Matthäus 25

Geschichte wiederholt sich
Aber nicht von selbst
Wir sind es
die sie wiederholen
Wir sind es auch
die daraus ausbrechen
Aber nicht von selbst

Liebe Gemeinde am heutigen Volkstrauertag 2022,

kurz nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine ruft der junge Verleger Fabian Leonhard dazu auf, unter #antikriegslyrik Gedichte für den Frieden zu schreiben. Zahlreiche Texte erscheinen auf Social-Media-Kanälen. Sie erzählen von Ängsten, Wut, Empörung und Ohnmachtsgefühlen, aber auch von Hoffnung, die nicht stirbt, und von praktischer Solidarität untereinander.

Das eben zitierte Gedicht von @maxprosa hält uns, allemal am Volkstrauertag, auf bedrückende Weise den Spiegel vor, wie sehr die Verantwortung für Frieden und Gerechtigkeit in unseren Händen liegt. Wie sehr es von uns allen als Gemeinschaft abhängt, weltweit, in Europa und in diesem Land, damit sich diese Geschichte nicht wiederholt. Dieser elende Krieg mit Tod und Not und Flucht, diese furchtbare Zerstörung ganzer Landstriche und ja, einer ganzen Kultur, von Weltkrieg und Soldatengräbern.

Dabei wissen wir alle, wie schlimm es längst ist. Putins völkerrechtswidriger Angriff auf ein souveränes Land versetzt die Welt seit Monaten in Schrecken. Tausende gibt es zu betrauern. Russen wie Ukrainer, allein 1.200 Kinder darunter. Zivilisten, die mit Splittergranaten beschossen werden. – Das ist doch Terror! Zivilisten auf dem Bahnhof in Kramatorsk, im Donbass, in Mariupol, Budscha, wir sahen sie fliehen, schreien, sahen Sterbende auf den Straßen. Die Hölle auf Erden.

Und mir gehen Gespräche mit ukrainischen Müttern nach, die hierher geflohen sind. Die Putin einen Teufel nennen. Und die in ihrer endlosen Trauer nichts sehnlicher wünschen, als dass „die Verfluchten im ewigen Feuer“ schmoren und ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Und wenn nicht jetzt, dann später. Am Weltgerichtshof. Wo auch immer.

Die Szene vom Weltgerichtshof, die wir eben im Evangelium hörten, spricht so gesehen wirklich Menschen aus dem Herzen. Denn dieses letzte Gericht, das ja über Zeiten hin Menschen in Angst und Schrecken vor dem göttlichen Zorn versetzt hat – zahlreiche Gemälde des Mittelalters wissen dies aufs Furchtbarste auszumalen – dieses Gleichnis vom Weltgericht gibt auch der Sehnsucht nach Gerechtigkeit eine eindringliche Sprache.

Viele hält dies aufrecht. Der Gedanke an eine letztgültige Gerechtigkeit. Und ja auch wir empfinden Mitgefühl, sind zerrissen von Traurigkeit und Empörung und Ohnmacht. Kaum auszuhalten ist es doch, wie der Weizen zur Kriegswaffe wird und Millionen in der Welt hungern und dürsten! Und wie immer noch die Vertriebenen der Kriege Aufnahme suchen und an den Grenzen Europas auf Lager treffen, die eher Gefängnissen gleichen als Herbergen.

Und so habe ich dieses Evangelium, das mich stets auch ein wenig verstört hat mit seinen Verfluchungen und Höllenqualen, und an dessen Zumutungen ich, zugegeben, oft vorbei gepredigt habe, in seiner tröstlichen Kraft neu verstehen können. Eben weil sich Christus hier eindeutig an die Seite der Notleidenden stellt und sagt: Was euch getan wird, das wird auch mir getan. Wo immer Menschen gefoltert werden, sterben, frieren und hungern, da bin ich es selbst, mitten unter ihnen.

Eine kraftvollere Antwort auf die Sehnsucht nach Gerechtigkeit kann es doch gar nicht geben, als dass Gott, der Schöpfer, am Ende der Zeiten selbst Richter wird und Gerechtigkeit schafft. Und zwar indem die Wahrheit ans Licht kommt! So dass sie Konsequenzen hat. Unrecht wird Unrecht genannt und der Richter fällt sein eindeutiges Urteil.

Tröstlich also, dieses Gleichnis vom Weltgericht. Wäre, ja, wäre da nicht diese bange Frage, auf welcher Seite wir eigentlich am Ende des Tages zu stehen kommen. Rechts oder links? Bei den Schafen oder bei den Böcken? Beunruhigend dabei vor allem, dass die einen wie die anderen gar nicht bemerkt haben, warum sie zu den Gerechten zählen. Oder zu den Verfluchten. Was zum Teufel haben sie eigentlich falsch gemacht, fragen sie? „Wann, Herr, haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient?“

Ehrliche Überraschung spricht daraus. Und fast hat man das Gefühl, ihnen geschehe Unrecht, weil sie das alles gar nicht wissen konnten. Sind wir Menschen also derart verhaftet in unserer manchmal so bösen Geschichte, dass wir gar nicht mehr merken, was falsch läuft? Wie, so fragen wir heute, wie konnten rechtschaffene Bürger in Deutschland mit ansehen, dass Millionen ihrer jüdischen Mitbürger, Nachbarinnen, Schulkameraden, Kolleginnen in den Tod geführt wurden? Wie konnten sie nur?

Und dann frage ich mich immer: Was wird man unserer Generation in 80 Jahren vorhalten? Dass es uns letztlich unberührt gelassen hat, wie Millionen in den afrikanischen Ländern gestorben sind an Hunger und Seuchen und Wassernot? Und dass wir viel zu langsam Entscheidungen getroffen haben, um die Klimakatastrophe zu verhindern? Schon jetzt ja auf der Weltklimakonferenz in Ägypten wird deutlich, dass wir sehr, sehr weit entfernt sind von dem Ziel, im nächsten Jahrzehnt klimaneutral zu werden.

Das Gleichnis vom Weltgericht, liebe Gemeinde, mutet uns einiges zu. Nämlich Rede und Antwort zu stehen. Sich ehrlich zu machen. Das ist der Kern dieses Evangeliums, glasklar und eindeutig: Gib Antwort, sagt es. Duck dich nicht weg. Übernimm Verantwortung als Christenmensch. Jetzt und immer wieder. Denn du kannst dich entscheiden – darauf läuft es hinaus. Du kannst dich entscheiden, ob du zu den Schafen oder zu den Böcken gehören willst. Wer sollte dich hindern? Du bist ein mündiger Mensch, kannst lesen, hinschauen, verstehen und dich entscheiden dafür, alles zu versuchen, um nicht die böse Geschichte des Krieges und der Not zu wiederholen.

Du kannst dich um geflüchtete Menschen kümmern und für den Frieden beten und darum ringen, und du kannst und musst das Unrecht beim Namen nennen. Du kannst dich entscheiden für die Liebe und gegen den Hass. Für die Versöhnung und die Güte und gegen die Gleichgültigkeit. Du kannst dich entscheiden, jeden Tag neu, denen, die sich entblößt fühlen, Schutz zu geben. Denen, die frieren, einen Wärmeraum anzubieten im Winter. Und denen, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, Brot zu geben und Achtung und Würde.

Vorgestern, am Martinstag sind wir ihnen allen begegnet. Ihnen, die in dieser Zeit, in der sich eine Krise über die andere schiebt, große Sorgen haben und Zukunftsangst. Da war die Rentnerin, die noch nie wusste, wie sie ihre Heizrechnung im Jahr bezahlen sollte. Jetzt kann sie es nicht mehr verbergen, sieht sich entblößt und schämt sich in Grund und Boden. Oder die Familie, mit der ich redete. Sie muss jetzt zweimal die Woche zur Tafel gehen, um am Monatsende nicht zu hungern. Oder der Schüler, der mit warmherziger Achtung von seiner Mutter erzählt. Dass sie im Pflegeheim arbeitet, Schicht um Schicht, und dafür das Auto braucht, aber die steigenden Spritpreise nicht mehr kompensieren kann. Verzichten also beide, Mutter und Sohn, auf neue Kleidung, Bücher, Kino und Urlaub. All diese Menschen leben direkt nebenan, liebe Gemeinde, es sind unsere Geschwister. Jesus mitten unter ihnen.

Ich weiß nicht, ob wir als evangelische Kirche mit unserer neuen Aktion, die wir gemeinsam mit der Bäckerinnung ins Leben gerufen haben, echte Not lindern können. Die Bäckerinnung hatte nämlich gemeinsam mit uns die Idee, in diesem Krisenwinter ein Zeichen der Zuversicht zu setzen und hat in Anlehnung an eine alte Tradition ein Hamburger Bischöfinnenbrot kreiert. Eines mit Herz, um es zu Tausenden an die Tafeln zu verteilen bzw. zugunsten der Hamburger Tafel zu verkaufen. Denn die Tafel braucht‘s dringend, liebe Gemeinde, weil die Spenden so dramatisch zurückgehen, wie die Not aber dramatisch zunimmt.

Wie weit über die nächsten Wochen hin unser Brot mit Segen wirklich existentielle Not bekämpft, weiß ich nicht. Aber es will ein klares Zeichen der Solidarität und Nächstenliebe sein. Ein Zeichen, dass man aneinander denkt. Und das ist wirklich berührend zu erleben!

Die Bäcker, die sich ja selbst sorgen, ob ihr Ofen bald aus ist, backen für die, die schon lange um ihr tägliches Brot bangen. Die Lehrer:innen, die selbst nach den letzten zwei Jahren so erschöpft sind, wissen um die zarten und belasteten Seelen ihrer Schüler:innen und schützen sie. Und eben die Pflegekräfte. Sie sind da, trotz niedrigem Lohn, Tag für Tag, die Kranken zu heben, zu pflegen, zu tragen. Und Jesus ist mitten unter ihnen.

Wir können uns entscheiden, liebe Gemeinde. Können es machen wie der heilige Martin im 4. Jahrhundert. Der hat bekanntlich, als er einen frierenden Bettler sah, wie selbstverständlich seinen Mantel geteilt. So dass es dem ein bisschen wärmer und ja, sicher, Martin ein bisschen kühler wurde. Daraufhin erschien ihm Jesus im Traum, angetan mit jenem halben Mantel. Und sagt just dies: „Was du einem meiner geringsten Geschwister getan hast, hast du mir getan.“ Und so ließ Martin sich taufen, umgeben von seinen Gänsen, und wurde flugs Bischof von Tours.

Du kannst dich entscheiden, davon lebt das Evangelium. Du kannst dich entscheiden für Jesus, deine Zuversicht. Auch das nämlich gehört zu diesem Weltgericht dazu: Es wird das Urteil von dem gesprochen, der weiß, was es heißt, Opfer von Ungerechtigkeit zu sein, missachtet und gedemütigt. Und der gerade deshalb alles dafür tut, dass wir keine Höllenqualen leiden. Sondern das Leben in Fülle gewinnen. Deshalb sollen wir mit Liebe geben! Damit sich die böse Geschichte nicht wiederholt.

Denn wir sind es
die sie wiederholen
Und wir sind es auch
die daraus ausbrechen
Aber nicht von selbst

Christus, er bietet uns täglich an, eine gute Geschichte ins Buch des Lebens zu schreiben. Er bietet uns an, ihm zu begegnen. Also: Worauf warten wir?

Und der Friede Gottes, höher als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserer Zuversicht. Amen.

Datum
13.11.2022
Quelle
Kommunikationswerk der Nordkirche
Von
Kirsten Fehrs
Veranstaltungen
Orte
  • Orte
  • Flensburg
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Flensburg-St. Johannis
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Gertrud zu Flensburg
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Marien zu Flensburg
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Michael in Flensburg
    • Ev.-Luth. St. Nikolai-Kirchengemeinde Flensburg
    • Ev.-Luth. St. Petrigemeinde in Flensburg
  • Hamburg
    • Hauptkirche St. Jacobi
    • Hauptkirche St. Katharinen
    • Hauptkirche St. Michaelis
    • Hauptkirche St. Nikolai
    • Hauptkirche St. Petri
  • Greifswald
    • Ev. Bugenhagengemeinde Greifswald Wieck-Eldena
    • Ev. Christus-Kirchengemeinde Greifswald
    • Ev. Johannes-Kirchengemeinde Greifswald
    • Ev. Kirchengemeinde St. Jacobi Greifswald
    • Ev. Kirchengemeinde St. Marien Greifswald
    • Ev. Kirchengemeinde St. Nikolai Greifswald
  • Kiel
  • Lübeck
    • Dom zu Lübeck
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Aegidien zu Lübeck
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Jakobi Lübeck
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Marien in Lübeck
    • St. Petri zu Lübeck
  • Rostock
    • Ev.-Luth. Innenstadtgemeinde Rostock
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Rostock Heiligen Geist
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Rostock-Evershagen
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Rostock-Lütten Klein
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Johannis Rostock
    • Ev.-Luth. Luther-St.-Andreas-Gemeinde Rostock
    • Kirche Warnemünde
  • Schleswig
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Schleswig
  • Schwerin
    • Ev.-Luth. Domgemeinde Schwerin
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Nikolai Schwerin
    • Ev.-Luth. Petrusgemeinde Schwerin
    • Ev.-Luth. Schloßkirchengemeinde Schwerin

Personen und Institutionen finden

Info-Service

0800 5040 602

Montag bis Freitag von 9-18 Uhr kostenlos erreichbar - außer an bundesweiten Feiertagen

Sexualisierte Gewalt

0800 0220099

Unabhängige Ansprechstelle für Betroffene von sexualisierter Gewalt in der Nordkirche.
Montags 9-11 Uhr und mittwochs 15-17 Uhr

Telefonseelsorge

0800 1110 111

0800 1110 222

Kostenfrei, bundesweit, täglich, rund um die Uhr. Online telefonseelsorge.de

Zum Anfang der Seite