30. Mai 2021 | Dom zum Lübeck

Gottesdienst am Sonntag Trinitatis

30. Mai 2021 von Kirsten Fehrs

Predigt zu Johannes 3,1-8

Liebe Gemeinde,

er hielt den Schirm über mir, am vergangenen Mittwoch bei unserem interreligiösen Friedensgebet, der Landesrabbiner Shlomo Bistritzki. Ein orthodoxer, gläubiger Jude buchstäblich mein Schirmherr! Nicht nur weil es in Strömen regnete, sondern auch weil ihm unsere Gemeinsamkeit beim öffentlichen Friedensgebet jetzt in diesen Tagen so eminent wichtig war. Als Zeichen des Zusammenhalts. Wir beteten für den Frieden, der mehr meint als Waffenruhe in Nahost. Denn allen geht an die Nieren, was im Heiligen Land geschieht. Allen. Juden, Muslimen, Buddhisten, Bahais, Christen. Sind doch die Verlierer der eskalierenden Gewalt immer wieder Unschuldige, so viele Kinder und Jugendliche darunter.

Shlomo Bistritzki ist ein friedfertiger, kluger, humorvoller Rabbiner, gebunden in den Traditionen seiner Religion und darin bisweilen geheimnisvoll und manchmal auch ein bisschen fremd. Genauso wie die Muslima es gelegentlich für ihn ist oder ich den anderen mit „meiner“ Trinität, um die es ja heute geht – übrigens bis ins Orgelspiel hinein, das durchgängig im Dreiertakt gehalten ist, danke dafür!

Regelmäßig wundert es die anderen im Interreligiösen Forum, wie wir an einen dreieinen Gott glauben können – Vater, Sohn und Heiliger Geist – und dabei behaupten, wir seien monotheistisch. Also: Wir würden an einen Gott glauben. Wie das zugehen soll, fragen sie sich und mich …

Oft genug bleiben solche nicht gerade unterkomplexen Fragen ohne eindeutige Antwort. Doch das hindert uns nicht, in gemeinsamem Geist für den Frieden zu beten. Und einander in Freundschaft zu beschirmen.

Nikodemus – dieser ernsthafte Pharisäer in unserer Predigtgeschichte, er hätte gut zu uns gepasst. Ein friedvoller, gläubiger Mensch, der beseelt ist davon, die Tiefe menschlicher – und göttlicher! – Existenz zu verstehen. Wenn man so will ist er auch ein Schirmherr. Ein Schirmherr der Suchenden und Nachdenklichen, die sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden geben. Er will es genau wissen, immer schon. Deshalb fragt er, nochmal und nochmal, schaut und hört genau hin, und versucht‘s bis ins letzte zu durchdringen.

Und er fühlt: Bei diesem Jesus kann er Antworten finden. Vielleicht sogar Frieden. Denn er beobachtet, wie sich die Menschen in Jesu Nähe verändern, wie sie freier werden, leichter und heiler. Wie neu geboren … berührt von Gottes Geist, der weht wie er will. Gottes entschiedener Willen zum Leben wird hier sichtbar, denkt Nikodemus, ganz wie er es aus dem überlieferten jüdischen Gesetz weiß. Er als Pharisäer kennt sich ja aus damit, bis ins kleinste Iota.

Und hier, liebe Geschwister, müssen wir ein bisschen aufpassen. An solchen Stellen unserer biblischen Überlieferung nämlich schleichen sich schnell alte und schlimme Bilder ein, die sich in Jahrhunderten christlicher Bibelauslegung festgesetzt haben. Vom hartherzigen Pharisäer, ein Heuchler per se, der Moral predigt und selbst nur nach den Schlupflöchern sucht. Einer, der wegen seiner Engstirnigkeit Jesus nicht verstehen kann und will und das Gesetz über den Menschen stellt. Aber aufgepasst, dass im Johannesevangelium nicht etwa ein alter innerjüdischer Konflikt wieder zu einem aktuellen Feindbild wird. Stopp, wenn sich antisemitisches oder antijüdisches Gedankengut auf christliche Tradition beruft. Das geschieht manchmal unbedarft, häufig aber genau nicht.

Und ebendrum möchte ich heute, zehn Tage nach dem Waffenstillstand in Israel und Palästina, wenige Tage nach antisemitischen Vorfällen vor Synagogen hier in unserem Land, über den jüdischen Pharisäer Nikodemus nicht predigen, ohne das deutlich gesagt zu haben: Nikodemus steht hier für einen jüdischen Gelehrten, der aufrichtig nach Gott sucht und nach dem Sinn hinter den Dingen. Ein Schirmherr des Friedens, nichts weniger, den die Schrecken und Probleme seiner Zeit so umtreiben, dass er schlaflose Nächte hat. Nicht umsonst findet das Gespräch mit Jesus nachts – im Schutz der Dunkelheit – statt. Nachts, wenn die Nöte besonders drängen, auch ja bei uns. Wenn die Gedanken Karussell fahren und man fühlt, dass es so nicht weiter gehen kann.

Seit einigen Wochen besuche ich in meinem Sprengel die unterschiedlichsten Einrichtungen, um ganz bewusst auf die zu schauen, die in dieser Pandemiezeit besonders zu leiden haben, Junge wie Alte. Aber auch um die zu würdigen, die als Mitarbeitende Sagenhaftes für unsere Gesellschaft leisten und die man nicht oder nur wenig sieht. Sie, die in den Nächten wachen, trösten, hören und beschirmen.

So etwa in der Telefonseelsorge in Lübeck. 85 Ehrenamtliche arbeiten da, um alle Dienste zu besetzen. Besonders in den Abend- und Nachtstunden ist der Andrang der Einsamen groß. Und – so erzählen die Ehrenamtlichen – zunehmend würden auch Verschwörungstheoretiker und Coronaleugnerinnen anrufen. Ehrlich verzweifelt darüber, dass es so viele Menschen in unserem Land gibt, die dieser angeblichen Corona-Lüge auf den Leim gehen. Sie wollen ihr ganzes Misstrauen, ihre Wut aussprechen, herauskommen aus dem Ohnmachtsgefühl und verirren sich dabei oft in wirren Denkgebäuden. Sie suchen und fragen auf ihre sehr spezielle Weise, sie reden, immerhin, und sie finden bei der Telefonseelsorge Menschen, die das aushalten. Die der Realitätsverweigerung standhalten und im Kontakt bleiben, wenigstens für dieses eine Telefonat, manchmal sind es auch mehrere. Beeindruckend, dass die Mitarbeitenden unbeirrt nach Ansätzen suchen, wie Frieden einkehren kann. In und um diese Menschen herum. Erfüllt von einer hartnäckigen Zuversicht, die sich nicht schrecken lässt. Nicht aufgeben, heißt die Devise – ganz im Geist des Nikodemus …

Denn der gibt ja auch nicht auf. Das Fragen nicht. Und diesen Jesus auch nicht. Jesus, der ihm in der Nacht Frieden schenkt und Hoffnung, als er den rettenden Satz sagt: Wer nicht neu geboren wird, so wie du es gerade erlebst, wird das Reich Gottes nicht finden. Und so ist Nikodemus es, der später Jesus beschirmt und gegen Angriffe in Schutz nimmt. Der sich dabei dem gefährlichen Verdacht aussetzt, er könnte sein Jünger sein. Bis in den Tod ist Nikodemus treu und hält fest an seiner Freundschaft mit Jesus. Er hält fest an seiner Hoffnung, auch gegen alle Widerstände.

Ich habe bei meinen Seelsorgebesuchen viele solch hoffnungsmutige Menschen getroffen. Was für ein Schatz für unsere Kirche und was für ein Schatz für unsere Gesellschaft! Nikodemus würde sagen: „Niemand kann solche Zeichen tun, die ihr tut, es sei denn Gott mit euch.“ Gott mit ihnen, die in Bahnhofsmission, Flüchtlingshilfe, Krankenhäusern und Obdachlosenarbeit, die in den Kitas und Schulen mit ihrem Können, ihrer Herzlichkeit und Menschlichkeit Zeichen gesetzt haben. Wie sie dem Geist des Trostes und des Friedens gefolgt sind. Auch indem sie sich immer wieder neu auf die Herausforderungen eingelassen haben. Schulaufgabenhilfe für Migrantenkinder geht noch nicht in Gruppen? Dann muss es halt einzeln gehen; Überstunden sind für die Mitarbeiterin jetzt kein Thema. Sie freut sich, wenn die Kinder wieder Mut bekommen.

Das ist ja im Moment unser aller Situation – mit Mut sich einer rasant wandelnden Welt stellen. Die uns alte Sicherheiten nimmt und zwingt, neu zu denken. So wie es auch Nikodemus spürt, dass seine bisherige ordentliche Ordnung durchgewirbelt werden könnte, als er fragt: Wie kann ein Mensch neu geboren werden, wenn er alt ist? Und Jesus antwortet: Alle, ihr müsst alle neu geboren werden. Aus Wasser und Geist. Gottes Geist, der weht und stürmt und regnet, wie und wo er will, und der uns also auch korrigiert und neue Haltungen hervorbringt.

Wie neugeboren eben. Ein so lebensnahes Bild. Denn jede Geburt stellt doch wirklich erst einmal die bisherige Welt auf den Kopf. Buchstäblich. Wenn ein Kind neu geboren wird, mit dem Kopf zuerst, steht es zunächst nicht mit beiden Beinen auf der Erde, sondern der Mensch wird verkehrt herum in das Lebenshaus hinein geboren. Später erst, mit dem Erlernen des aufrechten Ganges, bekommt das Leben ein Oben und Unten. Neu geboren werden aus Wasser und Geist, das heißt mit neuer Hoffnung anders anfangen. Mal andersherum denken, sich positiv überraschen lassen, Neuland entdecken auf der anderen Seite unserer Grenzen. Auch unserer Gedankengrenzen. Mit Gott bei uns!

Wie neugeboren dem Leben die Hand reichen; das habe ich jüngst an überraschendem Ort erlebt: im Pflegeheim. Innerlich eingestellt auf bedrückende Last der Pflegenden, auf schmerzhafte Geschichten von Trennung und Verlust betrete ich das Heim und werde mit allen AHA-Regeln auf die Dachterrasse geführt. Lautes Lachen empfängt mich und munteres Stimmengewirr, ich sage Ihnen: wie das himmlische Jerusalem. Fröhliche Menschen sitzen an gedeckten Kaffeetafeln, es duftet nach Waffeln mit Sahne und Kirschsauce satt, Ehepaare halten einander endlich wieder an Händen und Mütter streicheln ihren Töchtern selig über die Wange. Ich habe so viele Momente des Glücks gesehen! Der Schirmherr des Ganzen, der 80-jährige Vorsitzende des Heimbeirates, kommt mir mit seinem Rollstuhl entgegen und begrüßt mich schwungvoll. Er heiße Karl und sei vor allem wegen seiner Schönheit gewählt worden. Und, welch Segen!, sie seien seit Februar zum zweiten Mal geimpft und so erleichtert!

Endlich wieder leben. Das durfte ich so verheißungsvoll hoffnungsfroh an diesem besonderen Friedensort erfahren. Im Alter neu geboren. Der Geist weht halt, wo er will. Und hört niemals auf damit. Genau wie Gottes Friede, höher als alle Vernunft, er beschirme uns und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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