Sonntag Trinitatis, 27. Mai 2026 | Dom zu Lübeck

Gottesdienst zum 350. Todestag von Paul Gerhardt

03. Juni 2026 von Kirsten Fehrs

Predigt zu „Zieh ein zu deinen Toren“ (EG 133), Johannes 3 und Numeri 6

Liebe Gemeinde,

vor kurzem hatte ich die aufrichtige Freude, die Konfirmandinnen und Konfirmanden der Dom-Gemeinde bei ihrem Camp auf der Bäk zu besuchen. Einige sind vielleicht auch heute hier …

Dort, mit Blick auf den Ratzeburger See, sind wir intensiv ins Gespräch gekommen über eure Fragen. Die fingen an mit: „Wie wird man eigentlich Bischöfin?“ und endeten dann bei so tiefgehenden Fragen, wie sie ganz genau auch den Nikodemus im Evangelium beschäftigt haben: „Was eigentlich ist der Heilige Geist?“, „Was bewirkt er in uns?“ Eine fragte: „Wenn ich mich taufen lasse, bin ich dann hinterher ein anderer Mensch? Wie neugeboren? Wegen des Wassers oder des Geistes?“ Oder: „Was tue ich, wenn ich jemandem, der mich tief verletzt hat, einfach nicht vergeben kann?“ Oder: „Sind wir ohnmächtig gegen die Kriege dieser Welt? Wie kann ich mit Hoffnung in die Zukunft gehen, ohne Krisenangst?“ und schließlich: „Wie wird es sein, wenn man stirbt?“

Auf all diese Fragen könnte man mit kluger Theologie, die es regalmeterweise gibt, antworten. Aber ich habe gespürt: Es geht um ein ehrliches Gespräch. Darum, dem persönlichen Glauben eine eigene Sprache zu geben, die wirklich eure Herzen erreicht und eure Gedanken im Jetzt. Eine Sprache, die Kraft gibt und neue Sichtweisen eröffnet. Dass etwa, so haben wir uns ausgetauscht, der Heilige Geist darin erfahrbar werden könnte, dass es so unglaublich berührende, liebevolle Momente gibt zwischen Menschen – du weißt gar nicht wie und woher das kommt. So kostbar die tiefe Zuneigung, dass diese Momente irgendwie heilig sind, unantastbar vom Bösen. Momente, in denen, ja, Gott gegenwärtig ist. Als Kraft, die trägt.

Und dass dir eines mit dieser Geistesgegenwart geschenkt ist: Achtung und Liebe auch dir selbst gegenüber. Verbunden mit der inneren Freiheit, der/die zu sein, der/die du bist. Du bist so frei. In Christus. Auch übrigens so frei zu vergeben und dich mit dem Leben auszusöhnen. Und zwar wohlgemerkt nicht als Zwang, sondern als Entlastung: weggeben, vergeben, weil sonst dein bestimmt berechtigter Zorn dich täglich gefangen hält – und weil damit auch der Mensch, der dir wehgetan hat und es nicht bereut, ständig die Macht über deine Gedanken gewinnt. Zu vergeben kann dich befreien von Hass und Rachegefühlen – und das ist eine große Stärke und gerade keine Schwäche.

Kurz und gut, das Gespräch mit den Konfis hätte Stunden dauern können. Und mir ist klar geworden: Überhaupt miteinander über all dies zu reden, Worte zu finden für das Unfassbare, wie es ja auch Nikodemus tut, ja, die biblischen Geschichten zu erzählen und Lieder zu singen, die Menschen geholfen haben, das ist eine real erfahrbare Stärke unseres Glaubens. Manche sagen dazu: Resilienz, was ja heißt, dass man mit innerer Stabilität Stürme bestehen kann. Indem man das Schwierige ins Leben holt, es in Sprache zu fassen versucht, um sich nicht überwältigen zu lassen von all den Krisen politischer, gesellschaftlicher und privater Art. Ich glaube, in diesen Tagen, in denen eine tiefe Angst die Menschen ergriffen hat, dass wir als Gesellschaft auseinanderfallen, braucht es eine Zuversicht, ein Gottvertrauen, das uns bei allen Erschütterungen im Innersten zusammenhält.

Ein Meister solch einer Hoffnungssprache nun ist just am 27. Mai vor 350 Jahren, 1676 gestorben und bis heute lebendig, verehrt, geliebt, gesungen: Paul Gerhardt. Wir haben ihn heute schon die ganze Zeit in den Liedern zu Gast. Er hat aufs Eindrücklichste für unser Leben und unsere Welt ausbuchstabiert, was es bedeutet, auf Gott zu vertrauen. Auf Vater, Sohn und eben just den Heiligen Geist, der noch ganz frisch von Pfingsten her weht und die Zerstreuten vereint.

Paul Gerhardt hat wie kaum ein anderer den Weg aus dem Jammertal bedichtet. Und das in einer Zeit größter Krisen. Er hat das unvorstellbare Grauen des 30-jährigen Krieges unmittelbar vor Augen. All die Gewalt, die Not, den Tod. Etwa ein Drittel der Bevölkerung des damaligen deutschen Reiches kam ums Leben, durch Massaker, Hunger, Krankheiten und Krieg. Unfassbares Leid hat auch Paul Gerhardt selbst erlebt, hat seine Frau verloren und vier seiner fünf Kinder.

Mitten in diesen Schmerz hinein schreibt Paul Gerhardt „Geh aus, mein Herz. Suche Freud!“ Eine poetische Anleitung zur Kunst des Lebens. Manch eine hat 29 Strophen! Eine vertonte, lutherische Glaubenslehre. Und auch wenn manche der barocken Wendungen uns heute fremd sind, seine Lieder gehören ins Schatzkästlein für ein gutes Leben. Lauter gesungene Weisheiten, die Menschen bis heute Krisen und Kriege, Armut, Schmerz und Todesangst bewältigen oder zumindest besser aushalten helfen. Die Kunst, in und mit Krisen zu leben und darin Mensch zu bleiben, dafür haben wir diese wunderschönen Sprachmäntel des Trostes, um uns darin zu bergen. Danke Paul!

Einen dieser Sprachmäntel, das Lied „Zieh ein zu deinen Toren“, ist heute der Predigttext. Eine kleine Lehre vom Heiligen Geist just am Sonntag Trinitatis, der Vater, Sohn und eben den Heiligen Geist zusammendenkt. Ein Geist, der in unseren Herzen zu Gast sein möge, so dass wir uns fühlen wie neugeboren! Von diesem Geist möchte auch Paul Gerhardt mehr wissen, ja, ihn spüren, empfinden, schmecken, nicht nur über ihn dozieren. Möchte damit seinen Namensvetter Paulus übersetzen, der einst an die Galater schrieb, wie der Geist wirkt: „Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.“ (Gal 5,22-23) So ist das, liebe Gemeinde! Was wäre das für eine Welt, wenn unsere Tore wirklich offen wären für diesen Geist! Da hätten Tiktok, X und all die vergiftenden Lügenportale keine Chance.

Deshalb: Suche Freud! Die Freude spielt in allen Liedern Paul Gerhardts auf. „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht sattsehen“, heißt es Weihnachten. „Auf, auf, mein Herz mit Freuden“, so hebt sein Osterlied an. Und unser Pfingstlied erzählt vom „Geist der Freuden“ und vom „güldenen Freudensaal“. Die Abgründe der Welt – für Paul Gerhardt kein Grund, sich die Freude nehmen zu lassen. Solche Macht dürfen wir den Tyrannen nicht über uns geben! Vielmehr sich erinnern: Gott hat Freude an uns. In der Taufe zugesprochen. Weswegen wir bei allem Schweren der Lebensfreude Raum geben dürfen. Um uns Rückgrat zu geben und Sinn. Unkaputtbare Zuversicht inmitten einer Nachrichtenwelt, die uns ja in ihrem Irrsinn täglich verstört. Nein, trotzig gegenhalten: „… du bist ein Freund der Freundlichkeit, willst nicht, dass uns betrübe Zorn, Zank, Hass, Neid und Streit. Der Feindschaft bist du feind …“

Das gilt es zu erinnern und zu singen, gerade im Blick auf die furchtbaren Kriegszerstörungen im Nahen und Mittleren Osten, in der Ukraine, im Sudan. Aber auch, weil es so viel Hass gibt in unseren Netzen und auf unseren Straßen, diese unversöhnlichen Verhärtungen und die verrohte Sprache, singen wir! Widerständig von der Liebe mit den Strophen 5-7, zur Melodie von „Von Gott will ich nicht lassen“ (EG 365).

5. Du bist ein Geist, der lehret,
wie man recht beten soll;
dein Beten wird erhöret,
dein Singen klinget wohl,
es steigt zum Himmel an,
es lasst nicht ab und dringet,
bis der die Hilfe bringet,
der allen helfen kann.

6. Du bist ein Geist der Freuden,
von Trauern hältst du nichts,
erleuchtest uns in Leiden
mit deines Trostes Licht.
Ach ja, wie manches Mal
hast du mit süßen Worten
mir aufgetan die Pforten
zum güldnen Freudensaal.

7. Du bist ein Geist der Liebe,
ein Freund der Freundlichkeit,
willst nicht, dass uns betrübe
Zorn, Zank, Hass, Neid und Streit.
Der Feindschaft bist du Feind,
willst, dass durch Liebesflammen
sich wieder tun zusammen,
die voller Zwietracht seind.

Nichts trifft die Sehnsucht der Menschen heute besser, finde ich. Zusammenkommen, nicht verloren gehen in all den Zertrennungen, zusammenhalten inmitten all der Unsicherheit. Und das meint Paul Gerhardt – damals schon – durchaus politisch. Denn es folgen vier Strophen Fürbitte für die „ganze, weite Welt“ und „die Obrigkeit“

Wer Fürbitte hält, der findet sich nicht ab, die will etwas ändern! Beten und Tun, herauskommen aus der Ohnmacht, auch das macht resilient. Wenn man nicht ständig um sich selbst und das eigene Wohlergehen kreist, sondern sich bewegen lässt von all dem Leid, den Verheerungen und Zerstörungen durch „Krieg und Feuerszorn“. Gott möge doch endlich Gnade schenken und Versöhnung und ein Ende von allem „Herzleid“ – auch wieder so ein wunderschönes, herrlich aus der Zeit gefallenes Wort – Herzleid.

Paul glaubt‘s so fest, das berührt mich: Gott hat es in Händen, das Herzleid zu beenden, die Menschenherzen zum Besseren zu wenden. Gott kann den bösen Geist vertreiben. Was für eine hoffende Gewissheit aus diesen Worten spricht! Wohlgemerkt in den letzten Jahren des 30-jährigen Krieges! Was für eine Ermutigung wider alle Verzweiflung und Resignation über die Zustände der Welt.

Wäre das nicht auch das genau richtige Beten und Tun für uns? Die Bitte um einen tiefgreifenden, heilenden Segen in Stadt und Land und die Wiederherstellung einer gerechten Ordnung. Gibt es einen aktuelleren Wunschreigen als diesen, jetzt, wo wir Rechtsstaatlichkeit und Demokratie angegriffen sehen, von Volksverhetzern, die sich an nichts mehr halten, keine Regeln, keine Abkommen, kein Anstand, keine Verantwortung?

Wir singen und beten sie gemeinsam, die Strophen 8-11 – diesmal auf die Melodie von „Aus meines Herzens Grunde“ (EG 443).

8. Du, Herr, hast selbst in Händen
die ganze weite Welt,
kannst Menschenherzen wenden,
wie dir es wohlgefällt;
so gib doch deine Gnad
zu Fried und Liebesbanden,
verknüpft in allen Landen,
was sich getrennet hat.

9. Erhebe dich und steu’re
dem Herzleid auf der Erd,
bring wieder und erneu’re
die Wohlfahrt deiner Herd.
Lass blühen wie zuvor
die Länder, so verheeret,
die Kirchen, so zerstöret
durch Krieg und Feuerszorn.

10. Beschirm die Obrigkeiten,
richt auf des Rechtes Thron,
steh treulich uns zur Seiten;
schmück wie mit einer Kron
die Alten mit Verstand,
mit Frömmigkeit die Jugend,
mit Gottesfurcht und Tugend
das Volk im ganzen Land.

11. Erfülle die Gemüter
mit reiner Glaubenszier,
die Häuser und die Güter
mit Segen für und für.
Vertreib den bösen Geist,
der dir sich widersetzet
und, was dein Herz ergötzet,
aus unsern Herzen reißt.

„… schmück wie mit einer Kron die Alten mit Verstand, mit Frömmigkeit die Jugend, mit Gottesfurcht und Tugend das Volk im ganzen Land.“ Geschrieben für 2026, oder? Politisch – und zugleich so persönlich. Paul Gerhardt weiß genau darum, dass das Leben ein Kampf sein kann, auch mit den dunklen Seiten in ihm und in uns, die jedem von uns das Leben schwer machen. Deshalb die Bitte, nicht zu verbittern und zu verbiestern, nicht zu verhärten und nicht zu erstarren, nicht zu verblöden und zu verzweifeln. All das meint ja das alte Wort Sünde.

Und zu guter Letzt, wie in so vielen Liedern dieser Zeit, die Erinnerung daran, dass wir alle sterben. Nicht, um uns Angst zu machen, sondern als Ermutigung, im Hier und Jetzt zu leben und aus jedem Tag das Bestmögliche zu machen. Um dann, hoffentlich alt und lebenssatt, fröhlich und geliebt zu sterben.

Auch das ist Lebenskunst. Um den Tod zu wissen, um gut zu leben. Und für das Leben zu streiten. Mit einer großartigen Kultur der Resilienz im Glaubensgepäck. Um widerständig, liebesmutig und selbstbewusst als Christenmenschen in dieser Gesellschaft mitzuwirken, mit Gott an unserer Seite. Wie wär‘s also: Wir tauschen ab jetzt das morgendliche Scrollen durch die Schrecken der Welt gegen ein paar Strophen seiner Lieder? Und beginnen gleich jetzt damit, mit den letzten Strophen unseres Liedes samt Pfingstmelodie.

Unverbrüchlich eingebunden in den Frieden Gottes, höher als unsere Vernunft, der unsere Herzen und Sinne bewahrt mit seinem Heiligen Geist. Amen.

12. Gib Freudigkeit und Stärke,
zu stehen in dem Streit,
den Satans Reich und Werke
uns täglich anerbeut.
Hilf kämpfen ritterlich,
damit wir überwinden
und ja zum Dienst der Sünden
kein Christ ergebe sich.

13. Richt unser ganzes Leben
allzeit nach deinem Sinn;
und wenn wir’s sollen geben
ins Todes Rachen hin,
wenn’s mit uns hier wird aus,
so hilf uns fröhlich sterben
und nach dem Tod ererben
des ewgen Lebens Haus.

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